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Neues Album: Kanye hat's kapiert

Von , Jens Balzer und Oliver Polak

Kanye West bei der Albumvorstellung: das HipHop-Genre neu definiert Zur Großansicht
REUTERS

Kanye West bei der Albumvorstellung: das HipHop-Genre neu definiert

Jesus war gestern: Kanye West erzählt auf seinem neuen Album "The Life Of Pablo" aus seinem Leben als Gott. Irre, wenn es nicht so gut wäre. Außerdem in unserer "Abgehört"-Kolumne: neue Musik von Animal Collective und Motorpsycho.

Kanye West - "The Life Of Pablo"
(Def Jam/Universal, seit 14. Februar, zurzeit nur auf Tidal)

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Kanye West: The Life Of Pablo

"I feel like Pablo when I'm working on my shoes/ I feel like Pablo, when I see me on the news", rappt Kanye West gegen Ende seines siebten Albums in "No More Parties In L.A.", und zwar im seltsam vom Rest abgesetzten Teil des Tracks, der nur noch West gehört, nicht mehr seinem Feature Kendrick Lamar. Aber wer ist dieser Pablo, nach dem nun das Album benannt wurde, das während seines absurden, in der Öffentlichkeit und via Social Media live begleiteten Entstehungs-Prozesses auch mal "Swish" oder "Waves" hieß: Pablo Picasso? Pablo Escobar? Oder doch der Apostel Paulus, wie West neulich twitterte? Pablo ist der spanische Name für Paul.

Kunstgenie, Drogenkönig oder schlichtweg heilig - eigentlich ist es schon fast egal, was gemeint ist. Auf Kanye West, 39, trifft sowieso alles zu, zumindest in seiner eigenen Wahrnehmung. Aufmerksamkeit und Respekt hat West allemal verdient, noch jedes seiner bisherigen Alben taugte dazu, das HipHop-Genre neu zu definieren. Zuletzt veröffentlichte er mit den Konzeptalben "808 And Heartbreak", "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" und "Yeezus" drei der wichtigsten Rap- und Pop-Alben der vergangenen zehn Jahre. Man kann es also unangemessen finden, dass West sein neues Werk vergangene Woche mit einem 160-Dollar-pro-Ticket-Spektakel im New Yorker Madison Square Garden präsentierte, und das Ganze, samt Fashionshow seines eigenen Labels und Performance von Künstlerin Vanessa Beecroft, dann auch noch in alle Welt streamen ließ.

Angesichts einer Musik-Industrie, die ratlos in den letzten Zügen liegt, ist so ein Aufriss, den West-Kolleginnen wie Beyoncé und Rihanna (ebenfalls bei Jay-Zs Roc-A-Fella-Label unter Vertrag) ganz ähnlich geprobt haben, aber vielleicht auch die zeitgemäße Art, Musik unters Volk zu bringen. Bezeichnend auch, dass der nach eigenen Angaben hoch verschuldete West sein neues Album zunächst nur über Jay-Zs Tidal-Dienst streamen lässt, statt es zum Kauf anzubieten. Eine Download-Option zog er wenige Stunden nach Veröffentlichung der Platte wieder zurück: An einigen Tracks müsse er dann doch noch mal feilen, twitterte er. Ist das noch Verwegenheit oder schon Irrsinn?

Weiß man nicht so genau. Dazu passt, dass "The Life Of Pablo" über weite Teile seiner 18 Tracks wie ein unfertiges, in letzter Minute zwischen Tür und Angel eingetütetes Work in Progress wirkt. Nichts ist mehr übrig von der ästhetisch geschlossenen Brutalität und dem politischen Impetus von "Yeezus". Kanye West, soeben zum zweiten Mal Vater geworden, überlässt die Gesellschaftskommentare, den Jazz und all das jüngeren Kollegen wie Kendrick Lamar.

