Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Genug mit dem Quengeln, meint Gastkritiker Tex Rubinowitz - und lässt die Luft aus dem Hype um die Münchner Band Das weiße Pferd. Außerdem: Zugezogen Maskulin! Father John Misty! Disappears!

Von , Tex Rubinowitz und


Jan Wigger macht Pause. Nach sagenhaften 13 Jahren im unermüdlichen Einsatz lässt mein stets hochgeschätzter Mitkolumnist seine Tätigkeit als Abgehört-Kritiker auf eigenen Wunsch ruhen. Bis auf Weiteres lesen Sie daher an dieser Stelle wechselnde Gastbeiträge.
Herzlich, Ihr Andreas Borcholte

Das Weiße Pferd - "Münchner Freiheit"
(Schamoni Musik/Indigo, seit 23. Januar)

Das Quengeln in der Musikgeschichte ist ein viel zu unbeleuchtetes Phänomen: Woher kommt es, wer macht es, aus welchem Grund quengelt der Quengler? Man beschäftigt sich zu selten mit ihm, vermutlich aus Selbstschutz. Es nervt und zieht Zähne, akustische. Und das enttäuscht den Quengler, weswegen er weiterquengelt.

Schorsch Kamerun, der nette, etwas tollpatschige Sänger der Fun-Punk-Opas Die Goldenen Zitronen, ein Großmeister der Quengelns, quengelt nicht mehr, er inszeniert "Das Käthchen von Heilbronn" am Stadtteater Worms, dem Timmendorf der Oberpfalz. Timmendorf in Ostholstein, seine Herkunft, die kriegt Old Kamerun nicht aus sich heraus. Deswegen das Quengeln in Worms, wo sonst?

Der britische Quengler par excellence ist Mark Stewart. Er hat soeben, nach circa 70 Jahren, seine alte Band Pop Group aus der Asche eines Aschenbechers in einem Pub in Bristol reaktiviert. Und schon wird wieder von Verschwörungen, Renitenz und Paranoia gequengelt. Das hat was von einem Kleinstkind, dem der Schnuller in den Sand gefallen ist, oder eben in einen Aschenbecher. Die Platte ist schauerlich, Ohren werden automatisch sinnlos, wenn man diesen Müll hören muss, es ist alles so verdammt abgelaufen.

Komischerweise kommt Quengeln immer mit Funk, also weißem Funk.

Die Münchner Band Das Weiße Pferd macht es nicht anders, macht den Funk, und macht trotzdem alles falsch. Es wird gequengelt, dass einer Sau graust. Die alibihalber dem Quengeln beigestellte Musik ist von einer derartig unappetitlichen Kunststudentenhaftigkeit, dass man automatisch an das Salonorchester der Psychiatrischen Spezialklinik für abnorme Rechtsbrecher in Smolensk denkt (glücklich die, die sie nie von innen gezwungen waren zu sehen). Abnorm im Sinne von abnorm langweilig.

Sie wollen alles - und machen dabei alles falsch. Sie behaupten etwas, und man muss nur einmal dran klopfen (also Musikgeschichte kennen), dann bröselt das Ganze wie Tuffstein zusammen. Sie sind gekommen, um sich zu beschweren, aber sie haben, weil sie Kunststudenten sind, vergessen, gegen wen oder was sie eigentlich noch mal waren. Gegen sich selbst? Aber das ist schon zu viel an Gehirnkapriolen. Kunststudenten, das ist ein Gesetz, können nicht denken.

Das einzig zauberhafte an diesem Das-Weiße-Pferd-Unsinn ist Albert Pöschl, der bei dieser Band offenbar der Strippenzieher ist. Er ist die schönste Seele Münchens, ein Mann mit Hut und Spinnenfingern, der vor vielen Jahren mit einer Freddy-Mercury-Glorifizierungscombo sein Auskommen fand. Hätte Albert doch die Finger vom Pferd gelassen und weiter Freddy die Huld erwiesen, uns wäre dieser gequengelte Quatsch erspart geblieben. (1.0) Tex Rubinowitz

Father John Misty - "I Love You, Honeybear"
(Bella Union/Pias/Rough Trade, seit 6. Februar)

Genug gequengelt, genug der schlechten Laune, hier kommen die Glücksgefühle! In der Lobby des legendären und daher schon fast wieder langweiligen Künstler-Hangouts Chateau Marmont in Los Angeles traf Josh Tillman alias Father John Misty seine frisch angetraute Gattin Emma, die auch auf den zahlreichen lustigen Turteltauben-Bildern im Booklet seines neuen Albums zu sehen ist. Mistys zweites Solo-Album "I Love You, Honeybear" ist also, der Titel deutet es an, kein Break-up-Album, sondern das genaue Gegenteil, ein Come-together-Album.

