Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Noch Zweifel, dass es die Frauen sind, die den Standard im aktuellen Pop setzen? Lesen Sie hier über die großartigen neuen Alben von Julia Holter und Lana Del Rey. Außerdem: Braucht man Peaches noch? Und den Math-Rock von Battles?

Von , und


Julia Holter - "Have You In My Wilderness"
(Domino/Goodtogo, ab 25. September)

"Wissen Sie, diese Songs, die manche Leute singen, speziell männliche Musiker, wenn sie zu einer Frau sprechen und es fühlt sich an, als wenn sie ein Bild malen? It's sort of male-gazy", sagte Julia Holter neulich dem "Guardian" - und führte als Beispiel Scott Walkers Ballade "Duchess" von 1969 an. Diesem verklärenden, aber natürlich auch degradierenden "männlichen Blick" der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre wollte Holter mit ihrem vierten Album etwas entgegensetzen.

Allzu billig wäre es aber gewesen, wenn die 30-jährige Sängerin und Dozentin aus L. A. die Objektivierung einfach nur umgedreht, ins Weibliche verkehrt hätte. Stattdessen erzählt sie auf "Have You In My Wilderness" Geschichten über die Eroberungskämpfe der Liebe mal aus Sicht der Frau, mal aus männlicher Perspektive. Was sich, wenn man es so liest, vielleicht etwas akademisch anhört, ist Holters bisher zugänglichstes, ja fast schon Pop-artiges Album geworden, ein Triumph ihres sehr gebildeten, von zahlreichen literarischen Einflüssen gespeisten, aber immer auch intuitiven Songwritings.

Passend zum Walker-Bezug (und den immer wieder auftauchenden, dennoch irrigen Versuchen, Holter in die Nähe von Laurel-Canyon-Musen wie Joni Mitchell zu rücken) ist die Tonalität des Albums tief im schwelgerischen Breitwand-Sound der Siebziger verwurzelt. Carole King und Carly Simon wollen Patinnen sein, doch Holter ist zu klug und eigenwillig, um sich einfach nur rückwärts zu wenden.

Die kammermusikalischen Elemente ihrer letzten beiden Alben "Ekstasis" und "Loud City Song" machen die Reise mit, sie manifestieren sich in schönsten Streicher-Arrangements und Spinett-Passagen, die Songs wie "How Long", "Night Song" oder "Sea Calls Me Home" prägen. Gerade letzteres Lied aber marschiert auf einem Sgt.-Pepper-Beat und verfügt über ein Saxophon-Solo und eine gepfiffene Stelle, die auf Pink Floyds "See Emily Play" verweisen könnte, wenn man will. Noch so ein "male gaze" auf ein weibliches Wesen.

Holter, die sich auf früheren Alben konzeptuell der griechischen Tragödie und der Interpretation des Fünfzigerjahre-Musicals "Gigi" widmete, bleibt also vielschichtig und verbirgt zwischen ihren musikalischen Bluffs auch die wahre Natur ihrer Texte: Worum es wirklich geht in ihren mit lieblichster, sehnender Stimme vorgetragenen Miniaturen, bleibt zum großen Teil opak, auch wenn Produzent und Ariel-Pink-Kumpel Cole M. Greif-Neill Holters Gesang extra noch einmal herauspolierte und in den Vordergrund spielte.

Macht aber nichts, denn es gehe ihr mehr um das Fühlen des ganzen Songs als um das Verstehen, sagte sie im "Guardian"-Interview und bezeichnete sich, konfrontiert mit Kritiker-Erfindungen wie "Pop-Kabarettistin" oder "Hypnagogic Popstar", schlicht als "romantische Songwriterin".

So soll man sich also fallen lassen auf den emotionalen Resonanzboden dieser sehnsuchtsvollen, akribisch durchkomponierten, aber dennoch luftdurchfluteten Lieder. Das geht am besten im grandiosen, kosmisch ausufernden Fusion-Jazz-Experiment "Vasquez", in der lakonischen Kate-Bush-Dramatik von "Betsy On The Roof" und im flotten Anfangsdoppel "Feel You" und "Silhouette", das den vertrackten Flow von Talk Talks Elektronikpop zitiert. Humor beweist Holter in "Everytime Boots", in der sie Nancy Sinatras Selbstermächtigungs-Stiefelette in Schlappen umdeutet: "I go nowhere 20 times".

