Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Neil Young und Crazy Horse waten auf "Psychedelic Pill" durch Feedback-Gewitter, Rapper Kendrick Lamar erzählt, wie er nicht zum Gangsta wurde, Melody's Echo Chamber ist Tame Impala mit Frauengesang. Und Madness? Bleiben lustig.

Neil Young & Crazy Horse - "Psychedelic Pill"
(Reprise/Warner, bereits erschienen)

Da es kaum einen Künstler gibt, über den ich so oft geschrieben habe, wie Neil Young, müsste ich in dem wie ein Polizeistaat organisierten Musikgeschäft als sogenannter Fanboy gelten. Zwar stehen dem ausdrückliche und gern übersehene Verrisse ("Fork In The Road") und mit viel Wohlwollen gerade noch als lauwarm zu bezeichnende Besprechungen etwa zu "Americana" entgegen, doch zu Neil kehre ich stets so gern zurück wie nach New York, Seoul oder Singapur: Hier bin ich zu Hause, und das ist die Musik, die einmal all das weggespült haben wird, was sie in den Jahresbestenlisten von Studentenmagazinen, Bescheidwissern und Berufsjugendlichen finden. Neil Young ist der massivste Baum der westlichen Hemisphäre, und sobald er die Gitarre berührt, sie elektrifiziert, mit ihr verschmilzt, beginnt es automatisch zu stürmen und eine unsichtbare Stimme murmelt: "Es ist vollbracht." "Psychedelic Pill" ist die beste Crazy-Horse-Platte seit "Ragged Glory" oder seit "Sleeps With Angels", ich bin mir noch nicht sicher und zudem voller Furcht: War für ein paar Verrückte nicht irgendwann mal jede Crazy-Horse-Platte die beste seit "Ragged Glory" oder "Sleeps With Angels"? Nun, liebe Hater, diesmal stimmt's: Billy und Ralph und Poncho und Neil mäandern, winden und prügeln sich durch "Driftin' Back" (27 Minuten), hauen das phantastische "Walk Like A Giant" (16 Minuten) am Schluss einfach kaputt, durchwaten furchtlos die Feedback-Gewitter, schießen verwaschene, unscharfe Fotos, besingen das "Ramada Inn", sind froh und ein wenig bestürzt darüber, dass sie noch am Leben sind und diese hämmernde, schwer atmende, erhebende Musik spielen dürfen. "First time I heard 'Like A Rolling Stone'/ I felt that magic and took it home/ Gave it a twist and made it mine/ But nothing was as good as the very first time", singt Neil im schwungvollen "Twisted Road", und mit dem unnachahmlich geschluchzten "For The Love Of Man" gibt es einen wunderbar ländlichen Rückgriff auf "Harvest Moon". Trotzdem trifft mich das Lied vom Mädchen, das immer nur tanzen wollte, am tiefsten: "She wants to dance with her body left unbound/ She wants to spin like she lives in her own world/ She wants to dream like she was a little girl." Pipe dreams, bittersüß. (8.6) Jan Wigger

Kendrick Lamar - "Good Kid, m.A.A.d City"
(Interscope/Universal, bereits erschienen)

