Von Andreas Borcholte und Jan Wigger
Bobby Womack - "The Bravest Man In The Universe"
(XL/Beggars Group, bereits erschienen)
"Swore to myself, time and time/ And time again that I would give up/ The night life and start layin' in/ But it ain't easy no no." Das sang Bobby Womack 1976 in seinem Song "Daylight", einer bitteren und trotzigen Hymne an sein von Kokain getriebenes Leben als Nachtgestalt: "It's five o'clock a.m. and the party/ Is still going strong." Kurz zuvor war sein Sohn Truth im Kindbett gestorben, und Bobbys Partydrogenkonsum hatte sich zur Sucht ausgewachsen. Mit seiner Musikerkarriere ging es von da an stetig bergab. Erneut ist es nun dem Briten Richard Russell, Chef des Plattenlabels XL Recordings, zu verdanken, dass eine der großen Soul-Legenden noch einmal zurückkehren darf, vielleicht zum letzten Mal vor seinem Tod. Vor zwei Jahren verhalf Russell dem inzwischen verstorbenen Rap-Paten Gil Scott-Heron zu einem fulminanten Comeback; jetzt bringt er mit Bobby Womack eine der talentiertesten, aber auch kontroversesten Figuren des Soul-Betriebs noch einmal ins Rampenlicht. Vor wenigen Monaten wurde bei dem 68-Jährigen Prostata-Krebs diagnostiziert, der zwar erfolgreich operiert wurde, doch wer weiß, ob "The Bravest Man In The Universe" nicht zum Testament Womacks wird. Und falls ja, was nicht zu hoffen ist, dann ist es das beste Vermächtnis, was er sich wünschen konnte. Damon Albarn holte Bobby Womack für einen Song ("Stylo") auf dem letzten Gorillaz-Album aus der Versenkung; zusammen mit Russell komponierte er zeitgemäß instrumentierte Neo-Soul- und Dubstep-Nummern für den einst von Sam Cooke entdeckten Veteranen, der unter anderem mit dem Blaxpoitation-Soundtrack "Across 110th Street" berühmt wurde. Womacks Geschichten, die er zu klapperdürren Arrangements aus sparsamen Piano-Harmonien und trockenen Elektro-Beats erzählt, handeln damals wie heute von den großen Soul-Themen: Schuld und Vergebung, ewige Liebe, ewiger Schmerz, vom lustvollen Scheitern am großen Treue-Ideal. Womack hat in seinem bewegten Leben genug Tragödien-Stoff angesammelt, um noch bis in alle Ewigkeit davon zu berichten: "I've got a story I want to tell", croont er im Opener "The Bravest Man In The Universe". Und dieser mutigste Mann im Universum ist natürlich derjenige, der zuerst vergeben hat: "who has forgiven first". Ob sich selbst oder der ungerechten Welt, die ihn mit Krankheit, Tod und Sucht gestraft hat, lässt er offen, aber das Leiden an sich selbst war den großen Soul-Sängern ohnehin immer eine universelle Angelegenheit. Womack ist der letzte Überlebende dieser Schmerzensmänner, wenn man mal von Al Green absieht, der sein Heil in fiebriger Frömmigkeit gefunden hat. Zu den Höhepunkten des Albums zählen, außer dem gespenstischen Titelstück, der wütende Swingbeat "Stupid" und die ätherische Ballade "Dayglo Reflection", bei der Pop-Muse Lana Del Rey als Gastsängerin auftritt, sowie der von heiligem Furor befeuerte HipHop-Track "Jubilee (Don't Let Nobody Turn You Around)". Nicht immer passt der zwitschernde, zirpende, letztlich aber kühle Minimalismus, den Albarn und Russell dem Album verordnet haben, zu der brüchiger gewordenen, aber immer noch vibrierenden Stimme, aus der sich in jedem Vers jahrzehntelange Lebenserfahrung Bahn bricht. Manchmal wünscht man sich die Streicher, die Gospel-Chöre herbei, die bewusst weggelassen wurden, um diese Wucht abzufedern. Die XL-Methode ist allerdings dieselbe, die Rick Rubin bei Johnny Cash und Neil Diamond anzuwenden pflegte: Reduce to the maximum. Wie ein ruheloser Geist aus vergangenen Zeiten rasselt und raspelt Bobby ganz pur auf seiner neuen Party durch seine neuen Beats. Bis zum Morgengrauen. (7) Andreas Borcholte
Japandroids - "Celebration Rock"
(Polyvinyl/Cargo, bereits erschienen)
