Pianist Levit Es ist nicht alles Gould, was glänzt

Der deutsch-russische Klaviervirtuose Igor Levit begeisterte bei seinem CD-Debüt mit Beethoven. Jetzt nimmt er sich ebenso ehrgeizig die Bach-Partiten vor. Dabei wagt er viel - und gewinnt abermals.

Sony Classical/ Felix Broede

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Respekt für dieses Debüt: Klassisch klar startete der deutsch-russische Pianist Igor Levit seine CD-Karriere, ohne virtuose Zirkusnummern oder romantische Träumereien am Kamin, sondern mit einem beinharten Bewährungs-Kanon für Newcomer - Pflichtprogramm first. 2013 war das, da veröffentlichte Levit seine Doppel-CD mit späten Sonaten von Beethoven, "Hammerklavier" inklusive. Mut und Können bewies der junge Pianist mit dieser Aufnahme. Ein Star war geboren, er hatte die vorab verliehenen Live-Lorbeeren bestätigt. Hie und da tauchte der teuflische Begriff "Jahrhundertpianist" auf. Das war verständlich, aber unnötig. Es muss nicht immer die ganz große Schublade sein.

Schön, dass sich Levit auf seiner zweiten Veröffentlichung neuen Herausforderungen stellt: den sechs Partiten von Johann Sebastian Bach aus den "Clavierübungen", Teil 1: wohlbekannte, aber extrem heikle und anspruchsvolle Werke, die natürlich alles andere als bescheidene Übungsstücke für Lernende sind. Wie jeder Bach-Klavier-Interpret muss sich Levit dabei dem Vergleich mit Glenn Gould stellen: Er besteht ihn glänzend.

Heikel und anspruchsvoll

Wer schnell einen eindrucksvollen Begriff haben möchte, mit welch rigorosem Ansatz Igor Levit die Partiten behandelt, der sollte mit der langsamen, nicht vordergründig virtuosen Allemande aus der vierten Partita BWV 828 beginnen, die der Pianist fast wie ein romantisches Charakterstück zum Klingen bringt. Wie beim Bach-Berserker Gould sind die Stimmen, Akzente, Strukturen sauber realisiert, aber dennoch haucht Levit der Allemande so viel eigenes Leben ein, dass man sie ebenso intensiv erlebt, nur ganz anders ausgeleuchtet. Wie frisch renoviert.

Levit scheut sich nicht, bisweilen auch dramatisierende Tempo-Rückungen vorzunehmen, nie verschroben exzentrisch, aber doch mit Mut zur suggestiven Geste. Der Pianist schöpft dabei aus einem immensen Fundus an Klangfarben, seine Anschlagsvielfalt elektrisiert den Hörer förmlich. Er schafft einen Sog der Spannung, man wähnt sich in einem Actionfilm, der allerdings weniger Schock als wohlige Überraschung bietet. Es bleibt betörendes Spiel, aber mit hohem Einsatz.

Ein Sog der Spannung

Auch der Virtuosen-Kollege Murray Perahia hat seine Bach-Interpretationen innovativ gestaltet, nur deutlich zurückhaltender. Ihm gelang es, zwischen Objektivität und neu formender Interpretation einfühlsam zu vermitteln. Anschlagswunder gab es bei ihm ebenso. Was Perahia bei den Partiten vorlegte, treibt Levit nun entscheidende Schritte weiter: Sein Bach gewinnt über die Maßen an Dramatik und Statur, worüber man durchaus geteilter Meinung sein kann - packend und unterhaltsam ist dieses angeschwollene Bach-Rauschen über die Komplett-Distanz der Partiten allemal.

Levit hat auch kein Problem, mit seiner Technik zu glänzen. Die schnellen Gigues im Finale der Partiten nimmt er im Tanz-Sinne als sportliche Herausforderung, ohne der Tempo-Verführung zu erliegen. Natürlich zeigt er die geforderte Fingerfertigkeit und bringt einen überschäumenden Wirbel an Eleganz und Freude hervor, gegen den die akademische Exaktheit und die makellose Klarheit Glenn Goulds fast ein wenig professoral wirken. Und das, obwohl Gould natürlich stets das Tempo bis zur gefühlten Lichtgeschwindigkeit ausreizte.

