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Abgehört - neue Musik: Jochen gegen die Supersadness

Von , Oliver Polak und Tex Rubinowitz

Direkt, intim, fast echt: Oliver Polak über das Coveralbum des Ex-Blumfeld-Sängers Jochen Distelmeyer. Außerdem: Zukunfts-Weltmusik von Lafawndah, Europa-Tristesse von Jeanne Added und ein paar Worte zu The Cult.

Jochen Distelmeyer - "Songs From The Bottom Vol. 1"
(Four Music/Sony, ab 12. Februar)

Es ist noch nicht einmal neun Uhr in der Früh, und ich soll über Jochen Distelmeyer nachdenken. "Songs from the Bottom Vol. 1", ein Coveralbum, das meine - und eure - Wartezeit bis zum nächsten Blumfeld-Album verkürzen soll. Oder?

Jochens Lieblingslieder sind auch meine Lieblingslieder.

Akustisch, roh, mal mit Gitarre, mal ein sanftmütiges Klavier, ein stummes Räuspern - und wie sich seine verklebten Lippen öffnen, bevor er anfängt zu singen. Alles sehr direkt. Intim. Fast echt.

Auf den neuen Pressefotos, die Haare blondiert, frisch gewaschen, wunderschön zurechtgelegt, ein schwarzer Pullover und darüber ein Goldkettchen. Schick, für einen, der gerade durch die Literaturhölle gewandert ist. Bei Jochen ist wieder alles tutti, easy peasy, genial: "Songs from the Bottom", das sind zwölf Coversongs, um die Supersadness zu versüßen.

Draußen geht die Sonne langsam auf, und die Platte startet smooth mit Joni Mitchells "Just Like This Train" und gleitet in "On The Avenue" von Aztec Camera über - inklusive Stuhlknarzen. So beautiful.

"Video Games" von Lana Del Rey ist interessanter als das Original. Ich nehme eine Coke aus meinem Kühlschrank und schaue raus auf die Schönhauser Allee. Vielleicht fährt Jochen dort unten ja gerade mit seinem Fahrrad vorbei.

Dann Vogelgezwitscher, nicht draußen, nein, auf der Platte! Es dauert einige Takte, bis man "Let's Stay Together" von Al Green erkennt. Zuckersüß. Wieder verliebt sein oder zusammen bleiben? Bleiben oder gehen? Der Song zwingt meine angerockte Motorpsycho-Seele in die Knie, ich höre den Song bestimmt zehnmal hintereinander. Und dann kommt es sogar noch besser: "I Could Be The One" von Avicii vs. Nicky Romero. Da muss man erst mal drauf kommen, diesen Song zu interpretieren. Stark. Jetzt schon eines der schönsten Lieder 2016.

Die Platte läuft weiter durch, aber immer noch überschattet von "I Could Be The One". Jochen, you should be the one! Jochen, do it again! Die einzige Stimme in der deutschsprachigen Popgeschichte, die man ernst nehmen konnte, durfte, musste. Deine frühen Platten "Ich-Maschine" und "L'Etat et Moi" waren ein Plädoyer gegen die Diktatur der Angepassten, für die Moral und die Sprache. Jochen, don't lose that number!

Während ich, Chips essend, auf meiner Fensterbank sitze und verträumt die Platte höre, klingelt mein Telefon. Eine Freundin. Sie fragt mich: "Die Musik im Hintergrund, ist das wieder dieser Schwuli?" Ich mag ihn so sehr. Ihr auch? (7.0) Oliver Polak

Oliver Polak ist Comedian und Schriftsteller. Auch in seinem letzten Buch "Der jüdische Patient" spielte Jochen Distelmeyer eine signifikante Rolle; zuletzt war Polak mit seinem Solo-Programm "Supersad" auf Tournee. Seine gleichnamige Kolumne erscheint in der "Welt". Polak lebt in Berlin.

