Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Selten war Unhörbarkeit so vergnüglich wie auf Scott Walkers neuem, total irren Album "Bish Bosch". Tim Hecker und Daniel Lopatin begeben sich auf spirituelle Suche im Maschinenraum, The Blue Nile sollten Unterrichtsmaterial werden - und Joni Mitchells essentielle Alben gibt es jetzt als Box.

Scott Walker - "Bish Bosch"
(4AD/Beggars/Indigo, 30. November)

Ein Kollege erzählte neulich, mit Scott Walkers neuer Platte sei es ihm erstmals gelungen, seinen ansonsten phlegmatischen, sogar Slayer-Exzesse durchschlafenden Kater aus dem Zimmer zu jagen. So ein Album ist das. Der US-Amerikaner, in den Sechzigern erfolgreicher Pophit-Lieferant mit den Walker Brothers, dann bis heute gefeierter Solo-Barde mit seinen Alben "1" bis "4", zuletzt "Liedzerstörer" (Wigger) mit beunruhigenden Geräusche-Collagen, betrachtet jedes seiner Alben als das potentiell letzte, daher macht er längst keine Kompromisse oder Zugeständnisse mehr.

Auf "Bish Bosch" führt er folglich weiter, was er spätestens mit "The Drift" (2006) etabliert hat: Schabende, mit analogen Geisterbahn-Sounds, weißem Lärm und anderem Noise versetzte Experimentalmusik, zu der Walker mit seiner heulenden Hui-Buh-Stimme allerlei Hochkultur-, Historien- und Popzitate in einem scheinbar frei assoziierten Singsang schlauer Wortspiele zusammentextet. Das ist im Opener "See You Don't Bump His Head" noch recht harmlos, wenn "Schwanensee" und "Tosca" in einen Gruselfilm gemixt werden, in dem sich unter anderem Spinnenweben in einer Gebärmutter auflösen. "While plucking feathers from a swan song/ Shit might pretzel Christ's intestines", deklamiert Walker über einem geloopten Industrial-Geräusch, das wie ein enervierendes Türklappen klingt, bis dann plötzlich ein hartes Gitarrenriff reingrätscht - "Jesus Christ Superstar", die Alptraum-Version. Brutales Kernstück des Albums ist das über 21 Minuten lange Stück "SDSS 1416+13B (Zercon, A Flagpole Sitter)", in dem Walker wie in einem (mehrfach durch Pausen unterbrochenen) Hörspiel einen weiten Bogen von einem gnomhaften Hofnarr des Barbarenkönigs Attila über römische Eroberungspolitik, griechische Philosophie bis hin zu sogenannten Braunen Zwergen schlägt, Sternen, die zwar riesig sind, aber nicht genug Masse haben, um als richtige Sonne zu gelten. Im Schlussstück "The Day The 'Conducator' Died" frönt Walker dann noch mal seiner eigenartigen Leidenschaft für Diktatoren (auf "Scott 4" widmete er den Song "The Old Man's Back Again" Josef Stalin) und vertont die Erschießung des rumänischen Despoten Ceaucescu als Weihnachtslied, komplett mit langsam schellenden Jingle Bells. Was das alles bedeuten soll? Keine Ahnung. Das Rätselraten und Entschlüsseln gehört zum Genuss eines jeden Walker-Spätwerks. Sogar die Plattenfirma empfiehlt im länglich erklärenden Info zur Platte, dass man Wörterbuch und Wikipedia bereithalten sollte, um alle Referenzen mitzukriegen. Ist das noch Pop oder schon Konzeptkunst, eine avantgardistische Installation mit musikalischen Rudimenten? Ach, man muss das alles nicht so ernst nehmen. Denn auch Walker, ganz anders als in den Abgründen von "The Drift" oder "Climate Of Hunter", scheint hier einen Mordsspaß zu haben, die Abstraktion seines Schaffens auf die Spitze zu treiben. Selten war Unhörbarkeit so vergnüglich. (9.0) Andreas Borcholte

Scott Walker - "EpizooticsiFrame"
Mehr Videos von Scott Walker gibt es hier auf tape.tv!
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Tim Hecker & Daniel Lopatin - "Instrumental Tourist"
(Cooperative Music/Universal, bereits erschienen)

