Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Damon Albarn hat mit seiner zweiten Oper "Dr Dee" das bisher schönste Album des Jahres aufgenommen - auch wenn das niemand glauben mag. Beach House begleiten in Zeitlupe die Apokalypse, aber das merkt die Bionade-Boheme ja nicht. Außerdem: Neues von Simone White, Altes von Talk Talk.

Damon Albarn - "Dr Dee"
(Parlophone/EMI, bereits erschienen)

Ich würde - dem Klischee gemäß - zwar kein von Damon Albarn eingesungenes Telefonverzeichnis Londons kaufen, aber mindestens die Magna Carta, "Animal Farm" oder "Hard Times". Albarns vom Mond mit Kreide eingeriebene Stimme, deren unerschöpflicher Reichtum sich besonders auf "Blur", "13" und "The Good, The Bad & The Queen" offenbarte, vereint Kunstverständnis, unbezwingbare Langeweile und süße Nostalgie, besetzt die Nischen, beherrscht die Sphären, erschafft Blütenstaub und Rauchtopase, fällt strahlenförmig auf ein altes, versunkenes England, hat keine Vorbilder mehr, ist ganz sie selbst. "Dr Dee" ist Damon Albarns zweite Oper (Thema: John Dee, ein Universalgelehrter aus dem 16. Jahrhundert), also nichts für leichtblütige Britpop-Mädchen und die kleine Welt von UK-Only-Puristen, die freilich selten ein Opernhaus besuchen, ja nicht mal eine Schostakowitsch-Platte besitzen, dafür aber alles von The Kooks und Hard-Fi auf CD. Wie üblich musste man vorab lesen, dass "Dr Dee" überambitioniert, verkopft und allenfalls etwas für Masochisten sei - nur die wertvollsten Voraussetzungen also für ein wundervolles Schauspiel! Bitte kurz mal Liam Gallaghers Affengesicht vorstellen, während ich sage: "Dr Dee" ist die bislang schönste Platte des Jahres 2012, und kein Mensch wird mir zustimmen. Weit weg von "Journey To The West", doch seltsam nah an "The Bunting Song" oder "Green Fields" seufzt sich Damon Albarn durch Versuchungen des Nachmittags und hellblaue Nachtfeuer: Schäferlieder, Königsmaterial, der Gesang einer einsamen Sirene, dazu ein ernster Countertenor ("A Man Of England") und ein Paar der leuchtendsten, herzerweichendsten Songs, die Albarn seit "1992" und "Out Of Time" geschrieben hat: "Apple Carts", "The Moon Exalted", "The Dancing King". Was Albarn anfasst, beginnt zu glühen: Nach vorwärts zögernd, nach rückwärts staunend. (9) Jan Wigger

Damon Albarn - "The Marvelous Dream"

Mehr Videos gibt es hier auf tape.tv!

Beach House - "Bloom"
(Cooperative Music/Universal, erscheint am 11. Mai)

In einem Artikel über das Elend der Popkritik im Internet wurde kürzlich diese Kolumne lobend erwähnt, sie sei eine "schöne digitale Schrulle", letztlich aber doch ein "Format der Kaufempfehlung, und nicht der Kritik im aufklärerischen Sinne, wenn das heißt: die Welt durch das Kunstwerk neu zu betrachten." Das lassen wir jetzt kurz sacken, bevor wir uns ganz aufklärerisch der neuen Platte von Beach House zuwenden. Das Duo aus Baltimore, das vor knapp drei Jahren mit dem sehr gelungenen Album "Teen Dream" seinen Durchbruch in den Indie-Mainstream erlebte, wird inzwischen so schlimm verehrt, dass es einem übel werden könnte. Da entschuldigt sich eine Rezensentin in irgendeinem Musikblog bei der Band, die sie vermutlich nie getroffen hat, für eine vermeintlich zu geringe Wertung des vorangegangenen Meisterwerks (8 statt 9 von 10 möglichen Punkten), weil sie die Platte vor der Rezension wohl einfach nicht oft genug gehört habe. "Bloom", so heißt das neue Album von Beach House, sei selbstredend mindestens genauso großartig, und überhaupt: hach!

