Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Thees Uhlmann hören ist wie freihändig Fahrrad fahren - und ein neues Album von Nine Inch Nails muss gar nicht so übel sein, wie man vermutet. Glauben Sie nicht? Lesen Sie hier. Außerdem: Neues von Julianna Barwick und Golden Suits.

Nine Inch Nails - "Hesitation Marks"
(Polydor/Universal, ab 30. August)

Ob Trent Reznor vor 20 Jahren geglaubt hat, dass er seinen 48. Geburtstag erlebt? Man darf zweifeln. Mit "The Downward Spiral" und "The Fragile" veröffentlichte er damals zwei größenwahnsinnige Meisterwerke des Selbsthasses, gegen die Kurt Cobains gesammelte Angstattacken wie ein putziges Trotzgetrommel auf dem Kinderzimmerboden wirken. Und dabei macht es keinen Unterschied, dass der eine elektronisch basierten Industrialrock und der andere sogenannten Grunge spielte. Reznor ist eine Pop-Figur aus einer anderen Zeit: Anfang der Neunziger, als sich Rockmusik zum letzten Mal aufbäumte und der Begriff "alternativ" mit einem Rest Inhalt gefüllt schien, war Selbstzerstörung eine echte Option, keine ironische Pose. Drogen, Alkohol, Autoaggression: Cobain, Shannon Hoon und Layne Staley gingen diesen Weg bis zum bitteren Ende, andere, wie Scott Weiland, beinahe - und Trent Reznor, der Mann auf der Abwärtsspirale? Ausgerechnet er überlebte nicht nur. Er ist heute, als properer, austrainierter Endvierziger, erfolgreicher denn je: Reha absolviert, Frau gefunden, Vater geworden, Oscar gewonnen. What else?

Ein neues Album, klar. Erste Reaktion: Braucht kein Mensch. Mit seinen Soundtrack-Arbeiten für David Finchers "The Social Network" und "The Girl With The Dragon Tattoo", die er zusammen mit Langzeit-Kollege Atticus Ross schrieb, schien Reznor im Alterswerk angekommen: Die Vertonung intimster Quälereien war einer kathartischen Externalisierung gewichen. Statt in sich selbst nach schwarzen Löchern zu forschen, vertonte er nun die Abgründe der anderen, und das mit einer atmosphärischen, cinematischen Wucht, die vielleicht schon immer in den nokturnen, einsam am Laptop erzwungenen Kompositionen Reznors geschlummert hatte. Aber nein, auch die in letzter Inkarnation zum apokalyptischen Gegenbild einer Springsteen-Show mutierten Nine Inch Nails, komplett mit Lederweste und großen Rockgesten, mussten noch mal ran: "Hesitation Marks", das Artwork stammt wie damals von Russell Mills, soll ein gegenwärtiges Spiegelbild zu "The Downward Spiral" sein, das Testament eines Survivors, der auf sein jüngeres, suizidales Ego zurückblickt. Hesitation Marks, das sind die Wunden, die sich ein Selbstmörder zufügt, bevor er sich traut, richtig zuzustechen.

Das Ergebnis ist aber gar nicht so furchterregend, wie man es sich hätte ausmalen können, es kehrt von den globalen Endzeitvisionen der Alben "Year Zero" und "The Slip" zurück zur Introspektion, doch Reznor selbst fiel im Gespräch mit der "New York Times" auf, dass er kaum die Stimme zum Schmerzensgebrüll erhebt, außer im schlimmsten Stück, der geradezu beleidigend konventionellen Rocknummer "Everything". Der Lärm, sonst fester Bestandteil einer zwischen Brüten und Brüllen oszillierenden Sinuskurve im NIN-Noise, irritiert hier in seiner Vereinzelung. Die Grundstimmung ist verhalten, aber nicht abgeschlafft, elektronische Rhythmen, auch schnellere, dominieren, Gitarren, wie in "Came Back Haunted", akzentuieren ein konzentriertes Pulsieren und Wummern aus dem Computer, das clubtauglich ist, jedoch kaum an aktuelle Trends des Genres anknüpft: Reznor bleibt seiner Ende der Achtziger mit "Pretty Hate Machine" erfundenen EBM-Klangwelt treu, was "Hesitation Marks" zu einem seltsam aus der Zeit gefallenen Album macht, einem remasterten Ruf aus der Vergangenheit.