Wer dabei jetzt unwillkürlich an die Beatles denkt, liegt nicht ganz falsch, denn Tillmans musikalischer Stil hat sich seit seinem sympathischen Debüt "Fear Fun" (2012) verfeinert, gleichzeitig aber auch zu soulsatter Opulenz angereichert - eine zirpende, in Piano-Akkorden, Streichern und Chören simmernde Sahnesoße, zubereitet von Laurel-Canyon-Nostalgiker und Tillmanns Hippie-Kumpel Jonathan Wilson, der als Produzent tätig war.

Dem Lennon/McCartney-Pop und den Westcoast-Pionieren verdankt dieser Sound viel, aber der ehemalige Drummer der Fleet Foxes, der jetzt den Piano spielenden oder Gitarre klampfenden Father John Misty gibt, ist vor allem ein begnadeter Erzähler, manche würden ihn wegen seiner Schelmereien und Flunkergeschichten wohl auch als Bullshitter bezeichnen. Man muss als Referenzen daher auch Randy Newman, Ben Folds und John Grant nennen - der andere Sänger dieses Pop-Jahrhunderts, der sich traut, das Wort "Honeybear" zu benutzen.

Denn der vollbärtige, enge Anzüge tragende Hipster Misty schwelgt nicht einfach in seiner neu gefundenen Liebe, er versteckt die größten Sentimentalitäten in großtuerischen Crooner-Gesten ("Nothing Good Ever Happens at the Thirsty Crow"), Theaterdonner ("The Ideal Husband") und überraschendem Elektropop-Geklapper ("True Affection", mit "Miami Vice"-Drum-Sample!). Am schönsten sind Tillmans überbordende, brokatbesetzte Lieder, wenn sie echte Gefühle enthalten, so wie die berührende, schamvolle Eifersuchts-Episode "The Night Josh Tillman Came to Our Apt", eine Art Hetero-Version von Grants "GMF".

Natürlich weiß der als Teenager durch allerhand Familien-Turbulenzen und Drogenerfahrungen gegangene Tillman um die Vergänglichkeit von Glücksmomenten, folglich durchweht sein wundersames, pastell-verwaschenes Album viel feine Melancholie: "Everything is doomed, and nothing will be spared, but I love you honeybear", singt er im Titelstück. Da bekommt man ganz kurz eine Ahnung, wie verzweifelt er diesen, genau diesen Moment festhalten möchte.

Wenn die Emotion ihn zu überwältigen droht, lässt er den Entertainer und Stand-up-Komiker auftreten, so wie in der Springsteen-Veralberung "Bored in the USA", in der er Subprime-Anleihen, Psychopharmaka-Wahn und andere amerikanische Alltagsgeißeln zu schauerlichem Konserven-Gelächter anprangert. Schon alles ganz schön traurig, aber Tillman hat, zumindest aktuell, zu viele Endorphine gespeichert, um sich den Schneid abkaufen zu lassen. Hier wird dem Abgrund noch furchtlos in den Schlund gelacht. Für Emma, für immer. (8.0) Andreas Borcholte

Zugezogen Maskulin - "Alles brennt"
(Buback/Indigo, ab 13. Februar)

Magst du auch den Geruch von Benzin, wenn du dir nachts Zigaretten an der Tankstelle holst? Dann bist du hier richtig, denn "Alles brennt" ist bester Kraftstoff für den stilbewussten Pyromanen. So könnte eine Rezension zum neuen Album von Zugezogen Maskulin anfangen, später kämen dann noch Begriffe wie "Beat-Inferno" und "Feuerwerk der Rhymes", am Ende dann der höchst bedeutungsschwangere Satz "It's better to burn out than to fade away."

Man kann es aber auch lassen und einfach schreiben, wie es ist, das erste Kaufalbum von Zugezogen Maskulin: Geil.

Zugezogen Maskulin sind so etwas wie die smarten Neffen von Sido. Grim104 und Testo, beide Jahrgang 1988, besingen auch die Hauptstadt, in der sie aber nicht aufgewachsen sind und der sie sich aus der Distanz des kritischen Beobachters nähern. Das ist Berlin-Rap von Nicht-Berlinern, der auf dem Schulhof und im Lehrerzimmer der Rütli-Schule laufen könnte.

"Ihr wollt HipHop so wie früher?", heißt es gleich zu Beginn im Titeltrack: "Früher gab es Hitler, früher war es schlecht." Zugezogen Maskulin wollen alles abbrennen, Vatermord begehen und eine neue Stadt bauen. Eine Stadt, in der Partys in Ruinen gefeiert werden, eine Stadt, für die es noch kein Navi gibt.

