Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Die Platte des Jahres ist da, sie stammt von Phantom Ghost. Auch die Dexys sorgen für ein Wunder der Neuzeit. Neil Young liefert ein gutes Werk ab, nicht mehr. Und Hot Chip? Machen da weiter, wo sie angefangen haben - und ihr neues Album ist hier bei "Abgehört" komplett vorab zu hören.

Von und Jan Wigger


Phantom Ghost - "Pardon My English"
(Dial/Rough Trade, erscheint am 15. Juni)

"Baby tit/ Singing for me/ Baby tit/ Singing for me/ I felt imprisoned/ Now I am free/ I light another cigarette/ In the tittery." Wo diese Zeilen, die mich nun schon seit einigen Tagen jeden Morgen umwehten wie der sanfteste Morgenwind, eigentlich herkamen, wusste ich nicht. Ich wusste aber, dass Ihro Durchlaucht Dirk von Lowtzow d.Ä. nun schon seit elf Jahren in einem prahlerischen Kuppelschloss lebte, wo er die bleiernen Stunden meist damit verbrachte, seinen Mützenstoff zu kneten, leise wimmernd Fellini-Klassiker wie "Die Müßiggänger" zu schauen oder seine Glasdeckelkiste mit Cohiba Esplendidos zu streicheln, die ihm sein treu ergebener Knecht Thies von Mynther III., der von gelegentlichen frugalen Mahlzeiten lebte, einmal aus bloßer Dankbarkeit geschenkt hatte. Da mir überdies zu Ohren kam, dass von Lowtzow d.Ä. schon vor mehreren Dekaden den Urvogel Ziz besiegt hatte und ein antikes Eisenbett aus dem Morgenland besaß, muss ich wohl ein Narr gewesen sein, nicht mit der unabweisbaren Herrlichkeit von "Pardon My English" gerechnet zu haben! Nachdem von Lowtzows Magd Madame de Beltaford mir am siebten Tag des Herrn die unscheinbare Schellackplatte persönlich zustellte (und von mir dafür großzügig mit einem feinen Berner Minzbonbon entlohnt wurde) und ich zu jeder Tages- und Nachtzeit nurmehr den Empfehlungen von Dr. Schaden Freud ("Do you feel useless and devoid?/ Visit Dr. Schaden Freud/ I'd advise a discreet tryst/ With my favourite therapist") und der "New York Post" zu vertrauen imstande war, veränderte sich meine bis dahin nutzlose Existenz als Walzbruder und Gammler aufs Äußerste: Ich setzte eine Depesche auf, in welcher ich dem Klaviervirtuosen Mynther III. für sein bang-überspanntes Spiel, die ein oder andere Wortschöpfung und den abgetragenen Hermelinmantel dankte, den er mir gnädig zu meinem 56. Geburtstag überreichte. Dirk von Lowtzow d.Ä. beglückwünschte ich per Fernschreiben und auf Marokkanisch-Arabisch für sein Lebenswerk und die vollkommen logische Tatsache, dass hier außer Tom Wilson Weinberg und Elaine Stritch wieder einmal das Jahrhundertstück "Going Through The Motions" aus dem Buffy-Musical "Once More, With Feeling" als Inspirationsquelle genannt wurde. Platte des Jahres, ihr Würmer! (10) Jan Wigger

Hot Chip - "In Our Heads"
(Domino/Rough Trade, erscheint am 8. Juni)

Hot Chip - "Night and Day"

Mehr Videos von Hot Chip gibt es hier auf tape.tv!