Jochen Distelmeyer: "Songs from the Bottom Vol. 1"

Jochen Distelmeyer: Songs from the Bottom Vol.1 auf tape.tv.

Lafawndah - "Tan" (EP)
(Warp/Rough Trade, seit 5. Februar)

Lafawndahs musikalischer Anspruch ist so weltläufig wie ihre eigene Biografie: Die Tochter iranisch-ägyptischer Eltern, die eigentlich Jasmin Dubois heißt, wuchs in Paris auf, verbrachte aber einen großen Teil in Teheran, wo sie mit traditioneller persischer Musik in Kontakt kam. Später lebte sie in Mexiko, ließ sich von Salsa und Cumbia inspirieren, entwickelte aber vor allem eine Vorliebe für den kreolischen Zouk-Sound der französisch-karibischen Inseln.

Der mit zeitgemäß verstoppten Elektro-Beats westlicher Club-Prägung angereicherte Tribal-Dance-Sound, den sie nun in vier ekstatisch-konzentrierten Tracks auf ihrer ersten EP für das britische Avant-Pop-Label Warp eindrucksvoll ausformuliert, forscht nach einer Weltmusik für das digitale Zeitalters. Das erinnert an den exotisierten Polit-Pop von M.I.A., wenn in "Town Crier" mit agitatorischer Wut die gescheiterte Revolution der nordafrikanischen Staaten verhandelt wird.

Aber auch ähnlich in sich verrätselte Post-R&B-Künstlerinnen wie FKA Twigs oder Kelela kommen in den Sinn, wenn es ruhiger und intimer wird und die Musik Reflexionsräume öffnet - über den Zustand der Welt und das spürbar dringliche Bedürfnis einer jungen Künstlerin, die widersprüchliche Komplexität ihrer globalen Eindrücke zu verarbeiten: "I never starve/ I'm alright, eating my crumbs", singt sie in "Crumbs", in dem es um eine restriktive Liebesbeziehung ebenso gehen könnte wie um den Hunger in der Dritten Welt. Uns reichen diese paar Krümel von Lafawndah natürlich nicht! Am Debütalbum wird fiebrig gearbeitet, heißt es. (8.0) Andreas Borcholte

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Jeanne Added - "Be Sensational"
(Naive/Indigo, ab 19. Februar)

Ausgerechnet aus Frankreich, das sich in der Flüchtlingsfrage ja eher zurückhaltend bis ignorant gibt, kommt einer der besten Songs zur angespannten Europa-Lage: "A War Is Coming" heißt das imposante Auftaktstück des Debütalbums von Jeanne Added, einer Sängerin und Musikerin aus Reims. "There's a bigger picture/ That says we belong/ All together/ That says we're strong", singt sie mit irritierend britisch gefärbten Akzent. Besser kann man die Verunsicherung der Europäer zwischen Solidarität und Isolationismus kaum ausdrücken: "A war is coming, and we're stuck here". Dazu gibt ein tonnenschwerer Bass träge den Takt für eine imaginäre chain gang; ab und zu dröhnt ein elektrischer Stromschlag durch diesen apokalyptischen Post-Wave-Sound: aufwachen!

Anne Clarks post-industrielle Elektro-Dystopien fallen einem dazu ein, nicht nur, weil Jeanne Added eine weiß gefärbte Kurzhaarfrisur à la Warhol trägt, sondern weil sie sich in Songs wie "It" bei ähnlich trist-monochromer Stilistik bedient: "Use what remains of your brain", singt sie mit tonloser, schon fast entmenschlichter Androiden-Stimme. Gefühle und Gedanken sind aber durchaus noch vorhanden, wie Added in dann eher irritierend zarten Balladen wie "Look At Them" oder "Be Sensational" beweist.

