Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Norah Jones kann auch cool sein. Wenn Danger Mouse sie produziert. Nicht so viel Produzentenglück hatte Hipness-Ikone Santigold. Altmeister Loudon Wainwright III erweist sich als unantastbar - und Masha Qrellas Musik lässt einen auch im Frühling frieren.

Norah Jones - "Little Broken Hearts"
(Blue Note/EMI, bereits erschienen)

Ganz ehrlich? Normalerweise würde ich eher über die Straße rennen und mit den verschwitzten Lederwesten- und Haarkranzträgern, die in der Kneipe gegenüber gerade zu "Achy Breaky Heart" in den Mai taumeln, Bier aus Plastikeimern trinken, als freiwillig eine Platte von Norah Jones zu hören. Aber ein äußerst vertrauenswürdiger Kollege sagte neulich, nachdem ich ihn wohl ziemlich ungläubig angestiert haben muss: "Ja, ich weiß, ich weiß! Aber hör's dir trotzdem an". Also gut. Und heute war es dann also so weit: Ich postete meinen ersten Song von Norah Jones an meine Facebook-Pinnwand, für meine Freunde. Und das nicht aus Sadismus, sondern weil der Song, es war die Single "Happy Pills" (alles andere ging wegen der Gema nicht), wirklich richtig gut ist. Erstaunlich, oder? Wie wurde nun aus "Snorah" Jones, also quasi Schnarchelinchen, eine erträgliche, wenn nicht sogar ziemlich coole Popsängerin? Brian Burton hat Schuld. Der ganz und gar sanftmütige Produzent, der sich wahrscheinlich deswegen Danger Mouse nennt und nach den Black Keys demnächst U2 betreut, nahm sich des neuen Albums der mehrfachen Grammy-Gewinnerin und Adult-Contemporary-Muse an. Und streute ein bisschen Sternenstaub auf den harmlos-weinerlichen Nachmittags-Jazzpop, mit dem Jones berühmt wurde. Doch Burton, der Jones bei der Arbeit an seinem Album "Rome" kennenlernte, ist nicht so ein Markenzeichen-Drüberhobler wie Mark Ronson, er verfährt eher nach der behutsam entblätternden Methode Rick Rubins, so dass Norahs Kompositionen nun von innen heraus zu funkeln beginnen - und unter ihrem braven, hochgeschlossenen Blümchenkleid zuweilen ein bisschen Lack und Leder hervorblitzt. Die Songs: bitterböse, aber sanft gesäuselte Abrechnungen mit dem Ex-Lover Lee Alexander, der schon auf Jones' letztem Album "The Fall" büßen musste.

Aber diesmal ist die Verlassene ein Vamp. Wenn Jones in "She's 22" ganz unschuldig zu ihrem Verflossenen sagt: "I'd like to see you happy", dann spürt man die Anspannung, mit der sie das lange Küchenmesser hinter ihrem Rücken in Schach hält. Ironie sickert aus jeder Zeile von "Say Goodbye", wo Jones nicht wirklich der "guten alten Zeit" hinterhertrauert: "Don't you miss the good old days/ When I let you misbehave?". Gänzlich fies wird es, wenn Jones sich so ihre (Mords-)gedanken über die neue Liebe ihres Lovers macht: "Miriam, that's such a pretty name/ I'm gonna say it when I make you cry". Brrrr. Danger Mouse klimpert und klappert im Hintergrund schön gediegen mit seinem erlesenen Retro-Instrumentarium, was immer eine Freude ist. Die Bühne jedoch gehört Norah Jones, deren Stimme hier gar nicht mehr warm und mädchenhaft klingt, sondern so kühl und distanziert wie aus einem schraddeligen Transistorradio aus den Sixties. Immer wieder bemerkenswert, was für coole Musik man mit gebrochenem Herzen hinkriegen kann, wenn alle äußeren Umstände stimmen. Ich mach' jetzt die Balkontür zu und bleib' bei Norah und Gefahren-Maus. (7) Andreas Borcholte

Norah Jones - "Happy Pills"

Mehr Videos von Norah Jones gibt es hier auf tape.tv!

Loudon Wainwright III - "Older Than My Old Man Now"
(Proper Records/Rough Trade, bereits erschienen)