Leute, die im besten Sinne des Pop-Kanons derart fanatisch sind, erreichte man mit klassischer Popkritik noch nie, ob nun auf Papier gedruckt oder im Internet gepostet. Die Platte wird gekauft, gesaugt oder sonst wie besorgt - und dann geliebt. Und selbst, wer mit der mehrfach gebrochenen und angereicherten Version des Achtziger-Jahre-Dreampops oder Shoegaze-Sounds, den Beach House in Zeitlupe und mit viel Hall auf Victoria Legrands benebelter Stimme herunterklimpern, gar nicht so viel anfangen kann, wird "Bloom" im Zweifel ganz toll finden, weil's mal wieder eine dieser Platten ist, auf die sich in einem Frühjahr oder Sommer ganz Hipsterhausen einigt. Oder weil's das Indie-Girlie, das man rumkriegen will, immer beim Wäsche zusammenlegen hört. Beach House haben mit "Bloom" einen weniger poppigen, aber sehr ästhetischen und vordergründig ambitionierten Songzyklus über die Wertschätzung des Lebens im Angesicht des Sterbens geschaffen. Mit den Allegorien der Band gesagt: Auch eine Blume blüht (das heißt "Bloom" übersetzt) nur kurz, aber dafür sehr schön. Wie das Leben eben. In der Massen-Rezeption spielt dieses apokalyptische Motiv aber gar keine Rolle, denn die morbide Botschaft wird, wenn überhaupt bemerkt, einfach ins Hedonistische verkehrt. Damit wird die Welt, die man durch "Bloom" letztlich neu betrachten soll, ganz schön öde. Denn degradiert zum Wohlfühl-Soundtrack für Rumhänge-Stunden im Mauer- oder Wohlerspark, liefern Beach House nurmehr die Konsensmusik für die Bionade-Bohemien in den Szenekiezen spätkapitalistischer West-Großstädte. Und nach den sicher bald ausverkauften Konzerten sind dann alle wieder total beseelt. Aber wovon genau? Von sich selbst, wie immer. Beach House spielen eigentlich die angemessen erschreckende Musik für eine Gesellschaft, die mit dem Champagnerglas in der Hand über dem Abgrund balanciert: ängstlich, selbstbewusst, nervös, konzentriert, fragil, in Trance. Schade nur, dass sie so nicht wahrgenommen werden wird. Oder vielleicht ja doch. Unbewusst. Dann wäre schon viel erreicht. Oh, fast vergessen: Kaufempfehlung? Klar, whatever. (6) Andreas Borcholte

Simone White - "Silver, Silver"
(Honest Jon's/Indigo, erscheint am 11. Mai)

Um einen Aphorismus von Knarf Rellöm zu zitieren: "Ich erinnere mich daran, dass ich mich nicht erinnere." Vor viereinviertel Jahren wurde Simone Whites "I Am The Man" an dieser Stelle zur einsamen Schönheit eines kalten Winters gekürt: Herzen hörten auf zu schlagen, Worte, die noch gesagt werden sollten, konnten die eigene Zunge nicht mehr verlassen. "Roses Are Not Red" und "The Beep Beep Song" waren an eine Stille gerichtet, die Berge in Schweigen hüllte und Meere einfrieren ließ, und "Yakiimo", der Morgen danach, löste nicht alle Versprechen ein. "Silver, Silver" ist Whites vierte LP, ihre gewagteste dazu: "One day you'll find/ Maybe this time/ You could lose everything/ And it would still be alright/ Don't turn your back on love/ 'Cause you could never be that tough": So fasst die faserige Amerikanerin ein Leben zusammen, während die Instrumente atmen und es kaum vernehmbar pocht. Samuel Bing und Julian Was haben "Silver, Silver" äußerst raffiniert und prekär produziert, weshalb schwarze Lieder wie "What The Devil Brings" zuweilen an die späte Stina Nordenstam erinnern. Großartig: "In The Water Where The City Ends" - Höhlen, Flussbiegungen, Todesfälle. Stoned soul picnic. (7) Jan Wigger

