Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Die kanadische Post-Rockband Godspeed You! Black Emperor lässt unsichtbare Sonnen und spirituelles Dröhnen ineinanderfließen. Muss man hören. Gleiches gilt für das ebenfalls aus Kanada stammende Krach-Trio Metz. Und sonst? Neues von Donald Fagen und Ben Gibbard ganz allein.

Godspeed You! Black Emperor - "'allelujah! Don't Bend! Ascend!"
(Constellation Records/Cargo, 19. Oktober)

Vergangenen Winter in San Francisco: Stehe in einem der schönsten Clubs Amerikas, muss mir nach dem viel zu kurzen Auftritt von Matana Roberts (wegen der ich eigentlich hier bin) das A Silver Mt. Zion Memorial Orchester angucken und grüble wegen der engen Verwandschaft über Godspeed You! Black Emperor nach: Neben Mono und Yndi Halda noch immer bestes Post-Rock-Outfit der Welt, das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite stehen bedauernswerte Journalisten, die über die Musik dieser Wahnsinnigen schreiben müssen: "majestätisch", "episch", "atmosphärisch dicht", "Kopfkino" (die Verwendung dieses Begriffes findet allen Ernstes auch im realen Leben statt, ich war selbst dabei), "große Kunst", "Soundtrack zu einem Film, der nie gedreht wurde", "Soundtrack zu einem Film, der erst noch gedreht werden muss", "Soundtrack zum Film 'Der dunkle Kristall'", "facettenreich", "orchestrale Wucht", "Noise-Kakophonien" usw. - alles hilflose Umschreibungen eines Denotats, das sich nun einmal nicht beschreiben lässt. Schon die Songtitel des ersten Godspeed-Albums seit zehn Jahren zeigen einen Bereich des Unaussprechlichen, mit Worten nicht fassbaren Gegenstands an, und klappt man das schwere Gatefold-Vinyl auf, sieht man einen toten Vogel. Zwei (selbstredend überlange) "Songs" sind ergebenen Jüngern der Band bereits bekannt, zwei neue Monster gibt es auch, doch natürlich fließt auf "Allelujah! Don't Bend! Ascend!" wieder alles ineinander, mit vielen warmen Grau- und Blautönen, unsichtbaren Sonnen und spirituellem Dröhnen, das nicht selten an "Monoliths & Dimensions" von Sunn O))) gemahnt. Doch es hilft ja alles nichts: Um zu begreifen, müsst ihr hören. Zuerst Vinyl, dann CD. (7.8) Jan Wigger

Metz - Metz
(SubPop/Cargo, bereits erschienen)

Man braucht nur drei Leute, um den größtmöglichen Lärm zu machen, das wissen wir spätestens seit der Jimi Hendrix Experience. Nun haben Alex Edkins, Hayden Menzies und Chris Slorach nicht viel mit virtuosem Gitarrenspiel am Hut, das Trio aus Toronto fasziniert eher durch die anderen beiden Bandelemente: Unfassbar brutal donnerndes Drumspiel und ein Bass, der in der Magengrube nachhallt, wenn man das Konzert längst mit Hörsturz verlassen hat. Metz haben sich Zeit gelassen mit ihrem Debüt-Album, das nun stilecht auf dem ehrwürdigen Seattle-Krachlabel SubPop erscheint. Seit 2007 haben die drei Kanadier an ihrem Brachialsound gefeilt, waren mit Legenden auf Tournee, darunter Mudhoney, Archers Of Loaf und NoMeansNo. Tatsächlich klingen Metz wie ein Echo vergangener Hardcore-Zeiten, mit verfuzzten Gitarren und dem atemlosen Brüllen von Sänger Edkins im heftig taumelnden "Knife In The Water": "Fall down! Fall down! Fall down!" Bands wie Unsane, Jesus Lizard oder gar Dead Kennedys ("Wet Blanket") und Helmet ("Wasted") standen hier Pate, aber die Produktion ist natürlich weitaus besser und transparenter als 1991. Zusammen mit Fucked Up, den Japandroids und einigen anderen bilden Metz die Speerspitze eines Revivals, das sich dem Noise der Pre-Grunge-Jahre verschrieben hat. Wut-im-Bauch-Gefühl und Energielevel stimmen auf dem Debüt schon mal, in der Mitte gibt es mit "Nausea" eine kleine instrumentale Verschnaufpause, die klingt, als wäre sie im Inneren eines Ölfasses aufgenommen worden, auf das von außen drei Kerle im Flanellhemd mit Keulen hauen. So hätten Nirvana klingen können, hätten sie den Nachfolger von "Bleach" nicht bei Geffen veröffentlicht, lobt das US-Magazin "Pitchfork.com". Vielleicht ein wenig arg hochgejubelt. In jedem Fall sind Metz die Muskelmänner des neuen, weißen Frustrationsrocks. (7.2) Andreas Borcholte

Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Donald Fagen - "Sunken Condos"
(Reprise/Warner, bereits erschienen)

Immer wenn ich "Aja", "Gaucho" oder "Everything Must Go" von Steely Dan auflege, denke ich, dass Fans der Beatsteaks wohl verrückt würden, wären sie gezwungen, dieser aristokratischen, lukullischen, gleichmäßig pulsierenden Musik zuhören zu müssen. Dazu passt, dass Donald Fagens letzte Solo-LP, "Morph The Cat", zu jenen Platten gehörte, die seltene Hausgäste langweilte, weil angeblich "jedes Lied gleich" klang. Fagens Songs über die kritisch reflektierte Liebe sind immer der teuerste Einrichtungsgegenstand im Haus, sie nachspielen zu wollen, muss ein Graus und schwieriger sein, als sich an den Anfang eines Dream-Theater-Stücks zu erinnern, während es endet. Das bestechende "Slinky Thing" gibt den Takt vor, Fagen hat - das altbekannte, geliebte Motiv - eine junge Frau (die Tochter des Mädchens aus "Hey Nineteen" von 1981?) kennengelernt ("A madman on a bench screams out:/ Hold on to that slinky thing") und schlägt mit ihr auf einer Party auf: "Everybody stood around/ Thinkin': Hey what's she doin'/ With a burned-out hippie clown". Dazu das "Prophet 5"-Keyboard, Glockenspiel, Vibraphon, Trompete, Posaune, diverse Saxophone - und Fagens verstohlene Stimme, vielen zu ausgesucht, zu geschmäcklerisch, uns aber gerade recht. Isaac Hayes' sehr körperlicher Track "Out Of The Ghetto" klingt bei Fagen raffinierter, doch weder der Groove (Freddie Washingtons Bass!), noch die alte Maxime werden beschädigt: "I took you out of the ghetto/ But I could not get that ghetto out of you". Über "Weather In My Head" (in dem Wissenschaftler zwar das Weltwetter ausbessern, nicht aber Fagens Kopf reparieren können) und das süffige "Miss Marlene" führt uns der Stromer zu einem unzüchtigen Himmelskörper: "But when you need big lovin'/ She never stops/ Yes it's monkey time - twenty-four-seven/ The name of the planet:/ Planet D'Rhonda." Donald and the real girl. (8.4) Jan Wigger

Benjamin Gibbard - "Former Lives"
(City Slang/Universal, 19. Oktober)

