Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Janet Jacksons Comeback-Album ist ein musikalischer Triumph, aber inhaltlich rückwärtsgewandt. Außerdem: das intensive dritte Album von Die Nerven, die Black-Metal-Provokateure Deafheaven und sozialkritische Elektro-Folklore aus Yorkshire.

Von und Andreas Busche


Liebe Abgehört-Leser, ein Porträt der Band Wanda aus Anlass ihres zweiten Albums "Bussi" finden Sie hier.

Janet Jackson - "Unbreakable"
(Rhythm Nation/BMG Rights, seit 2. Oktober)

Vielleicht gilt es in Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, seit einigen Jahren Janet Jacksons neue Heimat, ja bereits als total verrucht und skandalös, wenn sie in "Night" singt: "I woke up in heaven in the morning". Einen Song später protzt sie damit, dass sie überhaupt gar nicht mehr zum Schlafen komme, "No Sleeep" (mit drei e), wenn ihr Gatte denn mal für eine gemeinsame Nacht nach Hause kommt.

Oho, wie anzüglich, denkt man, bevor einem wieder einfällt, dass hier ja Janet Jackson singt, die Frau, die mit Alben wie "Janet" und "The Velvet Rope" einst aufs Expliziteste weibliche Sex- und Masturbations-Phantasien ausbreitete - was dann 2004 im berüchtigten Nipplegate-Skandal beim Superbowl mündete. Auf Jacksons emanzipatorische Pionierarbeit, in den Achtzigern erst musikalisch und tänzerisch, danach auch inhaltlich, baute eine ganze Generation junger Musikerinnen auf, von Beyoncé über Rihanna bis zu FKA Twigs.

Janets Ehemann ist seit drei Jahren der Geschäftsmann Wissam al-Mana aus Katar, der mit 40 Jahren rund neun Jahre jünger ist als seine weltberühmte Frau. Die sieht natürlich, zumindest auf dem Cover ihrer neuen Platte "Unbreakable", keinen Tag älter als - sagen wir - 39 aus, insofern passt's. Man hatte gedacht, dass sich Jackson nach dem eher missglückten Versuch, sich mit dem Album "Discipline" (2008) aktuellen Pop-Trends anzuschließen, vielleicht doch lieber in den verdienten Ruhestand zurückziehen würde. Der Tod von Bruder Michael im Jahr darauf war ein zusätzlicher, weitaus schwerer wiegender Tiefschlag.

Aus dieser Phase der privaten Umbrüche kehrt Jackson nun mit einem sehr guten Album zurück. Man kann sich allein schon darüber freuen, dass man einmal nicht den inzwischen schwer enervierenden Einheits-Pop-R&B-Brei der gängigen Produzenten von Mike Will Made It bis Dr. Luke und Max Martin vorgesetzt zu bekommen, sondern den grundsätzlich schön altmodischen Sound von Jimmy Jam und Terry Lewis, den beiden Super-Produzenten der Achtziger, mit denen sich Jackson erneut zusammengetan hat.

Die Kombination aus Jam, Lewis und Jackson brachte zahlreiche Hits hervor, darunter "When I Think Of You", "That's The Way Love Goes" oder "What Have You Done For Me Lately", die im Rückblick betrachtet den Sound der nachfolgenden Dekade ebenso stark prägten wie die Blockbuster-Alben von Bruder Michael.

Gleich im Album-Opener "Unbreakable" schließen sich auf jenem federnden Jam/Lewis-Swingbeat gleich mehrere Kreise: Denn nicht nur geistert der jugendliche Michael in einem Hintergrund-Sample, das vermutlich von den Jackson 5 stammt, durch den Song, Janet selbst klingt mit ihrer altersgemäß tieferen Stimme auf unheimliche Weise nach ihrem verstorbenen Bruder. Das nennt sich dann wohl legacy.

In den Texten geht es einerseits ums allmähliche Verheilen der Wunde, die Michaels Tod gerissen hat, mittels Spiritualität: "The Great Forever", die Ballade "After You Fall", "Lessons Learned" und "Broken Hearts Heal" sind Beispiele für diese Trauerarbeit, in der Jackson offenbar auch aktuelle religiöse Einflüsse verarbeitet: "Inshallah, see you in the next life" singt sie an einer Stelle.