Überhaupt wird dieses effektvoll gestartete Album immer schwurbeliger und Emo-lastiger, je länger es dauert. Die Doomy-gloomy-Etüden "Ready" und "Suddenly" wirken am Schluss reichlich kraftlos, verglichen mit zornig-zerrütteten Album-Höhepunkten wie "Lydia" oder "Miss It All", in dem Added sich selbst aus der Lethargie zu treiben scheint. "Craving bitch/ What are you waiting for?", singt sie über einem faszinierenden Elektro-Grunge-Hybrid: "It's killing, it's killing, it's killing you". Vorher dürfte aber noch ein bisschen verdienter Popstar-Ruhm drin sein. (7.7) Andreas Borcholte

Jeanne Added: "Be Sensational"

Jeanne Added: Be Sensational auf tape.tv.

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The Cult - "Hidden City"
(Cooking Vinyl/Indigo, seit 5. Februar)

Das Verblüffende an The Cult und allen früheren Reinkarnationen (Southern Death Cult/Death Cult) ist, dass es die Band nach wie vor gibt, obwohl sie immer alles falsch gemacht hat und verlässlich mit allem zu spät gekommen ist. Das allein ist eigentlich schon eine bemerkenswerte Leistung: schon immer so abgelaufen zu klingen wie ein uralter Casu Marzu (das ist ein vergammelter sardischer Käse, voll mit Fliegenmaden).

Ich glaube, dieser Vergleich würde Ian Astbury, dem Sänger von The Cult, sogar gefallen, ist er doch zu Beginn stets mit einem toten, mottenzerfressenen Kaninchen auf dem Kopf aufgetreten und gebärdete sich auf der Bühne wie ein gerupftes Huhn.

Der "NME" schrieb in einem Artikel 1983, dass es noch lange brauchen würde, bis The Southern Death Cult eine tatsächliche musikalische Leistung bieten würden und sie noch einen langen Weg vor sich hätten.

Wie visionär! Denn angekommen sind sie ja nach 33 Jahren immer noch nicht. Vielleicht ist das ganze Cult-Ding ja eher auch nur eine Idee im Geiste des Fluxus: das möglichst Absichtslose und Bedeutungsarme in ständiger Bewegung.

Die einzig nennenswerte Veröffentlichung, das von Rick Rubin produzierte Album "Electric" aus dem Jahr 1987, eine kabarettistische Hardrock-Schnulzensammlung, ist rückblickend betrachtet eine keimfreie Kopie des Konzepts einer perversen Comicfigur namens Zodiac Mindwarp und der von Kettenfett verschmierten Leather Nun aus Schweden. Wenn man diese Referenzen, den Kunstschmutz und den Retortenschweiß abwäscht, bleibt ein steriles, pompöses Nichts übrig.

Nun veröffentlichen sie erstaunlicherweise ihr zehntes Album, es klingt nicht wesentlich anders als die neun davor, nur noch langweiliger.

Wenn in windigen Zeiten ein Mythos auf wackligen Beinen steht, dann wird es immer schwerer, ihm treu zu bleiben, und sei es nur dem letzten Alleinstellungsmerkmal geschuldet, das von dieser Band noch übrig bleibt: der Stimme von Sänger Ian Astbury, mit der man nach wie vor Glas schneiden könnte.

Wer diese fräsende Stimme braucht, beispielsweise um seine Katze zu piesacken, greife bitte lieber zu Astburys gemeinsam mit den Japanern Boris aufgenommene EP "BXI" von 2010: "We Are Witches". Genau, hat ja Yoko Ono auch immer von sich behauptet. (2.0) Tex Rubinowitz

The Cult: "Hinterland"

Hinterland von The Cult auf tape.tv.


