Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Mark Kozelek und Jimmy Lavalle spielen Atari-Sounds für die Seebestattung, The Bevis Frond brechen Neil Youngs Längenrekord im Gniedeln, Camera Obscura sind langweilig, aber nicht schlecht - und Scout Niblett gibt die schießwütige Psycho-Exfreundin.

Von und Jan Wigger


Mark Kozelek & Jimmy Lavalle - "Perils From The Sea"
(Caldo Verde/Cargo, seit 31. Mai)

Tschuldigung, musste gerade noch meine Bob-der-Baumeister-Hampelfigur zu Ende basteln. Now, where were we? Genau: Wie erklärt man einem Menschen, der die Songs von Damien Rice und James Morrison (ja, ich schmeiße beide Pfeifen und ihren jeweils jämmerlichen Gebrauchs-Emo ganz bewusst in einen Topf) irgendwie "deep" findet, dass Mark Kozelek, der allein mit den Red House Painters für sensationelle Stücke wie "Summer Dress", "Katy Song", "Michael" und "Grace Cathedral Park" verantwortlich war, einer der größten Songschreiber der vergangenen Jahrzehnte ist? Die Antwort: Gar nicht, denn die zuweilen endlos langen Trauerarbeiten des müden Genies handeln ohnehin höchst selten von leicht verkäuflicher Herzscheiße: Kozelek zeichnet die Wege des verlorenen Bruders nach ("What Happened to My Brother"), erzählt so einsichtig und aufrichtig vom illegalen Einwanderer "Gustavo" (bitte schon mal als einsamen Höhepunkt des Jahres 2013 notieren!), dass es einem die Stimme verschlägt, und aquarelliert in "Ceiling Gazing" die grausamsten Bilder seit Alejandro González Iñárritus "Biutiful" (die billigen Gasbrenner, die toten Chinesen auf ihren Matratzen, Sie wissen schon). Die auf "Perils from the Sea" ausnahmsweise elektronische Untermalung steuert der Album-Leaf-Typ Jimmy Lavalle bei, was wahlweise nach alten Atari-Sounds, wahnsinnig angenehmem Ambient oder Seebestattung klingt. Bliebe noch hinzuzufügen, dass ich wirklich nicht weiß, wie man diese gütige, nostalgisch grundierte Platte noch verbessern könnte. Mark Kozeleks Schmerz ist nicht greifbar, nicht abbildbar (wie ein Telefon, das klingelt), sublim in jeder Faser. Allie, don't let me disappear. (8.6) Jan Wigger

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The Bevis Frond - "White Numbers"
(Woronzow/Broken Silence, seit 10. Mai)

Wie lang war noch mal das längste Stück auf dem letzten Album von Neil Young? 27 Minuten "Driftin' Back"? Lächerlich. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nichts, aber auch gar nichts gegen Neil Young. Erst am Sonntag bin ich zusammen mit knapp 18.000 anderen Jüngern gen Berliner Waldbühne gepilgert, um ihm und Crazy Horse entgegen aller Unwetterwarnungen zu huldigen, Bratwurst, Bier und Bärte. Ich war mit Anfang Vierzig so ziemlich das jüngste männliche Wesen vor Ort, ist ja auch mal eine schöne Abwechslung. Und da standen sie dann auf dieser doch recht großen Bühne, Billy Talbot, Poncho Sampedro (im Hendrix-T-Shirt!) und Meister Young, versunken vor Ralph Molinas Drumkit, einander zugewandt, und brieten sich feedbackend durch "Walk like a Giant". Und 18.000 so: Oaaaah! Zu Recht natürlich. Beim Konzert von Nick Saloman und The Bevis Frond vor rund drei Wochen im Berliner Bassy Club waren wahrscheinlich gerade mal hundert Leute. Ich hatte leider noch nicht einmal mitgekriegt, dass es das Konzert überhaupt gab, geschweige denn im Vorwege davon erfahren, dass "White Numbers" erschienen ist, das ungefähr 23. Album von Saloman, der seit den Achtzigern die große, unbekannte, inzwischen ergraute Eminenz des ausufernden Blues-Psychedelic-Waber-Dröhn-Rocks ist. Vor zwei Jahren kehrte der Brite nach siebenjähriger Pause mit dem überraschenden Album "The Leaving of London" zurück, auf dem sich die vielleicht besten Songs seiner Karriere fanden. Ein geglückter Neustart, der den Eigenbrötler und Selbstveröffentlicher aus Walthamstow in diverse britische und deutsche Jahresbestenlisten führte. Doch noch der Durchbruch? Das wäre ja crazy gewesen, after all these years. Pardon. Da Saloman das Warten auf Anerkennung und Erfolg so langsam satt hat, gelingt ihm Meisterwerk um Meisterwerk, er kann anscheinend gar nicht aufhören, Songs zu schreiben, so befreit fließen die kreativen Säfte. 24 Stücke mit rund zwei Stunden Spielzeit umfasst das Triple-Album "White Numbers", allein das letzte, ein Instrumental namens "Homemade Traditional Electric Jam", orgelt und gniedelt sich 42 (!) Minuten lang ins Nirwana. Driftin' back? You bet.

