Lower Dens - "Nootropics"
(Domino/Goodtogo, bereits erschienen)
Schon wieder Baltimore, was für ein Zufall! Nein, nicht wirklich. Diese Platte habe ich natürlich bewusst ausgesucht, weil sie sich so schön gegen das vergangene Woche besprochene neue
Album von Beach House stellen lässt: Ähnliches Genre (Shoegaze, Krautrock-beeinflusster Dream- oder, modernistischer formuliert, Drone-Pop) und eine enigmatische Sängerin
up front. Und beide Bands kommen aus der Großstadt nahe Washington D.C., die uns vor allem als verarmter, drogenkriegsgeschädigter Schauplatz der großartigen TV-Serie "The Wire" vertraut ist. Nun ist Baltimore sicher ein Ort, der entrückende Musik fördert: Klänge, die versuchen, den urbanen Beton-, Glas- und Stahlrahmen zu sprengen, die einerseits so trist und öd wirken wie die schmutzigen Straßenecken, an denen sich jugendliche Dealer herumdrücken, die andererseits aber transzendieren wollen, nach Spiritualität und Abstraktion fahnden, wo die Realität sich allzu konkret zeigt. Diesen ätherischen Ansatz haben Beach House und die leider weitaus unbekannteren Lower Dens gemeinsam. Beach-House-Muse Victoria Legrand verhält sich jedoch - inhaltlich wie optisch - zur schmollmundigen Lower-Dens-Anführerin Jana Hunter wie Stevie Nicks zu Grace Slick. Wo Legrand von der Vergänglichkeit der Lebensblüte säuselt und sich ihre Tagträume von der Natur induzieren lässt, haut sich Hunter, zumindest metaphorisch, die Droge Nootropic rein - und erweitert ihre Sinne chemisch, industriell.
Als wäre das Gehirn mit 180 auf der Autobahn unterwegs ins Ungewisse, so klingen dann auch von stotterndem Indie-Bass und Achtelschlagzeug getriebene Songs wie "Brain" und "Stem": hektisch, überhöht, berauscht. Selten war die Verheißung einer Süßigkeit eisiger als in "Candy", das recht klassisch als Indie-Popsong daherkommt. Aber auch hier wieder das scharf und monoton im Vordergrund marschierende, roboterhafte Schlagzeugspiel. Sie habe beim Schreiben viel Kraftwerk gehört, sagt Hunter, und diese Dosis deutsches Ingenieurs-Kraut hört man nicht zuletzt im Summen und Sausen der Maschinengeräusche des Zweiteilers "Lion In Winter" oder im unbehaglichen "Propagation". Auch die verspielte Can-Gitarrenfigur in "Stem" ist verräterisch. Beach House suchen ihr Heil im Blumigen, Wattigen, während Lower Dens die Flucht nach Vorne antreten: Mit weit offenen Sinnen und metallisch bohrender Musik hinein in die apokalyptischen Stahl- und Betonbarrikaden dort draußen. "In The End Is The Beginning" heißt dann auch der letzte Song von "Nootropics", voll von zirpenden Computern, gefährlich überhitzten Rechnern, bis irgendwo ganz hinten eine sehnsüchtige Gitarre hoffnungsvoll heult und hallt. Für die Ewigkeit im Neonlicht. (8) Andreas Borcholte
Here We Go Magic - "A Different Ship"
(Secretly Canadian/Cargo, erscheint am 18. Mai)
In der langen und mit jedem Jahr länger werdenden Historie der Deppen-Trainer beim Hamburger SV nimmt Thorsten "Hey Puppe, ich bin der geilste Typ, du kommst mit mir!" Fink schon nach kurzer Amtszeit den erwarteten Spitzenplatz ein. Ich schickte ihm deshalb vor acht Tagen die Promo-Ausgabe der neuen Here-We-Go-Magic-LP zu, weil ich wissen wollte, ob er damit in einer der Hamburger Proll-Discotheken punkten kann. Da Fink nicht mehr lange hier wohnt, erwarte ich Antwort bis Ende Oktober und empfehle so lange Ihnen, verehrte "Abgehört"-Leser, "A Different Ship": Von The Sea And Cake ("Made To Be Old") und Paul Simon ("Hard To Be Close") über "77"-Talking-Heads ("Make Up Your Mind") ist hier alles drin: Nächtliche Straßen, die ins Verderben weisen, seltsame Fluchten in den Wahnsinn und irrwitzige Jam-Sessions im Heizungskeller - in summa orchestriert und produziert von Radiohead-Maestro Nigel Godrich. An "Collector" erinnert nur noch wenig, augenblicklich spielen Here We Go Magic mal luftig ("I Believe In Action"), mal Shins-esk/schwermütig ("Over The Ocean") und greifen in alle Richtungen aus: 1967, 1981, 2040.
Interesting trivia: In der Hamburger Location Saal II habe ich mir von einer stadtbekannten Hipsterin mit "Chuck Bass is my boyfriend"-Umhängebeutel sagen lassen, dass "A Different Ship" eine sogenannte "Hipster-Platte" sein soll. Ach so?