"I am just a copy of a copy of a copy", grient Reznor im flirrenden "Copy Of A" selbstreflektierend. Man nimmt sich also nicht mehr ganz so ernst, und statt durch animalischen Sex "closer to god" zu gelangen, wird in "Find My Way" geradezu fromm gospelnd nach Erlösung gesucht. Die Texte, das muss man sagen, sind weniger aufregend als die Musik, die in "All Time Low" schön betrunken um einen dieser typisch gewordenen Depri-Trips herumtaumelt: "Hey, everything is not okay", reimt er launig. Am Ende, so scheint es, ist Trent Reznor doch noch bei der Ironisierung der eigenen Dämonen angekommen. Und dennoch suggeriert jeder angespannte Psychokiller-Ton auf "Hesitation Marks", dass sich der Künstler noch nicht sicher in seiner neu erworbenen Stabilität fühlt. Das dünne Eis über dem Wahnsinn, es kracht und knackt bei jedem zaghaften Schritt. (7.6) Andreas Borcholte

Nine Inch Nails - "Came Back Haunted"
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Thees Uhlmann - "#2"
(Grand Hotel van Cleef/Indigo, ab 30.8.)

Die Lieder von Thees Uhlmann zu hören, ist wie freihändig Fahrradfahren, das geht natürlich am besten auf dem Deich: Man übergibt sich tollkühn dem Schicksal, guckt in die herbstklare Luft und schaut den Zugvögeln nach, "bis man das V nicht mehr erkennt", wie es im ersten Song seines zweiten Solo-Albums heißt. Uhlmann, ehemals Sänger der Hamburger Band Tomte, ist ein emotionaler Absolutist, so beschrieb es mal ein Kritikerkollege, und deswegen kommt man seiner Musik auch nicht mit den naheliegenden Fragen nach Kommerz und Kalkül, Indie oder Ausverkauf bei; bei Uhlmann ist immer alles eins zu eins: das Pathos, das Weltumarmende, das ewig kindliche Staunen über den Lauf der Welt, das bei ihm auch mit Ende 30 noch keinem Zynismus gewichen ist.

Das muss man mögen, sonst kann man es nur hassen: Uhlmann ist keiner, auf den sich plötzlich alle einigen, weil er schon so lange dabei ist. Mit seinem naiven, an amerikanischen Classic-Rock angelehnten Pop-Enthusiasmus und seinen Geschichten aus dem persönlichen und gesellschaftlichen Alltag muss er zwangsläufig bei all jenen anecken, die das Leben nur noch erträglich finden, wenn sie es durch einen Ironiefilter betrachten. Der Rest atmet tief ein und versteht, was Uhlmann meint, wenn er sich in "Im Sommer nach dem Krieg" nach einer frischen Brise vom Meer sehnt.

Der Erfolg seines schlicht "Thees Uhlmann" betitelten Solo-Debüts vor zwei Jahren hat den Wahlberliner selbstbewusster werden lassen: Schöpften sich die Songs des ersten Albums vorrangig aus der Biografie und dem Innenleben des Sängers, so traut sich Uhlmann auf "#2" nicht nur musikalisch mehr Pop zu, sondern blickt in seinen Texten tapfer über den Horizont seines Heimatdorfs Hemmoor hinaus. Bemerkenswert viele Songs beschäftigen sich mit dem Weltuntergang, die Sprachbilder sind martialisch: "Die Bomben meiner Stadt machen boom, boom, boom", singt er etwa im dylanesken Stream-of-Consciousness "Die Bomben meiner Stadt" - und trifft im selben Lied Jesus als Penner auf einer Parkbank, dem er prompt 50 Cent in die Hand drückt. In "Weiße Knöchel" begleitet er einen SPD-Politiker in die übel riechende Ursuppe der Provinz: "In der Reihenhaussiedlung am Rande der Stadt/ Hat er Dinge gesehen, die kein anderer gesehen hat". Und in "Zerschmettert in Stücke (Im Frieden der Nacht)" wünscht er sich, Schaf in der Herde zu sein, "aber es gibt keinen Schäfer, der über uns wacht". But what can a poor boy do, except sing for a rock'n'roll band, nicht wahr?

