Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Lederjacke, Pomade und Macho-Gehabe - Twin Shadow bläst als Bad Boy allen Indie-Schluffis den Marsch. Die db's zeigen Wimmerern wie Bon Iver, was wahre Gefühle sind. Saint Etienne verabschieden sich wehmütig - und Beak> schießen ins Kraut.

Twin Shadow - "Confess"
(4AD/Beggars Group/Indigo, bereits erschienen)

Eine typische Indie-Party in Brooklyn. Ein paar Jungs von Yeasayer sind da, die Vivian Girls hängen rum, Grizzly Bears Chris Taylor und Daniel Rossen sind zu schüchtern und verkopft, um die Mädels anzusprechen. Da drüben unterhalten sich Friends mit Tom Krell alias How To Dress Well, alle (auch die Frauen) tragen große Brillen und zerknitterte Cord-Sakkos oder karierte Flanellhemden oder Vintage-Poloshirts mit Streifen. Es gibt Bärte und Glatzen, Strähnen und zu grelles Make-up und bewusst vermiedene Schönheit. Die Stimmung ist gedämpft, eigentlich ist jeder viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um was zu erleben. Sex hatte keiner, seit Monaten nicht. Dann plötzlich fliegt die Tür auf und George Lewis Jr. ist da: Lederjacke, gelackte Haartolle, Porno-Schnauzer, Rockstar-Swagger. Und plötzlich haben alle Spaß, tanzen, etwas zu verbissen, zu "Celebrate Youth" oder "Sunglasses At Night". Denn GeorgeLewis Jr. ist der Bad Boy der Brooklyn-Szene. Der Mann umgibt sich mit so viel Achtziger-Jahre-Pathos und düsterem Lonely-Drifter-Brüten, dass es dunkler im Raum wird, wenn er hereinkommt. Weil er zwei Schatten wirft. Deshalb nennt er sich auch Twin Shadow und veröffentlicht mit "Confess" jetzt sein zweites Album. Auf dem Cover sieht er aus wie einer dieser schmierigen R&B-Casanovas aus den Achtzigern, Howard Hewett oder Alexander O'Neal, und die Musik klingt, als hätte er sich einen Monat lang mit "Purple Rain", "Born In The U.S.A.", Rick Springfield und Corey Hart eingesperrt, während nebenbei "St. Elmo's Fire" und "Streets Of Fire" auf einem alten VHS-Player liefen, immer wieder von vorne. Auf seinem Debüt-Album "Forget" gab sich Lewis Jr. noch ätherisch und ansatzweise verletzlich, glaubte noch, er müsse die Lebens- und Liebesleiden, die ihm zugefügt wurden, verarbeiten, wie man das halt so macht als empfindsamer Indie-Schluffi-Songwriter. Dann entdeckte er seine Liebe zum Motorradfahren wieder, die er nach einem schlimmen Unfall jahrelang unterdrückt hatte. Und, kaum wieder auf dem Bock, brach sich der lange gezähmte Pop-Macker in ihm neu Bahn, der nun mit seinen kalten, zynischen Ansagen zum Dating und Lovemaking die Songs von "Confess" dominiert. "Some people say you're the golden light/ And if I chase after you, doesn't mean it's true", knallt er den Mädels in "Golden Light" vor den Latz: Lass uns nicht über Liebe reden, wenn es doch nur um Sex geht. Auch "Five Seconds", "Run My Heart", "I Don't Care" oder "Beg For The Night" lassen dem Macho freien Lauf, der das Girl in fünf Sekunden rumkriegt und sich darüber lustig macht, wenn sie um eine weitere Nacht mit ihm bettelt. Die Figur, die auf "Confess" Klartext redet, statt herumzusäuseln, ist ein Wiedergänger des zerquälten, stets ein Spur zu ernsten, von jeder Frau angehimmelten Jake aus "Melrose Place", eine von Zeitgeist und Gender-Theorien dreimal überholte Persona, die Ryan Gosling unlängst in Nicolas Winding Refns Film "Drive" wieder auferstehen ließ: der harte, einsame Herzensbrecher. Ist das Ironie? Wer weiß. Auf jeden Fall bringt Twin Shadow Schwung in Brooklyns dauerbetrübte Selbsthilfegruppen-Szene - und könnte mitten im immer noch nachhaltigen Achtziger-Retro-Trend locker jeden der "Confess"-Songs als Single auskoppeln. Alles ganz schön cheesy, aber alles Hits. Hat da jemand gerade was von Prince gemurmelt? Nä, so weit sind wir noch nicht. (7.4) Andreas Borcholte