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche
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insgesamt 15 Beiträge
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1. Diametral entgegengesetzt
ZhuBaJie1 09.02.2016
Wow! Ich habe ja schon oft über die verschwurbelten Ausführungen und merkwürdigen Urteile hier gestaunt, aber so weit ab lag das noch nie. Wo Blumfeld seit ihrem 3. Album nur noch unanhörbares, pseudo-intellektuelles Gejammer von sich geben, sind The Cult ihrem erdigen, staubigen Gitarrenrock treu geblieben. Ich liebe diesen Sound seit Electric. Ceremony war mein Lieblingsalbum. Das zupft bei mir bis jetzt ein paar besondere Saiten. Und das jetzt hört sich erneut ziemlich gut an. So krass können sich Geschmäcker unterscheiden!
2. Video Games
Parklife-de 10.02.2016
Also dass Distelmeyers Version interessanter als Lana Del Reys Original sei, halte ich ja für ein Gerücht. Distelmeyer hat es ganz nett und ziemlich werkgetreu nachgespielt, aber an die Eleganz und emotionale Tiefe des Originals kommt er bei weitem nicht heran.
3.
spon-facebook-10000857077 10.02.2016
Verstehe schon seit Jahren nicht, warum so viel und gerne auf The Cult herumgehackt wird. Ich möchte das selbstbetitelte Album von 1994 beispielsweise sehr. Klar, nicht alles ist erstklassig und schon gar nicht unverzichtbar. Aber eine Tragikkomik Danziger Art, die diese Häme mehr oder weniger unumgänglich machen, kann ich bei Astbury auch nicht ausmachen. Woher also stets dieser Impuls The Cult runter zu putzen? Als ebenfalls Motorpsycho-Seele denke ich da: "Heavy Metall Iz A Poze, Hardt Rock Iz A Laifschteil" und konstantiere the Cult ihrem Lifestyle treu geblieben zu sein. Und ja, Distelmeyer hat mich im Gegensatz zu den Sternen, die nach wie vor interessant sind, irgendwann in ihrer Bienen- und Blumenphase verloren und es sieht auch nicht danach aus, als ob da nochmal etwas käme, was ich für unverzichtbar halten würde.
4.
neu-ark 10.02.2016
The Cult in dieser Weise runter zu machen empfinde ich als unangemessen. Und das, obwohl ich mit Rockmusik von ein paar Ausnahmen abgesehen kaum Etwas zu tun habe.
5. @#3
exkeks 10.02.2016
Zitat von spon-facebook-10000857077Verstehe schon seit Jahren nicht, warum so viel und gerne auf The Cult herumgehackt wird. Ich möchte das selbstbetitelte Album von 1994 beispielsweise sehr. Klar, nicht alles ist erstklassig und schon gar nicht unverzichtbar. Aber eine Tragikkomik Danziger Art, die diese Häme mehr oder weniger unumgänglich machen, kann ich bei Astbury auch nicht ausmachen. Woher also stets dieser Impuls The Cult runter zu putzen? Als ebenfalls Motorpsycho-Seele denke ich da: "Heavy Metall Iz A Poze, Hardt Rock Iz A Laifschteil" und konstantiere the Cult ihrem Lifestyle treu geblieben zu sein. Und ja, Distelmeyer hat mich im Gegensatz zu den Sternen, die nach wie vor interessant sind, irgendwann in ihrer Bienen- und Blumenphase verloren und es sieht auch nicht danach aus, als ob da nochmal etwas käme, was ich für unverzichtbar halten würde.
Womöglich, weil man hier in der Rubrik "Kultur" und nicht "Kunsthandwerk" ist. Man kann natürlich auch neue Spitzenhäkeldeckchen in der Rubrik "Mode" besprechen, würde aber vermutlich zu ähnlichen Aussagen kommen.
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Andreas Borcholtes Playlist KW 6
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    1. Beyoncé: Formation

    2. Lafawndah: Tan

    3. Stwo feat. Sevdaliza: Haunted

    4. The Range: Florida

    5. Future feat. The Weeknd: Low Life

    6. Aïsha Devi: Mazdâ

    7. Koreless: TT

    8. Jessy Lanza: It Means I Love You

    9. Tinashe: Ride Of Your Life

    10. DAWN: Not Above That

Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.


"Abgehört" und "Amtlich" live


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