Andererseits, und da kollidiert die fromme Trauerarbeit mit lustvoller Euphorie, feiert sie mit erstarktem Optimismus ihre neu gefundene Liebe, dafür stehen Stücke wie "Dream Maker/Euphoria", "Damn Baby", "2 B Loved" und die beiden oben erwähnten Schlafzimmerszenen. Gerade hier verschanzt sich Jackson aber viel zu sehr hinter Phrasen und Metaphern, als hätte sich zur neuen Heiligkeit auch die leider immer zugehörige Keuschheit gesellt.

So sehr das Album also auf musikalischer Ebene ein wohltuender Befreiungsschlag mit einer ganzen Reihe potenzieller Chart- und Radiohits ist, so sehr scheint es sich auf inhaltlicher Ebene dem herrschenden Zeitgeist der Züchtigkeit anzupassen. Offenherzig sind hier nur noch die Bekenntnisse zu ewiger Liebe, wenn's allzu sexuell werden könnte, legt sich ein sprachlicher Schleier über die Lyrics. Auch hier hat sich Janet also Michael angenähert. Schade eigentlich, sie war schon einmal weiter.

Der große Bruder wirft vielleicht eh einen allzu großen Schatten auf dieses Album, auch im letztlich etwas anstrengenden Anspruch, die Grenzen eines klassischen, in sich geschlossenen Soul- und R&B-Albums dann doch immer wieder sprengen zu wollen, ob nun in den Trap-Anklängen des forschen Missy-Elliott-Features "Burnitup!" oder ganz zum Schluss im Gospel-Soul-Stampfer "Gon' B Alright". Im nächsten Schritt dann "Heal the World" und Queen of Pop? Als Jackson kann man wohl nicht anders. Was für ein Fluch, was für ein Segen. (7.8) Andreas Borcholte

Janet Jackson: "No Sleeep"

No Sleeep von Janet Jackson auf tape.tv.

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Deafheaven - "New Bermuda"
(Anti-/Indigo, seit 2. Oktober)

Die ersten Akkorde auf Deafheavens drittem Album "New Bermuda" klingen, als hätte sich Frontmann George Clarke die Häme aus der Black-Metal-Community zu Herzen genommen: Der Album-Opener "Brought to the Water" scheint mit einem scharrenden Ambientsound und meditativen Glockenklängen förmlich Luft zu holen, bevor er zu einem donnernden Sturm aus Gitarren und Blastbeats anschwillt, der sich aber bloß als furioses Präludium für ein klotziges Power-Riff erweist, das Slayer anno 1986 Ehre gemacht hätte. Es dauert also keine zwei Minuten, da ist man mittendrin in dem allseits antizipierten Nachfolger des Albums "Sunbather" von 2013, das nicht nur wegen seines rosa Cover-Artworks unter Black-Metal-Fans für Kontroversen sorgte.

"New Bermuda" ist ein "Fuck you!" an alle Dogmatiker, die Deafheaven in den vergangenen Jahren das Leben schwer gemacht haben. Die Wucht dieser Geste verdankt sich vor allem der Produktion, die sich stärker auf die Metal-Qualitäten des Quintetts aus San Francisco besinnt, ohne dabei die musikalische Vielseitigkeit zu beeinträchtigen.

Das Album klingt konzentrierter und gleichzeitig offener als der Vorgänger, weil die Übergänge zwischen Geprügel und sphärischen Passagen, in denen die Band noch tiefer in die Gefilde des Dreampop à la Cocteau Twins oder Flying Saucer Attack vorstößt, fließender verlaufen. Auf "Sunbather" waren die unterschiedlichen Modi noch Suite-artig in laute und leise Songs unterteilt, jetzt gibt es fünf etwa gleichlange Stücke um die zehn Minuten, die ständig ihre Formen, Stile und Klangfarben verändern.