Damals, als all die Emo-Bands komische Namen wie Spent Time Driving, Further Seems Forever, The Juliana Theory oder Hey Mercedes trugen, wären die Japandroids die Zukunft des Rock'n'Roll gewesen. Heute sind sie möglicherweise immer noch die Zukunft des Rock'n'Roll - und so universell, dass die beiden größten Fans der Band aus Vancouver in Dortmund und Osaka sitzen. Statt im Reflektorfeuer von "Post-Nothing" zu verglühen, haben Brian King und David Prowse einfach eine zweite Platte gemacht, mit siedend heißen Erinnerungen an die Unterentwicklung und Songs wie gestreckte Fäuste. Ihr Titel: "Celebration Rock". Noch immer erinnert Geröllblockartiges wie "Fire's Highway" oder "Adrenaline Nightshift" an frühe ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead, Braid ohne Heulgesang oder die grobkörnigeren Momente von The Hold Steady. "Long lit up tonight and still drinking/ Don't we have anything to live for?/ Well, of course we do/ But 'til they come true/ We're drinking." Sollte diese ewige Wahrheit jemals Schaden nehmen oder der Hausarzt "Bis hierher und nicht weiter!" murmeln, werden die Japandroids gerade noch klug genug sein, sich aufzulösen. (8) Jan Wigger
Poliça - "Give You The Ghost"
(Memphis Industries/Indigo, bereits erschienen)
Zunächst muss ich mich entschuldigen, dass wir diese allerorten als essentiell gefeierte Platte erst so spät besprechen: Dinge kamen dazwischen. So ähnlich ging es auch Sängerin Channy Leaneagh, die binnen kürzester Zeit miterleben musste, wie ihre Ehe vor die Hunde ging. Desorientiert und wütend begann sie, die Songs für "Give You The Ghost" zu schreiben, die sie dann, zusammen mit Ryan Olson von der Indie-Rockband Gayngs und zwei Drummern, in ihrer Heimatstadt Minneapolis aufnahm. Zu den glühenden Fans von Poliça gehört Twin-Cities-Pate Prince ebenso wie Bon Iver und die Rap-Könige Kanye West und Jay-Z. Diese Verehrerschar ist ungewöhnlich für eine Band, die eigentlich kaum mehr als ein schnell zusammengescheuchtes Projekt ist und auf den ersten Blick wenig mit R&B und Funk zu tun hat (wenn man vom letzten Stück "Leading To Death" absieht). Fragen der Stilistik erscheinen ob der Dringlichkeit des Albums jedoch nebensächlich, denn was Poliça von ähnlich introspektiven Bands der Stunde unterscheidet, ist das völlige Fehlen der in den vergangenen Jahren so typisch gewordenen Entrücktheit: Zwar wird Channy Leaneaghs Stimme konsequent durch einen Autotune-Filter und jede Menge Reverb gepresst, dennoch wirkt die Musik mehr im Hier und Jetzt verankert als so mancher Retro-Eskapismus, den Kollegen wie Beach House zuletzt unter großem Jubel veröffentlicht haben. "Das Thema dieser Platte ist: 'Was zur Hölle ist gerade passiert und wer zum Teufel bin ich eigentlich'", sagt die Sängerin, und diese Wucht unverarbeiteter Emotionen spürt man im Lärmlabyrinth von "Amongster", im Stürmen und Drängen von "Violent Games", ja selbst im Pop-Hit-Ambiente von "Dark Star". Zur Mitte des Albums glätten sich die Wogen etwas, kommen die verarbeiteten Einflüsse deutlicher hervor. Poliça beziehen sich wohltuend wenig auf den Dream-Pop der Achtziger, bedienen sich aber stark beim vertrackten Atmosphären-Aufbau von Portishead und beim virtuosen Reggae- und Jazz-Spiel der frühen Police-Alben. Doch Vorsicht, wer da nun vorschnell eine Hommage im Bandnamen erkannt haben will. Poliça heißt übersetzt Politik, auch wenn hier gar nicht so viele Kompromisse gemacht werden. Eine Stimme, zwei Schlagzeuger, jede Menge Gefühlsdruck - gute Popmusik kann so einfach sein. (8) Andreas Borcholte
Julia Holter - "Ekstasis"
(Rvng. Intl./Cargo, bereits erschienen)
Ich schwöre beim Leben meiner Kinder (Moon Unit, vier Jahre, Yoda-Apple, drei Jahre, Lionel-Seydou, fünf Monate), dass ich beim ersten Hören von "Ekstasis" keine Ahnung hatte, wie Julia Holter aussieht. Nun, viele Wochen später, meine ich: Julia Holter (delikat, schweigsam, verwirrt, engelsgleich) sieht genau so aus, wie ihre Musik klingt: Verwunschen und milchfarben (gut, meinetwegen auch "sperrig"), wie im Traum koloriert und durchdacht und insgesamt mindestens so rätselhaft wie Tim Wieses Hüsker-Dü-T-Shirt. Die Verwandtschaft zu Laurie Anderson ist in drei, vier Tracks offensichtlich, auch die New-Age-Bewegung lockt, und nach "Ekstasis" möchte man dringend Andrea Parkers "Kiss My Arp" zu Rate ziehen, falls man sie noch findet (die CD-Hülle ist sehr, sehr dünn). Über "Goddess II" bitte unbedingt mal "In The Air Tonight" drüber singen und sich diebisch freuen, dass Holter nicht nur in der Band von Linda Perhacs (!) gespielt, sondern das erste "Ekstasis"-Stück auch gleich noch "Marienbad" genannt hat. Geschmack gibt's nicht im Sommerschlussverkauf. (7) Jan Wigger
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