Obwohl man ob der Wärme und der bisher ungewohnten Lieblichkeit der Songs das Gefühl bekommen könnte, Holter erstmals näherzukommen, entzieht sie sich letztlich doch immer wieder der Eroberung durch ihren Hörer, verschanzt sich hinter einem Schleier aus versierten Narrativen und musikalischer Brillanz - und bleibt die unberührbare Schönheit, der sich vor allem männliche Kritiker gern zu Füßen werfen. Dabei will sie doch einfach nur, da draußen in ihrer Wildnis der Gefühle, ihre Ruhe haben. "Ooooooh, shut up!" ist der mokant gesäuselte Refrain des Titelstücks. Ach, man möchte ihr eine Ode widmen! (9.0) Andreas Borcholte

Lana Del Rey - "Honeymoon"
(Vertigo Berlin/Universal, seit 18. September)

In den besten Momenten von Lana Del Reys Neo-Sixties-Pop spult im Kopf ein alter Hollywoodfilm ab: Ein lakonisches Noir-Drama, in dem gelangweilte Liebende schon am Morgen an einem Pool anfangen zu trinken, und die Schatten zu jeder Tageszeit lang und schwer auf siedendem Asphalt liegen. Ein B-Movie, in dem die vordergründig elegante Trägheit früher oder später in ein Blutbad mündet, weil jemand die eigenen Abgründe mit Gefühlen verwechselt hat.

Auf Lana Del Reys bisherigen zwei Major-Alben "Born To Die" und "Ultraviolence" standen Inhalt und Form in diesem abgründigen Popuniversum oft kontrovers nebeneinander: Weil die Sängerin nicht nur musikalisch mit der Nostalgie spielte, sondern auch mit einem Beziehungsbild, bei dem Liebe stets an Gewalt und Selbstaufgabe gekoppelt war ("He hit me and it felt like a kiss"). Nie war ganz klar, ob der Popstar das Reaktionäre umarmte oder unterlief.

Auch auf "Honeymoon" ist diese Zwiespältigkeit vorhanden: Im Titelstück schmachtet Del Rey einem Geliebten nach, der von einer "History of Violence" umgeben wird. Der Flirt mit der Unterwerfung dominiert aber nicht mehr, sondern tritt hinter Stimmungsbilder zurück, die so süffig und sinnlich zusammengesetzt sind wie nie zuvor. Vor allem ihre zum Alleinstellungsmerkmal gewordene Ästhetik des todessehnsüchtigen Hedonismus perfektioniert Lana Del Rey: "Art Deco" ist eine Borderline-Ballade, die von düsteren Synthies eröffnet wird, in einem Geigen- und Bläser-Exzess explodiert und schließlich in träger Opulenz zu Grabe getragen wird. "24" könnte ein alternativer James Bond-Song sein, der kontrolliert Spannung aufbaut, um später mit ungeahnt orchestralem Bombast als Hymne abzuheben.

"Honeymoon" ist deshalb Del Reys bisher beste, auf gewisse Art auch ehrlichste Platte geworden: Erstmals geht sie offen - fast schon befreit - damit um, dass in ihrem Universum Entscheidungen stets im Dienste der Ästhetik fallen, was zwangsläufig dazu führt, dass Moral und Haltung in den Hintergrund treten. Wie wenig die Musik von einer greifbaren Aussage abhängt, spiegelt sich auch in einer Interlude: Über zerkratzten Plattensound spricht Del Rey ein Gedicht von T. S. Eliot - aber ihre Stimme wird durch Hall derart verstärkt, dass man ihr kaum folgen kann. "Salvatore", eine Liebeserklärung, die entfernt an eine Akustikversion von Lady Gagas "Alejandro" erinnert, löst sich in spielerischer Sinnfreiheit auf, reiht sich aber zwischen "Endless Summer" und "Summertime Sadness" trotzdem passgenau ein in die erotisierenden Trigger des Del-Reyschen Sprachuniversums: "Salvatore can wait/ Now it's time to eat / Soft ice cream".