Gleichzeitig sticht Clarkes schneidender Gesang robuster und schärfer aus dem voluminösen wall of sound hervor. Blackgaze nennt sich diese Spielart des Black Metal mit Bezug auf die britische Shoegazer-Tradition um My Bloody Valentine und Slowdive, die in den frühen Neunzigerjahren mit Hilfe von Gitarren-Rückkopplungen ohrenbetäubend schöne Lärmwälle aufschichteten.

Aus einem prinzipiell wertekonservativen Umfeld, das sich gerne mit nihilistischen Images schmückt, ragt eine Band wie Deafheaven, die Black Metal weniger ideologisch als vielmehr ästhetisch ernst nimmt, natürlich wie ein Solitär heraus. Dabei hat ihre Musik durchaus Vorläufer: in Norwegen etwa die düsteren Avantgardisten Ulver oder, weiter die Westküste hoch, die Öko-Kommunarden von Wolves in the Throne Room, die seit über zehn Jahren ihr Konzept aus Blastbeats und Drone Metal verfeinern. Zwar zeigt Clarke mitunter eine Vorliebe für ätherische Sprachbilder, aber der Sound von "New Bermuda" ist so rustikal wie bodenständig, bis hin zum Neil-Young-Gedenksolo in "Baby Blue".

Black-Metal-Traditionalisten müssen solche Widersprüche aushalten, denn so viel steht fest: Besser wird's dieses Jahr nicht mehr. (8.5) Andreas Busche

Deafheaven: "New Bermuda"

Deafheaven: New Bermuda auf tape.tv.

Die Nerven - "Out"
(Glitterhouse/Indigo, ab 9. Oktober)

"Und morgen? Morgen brecht Ihr aus", schrieb Kollege Wigger in seiner Jahresend-Rezension des Nerven-Albums "Fun", sein erster Text über das Album hatte vermutlich nicht unerheblich dazu beigetragen, dass die Stuttgarter Band fortan mit dem Label Kritikerliebling leben musste. Aber Julian Knoth und seine beiden Mitstreiter ist es zu Recht unbehaglich, einverleibt zu werden, Teil einer wie auch immer gearteten Bewegung zu sein, wenn nicht gar zu Galionsfiguren einer irgendwie widerständischen Postpunk-Szene erhoben zu werden.

Dabei hat es natürlich eine zwingende Logik, dass die zurzeit verzweifelteste, düsterste deutschsprachige Band nicht aus Hamburg oder Berlin kommt, sondern aus Stuttgart, dem Herzen der deutschen Gartenzwergigkeit und Ingenieurigkeit, die so wahnsinnig nervt (eben!): Jedes weiß getünchte Einfamilien-Reihenhaus bitte nur ein Robin-Schulz-Album, danke, Bourani geht auch zweimal.

Gegen diese Palisade aus betäubten Kleinbürgern lärmen Die Nerven an, und das mit zunehmender Intensität. Dazu mussten sie erst einmal selbst raus, ausbrechen, out, sich dem Alltag, dem Lob und der Gunst entziehen, in ein altes Sägewerk im Bayerischen. Das sind so Orte, an denen man entweder zur Ruhe kommt oder zu sich selbst findet. Oder man wird verrückt. Alle diese Möglichkeiten sind auf "Out" enthalten, was es zum bisher vielschichtigsten Werk der Band macht.

Das äußert sich zunächst in einer Lockerung der bislang kompakten Songstrukturen: Es wabert, es dräut, es bleibt Luft für unterschwellige Strömungen und Emotionen; immer wieder bauen sich die Stücke langsam und spannungsreich auf, explodieren kurz in einen herausgebrüllten Refrain, ziehen sich dann wieder zurück in diese Lauerstellung, von der aus Die Nerven zu unerbittlichen Beobachtern der Gegenwart werden: "Du erkennst mich schon von Weitem, die Unschuld in Person/ Ein Schatten auf den Straßen, ein dissonanter Ton".

Dieses Verfolgertum wird umso dringlicher in "iPhone", das sich vielleicht ein wenig zu plakativ der digitalen Traum- und Warenwelt widmet, in die wir uns mittels Smartphone nun auch schon auf der Straße versenken: "Sieh nach hinten, wenn du gehst", warnen Knoth und Kollegen, als würde der pure Konsumismus doch noch irgendwann von der Revolution eingeholt, überwältigt und erledigt: "Das alles ist nicht echt."

