Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Ach, Robbie Williams... was soll man sagen? Mit "Take The Crown" versucht der Ex-Superstar ein Comeback. Caroline Keating ist so interessant wie Lana Del Rey, Caribou-Kopf Dan Snaith macht als Daphni alten Techno - und die Beach Boys gibt's jetzt in Stereo.

Robbie Williams - "Take The Crown"
(Island, Universal, bereits erschienen)

Das Dilemma mit Robbie Williams ist schnell auf den Punkt gebracht: Man möchte sich stundenlang mit ihm unterhalten, denn er ist ein sehr witziger, charmanter Gesprächspartner. Man möchte ihn vielleicht auch gerne mal auf der Kinoleinwand sehen. Oder in einer gut produzierten TV-Soap über sein Leben. Oder als James Bond. Aber Musik möchte man von ihm eigentlich nicht mehr hören. Zumindest nicht, wenn sie sich so anfühlt und -hört wie auf "Take The Crown", dem neuen Album des nach L.A. ausgewanderten Briten, dem letzten männlichen Superstar, den wir hatten, damals, Anfang des Jahrhunderts, bevor die Gagas und Rihannas und all die wahnsinnig schönen und tollen Singer/Songwriterinnen, Elektro-Musen und Band-Frontfrauen endgültig die Popwelt nach ihrer Vorstellung formten.

Robbie Williams, der nach "Reality Killed The Video Star" und einem kurzen Intermezzo mit seiner alten Band Take That bereits das zweite Comeback seiner entgleisten Solo-Karriere startet, wirkt in ihrer Mitte wie ein Dinosaurier: Sympathisch, auf altmodische Weise viril, ein bisschen schwerfällig, kein T-Rex, eher so ein gutmütiges Schwergewicht, das gemütlich an Bäumen nagt - Tom Jones ohne Brusthaar. Angreifen wolle er mit diesem Album, sagt er, die Krone des Entertainment zurückerobern, wieder der King of Pop sein, wie damals, als es für ein paar Jahre keinen erfolgreicheren Künstler gab als den Bühnenberserker Williams mit seinen einfachen, aber grandiosen Songs. Heute klingen diese Hits wie Oldies, so lange hat Williams keinen richtigen Smasher mehr gehabt. Und "Take The Crown" wird daran kaum etwas ändern, auch wenn das Album insgesamt homogener und fleischiger wirkt als die letzen drei Alben, das interessante, aber verunglückte Experiment "Rudebox" inklusive. Zusammen mit old chum Gary Barlow, Produzent Jacknife Lee (auch so ein Gestriger, war Ende der Neunziger mal cool) und einem völlig unbekannten australischen Dance-Duo, das er in L.A. über seinen Schwager kennengelernt hat, kloppt Robbie ein ordentliches Bündel Radiohits aus dem Ärmel, von denen allerdings keiner länger als eine halbe Minute im Ohr bleibt, weder die nervtötende Single "Candy", noch "Be A Boy", das mit aufdringlichen Synthie-Akkorden, schmierigem Sax-Solo und lustigen "Ohheeeeyhoooo"-Chören noch zu den besten Songs gehört. "S**t On The Radio" klingt nicht nur, als hätte Williams ihn bei Jefferson Starship ausgeliehen, sondern auch so, als fände er diesen "We Build This City"-Sound zeitgemäß. Immerhin darüber dürfte er sich mit Brooklyns Hipster-Rockstar Twin Shadow schnell einig werden. "All That I Want" haut in dieselbe Retro-Kerbe und erinnert an U2 zu "The Joshua Tree"-Zeiten. Hinten folgt dann noch ein Coldplay-Klon ("Not Like The Others"), eine irritierend versöhnliche Cover-Version ("Losers" von Belle Brigade) sowie der von "Come Undone"-Autor Boots Ottestad co-geschriebene Britpop-Schocker "Hey Wow Yeah Yeah", der auch Beady Eye gut stehen würde.

