Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Bohrmaschine und Double-Bass-Inferno: Die Black-Metal-Heroen Deafheaven sind in Hipsterhausen angekommen. Eleanor Friedberger hat sich feste Stiefel angezogen, Waxahatchee haben Gossip-Girl-Studentinnen nichts zu bieten - und Thundercat ist der letzte Beweis für den Fusion-Jazz-Trend.


Deafheaven - "Sunbather"
(Deathwish/Indigo, ab 5. Juli/digital bereits verfügbar)

Also gut: Wann, wo und vor allem warum hat es eingesetzt, das plötzliche Interesse am Black Metal bei jenen James-Blake- und Disclosure-Hoodies tragenden Hipstern, deren Empfinden für das Dämmrige, Finstere bereits bei The National und alten Nick-Cave-Platten endet? Habt ihr wirklich in atemloser Spannung zwei Jahre lang auf eine Platte gewartet, die auf dem Label Deathwish erscheint, und - "man wird ja wohl mal fragen dürfen" (J. B. Kerner) - wieso hat man dann kaum jemanden von euch bei den Deafheaven-Konzerten Anfang vorigen Jahres gesehen? Oder - noch schlimmer - stand wieder irgendwas auf Pitchfork? Klar, erst mal ein total öder Move, Wigger heult rum, weil seine Lieblingsband jetzt auch von 300 anderen Typen mit Bart, aber ohne BM-Background gehört wird, mimimi … Aber dass sich wirklich mehr als 15 Prozent der dürren, von Nostalgie und Schwärmerei geprägten Shoegaze-Puristen, die mit Chapterhouse, Adorable, Ride und My Bloody Valentine aufwuchsen, das Gekotze und Gekeife von Deafheaven-Vokalist George Clarke reinziehen, muss man mir erst mal beweisen! Zudem seien Erkundigungen dahingehend erlaubt, warum es nun ausgerechnet die zweifellos begnadeten Wolves In The Throne Room und Deafheaven sind, die fürs gesamte BM-/Shoegaze-/Postrock-/Post-BM-Genre herhalten müssen und nicht etwa Woods Of Desolation? (Liturgy zähle ich nicht, das sind Studenten.) Aber vielleicht doch noch kurz zur Platte: "Sunbather" ist - und ich sage dies rundheraus - ein Meisterwerk, das sogar "Roads to Judah" locker übertrifft. Von Geschrei, Gebrüll, Gebretter, "Krach" usw. ist nichts zu hören, vielmehr handelt es sich um etwas äußerst Feinstoffliches, ja um ein ganzes Gebirge aus Emotionen, um Entrüstung, Erregung, Furor, aber auch Unsicherheit, Angst, Hingabe, Innigkeit, Liebe. Die sieben Tracks sind nicht zu trennen und ausdrücklich als Ganzes zu verstehen: Double-Bass-Inferno (wichtig: fühlen, nicht nur durchtreten!), Bohrmaschine ("Please Remember") und Floyd-Seligkeit ("Irresistible") - es ist alles eins. Bleibt nur noch die schier unmögliche Aufgabe, den einen Menschen zu finden, der mit mir gemeinsam Tocotronic, Dagobert und Deafheaven abfeiert, ohne dafür Geld zu nehmen. Die vor einer Woche zugestellte Vorab-CD von "Sunbather" riecht noch immer nach Parfum. (9.1) Jan Wigger

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Eleanor Friedberger - "Personal Record"
(Merge/Cargo, seit 14. Juni)

