Frank Ocean - "Channel Orange"
(Def Jam/Universal, bereits erschienen)
Frank Oceans Leben änderte sich für immer auf dem Fahrersitz eines Nissan Maxima. Vor vier Jahren, nach einem Sommer voller Zärtlichkeit, stieg Franks erste und größte Liebe aus dem Wagen und kehrte zu seiner Freundin zurück. Hatte er sich die gegenseitige Liebe nur eingebildet? "I felt like I'd only imagined reciprocity for years. Now imagine being thrown from a cliff. No. I wasn't on a cliff. I was still in my car telling myself it's gonna be fine and to take deep breaths. I took deep breaths and carried on." Das, neben dem vielbeachteten Geständnis, schwul (oder zumindest bisexuell) zu sein, veröffentlichte Ocean am 3. Juli
via Tumblr und löste vor allem in den USA viel
mediales Raunen und Rauschen aus. Ein Mitglied der traditionell homophoben Rap- und HipHop-Szene, das sich outet, sorgt halt auch im Jahr 2012 noch für erhobene Augenbrauen. Man kann nur hoffen, dass diese durchaus wichtige und sehr willkommene Debatte über sexuelle Verklemmungen in diesem immer noch von Mackern und Machos geprägten Genre sich nicht wie ein Filter über Frank Oceans Debüt-Album "Channel Orange" legt, denn es ist musikalisch und stilistisch viel zu grandios, um als Fußnote eines Coming-outs in die Geschichte einzugehen.
Ocean, 24 Jahre alt, war bis jetzt Mitglied der kalifornischen HipHop-Posse Odd Future Wolf Gang Kill Them All, die von dem Rapper Tyler the Creator angeführt wird, doch in diesem Zusammenhang wird man wohl nur noch selten von ihm sprechen. Denn Frank Ocean etabliert sich mit "Channel Orange" aus dem Stand als einer der interessantesten und vielseitigsten Künstler, die R&B in seiner modernen Spielart zurzeit zu bieten hat. Hier mal ein paar provokant hingeworfene Meilensteine, an denen man diese Platte messen könnte: Stevie Wonders "Music Of My Mind", D'Angelos "Brown Sugar", Outkasts "Speakerboxx/ The Love Below", Kanye Wests "My Beautiful Dark Twisted Fantasy". Franks verbotener Lover verriet ihm übrigens erst Jahre später, dass auch er mehr als Freundschaft empfunden hatte, damals in dem magischen Sommer. Vielleicht schöpfte Ocean auch aus diesem späten Geständnis die Kraft für dieses erstaunliche Debüt, das sich zu großen Teilen jener Melancholie unter Palmen widmet, die schon Dashiell Hammett und Raymond Chandler als Grundlage für ihre schattenhaften Milieuskizzen dienten. "California noir" nannte das ein Kollege in der "Süddeutschen Zeitung" treffsicher.
Und so singt Frank Ocean also über die gelangweilten Wohlstands-Kinder, die zu viele ziellose "Joyrides in Daddy's Jaguar" absolvieren: "Super rich kids with nothing but loose ends/ Super rich kids with nothing but fake friends". Er fühlt sich fremd zwischen dem ganzen Bling, dem fahlen Glamour und dem falschen Lächeln und all dem hirnlosen Gewäsch der In-crowd von L.A., er sucht nach dem "real life". Und auch der death wish, der ihn damals, im abgerockten Nissan, heimsuchte, folgt ihm noch nach: "We end our day upon the roof/ I say I'll jump/ I'll never do/ But when I'm drunk I'd like to fool". Musikalisch zeigt Ocean hier eine Bandbreite, die von klassischem Stevie-Wonder-Soul über komplizierten Afro-Heritage-Funk ("Pyramids") und Psychedelic-Rap ("Crack Rock") bis hin zu gediegenem Yacht-Rock ("Sweet Life") und lupenreinem Pop reicht. Die fiebernde Kirchenorgel und die hochschraubenden Gesänge in der verzweifelten Glaubensabrechnung "Bad Religion" erinnern an den zeitweise ähnlich gequälten white boy Rufus Wainwright.