Nein, es ist nicht alles schlecht auf diesem Album, aber das meiste ist eben nicht gut. Nicht gut genug, muss man sagen, denn auf Robbie Williams lastet das Erbe der gemeinsam mit Guy Chambers geschriebenen Hits eben dauerhaft schwer. Dass er Depressionen, Ufo-Fimmel und Drogen überwunden hat: Großartig, wenn glaubhaft. Dass er noch mal angreifen will: Why not, der Mann ist erst 38. Dass er sich in seinen Songtexten wie kein anderer selbst durch den Kakao zieht: Knuddelig. Aber dass er das alles mit derart abgeschmackter Musiksoße überzieht? Traurig. Erschreckende Erkenntnis: Der Mann hat einfach keinen guten Musikgeschmack! Wird trotzdem klappen mit den ausverkauften Konzerten. Dreimal O2-Arena in London ist ja schon etwas. Platte wird sich auch gut verkaufen - zumindest in den Reihenhaus-Einöden deutscher und britischer Vorstädte bei all den älter werdenden Nostalgiker-Pärchen, die sich nur zwei Platten im Jahr kaufen, die neue Robbie und PUR, der Rest geht schließlich für Musical-Tickets drauf. Lieber Robbie, das nächste Comeback bitte mit Klampfe, Vollbart und zarten, dürren, weinerlichen Liedern. Frag' mal Justin Vernon, der hilft dir garantiert gerne dabei. Bis dahin wollen wir eigentlich nichts mehr hören. Aber komm jederzeit gerne auf ein Bier vorbei. (3.5) Andreas Borcholte

Robbie Williams - "Candy"
Mehr Videos von Robbie Williams gibt es hier auf tape.tv!
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Caroline Keating - "Silver Heart"
(Glitterhouse/Indigo, bereits erschienen)

Es verging eine Ewigkeit, ehe "Silver Heart" erschien. Erst zog die im Direktvergleich etwas weniger interessante, ebenfalls aus Montreal stammende Béatrice Martin (Cœur de Pirate) mit gleich zwei Langspielplatten vorbei, dann Lana del Rey, und zwischendurch die unvermeidliche Adele Adkins, mit der Caroline Keatings blassblaue Klavierlieder allerdings nicht das Geringste gemein haben. Eher mit Regina Spektor (der vornehm exaltierte Gesang), Roy Orbison (die Streicher) und drei, vier Stücken der frühen Tori Amos. Noch immer ist Keating erstaunlich jung, doch zirpt sie schon wie eine Tote auf Urlaub, und zwar nicht nur über ihre Stadt und die falsche Liebe, sondern auch über Billy Joel ("Used to cry along to 'New York State Of Mind'"), was sie automatisch zu einem guten Menschen macht. Wer das Glück hat, Keatings Demos zu kennen, trifft auf "Silver Hearts" die wunderbaren "Ghosts" und "So Long, Solange" wieder, dazu das superharte "One": "She knows what freckle hides behind your left ear/ She knows what teams you played in your college years/ But I am the one". Man hört dieses überempfindliche, aber auch vergnügliche Debüt und fragt sich: Singt da jetzt Claude Jade oder Kate Bushs uneheliche Tochter? Such' mit den Augen ein Ziel. Es darf ein Vorwand sein. (7.3) Jan Wigger

Daphni - "Jiaolong"
(Jiaolong/Alive, bereits erschienen)