Twin Shadow - "Five Seconds"

Mehr Videos von Twin Shadow gibt es hier auf tape.tv!

The dB's - "Falling Off The Sky"
(Blue Rose/Soulfood, bereits erschienen)

Der vor allen Dingen joviale und leutselige Fernsehmoderator Markus Lanz, der Modern Talking "hittig" findet und sich erst zuletzt als "sehr musikaffin" bezeichnete, hat von Musik vielleicht noch weniger Ahnung als vom Weltfußball. Komplizierte fremdsprachige Sachverhalte wie "I think I like you" übersetzt er live und auf Sendung für seine gebrechliche Mutter, die zu Hause vor dem Bildschirm strickt. Scharfzüngig-gerissene Gäste wie Paul Breitner (den Lanz zum Ärger des bayerischen Kaprizenschädels gleich neben die Katzenberger platzierte) durchschauen den biederen Langweiler sofort, doch weil die Welt so schlecht ist, übernimmt nicht Olli Schulz, sondern Lanz Deutschlands spießigste Samstagabendshow "Wetten, dass..?". Niemals eingeladen werden also auch die wiedervereinigten dB's (die Lanz als "herrlich altmodisch" einstufen würde), deren Bekanntheitsgrad - wie von mir persönlich geführte, verzweifelte Stichproben aus der letzten und vorletzten Woche eindeutig ergaben - noch immer gegen Null tendiert: Aber wieso auch The Bongos, Big Star, die Feelies oder Harald inHülsen googeln, wenn man stattdessen Konzerte oder Festivals besuchen kann, auf denen wimmerige und in spätestens 15 Jahren wieder vergessene Leidensmänner wie Bon Iver oder William Fitzsimmons ihr Gefühlsbadewasser in Hektolitern auskübeln? "Falling Off The Sky" ist für die dB's ein äußerst erstaunliches "Comeback" (ächz), wenn man bedenkt, wie viele Jahrzehnte die auf "Stands For Decibels" (1981) und "Repercussion" (1982) perfekt interagierenden amerikanischen Freunde Peter Holsapple und Chris Stamey auf verschiedenen Planeten lebten. "Write Back" ist ein glasklarer They-Might-Be-Giants-Song mit John Linnell am Mikro (war dann natürlich doch nicht so, aber ich hätte eiskalt drauf geschworen!), "Before We Were Born" und "World To Cry" erklären Pfeifen wie Toad The Wet Sprocket oder Deep Blue Something, was Power-Pop im Alter bedeutet. "I can see everything/ I can hear everything/ But I can't do anything for you." Jeder, der sein Leben freiwilllig allein verbringt, sollte wissen, was gemeint ist. (7.0) Jan Wigger

Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Beak> - >>
(Invada/Cargo, bereits erschienen)