Ah, bugger it! (7) Jan Wigger
Here We Go Magic - "How Do I Know"
Richard Hawley - "Standing At The Sky's Edge"
(Parlophone/EMI, bereits erschienen)
Der arme Mann wird wohl sein Leben lang der Gitarrist sein, der auch mal ein paar Soloalben als Sänger gemacht hat. Nur weil er für sehr kurze Zeit bei Pulp mitgespielt hat (die Longpigs, bei denen er vorher länger war, kennt schon niemand mehr). Hawleys Solowerk ist weitaus beeindruckender als sein Wirken bei der Britpop-Legende, "Standing At The Sky's Edge" ist sein siebtes Album - und vielleicht auch sein bisher bestes. Dass Yorkshire ein übler Landstrich ist, wissen wir spätestens seit David Peaces beklemmendem "Red Riding Quartet", das die Abgründe der Polizeikorruption und moralischen Verderbtheit im Norden Englands mit reichlich Zwielicht ausleuchtete. Richard Hawley schreibt seit seinem ersten Soloausflug über seine im südlichen Yorkshire gelegene Heimatstadt Sheffield. Ob "Lowedges", "Cole's Corner" oder ein Pub, der "Devil's Arse" heißt - stets berichtet Hawley vom Scheitern und vom kurzen Glück in der siechen Stahlstadt.
Auch "Sky's Edge" ist so ein maroder Ort in Sheffield, ein Viertel, das von Bandenkriegen und organisierter Kriminalität gebeutelt wird, nicht erst seit Hawley dort in den späten Siebzigern ein small lad war, der mit ängstlich gezücktem Messer in der Hosentasche durch die Gassen streifte. Der Titelsong erzählt von einem jungen Kerl, der in diese Spirale der Gewalt in "Sky's Edge" gerät und ein mörderischer Teil von ihr wird. Diese tristen Geschichten sind aber gar nicht das Besondere an diesem Album, es ist vielmehr das auffällige Fehlen jeglicher Streicher und opulenten Pop-Barocks, das Hawleys Schaffen bisher definierte. Ähnlich wie sein Vorbild und Kollege Paul Weller entdeckte er ausgerechnet jetzt den Psychedelic- und Garagenrock der Sechziger und Siebziger für sich - und entschied sich erstmals, eine Art Live-im-Studio-Platte aufzunehmen, "mit zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug und Raketengetöse", wie er das nennt. Und so klingt der sonst so zarte Balladier Hawley plötzlich nach frühen Pink Floyd, nach Strawberry Alarm Clock, nach The Action oder späten Velvet Underground. Im bekifft vorantaumelnden "Time Will Bring You Winter" erinnert seine Stimme nicht zum ersten Mal an den Grunge-Veteranen Mark Lanegan, nur dass die Musik diesmal eben auch die lakonischen Screaming Trees der "Sweet Oblivion"-Ära evoziert. "She Brings The Sunlight" und "Leave Your Body Behind You" sind flammende, Feedback-gesättigte Liebeserklärungen an seine Frau Helen; allein das tändelnde "Seek It" sowie das mit luftiger Naturlyrik, Psycho-Folk und einer lustigen "Stairway To Heaven"-Hommage ausgerüstete "Don't Stare At The Sun" dürften alte Hawley-Fans versöhnen. Falls Versöhnung überhaupt nötig ist. Steht ihm nämlich gut, das Laute, Disparate. Und Sheffield wird noch ein bisschen grauer. (7) Andreas Borcholte
Richard Hawley - "Standing At the Sky's Edge" (Prelistening-Video)
My Bloody Valentine - "Isn't
Anything", "Loveless", "EP's 1988 - 1991" (Reissues)
(Sony Music, bereits erschienen)
Es ist eine schale Weisheit, aber um wirklich zu
erfahren, was My Bloody Valentine einmal bedeuteten (und heute immer noch bedeuten), muss man diese Band live gesehen haben. Es geht nicht um die Texte, sondern um die bloße Lautstärke (Flugzeugarmadalandungslaut!), die Schattenrisse, die Geisterstimmen, das weiße Rauschen, die übereinander getürmten Gitarrenspuren und das Glück, das aus den Wolken kommt. Ich sitze vor meinen My-Bloody-Valentine-EPs ("Glider", "Tremolo", "You Made Me Realise") und denke: "Na, die sind jetzt nichts mehr wert.". Andererseits veranschlagt Amazon für die in der aktuellen MBV-Reissues-Serie ausdrücklich nicht enthaltene Compilation "Ecstasy And Wine", die ich einmal billig in Stockholm erstand, 114 Euro. Aber verkauft man etwa seine God-Machine-Platten, nur weil sich 300 Jahre später jemand erbarmte, sie endlich wieder neu aufzulegen? Im Lauf der Zeit traf man immer mehr Leute, die "Isn't Anything" höher einschätzten als "Loveless" - in Wirklichkeit sind beide Platten legendär und in ihrer Wirkung auf absolut jeden Menschen, der seine Gitarre gern verzerren möchte, nicht zu unterschätzen. Lyrisch bedienten sich My Bloody Valentine schon immer einer Geheimsprache (wie der zurückgebliebene Schotte in Mike Leighs Film "Naked"): "Sueisfine" bedeutet eigentlich "Suicide", "I Can See It (But I Can't Feel It)" letztlich das genaue Gegenteil. Und knapp hinter dem Schauspieler Rip Torn ist Colm Ó Cíosóig noch immer einer der besten Künstlernamen der Neuzeit.
"Isn't Anything" (9), "Loveless" (9), "EP's 1988 - 1991" (8) Jan Wigger
My Bloody Valentine - "Feed Me With Your Kiss"
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)