Als er acht Jahre alt war, sah der kleine Kendrick Tupac Shakur und Dr. Dre in flotten Retro-Cars durch Compton cruisen. Gedreht wurde ein früher Videoclip zu "California Love", das später noch mal als "Mad Max"-Spektakel verfilmt wurde und zum HipHop-Superhit der Neunziger wurde. Für Kendrick Lamar waren die Gangster-Rapper, die mit so viel Swagger durch seine Nachbarschaft rollten, Faszination und Warnung zugleich. Denn die Karrieren von Stars wie Dre, MC Eiht oder Ice Cube basierten auf ihren teils glorifizierten, teils realen Erlebnissen in den Gang-Kriegen des Ghettos von Los Angeles, über die sie mal lakonisch, mal martialisch rappten. In Compton aufzuwachsen und "real" zu bleiben, davon handelt nun das erste Major-Label-Album von Lamar, das von US-Medien bereits zu den besten Rap-Platten des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts gezählt wird. Vergleiche mit "Illmatic" von Nas purzeln, kein Meilenstein scheint zu groß. Tatsächlich ist "Good kid, m.A.A.d City" ein erstaunliches Album, weil es, ähnlich wie das jüngste Roots-Album "Undun", ein glänzend erzähltes, beinahe romanhaftes Entwicklungs-Narrativ ist. Lamar berichtet von den ersten Ausflügen mit Mamas Minivan auf der Suche nach "Bitches", erzählt mit zittriger Stimme über die schwierigen Hierarchie-Verhältnisse in der High School, rekapituliert frühe Prahlereien als Nachwuchs-Rapper (""I pray my dick gets big as the Eiffel Tower/So I can fuck the world for 72 hours") - und wird schließlich von Dr. Dre persönlich in die Compton-Posse inauguriert. Der Rap-Pate hielt als Produzent sein schützendes Händchen über Lamar. Wie Henry Hill in Nick Pileggis Mafia-Epos "Wiseguy" lockt auch Lamar der düstere Glanz von Gewalt und Gang-Riten. Am Ende bewahren ihn jedoch die Stimmen der Vernunft vor der schiefen Gangsta-Bahn: Immer wieder sind Voicemail-Aufnahmen von Lamars Mutter auf dem Album zu hören, die ihn ermahnt, auf sich aufzupassen und ja den Wagen heil zurückzubringen. Einmal, in "Real", kommt auch sein Vater zu Wort, der ihm ins Gewissen redet: "Any nigga can kill a man", schimpft er, aber "that don't make you a real nigga. Real is responsibility. Real is taking care of your motherfucking family". Nicht die Gangster-Familie ist es also, für die sich Lamar entscheidet, sondern die echte, die reale. Eine bescheidene, man könnte sagen, biedere Message für einen Rapper aus Compton, doch die großen Gangsterzeiten sind, wie die Neunziger, lange vorbei, und HipHop wird heute eher von Sensibelchen wie Kanye West, Drake oder Frank Ocean dominiert als von Uzi- und Goldkettenschwingenden Mackern. Lamar erzählt Geschichten wie ein Chronist: entrückt, unaufgeregt, manchmal hochkomisch, oft, wie im zwölf Minuten langen "Sing About Me (I'm Dying Of Thirst)" aber auch erdenschwer. Rap-Musik, das war neben aller Schaumschlägerei immer auch oral history, und Kendrick Lamar lässt diese Tugend wieder aufleben, indem er einfach losplaudert, über das Leben, die Straße, den Alltag, straight outta Compton. Untermalt wird der "Kurzfilm" (Untertitel des Albums) von epischen Soul- und Jazz-Samples und zumeist strengen, unprätentiösen Oldschool-Beats. Man nennt das wohl einen Brückenschlag: Die neue Generation übernimmt und verneigt sich noch einmal vor den großen Alten. Dr. Dre, der seit nunmehr Jahren ohne Erfolg an seinem neuen Album bastelt, sollte sich die Mühe vielleicht sparen. (8.2) Andreas Borcholte

Kendrick Lamar - Swimming Pools (Drank)
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Melody's Echo Chamber - "Melody's Echo Chamber"
(Domino/Goodtogo, 2. November)

Stell dir vor, eine so schöne Frau wie Melody Prochet kommt nach deinem Konzert auf dich zu und spricht dich mit diesem sexy französischem Akzent an: Du Kevin, ich bin's Melody. Ich finde das ganz toll, was Du da auf der Bühne machst, so will ich auch klingen. Magst Du mir das bei Gelegenheit mal zeigen, bitte? Hach, Ohnmacht, Herzrasen, Schwindelgefühl, Englein singen. Kevin Parker, damals noch recht unbekannter Super-Nerd, Produzent, Erfinder, Kopf und Sänger der australischen Neo-Psychedelic-Rockband Tame Impala, ist das vor ziemlich genau zwei Jahren passiert. In Paris. Mademoiselle Prochet war damals mit ihrer Band My Bee's Garden beschäftigt, die schön entrückten Dreampop machte. Parkers erster Schritt: Die Frau nicht mehr aus den Augen lassen. My Bee's Garden waren fortan spezieller Gast auf der ersten Europa-Tournee von Tame Impala, die sie zu jener Zeit noch in so gemütlich-intime Örtlichkeiten wie das Hamburger "Beatlemania" führte. Prochet sagt, sie könne nette Lieder mit hübschen Akkorden oder Arpeggios schreiben, würde sich damit aber ein wenig langweilen: "Also bat ich Kevin, das alles zu zerstören." Parker ließ sich nicht lange bitten und produzierte Prochets erstes Solo-Album, das nun als "Melody's Echo Chamber" erscheint: Die hübschen Melodien, stark vom britischen und französischen Sixties-Pop beeinflusst, sind alle noch da, tatsächlich aber so nachhaltig durch den analogen und digitalen Effektewolf gedreht, dass ein hinreichend bewusstseinserweiterndes Ambiente entstanden ist. Dazu Prochets aus weiter Ferne gehauchter Gesang - nahezu perfekt. Neben eher konventionellen Pop-Songs wie "Cristallized" und "Sometime Alone, Alone" finden sich auf dem Album auch vertrackte Dinge wie "Bisou Magique", durch das eine hypnotische Gitarre geistert, oder das verstörenderweise wie rückwärts abgespielt wirkende "IsThatWhatYouSaid". "Snowcapped Andes Crash" bricht im Mittelteil gar zu einem veritablen Trip durch experimentellen Noise auf - anscheinend waren die Aufnahmesessions ein großer Spaß. Prochet berichtet davon, wie Parker der klassische ausgebildeten Musikerin all sein verwirrendes Equipment ins Studio stellte und zu ihr sagte: Probier' mal was. Der Fuchs. Manches, darunter "You Won't Be Missing That Part Of Me", trägt wabernd, mäandernd, einen allzu deutlichen Tame-Impala-Stempel, letztlich klingen Prochets Experimente in der Echo-Kammer aber um einiges interessanter als der verträumte Neu-Shoegaze von My Bee's Garden. Ein fürwahr magisches Küsschen. (6.7) Andreas Borcholte