"Why see the world/ When you've got the beach?", singt er in "Sweet Life": Frank Oceans Musik klingt vordergründig gelassen und laid back, doch seine Stimme und die Geschichten und Beobachtungen tragen so viel Verletztheit und Trauer in sich, dass man vor nachempfundener Sehnsucht und Geschichtsschwere zusammenzuckt, wenn sein Protagonist im Herzstück des Albums, "Pyramids", nach der Rückkehr Kleopatras ruft, der African Queen of fucking everything: "Uh-uh-oh/Bring her back to me!" - dazu ein in Moll verkehrter, ins Gemächliche verlangsamter David-Guetta-Stampfbeat, als wolle er all die männlichen und weiblichen R&B-Hupfdohlen da draußen für ihren kurzlebigen Billig-Sound verhöhnen. Aber nicht boshaft, nicht als diss, wie es sein Genre eigentlich vorschreibt, sondern cool. "I don't know anything. & neither do you" lautet sein Testimonial auf Twitter. Die Weisheit des Ozeans. (9.5) Andreas Borcholte
Best Of "Abgehört"
Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist
Can - "The Lost Tapes"
(Mute/Goodtogo, bereits erschienen)
Als ich vor vielen Jahren in einem kaschemmigen Kellerclub in Norwegen zufällig Damo Suzuki traf, war ich bereits großer Can-Bewunderer. Ich befragte den kleinen, dürren und vollkommen in sich ruhenden Galaxienwanderer zitternd nach "Tango Whiskyman" und "Deadlock", meinen beiden liebsten Songs der Suzuki-Ära. Och, das sei jetzt schon so lange her, flüsterte der Japaner, daran könne er sich ja gar nicht mehr erinnern, aber er freue sich natürlich, dass mir die Stücke auch nach so langer Zeit noch gefielen, sie seien bestimmt ganz gut, auch wenn er und der kongeniale Rest damals sicher wieder nur irgendetwas aus dem Nichts improvisiert und das Band hätten mitlaufen lassen. Can spielten die freieste Form von freier Musik, eine anarchistische Gemeinschaft, die sich Beschränkungen im Denken nicht erlaubte, eine "geometrische Figur aus Menschen" (Michael Karoli), keiner wichtiger oder unentbehrlicher als der andere. "The Lost Tapes" ist zu den größten deutschen Ausgrabungsarbeiten der letzten Dekaden zu zählen: Auf 3 CDs, die in einem fast schallplattengroßen, geräumigen Karton stecken, wird eine weitere Can-Geschichte von 1968-1977 ohne Anfang und ohne Ende erzählt. Gemeinsam mit Jono Podmore sichtete Irmin Schmidt rund 50 Stunden Archivmaterial, zum Teil unberührt seit über 40 Jahren, weil bei Can immer
alles aufgenommen wurde und wohl niemand so recht Lust hatte, all die Fragmente und Bruchstücke (die man aus finanziellen Gründen teilweise schon wieder mit neuerem Material überspielt hatte), zusammenzusetzen. Ein Fehler, denn Malcolm Mooneys manisches Mantra "Waiting For The Streetcar", die Schnapsidee "Your Friendly Neighbourhood Whore", der "Bubble Rap" und die Filmmusiken zu Samuel Fullers Tatort "Tote Taube in der Beethovenstraße" (vergleiche auch "Vitamin C" auf "Ege Bamyasi") oder Wim Wenders' "Alice in den Städten" sind nicht weniger als eine Sensation. Und immer, wenn ich sie höre, erinnert mich die wilde, überhitzte Live-Version von "Spoon" an "Ich sah Gott und/oder Tangerine Dream" von Lester Bangs. Grandios: Die liebliche Miniatur "Oscura Primavera", die Irmin Schmidt im Booklet mit den Worten "manchmal waren wir auch nur einfach nett" kommentiert. Das, verehrte Damen und Herren, ist natürlich eine Lüge.