In einem der stärksten Songs kündigt Knoth jeden verbliebenen Konsens mit der Welt auf: "Alles ist verdreckt/ Vergiss die ganzen Pläne", wütet er, "die ganze Stadt ist ein Problem". "Du hast ein Wüste in dir", heißt es später, und: "Wie man fliegt, hast du verlernt."

Nur selten erhellt ein irrlichtender Trompetenton in Moll das Schattenreich aus taumelnden Gitarren und pochenden Bässen auf. Die Widerständigkeit ist anstrengend, bleiern, sie ist dringlich, aber auch vergebens: "Die Gliedmaßen so schwer, der Körper so schwach (…) Ich will nichts wissen von deinen lähmenden Tagen, ich will nichts wissen von all dem, was dich lähmt", singt Knoth erst hohl und erschöpft, dann wutkreischend in "Hast Du was gesagt?", dem letzten Stück: "Keine Lösung, kein Problem: Ein Remis ohne Zweifel hab ich nicht kommen sehen". Julian, der Kampf geht weiter. (8.7) Andreas Borcholte

Darkstar - "Foam Island"
(Warp/Rough Trade, seit 2. Oktober)

Eine Gegend, in der Menschen den Straßenzug, in dem sie aufgewachsen sind und heute noch leben, als Gaza bezeichnen, analog zum palästinensischen Dauerkrisengebiet, muss trist, sehr trist sein. Von Gaza erzählt einer der jungen Leute, die Darkstar für ihr drittes Album interviewt haben, im für die nordenglische Region Yorkshire typischen harten Dialekt. Teile der Gespräche ziehen sich durch die Musik wie ein dokumentarischer Leitfaden, sie verleihen der Platte eine unerhört soziologische Wucht.

Darkstar, nach dem Ausscheiden von Sänger James Buttery zum Duo Aiden Whalley und James Young geschrumpft, reduzierten für "Foam Island" auch ihre generelle Herangehensweise an Musik. Die beiden Musiker stammen selbst aus der unwirtlichen, postindustriell strukturschwachen Gegend, aus Huddersfield, einer ehemaligen Textilmetropole, die unter schwacher Kaufkraft und ewigen Kürzungen in den öffentlichen Budgets leidet wie so viele Großstädte im britischen Königreich, die nicht London heißen.

So karg wie die Landschaft im legendär grimmigen Norden ist nun auch die Musik, die auf den beiden früheren Alben "North" und "News From Nowhere" bei aller illustrierten Tristesse auch nach einer souligen Lieblichkeit ausgriff und sich gerne auf hell klingenden Synthie-Sphären über die Regenwolken über der Marsch erheben wollte. Auf "Foam Island" sind die synthetischen Sounds nun pointierter, präziser und interagieren mit ebenso akzentuiert gesetzten Beats - ein durchaus agiles Skelett, das nun Aiden Whalley in heiser-hoher Stimmlage mit fiebrigem Gesang füllt.

Das erinnert in seiner in seiner atomisierten Transparenz an Hyperdub-Künstler wie Zomby (mit dem Darkstar schon kooperierte), Ikonika oder Post-Dubstep-Experimentierer wie Koreless, ohne dabei aber je Melodien und Harmonien aus dem Blick zu verlieren. Man denke, griffig gemacht: The Notwist mit Northern Soul. Am ehesten entsteht dabei eine Art elektronische Folklore, manchmal sogar mit über Felder und Wiesen sehnenden Streichern wie im schönen "Tilly's Theme". Darkstar bilden die bleakness ihrer Heimat nicht einfach nur ab ("Cuts", "Pin Secure", "A Different Kind Of Struggle"), sondern mit patriotisch-optimistischen Klängen ("Stoke The Fire", "Go Natural") umarmen. Ob Detroit, Bremerhaven oder Huddersfield, aus dem Beton erwächst immer wieder das zarte Pflänzchen der Hoffnung. (7.4) Andreas Borcholte

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