Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Jetzt mal ehrlich: Die Hipster-Paten Animal Collective haben eine Menge mit den Mainstream-Punks von Green Day gemein. Die Heiterkeit erheitert mit gepflegter Gelangweiltheit, Cat Power schneidet sich die Haare ab - und die Sixties-Alben von Vicky Leandros' sind voller Wahrheit.

Animal Collective - "Centipede Hz"
(Domino/Goodtogo, 31. August)

Vielleicht ist es Zufall, vielleicht auch nicht: Fast zeitgleich mit dem neuen, zehnten Album von Animal Collective erscheinen auch die neunte und zehnte Platte von Green Day. Die Ex-Punks aus Kalifornien, momentan wahrscheinlich die populärste Rockband im US-Mainstream, kehren auf ihrem neuen Album-Triple (die dritte Platte erscheint nächstes Jahr) zu ihren Ursprüngen zurück, heißt es. 1994, als Avey Tare, Panda Bear, Geologist und Deakin noch in Baltimore die Schulbank drückten, hatten Green Day mit dem Album "Dookie" und Radio-Hits wie "Basket Case" ihren großen Durchbruch. Heute bilden Green Day und Animal Collective zwei Pole einer zwischen WalMart-Beschallung und Brooklyns Experimental-Hipsterpop gespaltenen Musiknation.

Scheinbar gespalten. Denn die Schnittmenge zwischen Green Day und Animal Collectives "Centipede Hz" liegt in der Aussage David Portners (Avey Tare), man habe sich darauf besonnen, was damals, in den Anfangstagen der Band, im Radio gespielt wurde. Und das war neben Grunge und Jane's Addiction wohl zwangsläufig auch "When I Come Around". Das mag einigen Genre-Faschisten jetzt übel aufstoßen, aber, wie Kollege Wigger bereits 2009 in seiner Kritik zu "Merriweather Post Pavillion" ganz richtig prognostizierte, ist Indie-Rock längst Geschichte. Was zählt, ist nur noch der große, Jahrzehnte fassende Pop-Pool, aus dem sich alle kreuz und quer und jenseits jeder Genre-Grenzen bedienen. Was bedeutet das für "Centipede Hz"? Durch die Rückkehr von Gitarrist Joshua Dibb (Deakin) ist der Rock-Faktor stärker ausgeprägt als auf "Merriweather Post Pavillion", das nicht zuletzt wegen seiner Pop-Zugänglichkeit und Beach-Boys-Harmonien zur Blaupause für tout Brooklyn wurde.

Wann immer bei Bands wie Dirty Projectors oder Yeasayer Sound-Layers, Space-Invaders-Geräusche und Refrains, die dem Rhythmus des restlichen Songs mutwillig entgegenlaufen, zu hören sind, dann standen Animal Collective Pate. Es wäre also, der Logik dieser Band folgend, langweilig gewesen, dieses inzwischen zum Mainstream erhobene Konzept noch einmal zu reproduzieren. Stattdessen ist "Centipede Hz" das Punk-Album geworden. "Sometimes you gotta get mad" jubelt Portner in "Today's Supernatural", und am Ende von "Rosie Oh" ruft gar einer lautstark "Johnnie Walker!".

Natürlich werden hier keine einfachen Garagen-Kracher runtergeschrubbt, das verbietet allein das Instrumentarium der Band, das noch immer zum größeren Teil aus Sample-Datenbanken und Sequenzern besteht. Unter den hektisch übereinander gestapelten, kurz vor kakofonischen Klang- und Polyrythmen-Schichten jedoch funktionieren Songs wie "Applesauce", "New Town Burnout", "Monkey Riches" oder "Mercury Man" wie stinknormale, erstaunlich schwitzige, stürmische Indie-Rock-Songs. Latin-Grooves und sphärische Psychedelia, Elemente, die Animal Collective in den vergangenen 15 Jahren immer wieder variiert haben, sorgen auch hier für den Wiedererkennungswert einer Band, die den späten Talking Heads ebenso viel wie Donovans zugekiffteren Alben verdankt. Zum laid back feeling von "Merriweather" verhält sich "Centipede Hz" jedoch wie ein Energiedrink zu Valium - und ist die wohl anstrengendste Partyplatte des Jahres. Green Days neue Alben durfte man noch nicht hören, aber fest steht, dass beim direkten Vergleich ein gewaltiger Evolutionssprung spür- und hörbar sein wird. Einfach gesagt: "Dookie" fürs 21. Jahrhundert. (8.9) Andreas Borcholte