Er selbst, der sich im Social Web schon mal mit allem anlegt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, ist musikalisch zunächst wieder zurück im Selbstbespiegelungsmodus von "The College Dropout" und "Late Registration", auch musikalisch, wenn man die ungeordnete, aber brillante und erlesene Variation verwerteter Stile und Samples betrachtet (u.a. Nina Simone, Rare Earth, Fingers Inc. und Post-Punk-Legende Larry Cassidy). Ein Rückschritt also, und ein hastig und unausgegoren wirkender noch dazu. Aber das Entwaffnende an West ist ja auch, dass er selbst unkonzentriert noch durchweg großartige, dringlich groovende Tracks hinkriegt (auch wenn die meisten über den Zeitraum von vier oder fünf Jahren entstanden sind). West hat´s kapiert.

"This is a god dream", heißt es gleich zu Beginn in "Ultralight Beam", Wests Zugeständnis, dass er, sein Leben und seine Familie, der Kardashian-Clan, längst nicht mehr mit irdischen Maßstäben zu messen sind. Gleichzeitig ist Gott die einzige Instanz, der sich der gute Christ West noch verpfichtet fühlt: "I'm tryin' to keep my faith", barmt er zu Beginn, aber das geht nicht ohne Liebe. "Your love is fadin'", schließt er das Album mit dem tollen Chicago-House-Derivat "Fade".

Dazwischen geht es darum, wie wichtig ihm seine Kids sind ("Low Lights" und "High Lights"), wie ein typisch irrealer, durchgeknallter Kanye-West-Tag aussieht ("30 Hours"), wer durch seinen Einfluss und Input groß geworden ist ("Famous") und wie doof seine Freunde sind, die sich von ihm abwenden, weil er keine Zeit mehr für sie hat ("Real Friends"). Schuld sind schließlich immer die Anderen, während er Kim und sich in "Wolves" mal eben mit Maria und Joseph vergleicht.

"I've been outta my mind for a long time", gibt West in "Feedback" zu und erwähnt das Antidepressivum "Lexapro" in "FML": Ringt der Künstler etwa mit seiner geistigen Gesundheit? Die inzwischen berühmt-berüchtigten Sex-Zeilen über Taylor Swift, erratische Tweets über Bill Cosbys vermeintliche Unschuld oder Verse wie "If I fuck this model/ And she just bleached her asshole/ And I get bleach on my T-shirt/ I'mma feel like an asshole" (aus "Father Stretch My Hands") legen nahe, dass West sich in seiner Superstar-Persona letztgültig verloren hat und dem Überschnappen näher ist, als man bisher dachte.

Wenn "The Life Of Pablo" also tatsächlich ein Gospel-Album ist, wie West andeutet, dann möge der Himmel mit ihm sein. Andererseits: Wäre Kanye nicht der immer wieder über sich selbst stolpernde Wahnsinnsbraten, der er nun einmal ist, wäre er wahrscheinlich nicht so verdammt gut. (9.0) Andreas Borcholte

Animal Collective - "Painting With"
(Domino/Goodtogo, ab 19. Februar)

Dinge vor allem deswegen positiv zu bewerten, weil sie von der Mehrheit der Menschen als abstoßend, doof oder öde angesehen werden, gehört zum traditionellen Kanon popkultureller Distinktionsstrategien; das Spektrum reicht vom euphorischen Lob schlecht frisierter Fantasieteufel bis zum begeisterten Bekenntnis zur Fix-und-Foxi-Lektüre.

Ein Sonderbereich der musikalischen Geschmacksprovokation ist das wohlwollende Besingen öder Orte, denken wir an "Nichts ist so schön wie der Mond über Wanne-Eickel" von Friedel Hensch und den Cyprys oder an Thees Uhlmanns Hymne auf sein Heimatdorf Hemmoor. "Floridada" heißt nun wiederum das Eröffnungslied von "Painting With", dem neuen Album von Animal Collective.