Wenn Sie vor ein paar Tagen zufällig den viel zu kurzen Auftritt des eitlen Weltkünstlers André Heller ("Kunst ist das Brot der Seele!") bei "Markus Lanz" gesehen haben, wissen Sie, was die Stunde geschlagen hat: Nachdem ein sichtbar angewiderter Heller sich minutenlang der Kotzgeschichte eines dümmlichen deutschen Comedians erwehren musste und schlussendlich vollkommen zu Recht eine eigene Sondersendung forderte ("Das haben Sie doch mit dem Karl Lagerfeld auch so gemacht, oder?"), schaute er auf und sprach: "In meinem Leben gibt es keine Schuldigen mehr." Realität oder bloße Behauptung? Auch Loudon Wainwright III ist langsam auf dem Weg, und vieles von dem, was den ungleich berühmteren Nachkommen (auf dessen Grabstein Loudon die Worte "Don't try!" schreiben wird, sollte er Rufus tatsächlich überleben) früher kränkte, hat auf "Older Than My Old Man Now" Pause, denn alles ist lächerlich, wenn man an den Tod denkt. Wie zuvor ein paar der größten Buchautoren, deren Namen wir an dieser Stelle nicht aufzählen müssen, hat nun auch Wainwright eine Fibel zum Thema Vergänglichkeit veröffentlicht: Der eigene Vater seit 24 Jahren tot, alle Kinder aus dem Haus, die Pillen auf dem Nachttisch immer bunter, die Ärzte unfähig ("In point of fact, those acupuncture needles don't do shit."), der Sex ("I Remember Sex") nur noch eine Erinnerung. Der Mensch an sich ändert sich nicht, und Loudon Wainwright III bleibt einer der bedeutendsten noch lebenden US-amerikanischen Liedschreiber. Mit "In C" teilt er nun, mit beinahe 66, einen der schönsten und erschütterndsten Songs seiner Karriere mit uns. (8) Jan Wigger

Santigold - "Master Of My Make-Believe"
(Atlantic/Warner, erscheint am 4. Mai)

Wer sagt eigentlich, dass nur R&B- und Pop-Superstars wie Rihanna oder Madonna vom Hip-Sound ihres jeweiligen Superstar-Produzenten abhängig sind? Gibt's in der alternativen Szene nicht? Pah! Längst ist der Produzent auch im Alternative-Rock, -Pop oder in der Elektropunk-Szene die maßgebliche Größe. Ob Mark Ronson, Brian Higgins oder Danger Mouse - die Soundgestalter sind mächtiger denn je. Schwierig wird es immer dann, wenn gleich mehrere Studio-Gurus an einem Album mitwirken, deren einzelne Bestandteile mehrmals über den Globus verteilt, bearbeitet und wieder zusammengesetzt werden. Zu einem homogenen, funktionierenden Ganzen? Nicht immer. Leidtragende dieses Easy-Jetsets für Musik-Dateien wurde jetzt ganz offensichtlich Santi White alias Santigold, eine Hipness-Ikone schlechthin. Seit ihrem Debüt-Album von 2008 gilt sie als alternativer, bissiger, weltmusikalisch beeinflusster und sehr cooler Gegenentwurf zu den Glamour-Rihannas. Ob nun writer's block oder ihre zahlreichen Gastauftritte zu einer Pause von vier Jahren führte - geschenkt. Problematisch war wohl auf jeden Fall, dass Elektro-Superproducer Diplo plötzlich keine Zeit mehr für White hatte, als es dann endlich mal losgehen sollte - weil er, haha, ausgerechnet am jüngsten Album von Pop-Bonzin Beyoncé mitarbeiten sollte. Nur zwei Songs auf "Master Of My Make-Believe" wurden von ihm betreut. Den Rest produzierten illustre Alternativ-Größen wie Dave Sitek (TV On The Radio), Greg Kurstin (Lily Allen, Foster The People) und Diplo-Kollege Switch. Das alles klingt immer noch schön polyrhythmisch und anarcho-elektronisch - aber auch ein bisschen nach letztem Jahrzehnt, wenn man ehrlich ist. Und während Santigold sich in ihren Texten die Bissigkeit ihres Debüts bewahrt hat und gegen Lug und Trug des Starrummels ("GO!", "Fame") ebenso wettert wie gegen die Finanzkrisen-bedingte Armut ihrer amerikanischen Mitbürger ("The Keepers"), versuppt die ehedem überraschende Durchsetzungskraft ihrer Musik in den Händen zu vieler Klang-Köche. Dem britischen "Guardian" wurde es dabei schon leicht übel. Das Blatt nannte die neue Santigold ein müdes Hybrid aus der Agitprop-Chanteuse M.I.A. und der Artpop-Fee Florence Welch. So weit muss man nicht gehen, aber wenn White in "The Riot's Gone" immer noch behauptet, sie sei "armed and dangerous", muss man schon mitleidig lächeln. Sie habe versucht, "the wild inside" zu verlieren, singt sie im selben Song. Hat sie geschafft. Leider. (5) Andreas Borcholte

Santigold - "Disparate Youth"

Mehr Videos von Santigold gibt es hier auf tape.tv!