Respekt, lieber Jens Balzer! Auf die Idee, Hot Chip mit der Band aus der Muppet-Show zu vergleichen, muss man erst mal kommen. Nachzulesen ist der Geistesblitz, der natürlich dem fortgeschrittenen Alter des Kollegen und der daraus resultierenden popkulturellen Ausbildung in den siebziger und achtziger Jahren geschuldet ist, in der aktuellen Ausgabe des "Rolling Stone". Seitdem stelle ich mir Alexis Taylor und Joe Goddard, die beiden Chefs von Hot Chip, allerdings nicht so sehr als Animal oder Dr. Teeth vor, sondern als die alten Grantler Waldorf und Statler, die von ihrem erhabenen Studio-Balkon aus altklug über andere Musiker richten und hämisch gackern. Macht's doch besser, will man, zum Fozzy Bear degradiert, den Klugscheißern zurufen, und bisher, das muss man sagen, haben Hot Chip tatsächlich stets einen gewissen Vorsprung gegenüber anderen Pop-Acts dieses Jahrhunderts bewahrt. Bisher. Denn die schlechte Nachricht ist: "In Our Heads" mag in den Köpfen von Taylor und Goddard ein großartiges Album sein, objektiv betrachtet fügt es dem Schaffen der Band, geschweige denn aktuellen Trends, wenig hinzu. Man könnte sogar behaupten, dass die strenge Fixierung auf Club-taugliches Material weit hinter die Vielschichtigkeit der Vorgänger-Platte "One Life Stand" zurückfällt, deren Anspruch emotionaler Auslotung einen gewissen Fortschritt markierte. Mit "Night And Day", "These Chains", "Ends Of The Earth" oder "How Do You Do?" verfallen Hot Chip nun erneut jenem "Hipster-House" genannten Sound, der sie einst zu den coolsten Nerds der Popmusik machte. Dagegen ist im Prinzip erst mal nichts zu sagen, denn alle genannten Nummern funktionieren als das, was sie sein wollen: Tanzboden-Füller für die Indie-Disco, witzig gemacht mit ausgeklügelten Sprach-Samples, die jeden Song-Hintergrund mit Uhus und Ahas auskleiden. Der gereifte Kritiker erkennt in manchem Arrangement zudem zahlreiche zeitgeistige Reverenzen an die Achtziger, an New Order ("Motion Sickness") ebenso wie an Scritti Politti ("Don't Deny Your Heart") oder den eckigen Jack-your-Body-House aus Chicago ("Night And Day"). Wie dünn das Ideen-Kostüm wirklich geworden ist, zeigt sich jedoch bei den langsameren Stücken, die zu clever und smart sind, um als Balladen zu funktionieren. "Look At Where We Are" ist der x-te Beweis dafür, dass Hot Chip amerikanischen Billo-R&B in satisfaktionsfähigen Edel-Pop verwandeln können, und "Always Been Your Love" könnte in seiner entwaffnenden Naivität vom treuherzigen Piano-Hund Rowlf stammen - womit wir wieder bei den Muppets wären. Und die sind zwar knuddelig, aber auch von gestern. Vielleicht sollte Alexis Taylor noch ein paar Platten mit About Group und Joe Goddard noch ein bisschen länger mit The 2 Bears rumspielen. Beide Nebenprojekte waren zuletzt spannender als Hot Chip. Applaus! Applaus! Applaus? (6) Andreas Borcholte

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Dexys - "One Day I'm Going To Soar"
(Buback/Indigo, erscheint am 15. Juni)