(8.9) Jan Wigger
Can - "Dead Pigeon Suite"
The Flaming Lips - "The Flaming Lips And Heady Fwends"
(Bella Union/Cooperative Music/Universal, 27. Juli)
Meine erste Frage war: Wie soll ich an einem einzigen Wochenende ein 3-CD-Box-Set von Can
und eine neue LP der Flaming Lips, auf der Yoko Ono singt, anhören und besprechen, wenn das Geld für Drogen fehlt? Wie gut, dass ich a) wenigstens immer voll bin, wenn ich "Abgehört" schreibe und b) rein gar nichts mit diesen Hipster-Partys in Brooklyn, von denen Kollege Borcholte immer so schwärmerisch erzählt, zu tun habe. Auf denen läuft nämlich ab sofort (ach was, seit
21. April schon, ein echter Hipster lässt sich die Vinylausgabe schließlich gleich am Record Store Day in den M.Ward-Stoffbeutel schieben) "The Flaming Lips And Heady Fwends", während Hornbrillenträger und Hornbrillenträgerinnen ohne jegliche feststellbare Sehschwäche zusammen sitzen, ihr triangelförmiges
wholewheat bread mit den Katzen teilen und sich darüber unterhalten ("Right?" - "Right, like - totally!" - "Yeah, dude, I know!"), wie sie gemeinsam ihre Animal-Collective-Sammlung vor dem Cielo verbrannten, weil "Summertime Clothes" bei Starbucks lief. Auf "The Flaming Lips And Heady Fwends" stellt Wayne Coyne, dessen Alben zuletzt immer unhörbarer wurden, ein paar geladene Gäste vor: Ke$ha (die "2012 (You Must Be Upgraded)" dankbarerweise nicht ganz zertrümmert), Prefuse 73 (die "Supermoon Made Me Want To Pee" leider ganz zertrümmern), Nick Cave (der Nick Cave parodiert), Tame Impala (tolle Floyd-Hommage, etwa "Animals"-Phase), Jim James von My Morning Jacket (singt über Aphex Twins "Ventolin" drüber, grausam), Erykah Badu (der Untergang der alten Welt, unsagbar traurig, aber auch vollkommen brillant) oder auch Bon Iver, der mit "Ashes In The Air" zumindest nicht weiter stört. Eine Platte, die man allein hören sollte, schlafend, auf dem Dach
.
(6.7) Jan Wigger
Lawrence Arabia - "The Sparrow"
(Bella Union/Cooperative Music/Universal, 20. Juli)
Londoner Sommer, das vielleicht zum Trost, können furchtbar verregnet und trist sein. Noch schlimmer ist das vielleicht für einen Neuseeländer wie James Milne, denn dort, im Auenland am Ende der Welt, scheint bestimmt immer die Sonne über den satten Wiesen und schneebetupften Bergen. Und sein Namensgeber Thomas E. Lawrence fühlte sich im Wüstenmeer auch wohler als im Wasser. Aber Milne alias Lawrence Arabia hatte es nach dem überraschenden Kritiker-Erfolg seines Debüts "Chant Darling" an den Nabel der Popmusik verschlagen. Obwohl, wenn man sich die Einflüsse seiner ersten Platte vergegenwärtigt, wäre die Stadt am Mersey die bessere Wahl gewesen, aber sei's drum. Den
Swinging Sixties ist Milne treu geblieben, den Beatles zum Glück nicht so sehr. Auf seinem neuen, weitaus selbstbewussteren Album "The Sparrow" mischen sich unter könnerhafte Reverenzen an Dusty Springfield, Burt Bacharach und Scott Walker auch moderne Zitate. Im Opener "Traveling Shoes" und im verholperten "The 03" zum Beispiel, einer hinreißenden Coming-of-Age-Geschichte, verneigt sich Milne tief vor David Byrne und den späten Talking Heads. "Lick Your Wounds", auf sehnende Streicher, Bläser und Pianoklänge gebaut, lässt die Ironie Neil Hannons hervorblitzen, "Legends" ist pure Ben-Folds-Travestie; das Humptydumpty-Schunkeln von "Dessau Rag" ist zu gleichen Teilen Lalo Schifrin und Beiruts Neo-Polka. Doch immer mehr löst sich Milne von seinen Vorbildern und sucht seinen eigenen Sound, eine Ernsthaftigkeit, die das Debüt noch über weite Strecken vermissen ließ. "Bicycle Riding" beschreibt auf einfachem Piano-Beat eine Fahrradtour durch vernieselte Orte Britanniens ("I've seen them all before"). Die englische Landpartie ist eine Reise zu sich selbst: Im meditativ-psychedelichen und orientalisch begeigtem Schlüsselstück "Early Kneecappings" lässt Milne tief in seine trübe Kindheit blicken: "I took to swimming at an early age/ I never got any good". Kurz vorm Ertrinken im strömenden
London rain, aber dem Songwriting hat's geholfen.
(6.1) Andreas Borcholte
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)