Masha Qrella - "Analogies"
(Morr Music/Indigo, erscheint am 4. Mai)

Ob Masha Qrella seit beinahe zwei Jahrzehnten tatsächlich zur "partymachenden Avantgarde Berlins" (Infoschreiben) gehört, sei mal dahin gestellt. Als sicher gilt jedoch, dass man sie anlässlich ihrer neuesten, beinahe bis ins Endlose hinausgezögerten Solo-Platte leider, leider noch einmal vorstellen muss: Damals superschlaue (doch nur selten uneingängige) Post-Rock-Elektro-Wohnzimmer-Entwürfe mit Mina und Contriva, später, "auf Solopfaden wandelnd" ("Karstadt-Magazin"), Avantgarde-Pop mit weichen Ecken und Spiegelsamt-Stimme, garantiert organisch abbaubar. "Analogies" ist Qrellas little feat: Hits wie an der Schnur gezogen ("Take Me Out", mit lustigem Smiths-Zitat; "Crooked Dreams", das beginnt wie Graham Coxons 'Bittersweet Bundle Of Misery'), Musik, die auch im Sommer friert und immer genau dann da sein wird, wenn das letzte Glas Rotwein (hurra, ein Klischee!) zur Neige geht. Aber Obacht: Es wird zwei, drei Menschen geben, die "Analogies" vergnügt mit Herbert Grönemeyers absurd erfolgreichen Kammerjungfern Boy vergleichen. On the other hand: Es werden sich sicher auch zwei, drei Deutsche (und mindestens 17 Engländer) finden, die den destruktiven Scheißdreck, den der FC Chelsea in 180 Minuten Champions-League-Halbfinale anbot, als Fußball bezeichnen. Und davon mal abgesehen: If anyone orders Merlot, I'm leaving. (7) Jan Wigger

Masha Qrella - "Fishing Buddies"

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Metternich 02.05.2012
Gibt es keine andere Musik, als die aus dem angloamerikanischen Raum? Man kann´s kaum noch hören. Diese Einseitigkeit schmerzt bisweilen in den Ohren.
2. Dann empfehle ich, zwar auch übern großen Teich,
zickzack1964 02.05.2012
meine Lieblingskanadier. Brasstronaut aus Vancouver. Die neue Platte heisst "Mean sun" und kommt am 15.05.12. Noch ein paar Stunden kann man sie vorbestellen. http://www.indiegogo.com/meansun
3.
sinta 02.05.2012
Vor ein paar Wochen kam von Mick Flannery ein neues Album raus 'Red To Blue' - aber ach, über Mick Flannery habt Ihr eh noch nie berichtet - Zeit wird's mal ... ;) Videos « Mick Flannery (http://www.mickflannery.com/videos/)
4.
flynn10 03.05.2012
Haha: "Normalerweise würde ich eher über die Straße rennen und mit den verschwitzten Lederwesten- und Haarkranzträgern, die in der Kneipe gegenüber gerade zu "Achy Breaky Heart" in den Mai taumeln, Bier aus Plastikeimern trinken, als freiwillig eine Platte von Norah Jones zu hören. " Wie cool sich Meister Borchlte mal wieder findet. Dabei sagt seine Einlassung mehr über ihn aus, als er das vielleicht wahrhaben möchte. Sie spiegelt sehr gut ab, worum es in dieser SPON Rubrik eigentlich immer geht: Pop, Rock und Jazz, die der Mehrheit gefallen, sind uncool und für die Doofen, 8-10-Sterne Reviews gibt's für die Avantgarde oder die, die sich dafür hält (dazu zählen natürlich Borcholte und Wigger). Überflüssig, das!
5.
forumgott 03.05.2012
Paula i Karol (eine Band mit Mitgliedern aus Kanada und Polen) haben vor 2 Wochen ihr 2. Album vorgestellt. Ich würds mal als Indiefolk bezeichnen, geht aber auch in die Singer/Songwriter-Richtung. Wer sich also mal was Gutes tun will, kann ja da mal reinhören - lohnt sich definitiv. http://paulaandkarol.bandcamp.com/
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema Abgehört
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 11 Kommentare
  • Zur Startseite
"Abgehört" und "Amtlich" live
Jan Wiggers Playlist KW 18
  • SPIEGEL ONLINE
    1. Kool Moe Dee: How Ya Like Me Now

    2. The Rolling Stones: Their Satanic Majesties Request

    3. Big Daddy Kane: It's A Big Daddy Thing

    4. Talking Heads: The Name Of This Band Is Talking Heads

    5. Scorpions: In Trance

    6. Arvo Pärt: Spiegel im Spiegel

    7. Wolfgang Ambros: Es lebe der Zentralfriedhof

    8. Genesis: Wind And Wuthering

    9. The Faces: Ooh La La

    10. George Jones: Ragged But Right: The Starday Years Plus...

Andreas Borcholtes Playlist KW 18
  • SPIEGEL ONLINE
    1. Dr. John: Locked Down

    2. Ty Segall + White Fence: Hair

    3. Django Django: Default (Track)

    4. Caligola: Back To Earth

    5. R.L. Burnside: A Ass Pocket Full Of Whiskeycar

    6. Norah Jones: Little Broken Heartsa

    7. Jamie Saft Trio: Trouble

    8. Frankie Rose: Interstellar

    9. Those Darlins: Screws Get Loose

    10. Ahmad Jamal: The Awakening
Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.