Animal Collective - Today's Supernatural

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Die Heiterkeit - "Herz aus Gold"
(Staatsakt/Rough Trade, bereits erschienen)

A blast from the past: Joachim Hentschel, Tino Hanekamp und Rasmus Engler beteuern im Infoschreiben zu "Herz aus Gold" unisono ihre unendliche Liebe zur Hamburger Mädchenband Die Heiterkeit. Mit anderen Worten: Würde ich die Platte nun rechtschaffen schlecht finden, wären gesellschaftliche und soziale Isolation in einer kalten und einsamen Welt die Folge, Fragen wie "Was macht eigentlich der dritte Thompson Twin?", "Sollte man mit Menschen sprechen, die Metall im Gesicht tragen?" oder "Wer war eigentlich lustiger: Der Krazee-Eyez-Killa (Curb) oder der Ice-Truck-Killer (Dexter)?" blieben auf immer unbeantwortet. Zum Glück ist die Platte so gut wie Bandname und Bandlogo, denn Stella Sommer, Stephanie Hochmuth und Rabea Erradi (ausgedachte Namen: immer geil!) zocken eine ausreichend gelangweilte, beiläufig-trotzige Mischung aus entlärmten Tocotronic (Frühwerk), mittleren Pavement, akustischen SonicYouth, The Velvet Underground und dem Gesamtwerk von Christiane Rösinger: Die Musik klingt also genau so, wie sie es wahrscheinlich sowieso schon überall gelesen haben. Songtitel wie "Alles ist so neu und aufregend", "Baby, wein' mir keine Träne nach" und "Komm in meine Arme" würden Revolverheld ernst meinen, bei Die Heiterkeit jedoch schwingt immer auch ein Ich-find'-mich-eigentlich-ganz-okay-aber-wer-nicht-will-der-hat-schon-Moment mit, und Zeilen wie "Für den nächstbesten Dandy wirst du mich verlassen/ Für den nächstbesten Dandy muss man das wohl machen" stimmen ja sowieso immer. Schönster Moment: Das gefährlich wankende, aber nicht ohne Stolz vorgetragene "Tata tata tata tata/ Tata tata tata tata" in "Die Liebe eines Volkes". Ein ehrenwertes Amt: Getting paid by the tear. (7.2) Jan Wigger

Die Heiterkeit - Für den nächstbesten Dandy

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Cat Power - "Sun"
(Matador/Beggars/Indigo, 31. August)