Darin wendet sich das wieder zum Terzett geschrumpfte Kollektiv hyperaktiver Nordostamerikaner gegen den unter geschmacksbegabten Menschen generell verbreiteten Floridahass. In einem anspielungsreichen Wortschwall wird der tödlich triste Reiche-Rentner-Staat am südöstlichen Zipfel der USA zu einer Utopie multikulturellen Miteinanders umgedeutet sowie in Zusammenhang mit der vor 100 Jahren in Zürich gegründeten Dada-Avantgarde gebracht. In dem dazugehörigen Video sieht man ein unbehaartes, heterosexuelles Avatarpaar bei der Kopulation und der anschließenden Geburt eines messianisch wirkenden Avatarbabys; wodurch Florida in allerdings überaus scheußlichen Farben in den Mittelpunkt des Universums gerückt wird.

Die verbreitete Häme über den Staat sei ihnen schon deswegen unerträglich - erläutern die Kollektiv-Mitglieder Avey Tare, Panda Bear und Geologist die unter dieser Ästhetik waltende Motivation -, weil sie als Kinder mit ihren Eltern dorthin oft und gerne in Urlaub gefahren seien. Dass sie den floridatypischen "state of mind" nun in rasend sich umrankenden Chören beschwören, kann man ebenfalls als provokante Entscheidung betrachten, geriet männliches Chorsingen in den vergangenen Jahren doch durch folkbiedermeierliche Schrottvogelgruppen wie Mumford and Sons in starken Verruf. Allerdings kombinieren diese ihren Gesang auch nicht mit tribalistischem Getrommel und ochsenfroschartig quakenden Modularsynthesizern.

Anders als Animal Collective, die in sämtlichen zwölf neuen Liedern auf "Painting With" eine gute Balance zwischen schrulligen Tönen und doppelhelixhaften Vokalharmonien, zwischen klanglicher Krispheit und lyrisch verpeiltem Symbolgewuschel zu erringen verstehen. Auf die sämigen Hall- und Echo-Effekte, die lange Zeit zum Klangkern der Gruppe zählten, haben sie dabei vollständig verzichtet. Mit "Painting With" sind Animal Collective vielmehr in die Phase eines flexibel-provokanten Post-Halls getreten. (7.8) Jens Balzer

Jens Balzer ist Popredakteur und stellvertretender Feuilletonchef bei der "Berliner Zeitung". Demnächst erscheint sein Buch "Pop. Ein Panorama der Gegenwart" bei Rowohlt Berlin.

Animal Collective: "Painting With"

FloriDada: Animal Collective auf tape.tv.

Motorpsycho - "Here Be Monsters"
(Stickman Records/Soulfood, seit 12. Februar)

Es ist 22 Uhr in Berlin Mitte, ein eiskalter Januarabend. Es hat den ganzen Tag über geschneit und geschneit. Ich sitze im Auto, es springt nicht an. Motorpsycho, "Here be monsters": Ich schiebe die CD rein und vergesse Raum und Zeit.

"Sleepwalking", eine minimale Klaviermelodie, Schneeflocken fallen langsam auf die Windschutzscheibe. Draußen dringt das Licht der Straßenlaterne wie ein kleiner Strahl in mein Auto. Die Gitarren von "Lacuna/Sunrise" wimmern leise, und nach einigen Sekunden ist er wieder da, der Motorpsycho-Bass, der mich seit 25 Jahren durch mein Leben treibt. Die Lautsprecher im Auto wummern und verzerren, zuckersüße Gitarrenmelodien untermalt vom Bass, der mehr Druck hat als das Gesamtwerk von Motörhead, dazu die Engelsstimmen von Hans Magnus Ryan und Bent Saether: emotional, hypnotisierend, berührend. Das Lied geht nahtlos in das Instrumentalstück "Running With Scissors" über. Wie ein lauwarmer Regen im Spätsommer, während draußen der Schnee die Scheibe nun fast vollkommen bedeckt.

Doch dann: I.M.S. (steht für "Inner Mounting Shame"). Das verträumte Klavier aus "Sleepwalking" kehrt in einem aufgekratzten 7/8-Takt zurück und verwandelt sich schon in den ersten Momenten in einen Blizzard, als hätte man eine Box mit Dämonen geöffnet, die einem zurufen, dass man ihnen vertrauen kann - und zwischendrin bietet dir die Klaviermelodie Kuchen an.