Wer's kann, soll's auch machen: Neulich nach dem großen Radiohead-Konzert in der Berliner Wuhlheide, natürlich mit Caribou als Support, trafen sich die beiden Frontmänner Thom Yorke und Dan Snaith noch zur DJ-Session im schön kühl gekachelten Weddinger Club "Stadtbad". Verblüffende Erkenntnis des unterhaltsamen Promi-Auftritts: Thom Yorke kann keine Übergänge, Snaith dafür rockte sehr souverän das Haus. Weil sich die Arbeit mit den Elektro-Psychedelikern Caribou manchmal etwas zu sehr nach Rockband-Alltag anfühlt, brachte Snaith jetzt folgerichtig unter seinem DJ-Namen Daphni eine Sammlung eigener Dance-Cuts heraus. "Jiaolong" gehört sicher nicht zur Avantgarde elektronischer Tanzmusik, neumodisch kurz EDM genannt, aber darauf legte es Snaith auch gar nicht erst an. Vieles, was aktuell in dem Genre erscheint, finde er viel zu "dumpf und funktionell", daher kehrt er mit seinen eigenen Tracks ein bisschen nostalgisch zurück zum Neunziger-Techno und Sample-lastigen Minimal-House-Konzepten. Allein für die ersten drei Stücke lohnt der Download/Stream/Kauf von "Jiaolong" allemal: "Yes I Know" wird von einem launigen Siebziger-R&B-Sample dominiert, "Cos-Ber-Zam Ne Noya" ist ein mit Space Sounds und Minimal-Beats remixter, angeblich uralter Afrobeat-Track, dessen Copyright Snaith laut eigener Aussage nicht klären konnte, weil nicht mehr herauszufinden war, wer ihn eigentlich aufgenommen hat. Und "Ye Ye" bringt Daphnis Credo der Techno-Rückbesinnung mit pulsierendem Beat auf den Punkt. Der Rest der Platte verliert sich ein wenig im Allerlei der analogen Sounds und entdeckter Samples, die Snaith unbedingt alle mal zusammenrühren wollte. Gegen Ende vermag vor allem "Jiao" zu begeistern, durch den ein schönes Acid/Kraut-Genöle dudelt. Dank Caribous Popularität bekommt "Jiaolong" mehr Aufmerksamkeit als andere Platten dieses Genres. Vielleicht unverdient. Vielleicht markiert Daphni aber auch nur die beginnende Retroseligkeit der elektronischen Avantgarde. (6.9) Andreas Borcholte

The Beach Boys - Reissues
(Capitol/EMI, bereits erschienen)

Die äußerst umfangreiche Postsendung enthielt kein "Holland", kein "Love You" und kein "Wild Honey". Trotzdem könnten Sie mich an einen Felsen fesseln und zwingen, meine liebsten Beach-Boys-Songs aufzusagen. Behutsame Prognose: Es würde Stunden dauern. "Disney Girls", "Wonderful", "'Til I Die", "Surf's Up", "Deirdre", "Forever", "Cool, Cool Water", "In My Room", "Sail On, Sailor", "Wild Honey","I Just Wasn't Made For These Times", "Tears In The Morning" (ganz recht, Red Hot Chili Peppers, bei euch heißt derselbe Song "Tear"), "Caroline No", "God Only Knows", "Heroes And Villains", "Finders Keepers" - die Liste würde unter Anwendung der chinesischen Wasserfolter endlos fortgeführt werden können, doch wen interessiert's? Und kann mir jemand mal die Telefonnummern von Twitter und Craigslist geben (im Berghain war ständig besetzt), damit ich Kollege Borcholte sacht darüber informieren kann, dass jede einzelne der hier besprochenen Beach-Boys-Platten wichtiger ist als alles, was Tame Impala, Flying Lotus und Dirty Projectors jemals veröffentlichen werden? Nun gut, dafür halte ich mich jetzt - und übrigens erstmals in der ebenso langen wie ruhm- und skandalreichen "Abgehört"-Geschichte - mal ganz beamtenmäßig an die Fakten: Die phantastischen "Surf's Up" und "Sunflower" gibt es jetzt neu im Stereo-Mix, den Monolithen "Pet Sounds", das bereits recht irre "Smiley Smile", "Beach Boys' Party", "All Summer Long", "Little Deuce Coupe","Surfer Girl", "The Beach Boys Today!", "Surfin' U.S.A.", "Shut Down Volume 2" und "Summer Days (And Summer Nights!!)" in Mono und Stereo. Bombig, oder? Über "Pet Sounds", "Smiley Smile", Sunflower" (why so underrated?) und "Surf's Up" müssen wir nicht reden, in der Rückschau ist es vielmehr erstaunlich, wie die Beach Boys zwischen 1962 und 1965 zehn (!) Alben aufnehmen mussten und mindestens vier davon richtig gut geworden sind. Danach kamen der Sandkasten, die Feuerwehrhelme, die Drogen, Eugene Landy und schließlich die graue Trainingsjacke. "Surfin' U.S.A. " (7.6), "Surfer Girl" (6.0), "Little Deuce Coupe" (6.2), "Shut Down Volume 2" (7.1), "All Summer Long" (7.5), "The Beach Boys Today!" (7.9),"Summer Days (And Summer Nights!!)" (8.1), "Beach Boys' Party" (6.3), "Pet Sounds" (9.8), "Smiley Smile" (8.4),"Sunflower" (9.0), "Surf's Up" (9.5) Jan Wigger