Oft genug erlebt: Wenn Frauen grundlegende Veränderungen in ihrem Leben in Angriff nehmen oder vor schmerzhafte, vollendete Tatsachen gestellt werden, dann müssen zuerst die langen Haare dran glauben. Der radikale Kurzhaarschnitt dient gleichermaßen zur Selbstkasteiung und zur Abkehr von weiblichen Attributen - eine furchterregende Kampfposition und ein Fanal des Neuanfangs: Möge aus den Stoppeln etwas Neues erwachsen. Chan Marshall kehrt nach einer längeren Phase des Rückzugs ins Private ebenfalls mit einem Kurzhaarschnitt zurück und bezeichnet ihr erstes Album mit neuen Songs seit "The Greatest" (2006) als Neustart. Und das ist "Sun" auch auf eindrucksvolle Weise geworden, musikalisch wie textlich. Statt wie früher mit hängendem Haupt und blutigen Lippen über den Bühnenboden zu schleifen und die Pose der sexy Zerquältheit einzunehmen, gibt sich Marshall zwar immer noch verletzt, wirkt aber abgeklärter und scheint wild entschlossen, sich diesmal nicht vom Schicksal niedertrampeln zu lassen. Viele Songs auf "Sun" entstanden in der letzten Phase ihrer Beziehung mit Schauspieler Giovanni Ribisi, der sie im März ultimativ sitzen ließ, um bald darauf das Model Agyness Deyn zu ehelichen. Der Schock darüber, dass die Zeit des Familienglücks (Ribisi hat eine Tochter, mit der sich Marshall gut verstand) nur so kurz währte, ist vernehmlich: "I never knew pain like this/ (…) I never knew love like this", klagt sie bipolar in "Cherokee", doch die Musik dazu ist bei aller Melancholie kämpferisch, energisch und treibend. Ähnlich ist die Stimmung in "3, 6, 9", "Ruin" oder dem Titelsong. Immer wieder, im fragilen "Always On My Own" wie im fast elf Minuten langen "Nothin But Time", äußert Marshall unerhörten Optimismus: "I want to live/ My way of living". Die vielen musikalischen Stile und Schichten, die Marshall, die das Album produzierte und fast alle Instrumente selbst spielte, offenbaren sich erst beim zweiten oder dritten Hören: Elektronische Grooves und Geräusche sowie unverschnittener Alternativrock dominieren hier mehr als der fragile Soul ihrer letzten Alben, was durchaus erfrischend ist. Alte Fans von Cat Power wird das vielleicht verstören, weil sie es sich im Dauerleid ihrer schönen Schmerzensfrau bequem gemacht haben. Doch Chan Marshall ist in ihrer künstlerischen Entwicklung einen großen Schritt weiter gegangen. Nicht alles ist gelungen auf "Sun", vieles wirkt verkrampft, manches behauptet und gewollt. Doch das ist nur normal, wenn der neue Masterplan noch unvertraut ist. Sie würde die Liebe immer der Kreativität vorziehen, sagte sie unlängst dem "Guardian" zur Verblüffung der englischen Kollegen. Auch Chan Marshall hat das Recht, glücklich zu sein. Auch wenn die neue Frisur noch nicht sitzt. (6.2) Andreas Borcholte

Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist


Vicky Leandros - "A Taste Of... The Sixties"
(Koch/Universal, bereits erschienen)