Uhlmann aber ist kein Straßenkämpfer, das wird in seiner schönen Single "Am 7. März" deutlich, in der zwar Rudi Dutschke vorkommt, aber nur als Teil einer Aufzählung von Ereignissen und Zeitgeistern, die wie zufällig diesen Tag umwehen, an dem unter anderem auch Uhlmanns Mutter geboren wurde: Man ist nur Geworfener in diesem Strudel, also kann man auch genauso gut die Hände vom Lenker nehmen. Und lauthals einen dieser elf Gassenhauer gegen das Sterben mitsingen. (7.2) Andreas Borcholte

Thees Uhlmann - "Die Bomben Meiner Stadt"
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Julianna Barwick - "Nepenthe"
(Dead Oceans/Cargo, seit 16. August)

Gnome, Elfen, Sirenen, Engelsstimmen, Geysire, Odins Norden, die heißen Quellen und ach, all die bezaubernd uneindeutigen Gletscherformationen - Rockjournalisten sollten aufhören, Island (oder Musik aus Island) zu beschreiben, man blamiert sich ja doch nur zwischen brodelnden Vulkanen, füsternden Fabelwesen und fertigen Kneipen in Akureyri. Ich versuche deshalb, die auf "Nepenthe" nur sehr selten im Klargesang zu hörende Stimme der Amerikanerin Julianna Barwick anhand einer Aussage des ewig weisen "Family Guy"-Kleinkindes Stewie Griffin zu erklären, der (bevor er sie knebelte und fesselte) über die kanadische Country-Sängerin und ehemalige Sportlehrerin Anne Murray sagte: "It's like her voice is pulling my entire body in her mouth." Doch, doch, genauso summt und surrt und vergeht die Barwick (Brooklyn, again!) auf Island zu Mädchenchören, gespenstischem Gewisper und den körperlosen Klängen des Streicherensembles Amiina. Wer Vergleichsgrößen benötigt: Die stillsten, aber auch wirrsten Stücke von Sigur Rós, Eno, Enya (ha!) und die wundervollen melanesischen Gesänge aus Terrence Malicks "The Thin Red Line". Wer jetzt schon das "Yoga heute"-Abo vorbereitet oder sich ein Anti-Schnarch-Gesundheitskissen bestellen will, mag ruhig sein: "Nepenthe" ist genauso fein geflochten und faszinierend wie der Vorgänger (Aufgemerkt: Ich benutze das Unwort "Vorgänger" hier zum ersten mal seit 1999!) "The Magic Place". Wort drauf. (7.4) Jan Wigger

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Golden Suits - "Golden Suits"
(Yep Roc/Cargo, seit 16. August)

Indie-Wigger's back in town! Tschulle, kleiner Witz. Nein, ich höre immer noch Night Ranger, Eddie Money, Queen und Suzi Quatro - doch ganz bestimmt nicht Tracy Chapman! Aber als ich erfuhr, dass es Neues von Fred Nicolaus gibt, bekam ich urplötzlich Lust auf irgendetwas Geschmäcklerisches, auf gesellschaftliche Mikroräume, Schraddelgitarren und Bücher, die man gern als gelesen abhaken würde, obwohl man maximal 20 Prozent davon versteht (Thomas Pynchon, die Bibel, Chaostheorien). Also: Fred Nicolaus hatte Ratten in seinem Apartment in Brooklyn (ich selbst hatte nur Motten - und das nicht mal in Brooklyn, so I lose), er verlor vierzig Pfund und: Er kaufte sich die zwei Uhren, die nun auf dem Cover von "Golden Suits" abgebildet sind: Die rot-goldene in New York, die braun-weiße im gift shop der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin-Wilmersdorf, zu der auch die Spuren seiner Großeltern führen. Golden Suits ist ein Solo-Projekt mit Freunden (u.a. Chris Taylor, früher Dept. Of Eagles, heute Grizzly Bear), allesamt geschult an Lennon, Wilson, Paul Simon und Van Dyke Parks. Beschweren darf sich Nicolaus dennoch nicht, wenn ich nun schulterzuckend konstatiere, dass mir zumindest "Swimming in '99" eher wie ein Outtake der letzten, unterschätzten Death-Cab-For-Cutie-Platte "Codes And Keys" vorkommt. "We went swimming once in '99/ You lost your glasses in the water/ You were blind/ I see it now in memory/ Unshy and full of graces/ You come from the sea". To get back one's youth, one has merely to repeat one's follies. (7.0) Jan Wigger

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1. Hirnverbrannt
hirnverbrannt 01.09.2013
Superbe Reviews, Herr Borcholte. Macht Spass zu lesen. Schön, dass wenigstens einer wirklich die Musik beschreibt und mit interessanten Hintergründen aufwarten kann.
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