"Honeymoon" ist, bleibt man im Bild, wie ein Kunstfilm, der seine Form zum Inhalt macht. Auf der Oberfläche dieser Inszenierung umgarnt einen Lana Del Rey inzwischen aber so unwiderstehlich mit so viel Feingefühl für Zitate und Exploitation, dass der Trash zum Kult-Klassiker wird. (8.6) Eva Thöne

Peaches - "Rub"
(I U She/Indigo, ab 25. September)

"Balls and dick, two balls and one dick. Balls, balls, dick, dick, balls and dick", Schwanz und Eier, so geht das die ganze Zeit in "Dick In The Air", einem auf monotone Art sehr unterhaltsamen Song auf dem neuen Album von Peaches. Mir fiel dazu als erstes die gute alte Comedy-Nummer "Dick In The Box" von Andy Samberg und Justin Timberlake ein, aber genau darin liegt die Krux: Der feministisch-sexualisierte Electroclash, den die aus Kanada stammende Merrill Nisker im Berlin der frühen Nullerjahre mit "The Teaches Of Peaches" und "Fatherfucker" etablierte, war nie als Komödie gemeint, sondern transportierte einen bis dato vernachlässigten Gender-Diskurs mit den Mitteln des anarchischen Humors erst in die Szene, dann, über zahlreiche Umwege und Einflüsse, in den Mainstream, wo er nun, 15 Jahre später, fest verankert ist. Die "Teaches of Peaches" laufen also ins Leere, denn inzwischen sind halt zumindest innerhalb der westlich geprägten Pop-Blase alle zu einem liberalen Umgang mit Geschlechterbildern konvertiert, bis hin zu Miley Cyrus.

Niskers Leistung als Pionierin schmälert das keineswegs, auch wenn sie inzwischen von hippen Ex-Musikkritikern wie dem Briten Kieron Gillen in dessen aktuellen Pop-Nerd-Comic "Phonogram" zusammen mit A-ha ins Reich der Referenz, der retrospektiv betrachteten Archivierung verbannt wird. Braucht die Welt also nach sechs Jahren ohne Sehnsucht noch ein neues Peaches-Album? Wäre man streng, müsste man darauf antworten: Nur, wenn es eine zwingende Mainstream-Relevanz besitzt und eben auch außerhalb der Blase Akzente für eine weniger von Scham und reaktionären Moral-Impulsen besetzte Kultur setzen könnte. Das wird "Rub" mit großer Sicherheit nicht leisten können, aber dennoch ist es kein schlechtes Album.

Im Gegenteil: Nach den amüsanten Discopop-Exkursen von "I Feel Cream" (2009) eignete sich Nisker für ihr fünftes Album aktuelle Trends wie Trap- und Bass-Music an, tief wummernde, ins Träge und Laszive verschleppte Bässe also und das dürre, verhallte Klackern und Klappern, das viele zeitgenössische Hip-Hop und Post-R&B-Platten dominiert und nun ihr aus Minimal-Techno und Elektro-Elementen gespeistes Ur-Klanggerüst ergänzt. "Dick In The Air", "How You Like My Cut" und das zusammen mit Kim Gordon aufgenommene "Close Up" sind Beispiele für diesen hypnotisch-tribalen neuen Peaches-Sound, mit dem sich Nisker natürlich auch die sexistischen Topoi der gängigen US-Rapper extrapoliert, denn bei ihr geht es, nach wie vor, in den Texten fast ausschließlich um Körpersäfte und Geschlechtsteile. Dabei scheut sie wie gewohnt nicht vor Explizitestem zurück, aber auch nicht vor Kalauern mit aktuellem Polit-Bezug: "Tilt on my pussy/ Whistleblow my clit/ Watch it open up cause it can't keep a secret" ("Rub").

Auch wenn man nicht viel für diesen speziellen Humor übrig hat, kann man sich dem Charme dieser mit der Brechstange gereimten Sex-Prosa nicht entziehen, auch wenn sie über weite Strecken nur noch sportliche Fingerübung zu sein scheint: Wie viele Male kann man Schwanz, Vagina und Klitoris in einem Song unterbringen? Ein paar Mal wird es ein bisschen dringlicher, will sich Nisker dann doch noch mal am Geschlechterverhältnis reiben, im dräuenden Sprechgesang von "Free Drink Ticket", das sich gegen Klub-Abschlepper richtet, die ihre Opfer mit Getränkebons ins Verderben locken. Auch in "Dumb Fuck", einem Disco-Stampfer, der an Gossip erinnert, lässt Peaches ihrem Unmut über Muttersöhnchen-Männer und Weicheier freien Lauf: "Look who you deal with, I'm not your mother (…) I'm not your brother and I don't need a son."