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 7 Beiträge
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1. King of Pop?
vince1984 06.11.2012
Die Bewertung des Robbie-Williams-Albums hätte man sich eigentlich auch sparen können. Völlig unverständlich warum Herr Williams hier mit der Bezeichnung King of Pop in Verbindung gebracht wird. Die steht doch ohne Frage dem verstorbenen Michael Jackson zu, der sich auch musikalisch in einem ganz anderen Universum als Herr Williams bewegt (hat).
2.
elpepino 06.11.2012
Zitat von sysop...bevor die Gagas und Rihannas und all die wahnsinnig schönen und tollen Singer/Songwriterinnen, Elektro-Musen und Band-Frontfrauen endgültig die Popwelt nach ihrer Vorstellung formten.
Wohl eher "bevor geschäftstüchtige und geldgeile Unternehmer die Gagas und Rihannas und all die wahnsinnig schönen und tollen Singer/Songwriterinnen, Elektro-Musen und Band-Frontfrauen nach ihren Vorstellungen formten und sie den kaufgeilen Menschen als das hippste seit geschnitten Brot verkauften."
3. Pur?
janborn 06.11.2012
Ob sich wohl viele Pärchen in britischen Vorstädten das neue PUR-Album zulegen ... ;-)
4.
angst+money 07.11.2012
Zitat von vince1984Die Bewertung des Robbie-Williams-Albums hätte man sich eigentlich auch sparen können. Völlig unverständlich warum Herr Williams hier mit der Bezeichnung King of Pop in Verbindung gebracht wird. Die steht doch ohne Frage dem verstorbenen Michael Jackson zu, der sich auch musikalisch in einem ganz anderen Universum als Herr Williams bewegt (hat).
Leute, macht euch locker! Wenn man schon rechthaberisch und pedantisch sein will, dann aber bitte richtig: Pop ist keine Nation und demzufolge auch keine Monarchie, also kann der "König" allerhöchstens ein Spitzname sein, über den - allerdings nur in einem eng umrissenen - soziokulturellen Umfeld ein Konsens erzielt wurde. So werden sich manche die Augen reiben wenn sie erfahren, dass z.B. Bruce Springsteen keine Firma hat und der Drummer von Motörhead genetisch zur Gattung Homo sapiens zählt. Abgesehen davon kann es in verschiedenen Ländern durchaus auch verschiedene Könige zur gleichen Zeit geben - das sollte m.E. erst recht für musikalische Universen gelten. Und wer das jetzt glaubt: bitte sofort vergessen und zur 1. Zeile zurückkehren.
5. König in England...
nightcab 08.11.2012
kann der Robbie ja gern sein, wenn uns Elisabeth endlich mal die Krone rausrücken sollte...und solange der Drummer von Motörhead nicht König von Deutschland wird ist die Welt doch in Ordnung, außer das "diesem fettenTänzer" wie immer viel zu viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird !
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