"Spin, Spin, Spin" ist ein Cover von Terry Callier und in alter Motorpsycho-Tradition besser als das Original. Danach folgt die Reprise "Sleepwalking Again", als ob einem kurz ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht wurde.

Und dann ist er wieder da, unerwartet, dieser Motorpsycho Moment: Ein Lied erklingt und man verliebt sich auch nach inzwischen 25 Jahren Bandgeschichte nochmal neu in diese Musik. Das 18-minütige "Big Black Dog" beginnt mit akustischen Gitarren, Fender Rhodes, Mellotron sowie Saethers und Ryans Beach-Boys-Gesängen - und lässt einen wie in einer riesigen Zuckerwatte verpackt durch das Universum gleiten, bevor Bass und Gitarre mit einer monotonen, hypnotisierenden Riffschleife ummanteln, einpacken und mitnehmen in die Leere: "Into the void we have to travel".

Sieben Songs in 50 Minuten, die Welt ist aus den Fugen geraten, diese Platte kann helfen, sich für einen Moment wieder zu fangen. Sich verstanden zu fühlen, aufgehoben und geborgen.

Die letzten Sekunden von "Big Black Dog" laufen, nur noch akustische Gitarren, Saether und Ryan singen: "Sunlight, please warm me, cold emptiness is out there in the fog. Sunlight, please save me, please keep me safe and stay." Dann ist das Lied verschwunden. Weg.

Die Windschutzscheibe ist mittlerweile vom Schnee komplett zugeweht und im Auto ist es dunkel. Ich bin wieder allein. Eine neue Platte von Motorpsycho, ein neuer Lebensabschnitt. (9.5) Oliver Polak

Oliver Polak ist Comedian und Schriftsteller. Zuletzt war er mit seinem Solo-Programm "Supersad" auf Tournee. Seine gleichnamige Kolumne erscheint in der "Welt" . Polak lebt in Berlin.

Best-of "Abgehört"

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche
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insgesamt 13 Beiträge
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1. Nun ja..
BettyB. 16.02.2016
Aber wieso war "Jesus gestern"? Solche Märchen waren doch schon retro, als Buddha noch persönlich predigte...
2.
senso-neu 16.02.2016
Also jetzt wird's echt extrem nervig! Quasi jeden Tag ein Bericht über diesen Typen. Warum? Was soll dieser Hype? Was ist so besonders an ihm? Mir erschließt sich das nicht. Oder zählt seine Plattenfirma vielleicht gut?
3.
fhanfi 16.02.2016
besser sind natürlich 2 Bereichte...gleichzeitig...freue mich schon auf morgen...dann gibts 3?
4.
loeweneule 16.02.2016
Zitat von fhanfibesser sind natürlich 2 Bereichte...gleichzeitig...freue mich schon auf morgen...dann gibts 3?
Ich will nur noch Berichte über ihn lesen. Keine anderen mehr. Bitte!!!!!
5. Ruhig Blut.
elblette 16.02.2016
Zitat von senso-neuAlso jetzt wird's echt extrem nervig! Quasi jeden Tag ein Bericht über diesen Typen. Warum? Was soll dieser Hype? Was ist so besonders an ihm? Mir erschließt sich das nicht. Oder zählt seine Plattenfirma vielleicht gut?
Herr West kann einem mit seinem inszenierten oder echten Größenwahn ordentlich auf die Eier gehen, aber er macht schon sehr geile Musik. Sofern man HipHop mag.
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Andreas Borcholtes Playlist KW 7
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Kanye West: 30 Hours

    2. Kanye West: Fade

    3. DAWN: Not Above That

    4. Vimes: Mind

    5. Porches: Underwater

    6. Jeanne Added: A War Is Coming

    7. Lafawndah: Crumbs

    8. The Range: Florida

    9. Jessy Lanza: VV Violence

    10. Brooke Candy: Happy Days

Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.


"Abgehört" und "Amtlich" live



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