"Alles brennt" ist unbequem, zeitgemäß und für eine HipHop-Produktion angenehm unfett. Hi-Hats auf Helium und zu viel Koffein. TR-Drumcomputer, digital massakriert. Flamenco-Gitarren, in Binärcodes gestimmt. Kaputte Samples, auf die noch mal draufgehauen wurde. Dazu bellt Grim104, das Weiß in seinen Augen dominiert. Und Testo rumpelt, seine Lider hängen schwer. Mal rappen sie ernst über die Sucht ("Grauweißer Rauch"), mal lustig über den Krieg ("Endlich wieder Krieg"). Vor allem aber sind es ironische Beobachtungen aus dem Leben, zum Beispiel über "Agenturensöhne" oder Krisenflüchtlinge aus Spanien ("Monte Cruz"), die "Alles brennt" bestimmen. Zwischendrin dann plötzlich ein Refrain, der Marteria in den Schatten stellt: "Verschwende deine Zeit." Geht klar.

Was hier an Namen gedroppt wird, vor allem in Grim104s Passagen, ist beachtlich: Lenin und Marx, Freud und Jung, Syd Barrett und die Doors. Manchmal klingen die Konstellationen nach Akademiker-Witzanfängen: Treffen sich Ernst Jünger, die Roten Khmer und 1000 Robota (noch so eine Pyromanen-Gang). An einigen Stellen werden Guernica und die Operation Condor berappt. Trotzdem riecht und schmeckt das nicht nach Kreidestaub aus dem Klassenzimmer. "Alles brennt" ist wie ein gutes Buch, das man zweimal lesen muss. (7.6) Jurek Skrobala

Disappears - "Irreal"
(Kranky/Cargo, seit 23. Januar)

"Eirrrrieeeallll, I'm on some new trip", singt Brian Case mit mokantem Glamrock-Swag, das Titelwort des neuen, extrem unterkühlten Album seiner Band Disappears zerdehnend. Der Song beginnt mit angespannten, spinnenbeinig kribbelnden Gitarrensounds, die sich dann in einem auf kaskadierenden Drums aufbauenden Lärmgewitter entladen. "Future's just death", spuckt Case dann noch einmal in dieses Unwetter, bevor das Wabern der Musik jeden Gesang obsolet macht.

Spätestens in diesem vierten Stück des Albums merkt man deutlich, dass Disappears, 2008 von Ex-90-Days-Men-Sänger Case gegründet, sämtliche Verbindungen zum Garagen- oder Alternative-Rock gekappt haben. Hat vielleicht auch etwas mit dem Abgang Steve Shelleys als Drummer zu tun. Was sich auf "Era" vor drei Jahren bereits andeutete, ist auf "Irreal" nun manifest, der schlechten Laune ist keine Grenze mehr gesetzt.

"Anything can happen" seufzt Case zwar in "Integration", aber so kraftlos, dass man es noch nicht einmal mehr resignativ nennen kann. Zu einem in gottverlassenen Landschaften hohl widerhallenden Postpunk-Soundtrack, irgendwo zwischen Wire und Gang of Four, Killing Joke und Swans, geriert sich Case mit geballter Schwarzschlumpfigkeit: "Freedom, what does it mean? Morality, it's just a feeling". Unbedingt zum nächsten Kaffeekränzchen mit der Selbsthilfegruppe mitnehmen, diese scheinbar aus der Zeit gefallene, vielleicht aber auch ins schon dräuende Grufti-Revival weisende Platte. Ich geh mir schon mal einen Kajalstift kaufen. (6.6) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 4 Beiträge
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Dyskolos 10.02.2015
1. Oberpfalz?
Worms - das Timmendorf der Oberpfalz? Seit wann steht der Wormser Dom in Bayern? ;-)
control-curtis 10.02.2015
2. Verdammt
Da war einer schneller. Worms liegt allenfalls in der Pfalz (wenn überhaupt), nicht in der Oberpfalz...
schamoni-film 10.02.2015
3. BRANDAKTUELL: SPIEGEL ONLINE Gastkritiker und Bachmann Preisträger Tex Rubinowitz läuft AMOK über Das Weiße Pferd - Münchner Freiheit
https://www.facebook.com/Schamonifilm/posts/878027692240628
geauezelle 14.02.2015
4. das Timmendorf der Oberpfalz
......liegt in Rheinhessen - verstehe auch den Timmendorf-Vergleich nicht, aber vielleicht muss man zum besseren Verständnis und der schlechten Geographiekenntnisse in Hamburg leben ;-)
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