Neue CDs der Duffy-Brüder Fliederfarbene Zeiten für alle

Stephen oder Nick? Wer Folk-Pop schätzt, muss sich nicht zwischen den Duffy-Brüdern entscheiden: Beide haben wunderschöne neue Alben mit The Lilac Time aufgenommen. Ausgerechnet der Jüngere erlaubt sich aber auch noch einen wehmütigen Rückblick auf seine bisherige Karriere.

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Wer das Album "Sapphire Stylus" von Nick Duffy and The Lilac Time ganz altmodisch in einem Laden mit Öffnungszeiten und Verkäufer erstehen will, muss sich auf den Weg nach Falmouth in Cornwall machen. Weltexklusiv bei einem Krämer in der Trelawney Road Nummer 43 ist das in weiche Pappe verpackte Werk dort zu haben - eine lohnende Investition für Menschen, die Freude an instrumentalen, samtenen Folk-Pop-Melodien haben.

Hier, am westlichen Zipfel Englands, ist auch ein Familiengeschäft der besonderen Art anzutreffen: "Sapphire Stylus" erscheint nämlich bei der Plattenfirma Bogus Frontage, die in Cornwall beheimatet ist und fest davon ausgeht, dass ihre Tonträger keine Bestseller werden. Der Chef des Wohnzimmer-Unternehmens ist Stephen Duffy, dessen Name normalerweise im Zusammenhang mit der Band The Lilac Time fällt. Nick Duffy ist sein großer Bruder, Gründungsmitglied von The Lilac Time und der Mann, der immer wieder wehmütige Instrumental-Songs beisteuerte.

Stephen Duffy hat so viele Tiefschläge im Musikgeschäft eingesteckt, dass alle Illusionen längst ausgelöscht sind. Nach einigen Jahren der Zusammenarbeit mit Robbie Williams muss er sich um materielle Nichtigkeiten aber keine Sorgen mehr machen. Die Zwänge der alten Musikindustrie hat er abgestreift und genießt nun eine Art Vorruhestand mit Vollbart, Gattin und Hund in einer Strandvilla.

Als eine Art Finale bei einer großen Plattenfirma ist nun Stephens "Memory & Desire" erschienen. Eine umwerfend schöne Doppel-CD mit überarbeiteten und verschollenen alten Liedern, einigen neuen Songs, aber vor allem eine Art Lebensbilanz. Mehr als drei Dutzend Balladen aus einer faszinierenden, drei Jahrzehnte währenden Karriere, die überwiegend unter Ausschluss eines größeren Publikums über die Bühne ging. Lieder aus ganz frühen Tagen, als er mit Kunststudenten-Kumpanen eine Band namens Duran Duran startete, nur um sie zu verlassen, bevor sie irgendetwas aufgenommen hatten, bis zu seinen wahnwitzigen Abenteuern als Autor und Bandleader von Robbie Williams. Beigepackt ist ein herrliches Büchlein mit ausgiebigen, amüsanten Kommentaren des Künstlers zu jedem Song.

Einerseits ist "Memory & Desire" das Finale einer Karriere, andererseits eben auch der Startschuss zu einem neuen Abenteuer. Denn nachdem Stephen Duffy eine zeitlang ernsthaft erwogen hatte, sich endgültig zurückzuziehen, legt er im neuen Jahrzehnt noch einmal mit Elan los. Noch 2009 hatte der Dokumentarfilm "Memory & Desire: 30 Years In The Wilderness with Stephen Duffy and The Lilac Time" in London Premiere. Nun soll er europaweit in Programmkinos zu sehen sein. Folgen sollen eine Autobiografie mit DVD, ein Lilac Time Live-Album, eine Platte mit Cover-Versionen - angeblich "Fattie Bum Bum" betitelt, behauptet der Chef -, ein Solowerk seiner Gattin Claire Duffy und eine neue CD von Stephen Duffy mit The Lilac Time. Beim Zusammenstellen von "Memory & Desire" habe er sich schon gefragt, warum eher nicht so viele Menschen seinen Liedern lauschen, ist im Booklet dezent vermerkt.

Hoffentlich nutzt ein größeres Publikum als erwartet die Chance, das jetzt nachzuholen.


CD Nick Duffy And The Lilac Time: "Sapphire Stylus" (Bogus Frontage)
CD Stephen Duffy And The Lilac Time: "Memory & Desire" (Universal)



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