Viel mehr sei dazu gar nicht gesagt. Wer The Bevis Frond kennt, weiß eh Bescheid, auch wenn - ganz klar - bei so viel Material nicht jedes Stück so erhaben ist wie so ziemlich alles auf "London". Den anderen sei die praktische "Klingt wie..."-Empfehlung eines britischen Bloggers mitgegeben, der The Bevis Frond zwischen Dinosaur Jr. und Teenage Fanclub verortete. Man addiere vielleicht noch frühe Hawkwind dazu, dann kommt's ungefähr hin. Ich weiß, ich weiß, Sie müssen jetzt gerade noch mal "Decade" dreimal auflegen, aber hören Sie zumindest mal "Tree Line", das wunderschöne Liebeslied "The Only One" oder die selbstironische Hymne an einen vergessenen Musiker "I'm the Only One" an. "I could have been the british sky/ I could have made you feel so high/ I could have been your guy", singt Saloman trotzig-traurig in "Neverwas". Der Mann weiß, wo er steht, er weiß, dass die 18.000 nicht mehr kommen, um ihm zu huldigen. And he gives a fuck. It's better to burn out… Sie wissen schon. (8.0) Andreas Borcholte

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Scout Niblett - "It's up to Emma"
(Drag City/Rough Trade, seit 24 Mai)

Wenn die Wände immer näher kommen, selbst sommerlichster Sonnenschein fahl wirkt, der Hals von zu vielen Zigaretten kratzt, wenn der Kopf zu platzen droht, die Augen immer wieder tränen, der Verstand um Akzeptanz ringt, das Herz aber erbarmungslos den immer gleichen Klagerhythmus schlägt, dann nennt sich das Liebeskummer. Musikalisch begabte Menschen greifen sich dann in den einsamsten Stunden gerne die Akustikgitarre und singen sich den Schmerz von der Seele, monoton und melancholisch, manchmal aufwallend zornig, manchmal selbstmitleidig verzagt. Auch Scout Niblett, die eigentlich Emma Louise heißt, das erklärt den Albumtitel, ist da keine Ausnahme. Sie hat allerdings schon eine gewisse Historie mit lakonischen, kargen Songs über die Härten des Schicksals, "It's up to Emma" ist ihr sechstes Album, es ist das beste seit ihrem Debüt "Sweet Heart Fever" von 2001. Unter Herzfieber leidet die in Portland, Oregon lebende Britin auch hier wieder, aber diesmal, befeuert von einer offenbar erst kürzlich an Betrug gescheiterten Beziehung, ist es besonders intensiv. Das zeigt sich schon im bedrohlich ruhigen und entschlossenen Opener "Gun": Niblett spielt hier die Rolle der in der Popkultur altbekannten Psycho-Exfreundin und steigert sich bis zur letzten Konsequenz in eine blutige Rachephantasie hinein - analog zur Musik, die erst ganz leise auf zwei Gitarrenakkorden beginnt, dann anschwillt bis zu einem trockenen "Peng" auf der Snare-Drum und einem maliziös ausgerufenen "Ha!", dem Pistolenschuss, der den untreuen Typen ins Jenseits befördert. Mehr als diese zwei, oft ins Leere trudelnden Akkorde, ein paar elektronische Streicher und Geräusche sowie im Hintergrund verloren marschierende Drums braucht Niblett nicht für ihren Bewältigungsreigen, der ganz wunderbar in der selbstermächtigenden Katharsis von "Could this Possibly Be" und "What Can I Do?" mündet - der versöhnlich-glockenhellen Aussicht, dass zukünftige Liebe möglich sein könnte. Dazwischen geht es jedoch schön schizo zur Sache: Mal hasst sie ihn, dann vermisst sie ihn, mal gibt sie sich selbst die Schuld ("My Man"), mal wünscht sie ihn in die Aufreißerhölle in der gespenstischen Coverversion des TLC-Hits "No Scrubs". Im schnellsten und klassischsten Rockstück des Albums, "Second Chance Dreams", erinnert sie an die frühe Liz Phair und schwankt zwischen Hoffnung ("We could reunite"), erotischen Nachwehen ("I'm still getting wet"), totaler Verwirrung: "What do you want from me?", singt sie im Refrain-Mantra. Dunkel, reduziert, unterschwellig aggressiv, fiebrig nach Erlösung hungernd - ein so suggestives Break-up-Album wie "It's up to Emma" hat man lange nicht gehört, es hüllt einen ein in eine schwarze Wolke aus manischer Depression. Erschreckend: Man fühlt sich nicht mal unbehaglich darin. (7.9) Andreas Borcholte