Igor Levit, 1987 in Nischni Nowgorod geboren, siedelte mit seiner Familie 1995 nach Hannover über. Den ersten Klavierunterricht erhielt er von seiner Mutter bereits mit drei Jahren. Er studierte in Salzburg und Hannover und machte bald bei den obligaten Klavier-Olympiaden von sich reden. Allein beim Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv 2005 gewann er drei Preise. Ebenso wie seine Recital- und Solistentätigkeit mit internationalen Orchestern pflegt er wie fast alle großen Virtuosen auch die Kammermusik. Mit Partnern wie Sol Gabetta (Cello), Jörg Widmann (Klarinette) oder Lisa Batiashvili (Violine) beherrscht er ein Repertoire vom Barock bis weit in die Moderne. Der amerikanische Pianist und Komponist Frederic Rzewski widmete Levit bereits eine Reihe von Werken und arbeitet derzeit an einer neuen Komposition, die Levit 2015 uraufführen soll. Er wird auch da neue Akzente setzen.


Tournee (Deutschland/Österreich):
12./13.9. Ulrichshusen, 19.9. Groß Schwanensee, 26.9. Wolfsburg, 1.10. Frankfurt am Main, 10.10. Wien, 11.10. Grafenegg, 12.10. Wien, 13.10. St. Pölten, 19.10. Wiesloch, 24.10. Hannover, 31.10. Baden-Baden, 2.11. Oldenburg, 14.11. Nürnberg, 16.11. München.

CD:
Bach - Partitas I - VI BWV825-830. Igor Levit, Klavier; 2 CDs, Sony; 19,99 Euro.