Melody's Echo Chamber - I Follow You
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Madness - "Oui, Oui, Si, Si, Ja, Ja, Da, Da"
(Embassy of Music/Indigo, bereits erschienen)

Einen so schlechten Albumtitel können sich nicht einmal Madness ausgedacht haben. Doch Madness haben sich diesen Albumtitel ausgedacht, und nun steht auf dem von Sir Peter Blake himself designten Cover nicht "Dial M For Madness", "The Ten Commandments" oder "Men Of Steel", sondern "Oui, Oui, Si, Si, Ja, Ja, Da, Da". Nachdem ich in den letzten zwei Wochen wieder einmal ausschließlich Fado und Modinha gehört habe, gelang es mir nur durch einen "Zelig"-artigen Selbstversuch, die mentale und körperliche Verfassung wiederzuerlangen, welche es mir erlaubte, die bei aller Melancholie doch eher wolkenlosen Stimmungslieder von Madness zu ertragen. Wie schon auf der unerwartet furiosen Comeback-LP "The Liberty Of Norton Folgate" ("Sugar And Spice"!, "MKII"!) gelangen Madness mit "Circus Freaks", "Leon" und dem schwermütigen "Powder Blue" auch hier ein paar kapitale Hits. Das hier gleich zweimal vertretene "My Girl 2" schließt zumindest musikalisch wohl kaum an den ersten Teil von 1979 an, die Melodie von "Misery" kippt leider ins Schlagerhafte (wobei man selbiges ja auch vom köstlichen Pogues-Knaller "Fiesta" behauptet hat, und wer weiß schon, ob es stimmt?). So halten sich Seriöses ("Small World") und Belustigendes die Waage, obgleich "Never Knew Your Name", der beste Song auf "Oui, Oui...", einfach nur einer modernen Tragödie gleicht: "I would have liked to have walked you home/ But you said you'd catch the bus, so I ended up alone/ I never knew your name nor your telephone number/ Will I ever see you again? I wonder?" Nothing good happens after 2 A.M. (6.8) Jan Wigger

Best Of "Abgehört"

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Wann ...
balsamico 30.10.2012
... rezensieren hier mal Menschen wirklich interessante Cds auf interessante Art und Weise? In 10 Jahren ist dieser Schreibstil wahrscheinlich wieder chic & retro, aber momentan ist diese Sparte abturned besetzt. Sorry!
2. Da kann ich mich...
spiderland77 30.10.2012
nur den Worten von balsamico anschließen. Gähn! Eigentlich sehr schade. Jeden DIenstag schaue ich rein und der Gipfel ist dann immer noch Rezensionen von Alben zu lesen, die selbst die Autoren als schlecht empfinden. Muss man das verstehen?
3. Americana
Gangolph 30.10.2012
Seit 45 Jahren bin ich Fan von Neil Young. Mir hat beileibe nicht alles gefallen, was er in dieser langen Zeit produziert hat. Aber Amerinana ist ein gutes Album. Und wenn ich die Kritiken im Internet nachlese bin ich mit dieser Meinung nicht alleine. Aber die SPON-Rezensionen fallen häufig etwas merkwürdig aus....
4. Hi Gangolph,
jasonreed 30.10.2012
Musikgeschmack ist absolut subjektiv, und Musikkritiken sollten dies auch sein, da Geschmack nicht objektivierbar ist. Die Einordnung kann dann jeder selbst vornehmen. Was ist an einer subjektiven Rezension "merkwürdig"?
5. hypokeimenon, oder so
papene 30.10.2012
Kann man gern zustimmen, jasonreed, und 'merkwürdig' scheint mir eher, ganz subjektiv natürlich, jeden Dienstag hier reinzuschaun, um sich in den Hintern beißen zu können. Muss man nicht verstehen, oder? Überhaupt hab' ich Subjekt, ich subjektives, hier noch nie eine Kritik gelesen. Gell, Karla Kolumna?
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 44
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Terry Callier: Occasional Rain

    2. Terry Callier: What Color Is Love

    3. Kendrick Lamar: Good Kid, m.A.A.d City

    4. Brooke Candy: Das Me

    5. Neil Young & Crazy Horse: Psychedelic Pill

    6. Ratking: Wiki 93 EP

    7. Jake Bugg: Two Fingers (Track)

    8. The Moons: Fables Of History

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    10. Hunters: Street Trash (Track)


Jan Wiggers Playlist KW 44
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Tocotronic: Wie wir leben wollen

    2. Neil Young & Crazy Horse: Psychedelic Pill

    3. Tony Kaye: Detachment

    4. Paul Thomas Anderson: The Master

    5. Schinken Omi: Aussichtspunkt Alterspyramide

    6. Amália Rodrigues: Alfama (Track)

    7. Alfredo Marceneiro: Mocita Dos Caracóis (Track)

    8. Deolinda Maria: Gosto De Ti Porque Gosto (Track)

    9. Cristina Branco: Sete Padacos De Vento (Track)

    10. Hirokazu Koreeda: I Wish

Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.