"Gun"-Clip von Scout Nibblet auf tape.tv ansehen

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Camera Obscura - "Desire Lines"
(4AD/Beggars/Indigo, seit 31. Mai)

Natürlich hätte ich lieber eine Jutebeutel-Freundin, die Camera Obscura schätzt, als eine, die ausschließlich Mentors, Poison Idea, Die Kassierer und Anal Cunt hört. Aber Thies Mynther hatte recht, als er mir im Mai 1999 im Vorbeigehen mitteilte: "Musik darf alles sein, nur nicht langweilig." Und Camera Obscura sind ein bisschen langweilig. So langweilig, dass ich mir einmal ein Konzert der Schotten angesehen habe - nur, um mich hinterher darüber zu beschweren, dass es keine death grunts gab, nichts in die Luft flog und überhaupt alles so furchtbar harmlos war. Andererseits ist "Desire Lines" objektiv eine richtig gute LP geworden (ich sage LP, weil hier selbst der Kater am Morgen nach dem Drive-in-Sex eine analoge Färbung hat und man manchmal, ganz manchmal an das unsterbliche "I Can Never Go Home Anymore" der Shangri-Las denken muss, wenn man Camera-Obscura-Sängerin Tracyanne Campbell in die vollen Augen blickt): Jim James (My Morning Jacket) und Neko Case fallen als backup singers nicht aus dem Rahmen, Trompeten, Posaunen und Paul Brainards wunderbare Pedal-Steel-Gitarre begleiten kennerhaft den Stand der Dinge: "I listen to Billy Joel/ I watch Flashdance again/ I'm going to get through Walt Whitman/ I'm going to be in bed by ten." Hatten Sie auch so wenig Probleme, als sie jung waren? (6.8) Jan Wigger

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insgesamt 2 Beiträge
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meta_matze 04.06.2013
1. könnt ihr nicht...
auch um Konzerttipps veröffentlichen. The Bevis Fond hätte gern gesehen, hätte ich es gewußt. Na ja Herr Bochholte hat ja auch nix mitbekommen
papene 05.06.2013
2. Ich war wohlmöglich ...
... nie wirklich jung, und jetzt ist es ein bisschen spät, damit anzufangen. Aber auf einem Konzert der 10.000 Maniacs war ich mal. Lang her und ganz woanders. Das war sehr schön. So wie Natalie Merchant. Aber schon auch etwas langweilig. Wie Natalie Merchant, wenn man sie längere Zeit von schräg links betrachtet. 'Camera Obscura' können nicht dabei gewesen sein, aber sie klingen ein wenig, als ob. So Sachen wie 'Troublemaker' oder 'Do it again', wenn es nach den Amazon-Schnipseln gehen kann. Schön. Guter Hinweis, mehr Acht als Sieben. Denn "Hauptsache, nicht langweilig" ist nicht mehr die Hauptsache, wenn man nicht jung ist.
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