"These songs span eight years, three relationships, living in two different places, drinking then not drinking", schreibt Ben Gibbard über sein erstes Solo-Album nach 15 Jahren als Sänger von Death Cab For Cutie. Schon auf "Codes And Keys", dem letzten Album der Band aus Seattle, hörte man aus Gibbards Texten nahendes Unheil heraus: "Plates will shift, houses will shake/ Fences will drift, we will awake/ Only to find nothing's the same". Das mag sich in der Rückschau betrachtet auf das drohende Ende seiner Ehe mit "New Girl"-Star und Sängerin Zooey Deschanel bezogen haben: Im November 2011 gaben die beiden Szene-Darlings ihre Trennung bekannt. Vielleicht der Auslöser für Gibbard, sich musikalisch aus Zwängen und Zusammenhängen zu lösen. "Former Lives" demonstriert vor allem seine Hinwendung zu erwachseneren Formen. In Los Angeles lernte er viel von den Altvorderen der alternativen Westcoast-Szene: Jon Brion ("Magnolia"), Michael Penn, Aimee Mann (die in "Bigger Than Love" mitsingt) standen Pate für einen Sound, der sich bewusst vom Indierock löst. Das klingt manchmal nach Jon-Brion-Einmaleins ("Dream Song"), manchmal nach Collegerock-Standards der Neunziger mit einer Prise Roy Orbison ("Teardrop Windows", "A Hard One To Know"), manchmal auch nach spätem John Lennon ("Duncan, Where Have You Gone?"). In "Something's Rattling (Cowpoke)" versucht er sich gar als Mariachi für das soignierte Publikum des "Largo"-Clubs am La Cienega Boulevard, traditionell eine Bühne für aufstrebende Barden. Aber wo bleibt Gibbards eigene Persönlichkeit in diesem lakonischen Westküsten-Zurückgelehne? Droht unterzugehen, sagen wir mal vorsichtig. Zu unscharf, zu wenig zupackend sind die Texte des sonst nicht zimperlichen Songwriters (siehe "Cath…"). Man vermisst das Verkaterte, die Verlorenheit, die langen Nächte vor dem Abgrund, den Sarkasmus und die Bitterkeit, die einem Aimee Mann auch im fröhlichsten Lied noch unterjubeln kann. "Former Lives" hingegen ist eine irritierend unbeschwerte, vielleicht sogar beliebige Sammlung hübscher Pop-Melodien geworden. Vielleicht hätte er sich, statt auf die letzten acht Jahre, auf die letzten acht Monate konzentrieren sollen. (6.0) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Oooh,
kunstdirektor 16.10.2012
jetzt werden auch noch die wichtigsten CDs abgehört. Sind wir denn nirgends mehr sicher?
2.
Originalaufnahme 16.10.2012
Die wichtigste CD der Woche ist ja gar nicht dabei. SPIEGEL: Rheinland-Pfalz erwägt Ankauf von Steuer-CD - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/spiegel-rheinland-pfalz-erwaegt-ankauf-von-steuer-cd-a-861238.html)
3.
drlawrencejacoby 16.10.2012
Kann mir jemand erklären, warum immer wieder "Gaucho" zu den besten Steely-Platten gezählt, wenn nicht gleich zur besten Steely überhaupt erklärt wird? Muss wohl auf Detlef Diederichsen zurück gehen... Klar ist sie immer noch besser als vieles, vieles, vieles Andere - aber definitiv die schlechteste Steely Dan. Ansonsten hat Wigger wie immer recht.
4. Welche Schwammtücher sind besser?
Nabob 16.10.2012
Zitat von sysopDie kanadische Post-Rockband Godspeed You! Black Emperor lässt unsichtbare Sonnen und spirituelles Dröhnen ineinanderfließen. Muss man hören. Gleiches gilt für das ebenfalls aus Kanada stammende Krach-Trio Metz. Und sonst? Neues von Donald Fagen und Ben Gibbard ganz allein. http://www.spiegel.de/kultur/musik/neue-cds-godspeed-you-black-emperor-metz-donald-fagen-benjamin-gibbard-a-861470.html
Die von Aldi oder die von Lidl, und vor allem welche Farbe ist momentan total angesagt, wer wurde über dieses Thema promoviert, von wem, ist jener auch integer? Wieviel Blatt Toilettenpapier dürfen wir pro Abwischen benutzen, welcher Journalist kann darauf eine begründete Antwort geben?
5. geschmäcklerisch
Jottenn 16.10.2012
Donald Fagen (und auch Steely Dan) machen eine Musik, die man oft und oft hören kann und immer noch wieder etwas Neues entdeckt. Wer so etwas langweilig findet soll doch weiterhin Wendler hören.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 42
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Metz: Metz

    2. Jon Spencer Blues Explosion: Meat And Bone

    3. Fink: Vogelbeobachtung im Winter

    4. Matt Fraction, David Aja: Hawkeye

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    7. Seapony: Falling

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Jan Wiggers Playlist KW 42
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    3. Jack November: Jack November

    4. Renaissance: Ashes Are Burning

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    6. Sabbath Assembly: Restored To One

    7. Laibach: N.A.T.O.

    8. Coven: Witchcraft Destroys Minds & Reaps Souls

    9. Tokio Hotel: Humanoid

    10. Current 93: Hitler As Kalki

Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.