"Eleanor put those boots back on, kick the heels into the Brooklyn dirt", sang Franz-Ferdinand-Frontmann Alex Kapranos, damals schwer verliebt, über seine Freundin Eleanor Friedberger. Die Stiefel, also, die, die made for walking sind, zieht Friedberger sich immer gerne an, ihre Songs sind Kurzgeschichten oder lakonische Reisetagebuch-Einträge, manchmal über tatsächliche Ereignisse, manchmal über Seelenzustände. "Personal Record" heißt entsprechend Friedbergers zweites Solo-Album, seit die Fiery Furnaces, die Band, die sie zusammen mit ihrem Bruder Matthew betreibt, in Dauerschlummer versetzt wurde. Ihr Debüt "Last Summer" beschrieb 2011 die ersten zehn Jahre, die sie, aus Illinois stammend, in ihrer New Yorker Wahlheimat verbracht hatte; an Alltagssorgen und jede Menge Herzschmerz knüpfen nun auch ihre neuen Songs an, und man kann sich so seine Gedanken machen, ob nicht einer davon auf Ex-Lover Kapranos gemünzt ist. "Other Boys" zum Beispiel, die bitter-sarkastische Abrechnung mit dem Boyfriend, der zu viele Girls nebenbei bespaßt, "the spider you kissed in the stairwell" oder "that sometime star of stage and screen who had a bit part in a film back in her teens". Ist schon okay, "there are other boys, too", ruft sie ihm trotzig zu, aber man zweifelt, ob das nicht nur eine klägliche Lüge zur Selbstbehauptung ist. Das Schöne an Friedbergers Frustbewältigung: Sie quittiert Schicksalsschläge mit Humor ("If that's goodbye, I must be high" ("Stare At The Sun")) oder einem Schulterzucken ("I'll Never Be Happy Again"), zu dem schön entspannt gereimt und geschunkelt wird: "Frequent rejection, occasional affection - it's all for nothing in the wrong direction." Das nötige Laid-Back-Feeling holte sich Friedberger in Los Angeles, wo der Großteil der Aufnahmen gemacht wurde, unterstützt von Songwriter John Wesley Harding. So durchwehen das Album eine duftige Laurel-Canyon-Brise und ein Hauch von Fleetwood-Mac-Country-Softrock, denn man mache nicht den Fehler, Eleanor Friedberger in die Schublade mit den Balladen-Heulsusen stecken zu wollen, die dieses Diary-Genre bevölkern: Uptempo und eine burschikose Hemdsärmeligkeit sind hier Pflicht, denn Eleanor zieht sich nicht nur gerne Flanell-Karo an, sie kurvt auch gerne mal mit Langlaufskiern durch die angentrifizierten Industriebrachen von Greenpoint oder lässt im Autoradio Connaisseur-Zeug wie William Onyeabors Nigeria-Funk-Klassiker "Atomic Bomb" laufen, um Leute mit Nerd-Wissen zu beeindrucken. Carly Simon, Patti Smith, Chrissie Hynde, Aimee Mann, das sind so die Vorbilder für diese am Ende aber doch typischen, berührend klarsichtigen Friedberger-Lieder, jedes ein kleiner Hit. "Let's go, my songs", ruft sie im Schlussstück "Singing Time". And they'll walk all over you. (8,1) Andreas Borcholte

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Thundercat - "Apocalypse"
(Brainfeeder/Ninja Tune/Rough Trade, seit 21. Juni)

What goes around, comes around: Wohl dem, der Platten wie Stanley Clarkes "School Days", Herbie Hancocks "Head Hunters" oder die "Early Tapes" von Level 42 nicht aus falsch verstandenem Dünkel weggeworfen oder schon vor Jahren beim Trödler für ein paar Mark verscherbelt hat. Über Daft Punks Revival von Jazzfunk und -Prog im Dance-Kontext können die DJs aus dem Low End Theory Club in L.A. wahrscheinlich nur milde lächeln, dort kennen alle ihre Brecker-Brothers-Platten auswendig. Club-Stammgast und Brainfeeder-Labelboss Steven "Flying Lotus" Ellison huldigte den heute wie damals gerne als uncool verlachten Fusion-Jazz-Platten der Siebziger bereits auf seinen hervorragenden Alben "Cosmogramma" und "Until The Quiet Comes", seinem langjährigen Kumpel und Bassisten Stephen Bruner alias Thundercat produzierte er nun schon das zweite Solo-Album. Die Jazz-Einflüsse auf "Apocalypse" sind folglich hörbarer und deutlicher ausgearbeitet als auf dem noch etwas unentschiedenen, zwischen Elektronik und Indie-Rock pendelnden Debüt "The Golden Age Of Apocalypse". Zudem traut sich Bruner nicht nur, seinem virtuosen Bassspiel fröhlich daddelnd freien Lauf zu lassen, auch gesanglich wirkt er gelöster und meistert mit sanftem, melancholischen Falsett sowohl R&B-Derivate wie "Heartbreaks + Setbacks" und "Lotus And The Jondy" als auch blubbernde P-Funk-Swinger wie "Oh Sheit It's X" oder Uptempo-Balladen wie "Without You", in denen er sich zu Moog-Walgesängen ähnlich jubilierend hochschraubt wie einst Mike Lindup. Zum Glück vermeidet er aber das ostentative Slapping von Mark King. Textlich lassen die Ergüsse über verlorenene Jugend, entfleuchte Traumfrauen und Partys, die nicht mehr so rocken wie früher noch einiges an Poesie und ausgefeilter Rhetorik zu wünschen übrig, aber das macht gar nichts: "Apocalypse" überzeugt vor allem musikalisch als Testament eines Musikers, der sämtliche Coolness-Dogmen überwindet und seine exotischen Einflüsse furchtlos in einen ultramodernen, gleichzeitig nostalgisch verklärten Funk-Sound kanalisiert. Ellison und Bruner gehören schon jetzt zu gefragten Ratgebern und Produzenten der R&B- und Post-HipHop-Szene von L.A., man wird sich also in Hipster-Kreisen wieder an Weather Report, Return To Forever und die Wertschätzung versierter Instrumentalisten gewöhnen müssen. Nach Kraut nun also Jazz. Wie war das noch mal mit der Quartenharmonik? (7.9) Andreas Borcholte