Eine Kathedrale, das ist genau der richtige Ort, um diese Musik zu hören, oder besser: zu erfahren. Vor einigen Wochen spielten die Ambient/Drone-Musiker Tim Hecker und Daniel Lopatin einige Passagen aus ihrem gemeinsamen Album "Instrumental Tourist" beim Unsound-Festival in Krakau - in der riesigen gotischen Katharinen-Kirche im jüdischen Stadtteil Kazimierz. Während der Kanadier und sein New Yorker Kollege Klangwelten erschufen, die einen in den Zustand einer Amöbe versetzten, die den Entstehungsprozess der Erde klanglich nachzeichnen zu schienen - knarrende Kontinentalplatten, submarine Sonar-Sounds -, erbebten die Jahrhunderte alten Gemälde an den Wänden des Gemäuers respektvoll im Dröhnen der tiefen Bässe. Resonanzräume, darum geht es auf dieser wundersamen Platte, die nicht so leicht zu konsumieren ist, wie der leichtfüßige Titel vermuten ließe. Der Tourismus, das ist hier eher ein Erkunden des eigenen Inneren, von Stimmungen und Naturprozessen, rauschendem Blut, summenden Nerven. Ein ganz anderes Sightseeing also, auch wenn eines der besinnlicher dahinfließenden Stücke "Scene From A French Zoo" heißt. Doch auch hier, wie auch im grandiosen, Bergluft atmenden "Vaccination (for Thomas Mann)", steht der romantische Gedanke des Staunens über die Magie der Wissenschaft und den Zauber der Natur im Vordergrund - ähnlich wie bei Heckers und Lopatins deutschem Kollegen Pantha Du Prince, der im selben Genre mittels digitaler Klänge auf der Suche nach dem Naturgeist ist. Wer glaubt, elektronische Musik wie diese entstehe kühl und kalkuliert, der darf hier zwei Top-Avantgardisten beim Improvisieren bewundern: In kunstvoll zerhackten Stücken wie "Intrusions" kann man buchstäblich hören, wie der Ambient-Fliesenleger Hecker mit sphärischen Spirituals gegen Lopatins schroffen Analog-Noise prallt. Aus dem vermeintlichen Chaos entsteht jedoch ein gar nicht erdsaurer, sondern geradezu himmlischer Ursuppen-Klang, der mit dem nach Urwald und Pazifik-Inseln duftenden "Racist Drone" sogar noch einen universell trauriges Requiem auf das verlorene Paradies enthält. Kirchenmusik for the digital age. (7.9) Andreas Borcholte

Tim Hecker & Daniel Lopatin - Intrusions
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The Blue Nile - "A Walk Across The Rooftops", "Hats" (Re-Issues)
(Virgin Catalogue/EMI, bereits erschienen)

Die Platten der großen Stilisten und Flaneure The Blue Nile hören zu dürfen, war schon immer ein geradezu kaiserliches Vergnügen. Seit dem letzten Frühling frage ich mich, welches der frühen, gar nicht schottischen Meisterstücke höher einzuschätzen ist: "A Walk Across The Rooftops" oder "Hats"? Zwischen den ersten beiden Blue-Nile-LPs lagen fünf Jahre, danach folgten im Zeitraum von anderthalb Dekaden zwei weitere, maximal unzeitgemäße Arbeiten: "Peace At Last" und "High". The Blue Nile hatten ihre eigene Geschwindigkeit, sie begleiteten in Licht und Schatten dahinströmende Flüsse oder Automobilgeräusche, sie waren von Hollywood fasziniert und befremdet ("Tinseltown In The Rain", mit schönem Gruß an die Talking Heads), liebten aber auch New York, wie man nun in den Booklets dieser Herzplatten sehen kann. "I walk across the rooftops/ On graduation day/ To look for independence, yeah/ I am in love, I am in love with you/ I am in love, I am in love with you." sang Paul Buchanan auf mit "dezent", "verweht" oder "mathematisch präzise" nur unzureichend beschriebenen Synthie-Flächen, während die Tage immer träger und die Nächte immer schwerer wurden. Vielleicht war er auch nur verliebt in ein Gefühl, doch diese einmalige, exklusive, exquisite Stimme (scheu, zurückhaltend, laienbruderhaft, aber auch: dringlich, dezidiert, gewaltig!) sollte eigentlich steter Gegenstand von Magisterarbeiten und Dissertationen sein. Wer Buchanans wunderbares Soloalbum "Mid Air" aus dem Mai 2012 bereits besitzt, hat nun die Gelegenheit, auch die vergilbten Fotos noch einmal zu betrachten: "A Walk Across The Rooftops" und "Hats" erscheinen nun in der "Collector's Edition", mit seltenen Mixes und Bonus-Tracks. "A Walk Across The Rooftops" (8.9), "Hats" (9.0) Jan Wigger