Talk Talk - "The Party's Over", "It's My Life", "The Colour Of Spring", "Spirit Of Eden" (Remastered)
(EMI, bereits erschienen)

"Life's What You Make It": So sprach der komische Heilige Mark Hollis irgendwann 1986 - um nicht viel später schwächlich dem kommerziellen Suizid seiner langsam auseinanderfallenden Götterband Talk Talk entgegen zu gehen. Nach der epochalen Solo-LP "Mark Hollis" (1998), auf der nur noch der Horror vacui, Holzbläser, Todeswimmern und knirschende Stühle zu hören waren, schwieg das Naturgenie, das langsam so erratisch wurde wie vor ihm nur Scott Walker oder David Sylvian. Ich liebte "It's My Life" und das geradezu absurd makellose "The Colour Of Spring" schon lange, kaufte "Laughing Stock" und "Spirit Of Eden" aber etwas verspätet, wohl weil Mark Kowarsch und Markus Acher in der "Spex" nachdrücklich auf die universelle Bedeutung dieser seltenen Einsamkeitswerke hinwiesen. Nun müsste man Carsten Sandkämper oder John McEntire von Tortoise fragen, inwieweit die späten Talk Talk den Postrock erfanden, doch an der Unsterblichkeit von tastenden, weit ausgreifenden Poemen wie "After The Flood", "Eden" und "I Believe In You" ändert dies nichts: Mark Hollis, einst ein linkischer, zottiger Junge aus Tottenham, hatte sich bereits so weit von der tristen, mitleidslosen Realität entfernt wie damals Syd Barrett, auch wenn er morgens nicht mal mehr zum Bäcker ging, um zwei Brezeln und die "Times" zu kaufen. Die ganz und gar unwahrscheinliche Entwicklung von "The Party's Over" zu "Laughing Stock" ist in der modernen Popmusik fast ohne Beispiel, trotz Blumfeld, Blur, The Notwist. Man möchte auf einen mittelhohen Berg steigen und sich zu "April 5th" die Pulsadern durchtrennen. Happiness? Folgen sie dem weißen Kaninchen! "The Party's Over" (7), "It's My Life" (8), "The Colour Of Spring" (10), "Spirit Of Eden" (10) Jan Wigger

Talk Talk - "Such A Shame"

Mehr Videos von Talk Talk gibt es hier auf tape.tv!


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
jot-we 08.05.2012
Haha, die Einohrigen glauben, die Keinohr-User Hören lehren zu müssen ... ist doch immer wieder lustig, die Dienstags-Rezensionen zu lesen, freu :)))
2.
Tom_Taler 08.05.2012
Ich bitte darum, die Rubrik "Die wichtigsten CDs der Woche" umzubennenen in "Ein paar CDs die diese Woche erscheinen". Danke!
3.
Markenfetischist 08.05.2012
Ich wußte bis vor wenigen Minuten noch gar nicht, dass Beach House von Hipstern verehrt wird. Diese Hipster scheinen aber gute Musik zu hören, ich lese ja immer wieder von diesen Hipstern und was für Musik die hören, und irgendwie gefällt mir die Musik auch! Vielleicht habe ich einfach den falschen Geschmack...
4. Talk Talk
feixtel 08.05.2012
Schöne Rezension und Erinnerung an "Talk Talk". Meine Lieblinge sind "It's My Life" und "The Colour Of Spring". Das sind überragende Songs, perfekt inszeniert und vom Gesang des Herren "Mark Hollis" einwandfrei vorgetragen. Die späteren Alben sind "sperriger" und kann man nicht mal so eben im Vorbeigehen hören. Ob das besser ist, muss jeder für sich selbst entscheiden :-)
5. Wichtig!
RenHoek 08.05.2012
Ich bin weder ein "leichtblütiges Britpop-Mädchen", noch lebe ich in der "kleinen Welt von UK-Only-Puristen". Trotzdem muss ich erneut feststellen, dass auch die Autoren dieser Rubrik in einem sehr eingeschränkten Musik-Kosmos leben. Holt doch mal weiteren einen Redakteur ins Boot, der über den eigenen Tellerrand hinaus schaut. Damit die Rubrik ihren Namen verdient.
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