Musiker als Autoren: Wenn die Muse doppelt küsst

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Der eine intellektuell, der andere temperamentvoll: Mit ihren neuen Büchern wollen Pianist Alfred Brendel und Dirigent John Axelrod zeigen, dass man nicht nur übers Hören zur Klassik finden kann. Zwei Werke über Konzertmusik, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Bücher von Brendel und Axelrod: Musiker, die in die Tasten hauen Fotos
Corbis

Zwei Autoren, die so gar nicht zueinander passen: Alfred Brendel, der nachdenkliche Pianist, und John Axelrod, der temperamentvolle und extrovertierte Dirigent. Ihre soeben erschienenen Bücher reflektieren exakt ihre sehr unterschiedlichen künstlerischen Daseinsformen. Und doch wollen beide dassselbe: Fans für die Konzertmusik gewinnen.

Von Alfred Brendel, bereits im 83. Lebensjahr, kannte man seine Ausflüge ins Literarisch-Essayistische bereits. Betulich, aber immerhin sachlich, hieß ein frühes Büchlein "Nachdenken über Musik". Brendel gehört zu jenen fruchtbaren Geistern, die getreu Karl Krausens Maxime nicht nur über profunde Gedanken verfügen, sondern diese auch ebenso treffsicher formulieren können. Und dabei nicht selbstverliebt mäandern, sondern schnell auf den Punkt kommen. Sein neues Buch, mit 144 Seiten wieder recht schmal, trägt dann auch den pragmatischen Titel "A bis Z eines Pianisten". Natürlich ist das kein Lexikon, aber systematisch geht es schon zur Sache.

Der große, inzwischen vom Konzertbetrieb zurückgetretene Virtuose Brendel doziert - auch auf Vortragsreisen - als weltweiser Intellektueller, während der weitaus jüngere amerikanische Dirigent John Axelrod in seinem Debüt als schneller und Effekte suchender Plauderer brilliert, der behände von einem Thema zum anderen springt, seine Argumente mit Anekdoten schmückt und immer wieder die reine Kunst gern auf deren Produktionsbedingungen reduziert. Sein Buch heißt herausfordernd "Wie großartige Musik entsteht … oder auch nicht" und schlägt einen großen Bogen von der Historie des Dirigierens bis hin zu zeitgenössischer Probenarbeit, Repertoire-Politik, Kulturmanagement und Personalführung.

Griffige Anekdoten und knallige Pointen

Wenn hingegen Alfred Brendel in seinem Buch über "Anschlag", "Haydn" oder "Tempo" nachdenkt, dann tut er das konzentriert, setzt Wissen und womöglich eigene Erfahrung voraus, denn sein pianistisches Expertendenken kann er nicht abschalten. Alfred Brendel schreibt so, wie er Beethoven oder Bach spielt, und das macht sein Buch so sympathisch. Daher kann man sich auf ihn verlassen, auch wenn man nicht immer seine Meinung teilt. Sogar Humor blitzt hin und wieder auf, doch der ist leise - knallige Pointen sucht man beim dienenden Pianisten vergebens.

Mit Pointen wartet dafür der texanische Kollege John Axelrod (1966 in Houston geboren) reichlich auf. Gleich zu Beginn erzählt er die griffige Anekdote über Herbert von Karajan, der seine Karriere in den USA mit einer einzigen Orchesterprobe ins Wanken brachte, als er den Klang des Cleveland Orchestra - ein von George Szell geformter Markenartikel - zu verbiegen drohte. Ein markanter Einstieg in Axelrods Welt der Zwänge, die die Kunst einpferchen können.

Axelrod, einst von seinem Lehrer Leonard Bernstein zur Dirigentenkarriere gedrängt, arbeitete auch als A&R-Mann für die Plattenfirma RCA und als Marketingleiter für den kalifornischen Weinunternehmer Robert Mondavi. Man darf eben nicht nur etwas von Musik verstehen, wenn man die Szene analysieren will. Erst seit dem Jahr 1997 dirigiert er hauptberuflich, war unter anderem Orchesterchef in Luzern, trat in London, Paris, Leipzig und Berlin auf und leitet heute das Orchestre National des Pays de la Loire (Nantes/Angers). Nicht die ganz große Welt, aber dafür hat er Zeit für Konzerte mit Lang Lang, Julia Fischer, Thomas Hampson oder Daniel Hope, sowie für seine Opern- und Uraufführungsambitionen.

Von der scheinbaren Wissenschaftlichkeit, wie sie das Inhaltsverzeichnis suggeriert, darf man sich nicht abschrecken lassen, denn Axelrod erzählt ungebremst drauflos, als hätte er einen Talkshow-Auftritt protokolliert. Spaß macht das durchaus und illustriert Axelrods unbändige Lust am Job. Dies darzustellen gelang vor ihm schon dem Dirigentenkollegen Ingo Metzmacher ("Vorhang auf!", 2009) oder dem Violinisten Daniel Hope ("Wann darf ich klatschen?", 2009). Schön, wenn die Muse doppelt küsst - denn alle eint die Sorge um das künftige Konzertpublikum. Und das wird nicht nur mit reiner Kunst gewonnen.

Ideen zum perfekten Instrumentalspiel bei Brendel stehen Analysen der Orchesterpsychologie gegenüber, die Philosophie der Interpretation kontrastiert mit Überlegungen zur Ökonomie. Am besten also, man liest beide Bücher parallel. Denn sie liefern beide Wegbeschreibungen zum selben Ziel: dem Verständnis aktueller Konzertmusik.

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