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Waxahatchee - "Cerulean Salt"
(Wichita/Pias/Rough Trade, ab 28. Juni)

Aus beruflichen Gründen sah ich mich in den vergangenen acht Wochen täglich, ach was: beinahe stündlich gezwungen, den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Da ich unterwegs weder lese noch Musik höre (und schon gar keinen Internetzugang habe), sondern meist nur den frustigen U-Bahn-Gesprächen lausche, begegne ich ungewollt all dem Müll, dem sich Millionen Menschen in Seoul, Tokio, Hamburg und Berlin erfolgreich durch Kopfhörer entziehen. Bestes Beispiel: Freitagmittag, zwei - sorry, aber war so - sehr blonde Gossip-Girl-Studentinnen steigen in Hamburg am Dammtor zu und versuchen, über Fußball zu sprechen. "Der Son wechselt ja jetzt nach Leverkusen. Das ist in Bayern, oder?" - "Ja, das ist in Bayern." - "Dann muss der ja jetzt als Südkoreaner Bayerisch lernen, wie übel." - "Ja, hab ich mir auch schon gedacht - ätzend!" Mann, grübelte ich noch, wie unfassbar trostlos würden die beiden diese LP von Katie Crutchfield aka Waxahtchee wohl finden? "Cerulian Salt" entstand - wie schon das Bettkanten-Debüt "American Weekend" - nach dem Ende von Crutchfields erster Band P.S. Eliot. In Songs wie "Misery Over Dispute" und "Dixie Cups And Jars" spielt sie mit allem, was uns einmal lieb und teuer war: Liz Phair ("Exile In Guyville" ist 20 Jahre alt), Chan Marshall (bis "Moon Pix"!), That Dog (man höre "Coast To Coast"), Kaia und Veruca Salt. Schroffe, aber auch liebliche Gitarren, abgefederter Indie-Rock und ein paar Selbstbetrachtungen, die man mit ins Jenseits nehmen möchte: "I will find a way to leave gracefully/ Or I'll escape/ I do not falter losing face/ I dream I'll dive into something great/ Or something to take my grief away/ Dead leaves crunch, I will not be missed/ I fill my jar up to the brim/ I am an arid abyss." Omg, wie endlos schön, wie erstrebenswert! (7.2) Jan Wigger

"Coast to Coast"-Clip von Waxahatchee auf tape.tv ansehen

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insgesamt 2 Beiträge
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alleijoviwoan 25.06.2013
1. Yeezus
Wo bleibt denn die Besprechung von Kanye Wests neuem Album „YEEZUS"?
_oasis_, 28.06.2013
2. Aloha
Ich stehe auf diesen synthetischen Plastiksound, der mit Synthie reinrauscht und mit der Groove-Box per Drumcomputer einsetzt. Dann noch die Stimme ein wenig durch Auto-Tune gejagt, ein paar Effekte dazu. Fertig. Aber gut. Echt gut. Kann man nicht meckern: Fairmont - Last Dance (http://www.youtube.com/watch?v=Bhd5DvFs0lk) Öhm, nun meine Bitte: Mag ja sein, daß ich dergleichen überlesen habe bisher bei Abgehört, aber gibt's noch mehr/ähnliches von dieser Art Stoff? Geht sich gut bei der Hausarbeit. Evtl. Vorschläge von Mitforsiten? Hm? Bitte - Danke
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