Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Zu Gravenhurst kann man Freunde sterben sehen. Und wenn sie tot sind, werden sie so gefleddert wie der Leichnam von Joey Ramone. Me And My Drummer aus Berlin haben bereits das Wichtigste verstanden: Lieber gute Lügen als schlechte Wahrheiten.

Von Jan Wigger


Gravenhurst - "The Ghost In Daylight"
(Warp/ Rough Trade)

Erfahrungen mit der neuen Platte von Gravenhurst: Ein paar von denen, die schon vorher nicht schreiben konnten, probten plötzlich Poeme auf Rilke-Niveau (Altaj Schumagolov, der Rilke Kasachstans), ein paar andere konvertierten zum Vedismus (ich nicht, meine Weltanschauung setzt sich zu gleichen Teilen aus Buddhismus, Satanismus, Weltekel und dem Spielplan der Primera División zusammen) oder begannen eine dreiwöchige Reiskur. Nick Talbot aber blieb einfach Nick Talbot, außer dass er jetzt so gnädig, klar und ausgekühlt Gitarre spielt wie Bert Jansch (oder wie Trevor Lucas, oder wie Simon Nicol, wie irgendjemand halt, den die Indie-Kinder von heute sowieso nicht kennen, die bewundern lieber gleich Talbot selbst, oder meinetwegen The Album Leaf) und mit "The Ghost In Daylight" eine Art episches Gleichmaß erschaffen hat, das nie verblasen, nie wichtigtuerisch klingt. Dieses Album ist am Stück zu hören (auch wenn man "The Prize", "In Miniature" und "The Foundry" immer gleich mehrmals hintereinander erleben möchte), ganz ohne soldatische Disziplin und unter strenger Nichtbeachtung des Nützlichkeitsprinzips. "All is quiet through the house, sound asleep now/ All is quiet, turn the key, burn the house down." Die schläfrig schleichenden Songs von Nick Talbot sind wie der Fernseher ohne Ton, der im Wartezimmer der Notaufnahme läuft, während du auf den Tod deines besten Freundes wartest. Schatten in die Haut tätowiert. (8) Jan Wigger

Joey Ramone - "...Ya Know?"
(BMG Rights Management)

Nur neun Tage, nachdem Klaus Wowereit im Berliner Trümmerstadion dümmlich mit einem Hertha-Fähnchen wedelte, sorgten schlecht bezahlte Sky-Praktikanten für eine Sensation: Während bei Sat 1 bloß Stanfour und Andreas Görlitz' Band Room 77 das Debakel dahoam untermalen durften (schmerzlich vermisst: Die lustigen Isländer Of Monsters And Men, eine nachgerade pathologisch ausgelassene Version von Arcade Fire für intellektuell beeinträchtigte Öko-Aktivisten), lief beim Bezahlsender "Johnny Kwango" von The Bevis Frond! Was sagt uns das? Nichts, denn Robin Gibb ist tot, Kurt Felix auch, und Joey Ramone kann sich schon lange nicht mehr wehren. Nach der noch recht ordentlichen Songsammlung "Don't Worry About Me" von 2002 wird nun der letzte Rest des Leichnams gefleddert. An dieser Stelle schaltet sich für gewöhnlich die Promotion-Abteilung ein: Nein, kein cash in, alles liebevoll zusammengestellt, von Freunden (Little Steven, Joan Jett, Cheap Trick usw.) begleitet, Daumen hoch in der "TV Spielfilm", und überhaupt: Joeys Wille, Penner! In Wahrheit ist "...Ya Know?" für den Ramones-Getreuen, der schon alles hat, allenfalls aufgrund der rührenden "Waiting For That Railroad" und "Life's A Gas" wirklich interessant. So stehen einem hübschen Nachhall der Spector-Phase ("Party Line") und dem Wiedersehen mit "Merry Christmas (I Don't Want To Fight Tonight)" mit "Rock'n Roll Is The Answer" (empirisch nicht beweisbar) und "I Couldn't Sleep" (ja nun) bräsiger Paul-Sahner-Rock entgegen. You should never have opened that door. (5) Jan Wigger

Me And My Drummer - "The Hawk, The Beak, The Prey"
(Sinnbus/ Rough Trade)

Bin mir nicht ganz sicher, was schlimmer ist: Power-Frauen im Allgemeinen (DIE HÖLLE!) oder Florence & The Machine im Speziellen (die vielleicht höchste Strafe Gottes, eine Folter, die auf die Minute genau so lange währt, bis alle Vögel der westlichen Welt tot vom Himmel gefallen sind). Ich las einige ausgewählte Artikel über das Duo Me And My Drummer und befürchtete sowohl Florence & The Machine als auch eine Powerfrau, doch Tobi Siebert, der diesen "Diskus" (Andreas Schöwe) produzierte und niemals lügt, beruhigte mich schon im Vorfeld, indem er Charlotte Brandi und ihre Stimme (flammend, lavendelfarben, lackglänzend) in den höchsten Tönen zu würdigen verstand. Und tatsächlich: "Rain Kids" erinnert wohlig an Kyoto, "You're A Runner" ("If you can break things there/ You'll break them anywhere") an Fever Ray (ohne Pica pica und Black Metal-Theater). Me And My Drummer, traurig, verzückt und aus Berlin, verfahren schon jetzt nach dem einzig richtigen Prinzip: Lieber gute Lügen als schlechte Wahrheiten, denn "ab 10.000 Platten verkauft man an Idioten" (Zitat Phillip Boa). Charlotte Brandi wird mit jedem Jahr mehr Rotwein trinken müssen - wie die fragilsten Charaktere in Alan Balls "Six Feet Under". Siehst Du die Angst, die sie haben? (7) Jan Wigger

Lee Hazlewood - "The LHI Years"
(Light In The Attic/ Cargo Records)

Hazlewood/ The LHI Years

Hazlewood/ The LHI Years

Das Erschütterndste an Lee Hazlewoods Haus in Henderson, Nevada waren nicht der Pool, nicht das Katzenklo im Badezimmer und nicht die fürsorglichen Augen seiner Frau, die uns Kaffee aus Dosen anbot und später erzählte, dass Lee ihr immer mehr Geld fürs Casino mitgab, als sie brauchte. Das Erschütterndste war der neue, gewaltig große Flachbildfernseher, auf dem Hazlewood aus einem grünen Lehnsessel heraus Baseball und die NFL verfolgte. Der geschäftstüchtige Sänger war schon sehr krank und nahm viele Tabletten, freute sich aber noch wie ein Kind über einen Witz von Eddie Izzard oder die himmlische Ruhe auf seiner Veranda. Kein Jahr später war er tot, denn wem Gott eine Gabe verleiht, dem gibt er auch die Peitsche. Doch für "Some Velvet Morning", "Bye Babe", "No Train To Stockholm", "Summer Wine" und die "LHI Years"-Fotosession hat es sich gelohnt. Das Light-In-The-Attic-Label brachte uns bereits Michael Chapman und den unsterblichen Jim Sullivan, nun gibt es die "Singles, Nudes & Backsides" aus dem schmalen Zeitraum 1968-1971. And oh boy, did Lee ramble. (8) Jan Wigger

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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