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Seite 1
vonwoderwestwindweht 24.08.2014
1. *+*
Ohne die Leistung von Levit zu schmälern, aber ich bin immer wieder erstaunt, wie es die Marketing-Abteilung von Sony schafft, ihre Pianisten als angebliche "Jahrhundertpianisten" in den deutschen Medien zu etablieren. Man kann das gleiche bei Olga Scheps, Khatia Buniatishvili und andere beobachten: keine schlechten Klavierspieler, aber doch Lichtjahre von den echten Super-Talenten dieser Zeit entfernt und doch in einer Weise in den Medien überrepräsentiert, dass man sich nur wundern kann. Man hat manchmal wirklich den Eindruck, dass man in Musikkritiken die Eigenwerbung von Sony lediglich umformuliert lesen kann. Auf diesem Sektor ist Sony wirklich spitze. Zu Levit: Zumindest deutlich besser als Scheps und Buniatishvili, und sein Lehrer Leygraf hat auch im positiven Sinne Einfluss gehabt. Man muss allerdings sagen, dass der Rubinstein-Wettbewerb nicht zu den bedeutenden Wettbewerben gehört, sondern die für Pianisten wirklich wichtigen Wettbewerbe sind der Chopin-Wettbewerb in Warschau, der Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel, der ARD-Wettbewerb in München, der Busoni-Wettbewerb in Bozen und der Wettbewerb in Leeds. Der von mir kürzlich erwähnte Severin von Eckardstein hat übrigens an vieren dieser großen Wettbewerbe teilgenommen und an jedem dieser vier einen Preis gewonnen, meist den ersten. Das ist eine ganz andere Liga als Levit. "Echo" ist für Pianisten ein unbedeutender Preis, der selbst von Preisträgern teilweise belächelt wird (Einfluss der Plattenindustrie). Und "Rubinstein" ist einfach zu klein international nicht besonders relevant. Natürlich muss man Qualität nicht an Wettbewerben messen...Als Rezensent sollte man allerdings den Stellenwert dieser Wettbewerbe kennen. Es gibt tausende von Klavierwettbewerben auf diesem Erdball. Nicht jeder hat eine wirkliche Top-Bedeutung.
zoon.politicon 24.08.2014
2. Es ist doch Bach, dessen Musik fasziniert
Schöne Rezension in blumiger Sprache. Habe mir sofort das Notenblatt der Allemande aus der 4.Partita von Bach geschnappt, deren Interpretation von Rezensent besonders hervorgehoben wird und die ich - von Gould gespielt - ganz gut im Ohr habe. Mein Eindruck: Wie toll die Interpretation von Herrn Lewit sein mag, die Ehre gebührt vor allem dem Komponisten - Bach eben - , dem es gelingt, auch einen pianistischen Amateur durch seine phantastische kunstvolle polyphone Musik in seinen Bann zu ziehen. Mit anderen Worten: Bach braucht zur Vermittlung seiner Musik nicht unbedingt den "Spitzenvirtuosen". Allein seine seit Jahrhunderten ungebrochene Popularität - heute bis in den fernen Osten - zeigt, dass er sich jedem unmittelbar erschliesst, der sich ihm / seiner Musik widmet.
hermannheester 24.08.2014
3. Der Interpret hat gewonnen?
Nun bleibt die Frage, ob die gespielten Werke ebenfalls gewonnen oder eben doch nur verloren haben. Spielt der Mann Beethoven und Bach oder doch nur "eigene Werke" im Stile der beiden Titanen?
karin.becker 24.08.2014
4. Jahrhundertpianisten? Liebe ne Nummer kleiner!
In immer kürzeren Abständen werden Liebhabern der klassischen Musik "Jahrhundertpianisten" von der Musikindustrie offeriert, - wir leben halt im Zeitalter der Superlative, schließlich haben wir, die Medien wollen es so, auch in immer kürzeren Abständen eine Jahrhundertflut o.ä.. Der letzte, teuer von der Plattenindustrie und vom Management beworbene "Jahrhundertpianist" war Lang Lang, jetzt, jenseits der Dreißig, zeigt sich, dass es ihm an musikalischer und interpretatorischer Substanz fehlt. Wirklich ein bedeutsames Talent dürfte Daniil Trifonov sein, der den Rubinstein-Wettbewerb gewonnen hat, allerdings nicht den Chopin-Wettbewerb, er wurde nur Dritter. Das sagt nicht über seine Qualitäten aus, auf Wettbewerben wird intrigiert und Politik gemacht. Dass die Warschauer Jury sich gegen Trifonov entschieden hat, wirft kein gutes Licht auf die Juroren. Aufnahmen (auf youtube) bezeugen das Niveau des Spiels und der Musikalität von Trifonov. Der in Beitrag 1 genannte S. von Eckardstein mag bedeutende, oder für bedeutend gehaltene Wettbewerbe gewonnen haben, - man hört ihn jedoch nicht. Er spielt nicht in den großen Zentren und mit bedeutenden Orchestern, warum auch immer. Von den großen Meistern wie G. Sokolov, Pollini und Argerich abgesehen, sind wirklich bedeutende Pianisten unserer Zeit Pierre-Laurent Aimard und K. Zimmerman. Insbesondere für die Interpretation der Beethoven-Sonaten ist Michael Korstick zu nennen. An diese Künstler reicht der über den grünen Klee gelobte Levit nicht heran, - für mein Geschmack ist er, wenn er gerade nicht Klavier spielt,zudem reichlich geschwätzig und eitel. Alles in allem: Levits Kunst im Markteting etwas tiefer hängen wäre besser.
vonwoderwestwindweht 24.08.2014
5. *+*
Was derzeit auf dem Plattenmarkt stattfindet ist schon erstaunlich und noch erstaunlicher ist, wie unkritisch dies in der Rezeption behandelt wird. Die portugiesische Pianistin Maria Joao Pires hat kürzlich aus Protest gegen die Entwicklung auf dem Klassik-Plattenmarkt ihre Vertrag mit einem ganz großen Label vorzeitig aufgekündigt. Das hat auch etwas damit zu tun, dass Qualität kaum noch ein Kriterium ist sondern nur noch Marketingtauglichkeit und die Tatsache, was die Pianisten mit sich machen lassen. Wer also nicht damit einverstanden ist, dass Takes ohne sein Mittun von Dritten zusammengeschnitten werden, er aber lebenslang mit seinem Namen dafür gerade stehen muss, der hat bei einigen großen Labeln halt das Nachsehen. Andere sind da halt nicht so pingelig und wissen, dass sie diese Chance nur einmal im Leben bekommen. Dadurch kommen aber nicht mehr die wirklich guten Pianisten hoch, sondern eher die, deren Schmerzgrenze relativ hoch ist, was die Fremdbestimmung angeht. Mit Qualität hat das nicht mehr viel zu tun. Levits Beethoven finde ich übrigens nicht schlecht, aber auch keineswegs umwerfend. Interessant ist ja auch immer, wenn man die Aufnahmen mit Live-Auftritten vergleicht. Für mich ist der Plattenmarkt nicht mehr interessant, die wirklich interessanten Auftritten Leute kann man in Konzerten, Wettbewerben usw. sehen (früher war es umgekehrt). Dass Olga Scheps in eine Reihe mit Rubinstein und Horowitz gestellt wird, ist so bizarr, dass eigentlich auch fachfremden Rezensenten da langsam mal ein Licht aufgehen müsste, wessen Arbeit sie da unwissentlich eigentlich erledigen. Und bei allem Respekt vor Frau Büning von der FAZ: beim Klavier geht es um andere Sachen als bei der Oper.
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