"I Mean Something", vergewissert sie sich (und uns) dann schließlich am Ende über ultra-angesagten Trap-Beats. Jaja, wir sind ja schon längst überzeugt. (7.5) Andreas Borcholte

Battles - "La Di Da Di"
(Warp/Rough Trade, seit 18. September)

2:20 Minuten dauert es, dann setzt die Gewissheit ein, dass man ein Battles-Album hört. Dann schlägt die Gitarre, die vorher nur ein paar leiernde Akzente gesetzt hat, einen harten Akkord an und die schneidende Klang-Präzision, die man mit dem New Yorker Trio verbindet, ist unverkennbar zurück. In den verbleibenden vier Minuten werden die Gitarre-, Bass- und Drum-Komponenten immer schneller und dichter re-arrangiert, bis der Song eine kompakte Wucht erreicht - eben typisch Battles. Darüber ist jedoch eine banale Orgelmelodie gelegt, die den Song gleichzeitig ausfransen lässt - und das ist dann leider typisch für speziell dieses Battles-Album, ihr insgesamt drittes. Auf die zwölf Songs von "La Di Da Di" wirken immer wieder Fliehkräfte ein, die die Sounds gezielt in entgegengesetzte Richtungen treiben. Die Hörerin lassen sie jedoch unbewegt in der Mitte stehen.

Dabei sind die Intelligenz der Band, ihr tiefes Verständnis von Musik und ihre gebieterische Kontrolle über die Instrumente unbedingt hörbar auf dem Album. In jedem Song findet sich ein anderes, chirurgisch exakt separiertes Soundelement aus der neueren Rock-Historie. Auf "Non-Violence" ein peitschendes Hardcore-Schlagzeug, auf "FF Baba" eine dudelnde Sixties-Orgel, auf "Summer Simmer" eine mäandernde Prog-Rock-Gitarre. Im jeweiligen Song ergeben diese Elemente jedoch keinen Sinn, ihr Einsatz ist als Konzept intellektuell verständlich, musikalisch zwingend aber nicht.

Zudem verzichten Battles auf diesem Album erstmalig komplett auf Gesang. Das dürfte bei einer Avantgarde-Rock-Platte eigentlich nicht ins Gewicht fallen, tut es dann aber doch, denn für den wunderbar leichtfüßigen Irrsinn, den etwa Matias Aguayos Gesang auf "Ice Cream" vom letzten Album "Gloss Drop" verbreitete, haben Battles keinen Ersatz gefunden. Das lässt die neuen Songs noch sehniger und damit noch ein wenig machohafter klingen, als es die Angewohnheit der drei Battles-Männer eh schon ist.

Aber vielleicht sollte man die Songs von "La Di Da Di" nicht einzeln betrachten, sondern sie in ihrer Gänze als Soundlandschaft begreifen. Dann erscheinen auch die disparaten Zitate aus der Musikgeschichte plötzlich interessanter, ihre Auftritte wie kurze Besuche sonischer Geister. Kann die Idee der Hauntology auf Rockmusik erweitert werden, ist Battles womöglich die erste hypnagogische Rock-Platte gelungen? Aber lassen wir den mühsamen Versuch der Ehrenrettung, denn er führt an denselben Punkt zurück: Als Konzept hat dieses Battles-Album seine Reize, als Hörerfahrung nur bedingt. (6.0) Hannah Pilarczyk

ANZEIGE
Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
evil-bert 23.09.2015
1. 0.0
Was ist los? Diese Woche kein Tex-Verriss! Ich bin enttäuscht!
TipitinaNola 23.09.2015
2. Das ...
... sind für Sie die "Alben der Woche"? Sie leben wirklich auf einem fremden Planeten. Das unmelodische Zeug möchte ich nicht mal kostenlos hören. Folter für die Ohren. Außer "Don't let me be misunderstood". Aber das haben andere schon besser gemacht.
spon-facebook-666321893 23.09.2015
3. konstruktive Kritik
@ TipitinaNola Was würden Sie denn als Album der Woche vorschlagen?
TipitinaNola 23.09.2015
4.
Ich höre im Moment so: Keith Richards, Vintage Trouble, Joss Stone, Joe Ely, Beth McKee, Jon Cleary, Eleni Mandell ... Ich weiß, die sind nicht alle diese Woche erschienen. Ich weiß auch, dass das nicht jedem gefällt. Aber ich sage auch nicht: "Das ist die wichtigste Musik." So einen Absolutheitsanspruch finde ich immer ein wenig ... seltsam.
spon-facebook-666321893 23.09.2015
5.
TriptinaNola Mit dem Abolutheitsanspruch haben Sie Recht. Julia Holter als unmelodisches Zeug zu verunglimpfen finde ich aber arg engstirnig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.