Ich könnte lügen und sagen: Schon meine Eltern und Großeltern hörten die frühen, großen Chansons von Ingrid Caven und Alexandra, von Hilde Knef, Manfred Krug, Udo Jürgens und - Vicky Leandros. Sie hörten aber bloß René Kollo und Gitte Haenning, Peter Alexander und Peter Maffay, Milva und Hanne Haller. Geschwister mit Dylan-Platten und Salinger-Büchern gab es nicht. Irgendwann entdeckte ich dennoch "Mein Haus", "Blau wie das Meer" und "Wann, sag wann", und diese Stücke rissen mein Herz entzwei. Mit klirrend-sensitiver Stimme schmetterte die Leandros Lieder über das Vergehen der Zeit, die Wunden der Enttäuschung, den Geschmack von Honig und das Suchen, Finden und Verlieren der Liebe. Sie sang auch die deutsche Version eines tearjerkers aus Jacques Demys Meisterwerk "Les Parapluies de Cherbourg", das ja schmerzhafter ist als "Audition", "Inside" und "Martyrs" zusammen. Lichtjahre, bevor die Griechin seifige Duette mit Andrea Berg und Chris de Burgh aufnahm, erschienen ihre ersten, besten und heute sehr raren Alben "Songs und Folklore" (1966), "A Taste Of...Vicky" (1967), "Summertime Forever" (1968) und "Ich glaub' an dich" (1969), nun endlich im Boxset "A Taste Of... The Sixties" versammelt. Mal strahlend, mal betrübt, interpretierte das Jungtalent "Don't Think Twice, It's All Right", "Windmills Of Your Mind" und das phantastische "New York Mining Disaster 1941" der Bee Gees, hinzu kam mustergültig arrangierte und komponierte Liedkunst, an der nicht selten Vater Leo Leandros beteiligt war, der unter dem Pseudonym Mario Panas arbeitete. Vicky Leandros war so jung und ihre Weisheit traumverloren, doch im Gegensatz zum gemeinen Schlagerkünstler sprach sie von Anfang an die Wahrheit aus: "Nein, es ist noch gar nicht lange her/ Da waren wir Kinder/ Räuber und Prinzessin spielten wir vor unserem Haus/ Schnell verging die Zeit/ Wir sind nicht mehr/ Verspielt wie einst Kinder/ Plötzlich sah die Welt für dich und mich so anders aus." Jeder möchte alt werden, alt sein aber möchte niemand. "Songs und Folklore" (8.6), "A Taste Of...Vicky" (8.1), "Summertime Forever" (7.4), "Ich glaub' an dich" (7.4) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 8 Beiträge
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1. optional
la-ge 28.08.2012
Wunderbar - endlich kann ich mich auf Jan Wigger berufen, wenn mich jemand ob meiner Bewunderung von Vicky Leandros ungläubig anschaut. Unter all meinen "Ne Me Quitte Pas" - Versionen ist ihre eine besondere.
2. -
kaoru_is_here 28.08.2012
Keine Wertung für Animal Collective? Ist das Absicht?
3. Unfreiwillig heiter
rosie_ 28.08.2012
Als die Heiterkeit einst im lokalen Poser-Klub auftraten hielt ich das für einen mauen Scherz angesichts geballten Dilettantismus und Belanglosigkeit. Wenn die Spiegel Kritiker deren CD jetzt unter die wichtigsten Alben der Woche einsortieren passt da wirklich Arsch auf Eimer. Das sind wohl Begleiterscheinungen des 90er Revivals?!
4. Gaaanz unten
Pat-Riot 29.08.2012
Zitat von kaoru_is_hereKeine Wertung für Animal Collective? Ist das Absicht?
Da ist schon 'ne Bewertung, 11.9 oder 9,11 oder 19 zu Wurzel aus drei oder was auch immer (who cares). Aber hier ist zu allem Überfluss auch noch das Layout derart versemmelt, dass man hofft, die Suada sei zu Ende, geht dann aber noch gefühlte drei Seiten weiter. Und ganz, ganz unten, im Keller des Artikels sozusagen, kommt dann die Lottozahl der Woche.
5. Heiter bis wolkig
papene 29.08.2012
Auweia, heute gibt's aber wieder Haue ;) Klar, bei der leichten Muse hört der Spaß bekanntlich ganz schnell auf. Aber weil bräsig-bedeutungsschwangerer, selbstgerechter, immerhin humorloser und total relevanter Prog-Rock lange tot ist und die ganzen Zahlen auch nicht mehr sind, was sie mal waren, bleiben uns doch nur noch heiter dilletierende Berufstöchterlein und - Vicky Leandros. Doch, @rosie_ , das passt. Das soll so sein und ist genau so gemeint. Und ehrlich, "Die Liebe eines Volkes" von den heiteren Mädels ist echt einen Download wert. Weil, die CD ist ja eigentlich auch tot (auchdasnoch ...)
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Andreas Borcholtes Playlist KW 35
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Donovan: The Hurdy Gurdy Man

    2. Dennis Wilson: Pacific Ocean Blue

    3. Anna Aaron: Dogs In Spirit

    4. Grizzly Bear: Shields

    5. Don Cherry: Where Is Brooklyn?

    6. Pharoah Sanders: Karma

    7. Bob Mould: Silver Age

    8. Kreidler: Den

    9. Robag Wruhme: Olgamikks

    10. Soul Coughing: Irresistible Bliss


Jan Wiggers Playlist KW 35
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Frankie Goes To Hollywood: The Power Of Love (Track

    2. Al Green: Tired Of Being Alone (Track)

    3. Jochen Distelmeyer: Bleiben oder gehen (Track)

    4. Elton John: I Guess That's Why They Call It The Blues (Track)

    5. Gram Parsons: Love Hurts (Track)

    6. Bob Dylan: You're Gonna Make Me Lonesome When You Go (Track)

    7. Neil Sedaka: Breaking Up Is Hard To Do (Track)

    8. George Jones: He Stopped Loving Her Today (Track)

    9. Frank Sinatra: Glad To Be Unhappy (Track)

    10. Swans: You Fucking People Make Me Sick (Track)