Auf den Tag genau vor zwei Monaten legte ich erstmals in meinem Leben bei einer Hochzeit zweier junger, zukunftsfreudiger Menschen Schallplatten auf. Der Frondienst wurde ordentlich bezahlt, nur die Gäste störten. Da ich darauf verzichtete, Zettel für Songwünsche auszulegen, schrie man mir die Anfragen direkt ins Ohr. Aus Langeweile zählte ich Graf-Zahl-mäßig mit: "Unser EM-Song von den Toten Hosen" (8x), "Joanna, du geile Sau" (4x), "was zum Abgehen" (3x), "Das rote Pferd" (3x), "etwas, das die Allgemeinheit aus dem Radio kennen könnte" (2x), "AC/DC" (1x). Gegen 5 Uhr morgens wünschte sich eine zwar vergnügte, aber auch vollkommen geschaffte Matrone "'Come On Eileen', ich weiß aber nicht, von wem das ist!", und ich dachte noch: "Mann, wie sehr würde es diese Frau wohl nicht interessieren, dass die Dexys (ehemals Midnight Runners, aber noch immer ohne Apostroph!) nach einhundert Jahren mal ein neues Album aufgenommen haben." Und so war es dann auch. Das Schönste an "One Day I'm Going To Soar" sind nicht etwa die Entsagungen und wieder erwachten Sehnsüchte des genialen Gefühlsmenschen Kevin Rowland, sondern die Tatsache, dass Andreas Banaski 30 Jahre nach "Too-Rye-Ay" eine flamboyante Besprechung für den deutschen "Rolling Stone" verfasst hat. Dazu natürlich "Now", das glühende "Free" und Kevin Rowlands Wunschträume und Gelüste, die mich - sexuelle Präferenzen des Künstlers hin oder her - immer ein wenig an David Dobels Erstgespräch mit dem Mental-home-Psychiater aus Woody Allens spätem Meisterwerk "Anything Else" erinnern: "I wanted this girl and she left me." - "Well, we have to look into that." - "There's nothing to look into, I wanted her and she left me." - "Well, why are you feeling so intense?" - "Cause I want the girl!" - "What's underneath it?" - "Nothing." - "I'll have to give you medication." Der schiefe Soul, die ausgeschlagenen Zähne, die Hautunreinheiten und die Unmöglichkeit umzukehren: Hätte Kevin Rowland Erfolg gehabt, wäre diese Platte kein Wunder der Neuzeit geworden. (8) Jan Wigger

Neil Young & Crazy Horse - "Americana"
(Reprise/Warner, bereits erschienen)

Liebe "Classic Rock"-Leser und Neil-Young-Fan-Foren-Besucher: Natürlich dürft ihr komische Fragen wie "Wer ist Albert Koch?" stellen, die Kompetenz von "denen da oben" (Musikjournalisten!) in Frage stellen, und vollkommen regungslos jede Neil-Platte kaufen, die erscheint. Aber: Die Lage ist prekär! Zwar bleibt Neil Young der - zumindest für meine Winzigkeit - zweitbeste Musiker aller Zeiten, doch seit dem nunmehr 22 Jahre alten "Ragged Glory" gab es auch kein unumstrittenes Großwerk mehr, höchstens gute/sehr gute Alben wie das heillos unterschätzte "Living With War", "Sleeps With Angels", "Prairie Wind" oder die mindestens halbgute "Broken Arrow"-LP. Nach dem schaurig zerdröhnten "Le Noise" (das immerhin mein geschätzter Freund und Kollege Andreas Borcholte mochte) hat Onkel Neil sich nun mit den Crazy-Horse-Recken im eigenen Weinkeller eingeschlossen und "Americana", eine Sammlung alter Folk- und Country-Songs, eingeprügelt. Die Gitarren donnern und regnen (überragend: "Jesus' Chariot"), es rumpelt, kollert und lärmt, die großen, schwarzen Arme der Geschichte greifen weit aus: "This Land Is Your Land", "Oh Susannah", "Wayfarin' Stranger". Dem 23-jährigen Rock-Novizen von heute sind Stücke wie das allumfassend scheußliche "Get A Job" natürlich nicht mehr zu vermitteln; auch fehlt die Weite, das Verlorenene von "Zuma" oder "Rust Never Sleeps". Dennoch eine gute Platte, wiewohl eines sicher ist: Wer nicht hart zu seinen Helden sein kann, der kann auch nicht hart zu sich selbst sein. (6) Jan Wigger