Joni Mitchell - "The Studio Albums 1968 - 1979"
(Rhino/Warner, bereits erschienen)

So manchem Stammleser ereilt bereits bei flüchtigem Durchkämmen der ersten Zeilen dieses Textes die nackte Angst: Wird Grandpa Wigger, 39, wirklich wieder jedes einzelne Joni-Mitchell-Album dezimalstellengenau bewerten und hinterher auch noch frech behaupten, "Blue" wäre tatsächlich essentieller, sinnstiftender und zeitloser als Kendrick Lamar (unsagbar öder Schnarch-Auftritt bei "Neo Paradise")? Die Antwort auf beides lautet: Ja, aber logisch, und damn straight! Denn natürlich sind die zehn Mitchell-Alben zwischen 1968 und 1979 die Essenz des labyrinthisch verschlungenen, aufreizenden, sphinxartigen (und intellektuell äußerst anziehenden) Songwriter-Folks der blassen Göttin. Neben dem radikal-kniffligen "The Hissing Of Summer Lawns" (Elvis Costellos Mitchell-Lieblingsplatte) gibt es die in nahezu allen Punkten perfekten "Ladies Of The Canyon", "Blue", "Court And Spark" und "Hejira", dazu die bestechend subtile zweite LP "Clouds", das bereits freigiebig angejazzte "For The Roses" (mit Graham Nashs Mundharmonika!) und die nicht vollkommen gelungene "Mingus"-Platte, zärtlich, verstiegen und crucial, weil die Mitchell während der Textarbeiten für den todkranken Jazz-Bassisten sich auch ihrer Schreibblockade entledigte. In der Rückbetrachtung wird vor allem die Unantastbarkeit des Wolfgang-Doebeling-Faves "Court And Spark" (das ich bislang bloß auf Vinyl besaß) offensichtlich: "Free Man In Paris", "Down To You", "Just Like This Train" und diese Zeilen: "His eyes were the color of the sand/ And the sea/ And the more he talked to me/ The more he reached me/ But I couldn't let go of L. A./ City of the fallen angels." Die ersten zehn Mitchell-Studioalben gibt es jetzt im schmalen und mehr als erschwinglichen CD-Box-Set ohne Outtakes oder Extras. Hey Joni, put it all behind you! "Song To A Seagull" (8.4), "Clouds" (8.6), "Ladies Of The Canyon" (9.5), "Blue" (9.8), "For The Roses" (8.8), "Court And Spark" (9.6), "The Hissing Of Summer Lawns" (9.6), "Hejira" (9.7), "Don Juan's Reckless Daughter" (7.3), "Mingus" (7.6). Jan Wigger

Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Mal 'ne ehrliche Meinung!
phonic 27.11.2012
Am Anfang (vor etwa 2 Jahren) war ich noch schwer begeistert von Euren wöchentlichen Album Rezensionen. Aber in letzter Zeit ist das nur noch schlecht! Hauptsache schräg und mit Musik hat das teilweise nicht mehr viel zu tun. Vielleicht sind meine Ohren kaputt oder vielleicht auch meine Musikboxen, ich kapier's einfach nicht. Und das Ihr bei der Anzahl von neuer Musik, die jede Woche erscheint, immer wieder diese alten Kamellen auskramt, macht es auch nicht besser. Diese Woche sind es ja sogar zwei von vieren. Echt schade!
2. ==========
brux 27.11.2012
Zitat von phonicAm Anfang (vor etwa 2 Jahren) war ich noch schwer begeistert von Euren wöchentlichen Album Rezensionen. Aber in letzter Zeit ist das nur noch schlecht! Hauptsache schräg und mit Musik hat das teilweise nicht mehr viel zu tun. Vielleicht sind meine Ohren kaputt oder vielleicht auch meine Musikboxen, ich kapier's einfach nicht. Und das Ihr bei der Anzahl von neuer Musik, die jede Woche erscheint, immer wieder diese alten Kamellen auskramt, macht es auch nicht besser. Diese Woche sind es ja sogar zwei von vieren. Echt schade!
Das Problem ist halt, dass die Rezensenten das Material nicht kaufen müssen. Somit fehlt die notwendige Fokussierung auf das Hörerlebnis, für das man wirklich eigenes Geld hinlegen würde. Mit anderen Worten: Es schwätzt sich ganz formidabel dahin, wenn man mit der Sache selbst nichts zu tun hat.
3.
Abe Stisass 27.11.2012
Zitat von sysopSelten war Unhörbarkeit so vergnüglich wie auf Scott Walkers neuem, total irren Album "Bish Bosch". Tim Hecker und Daniel Lopatin begeben sich auf spirituelle Suche im Maschinenraum, The Blue Nile sollten Unterrichtsmaterial werden - und Joni Mitchells essentielle Alben gibt es jetzt als Box. http://www.spiegel.de/kultur/musik/neue-cds-scott-walker-tim-hecker-lopatin-joni-mitchell-blue-nile-a-869531.html
Entgegen der anderen Meinungen habe ich an Auswahl und Form der heutigen Rezensionen gar nichts auszusetzen. Und dass The Blue Nile endlich einmal ausreichend gewürdigt werden, war längst überfällig. Weitermachen!
4. Schade -
arica 27.11.2012
- dass es immer auf Krampf originell sein muss bei den "wichtigsten CDs der Woche". Auch wenn es am Leser / Hörer vorbei geht, Hauptsache Borcholte und Wigger haben mal wieder kundgetan, wie toll sie sich auskennen und was für abgefahrene Platten sie dem unwürdigen Leser mal vorstellen dürfen. Ja, es ist schön, von tollen und ausgefallenen Künstlern zu erfahren. Aber gefällt das hier noch irgendjemandem ausser den "Abgehört"-Autoren. Ich geb auf, das tue ich mir nicht mehr an.
5. Super
britney_stravinsky 28.11.2012
Schönen Dank für den Hinweis auf das neue Scott Walker -Album. Das Video ist ja auch ganz großes Kino! Um den Nölbacken mal entgegenzusteuern: An mir gehen die Tipps von Borcholte/Wigger nicht vorbei. Ist doch schön, wenn es noch Rezensenten gibt, die mehr wissen als die Leser. Und Robbie Williams wird doch auch rezensiert.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 48
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Scott Walker: The Seventh Seal (Track)

    2. Kendrick Lamar: Bitch, Don't Kill My Vibe (Track)

    3. Lee Hazlewood: Lars, Gunnar And Me (Track)

    4. The Rolling Stones: Doom And Gloom (Single)

    5. A.C. Newman: You Could Get Lost Out Here (Track)

    6. Sixto Rodriguez: Street Boy (Track)

    7. Haim: Forever EP

    8. School Of Seven Bells: Secret Days (Track)

    9. Bettye LaVette: Crazy (Track)

    10. Ryan Francesconi & Mirabai Peart: Road To Palios


Jan Wiggers Playlist KW 48
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Tocotronic: Wie wir leben wollen

    2. Melanesian Choirs: God Yu Tekem Laef Blong Mi (Track)

    3. Salif Keita: The Mansa Of Mali: A Retrospective

    4. Toumani Diabaté's Symmetric Orchestra: Boulevard de L'Independance

    5. Baaba Maal & Mansour Seck: Djam Leelii

    6. Miriam Makeba: Sangoba

    7. Habib Koité & Bamada: Ma Ya

    8. Tori Amos: Little Earthquakes

    9. Mythen in Tüten: Die neue Kollektion

    10. Cristina Branco: Corpo Iluminado

Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.