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Yossarian22 05.06.2012
1. Schade
Haetten Sie im Neil Young Beitrag " 24-jährigen Rock-Novizen" geschrieben anstatt von "23-jaehrigen" geschrieben, haette ich Sie fuer ein Genie gehalten...
sumoh 05.06.2012
2. Re: Neil Young - Hey Jan,
komische review: gute Platte, koennte aber besser sein, oder was? Soviel Fachgeschwurbel nervt und bringt nicht viel Information, eigentlich nur gelegentliches Kopfnicken beim name dropping. Was soll das, hats dir gefallen oder eher nicht? Und, war da nicht noch was vor "Ragged Glory"? Oder noch ein bisschen mehr als erwaehnt danach? Eigentlich finde ich keine Aussage, welchen Neil Young du magst und wie er gefaelligst seine Aufnahmen abliefern sollte. Bitte sprich doch aus, wer deiner Meinung der Beste Musiker aller Zeiten sein soll - Neil Young ist bestimmt nicht die Nummer zwei, aber er hat sicher einen Spitzenplatz unter den originellsten Musikern verdient.
Ronald Dae 06.06.2012
3. optional
Stimmt, jetzt wollen wir mal gerne den musikalischen "Über-Gott" von Jan Wigger kennen lernen! :-) Ergänzung zu Young: Auf Chrome Dreams II sind noch drei sehr gute Stücke drauf, macht die Platte aber natürlich insgesamt nicht überragend. Mein aktueller Tipp zum Reinhören: Soulsavers - The Light the Dead See
Tristan Legato 06.06.2012
4. Rätselhafte Ansprache der Leser
Interessant zu lesen sind die Abgehört-Kolumnen eigentlich immer, wenn auch nicht sonderlich ergiebig. Bei Jan Wiggers Rezension zur neuen Phantom Ghost hat mich aber der letzte Satz irritiert: "Album des Jahres, ihr Würmer!". Wen meint der Autor mit Würmer? Etwa seine Leser? Das fände ich schon ziemlich unverschämt. Ist der Autor etwa der Meinung, dass sein elitärer (?) Musikgeschmack ihn selbst auf ein Podest erhebt, von dem aus er auf seine Leser spucken kann? Dass der genannte Rezensent eine Neigung zur Provokation hat, ist ja bekannt. Aber diesmal war's vom Stil her nicht nur fragwürdig, sondern total daneben.
trafozsatsfm 07.06.2012
5.
Zitat von Tristan LegatoInteressant zu lesen sind die Abgehört-Kolumnen eigentlich immer, wenn auch nicht sonderlich ergiebig. Bei Jan Wiggers Rezension zur neuen Phantom Ghost hat mich aber der letzte Satz irritiert: "Album des Jahres, ihr Würmer!". Wen meint der Autor mit Würmer? Etwa seine Leser? Das fände ich schon ziemlich unverschämt. Ist der Autor etwa der Meinung, dass sein elitärer (?) Musikgeschmack ihn selbst auf ein Podest erhebt, von dem aus er auf seine Leser spucken kann? Dass der genannte Rezensent eine Neigung zur Provokation hat, ist ja bekannt. Aber diesmal war's vom Stil her nicht nur fragwürdig, sondern total daneben.
Was erwarten Sie von jemandem, der in seiner "Weekly playlist" schonmal Ivan Rebroff neben Stockhausen stehen hatte? ;-) Der ist soweit von normalmenschlichen Hörgewohnheiten entfernt, dass er den Kontakt zur Leserschaft schon lange verloren hat. Und lesenswert ist das Ganze tatsächlich schon. So etwa einmal pro Jahr stoße ich hier auf eine Platte, die ich tatsächlich hörenswert finde. Unterm Strich ist aber das chaotische Zufallsprinzip der "Amazon-Empfehlungen" ergiebiger... ;-) Was Neil Young betrifft: "Le Noise" wäre für mich tatsächlich ein Anlass gewesen, mir nach ca. 20 Jahren mal wieder eine neue Neil Young-Platte zu kaufen - wenn die Vinylausgabe nicht so teuer gewesen wäre. Stattdessen hab ich Mainstream-Banause wahrscheinlich 'ne neue Single der Vaccines gekauft (oder so). Und jetzt kriegen wir elektrische Fassungen von "Oh Susannah" und "Clementine" - vielleicht hab ich nur den Witz nicht verstanden! Wann kommt eigentlich die neue Vaccines raus (oder so)...? Nur so von wegen: "Hey hey, my my, Rock'n'Roll can never die..."
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