Huch, aus Versehen die "Lost Tapes" von Can in den Player gesteckt? Kleiner Scherz. Kollege Wigger rezensiert die kolossale Raritätensammlung der Kölner in der nächsten "Abgehört"-Ausgabe. Ich hatte es vielmehr mit ">>" zu tun, dem zweiten Album des Experimental-Rocktrios Beak>, dessen treibende Kraft Portishead-Mitglied Geoff Barrow samt seiner ausgeprägten Vorliebe für Krautrock ist. Mit Beak> vetreibt sich Barrow die Zeit, wenn seine Band mal wieder den größeren Teil eines Jahrzehnts braucht, um die richtige Atmosphäre für ein neues Album zu kreieren. Mit seinen Beak>-Kumpanen Billy Fuller und Matt Williams geht das um einiges schneller, so dass ">>" - also "fast forward" - an nur einem Nachmittag im Studio entstand. Waren beim Debüt, zum Beispiel im großartigen "Blagdon Lake", noch deutliche Anklänge an Alternativ-Rock und Sonic Youth zu hören, verkriechen sich Beak> nun noch vollständiger in die Sphären von Cluster, Nektar oder Birth Control und, natürlich, Can. Die Songs, angefangen bei den heulenden Synthie-Sounds von "The Gaol" über den stoischen Beat von "Yatton" und den stramm marschierenden Trip "The Spinning Top" mit dominant taumelnden Humptydumpty-Bass, bauen einen Kokon, in dem Raum, Zeit und Rauchschwaden bewusstseinserweiternder Drogen verschwimmen, um einen so hochkonzentrierten Musikfluss zu erzeugen, dass man irgendwann nicht mehr bemerkt, wie man nach jedem Stück ein bisschen lauter macht, am Ende sogar die Kopfhörer zu Hilfe nimmt, um die Nachbarn nicht zu stören. Der Gesang: delirierender Nonsens. Der Bass: bedrückend und hochtönend. Die Drums: präzise und in den besten Momenten liebezeitesk virtuos. Zu diesen Momenten zählt "Wulfstan II", das in der zweiten Hälfte des Albums wie ein dunkler, bedrohlicher Monolith auftaucht und auf einem Deep-Purple-Gedächtnis-Riff aus erstickt-verzerrter Gitarre und irrlichternder Orgel basiert. Was danach kommt, das lustig hüpfende "Elevator" oder der Hippie-Traum "Deserters", ist nur noch aftermath. "Kidney" schließlich kulminiert in einem grandiosen Schreddern und Wabern und beendet ein Album, das ungemütlich und seltsam aus der Zeit gefallen wirkt - und dennoch wohl aktueller nicht sein kann. Wie stellte ein amerikanischer Kritiker-Kollege neulich so treffend fest: Krautrock ist der neue Blues. (6.9) Andreas Borcholte

Saint Etienne - "Words And Music By Saint Etienne
(Heavenly/Universal, bereits erschienen)

Zunächst einmal möchte ich mich recht herzlich bei der Gruppe Messer aus Münster entschuldigen, deren Debüt "Im Schwindel" sogar noch um einiges besser ist, als ich es in der letzten Woche vermutete. Doch lieber eine 6.7 als eine 7.3, denn wer möchte schon zu den hippen Jubelperser-Journalisten gehören, die bereits unter dem Weihnachtsbaum nicht mehr wissen, warum sie Platte X von Band Y auf Z Records im Februar bloß so viele Punkte gegeben haben? Es sollen Klarheit und Strenge walten - wie bei Saint Etienne. Seit etwa 800 Jahren erinnern Grazie und Ebenmaß von Sarah Cracknell an die junge Catherine Deneuve, ja überhaupt an alles ausgesucht Französische, weshalb es an ein Wunder grenzt, dass Claude Jade oder Garance Clavel noch keinen Gastauftritt in einem dieser Saint-Etienne-Kurzfilme hatten; doch die gibt es ja nun auch nicht mehr. Wer damals "Foxbase Alpha" und "Tiger Bay" liebte, braucht die erste Saint-Etienne-LP seit sieben Jahren vor allem deshalb, weil sie mit "Over The Border" die vielleicht herzbewegendste Kindheits- und Jugenderinnerung des Jahres enthält: "I was in love/ And I knew he loved me/ Because he made me a tape/ I played it in my bedroom/ I lived in my bedroom/ All of us did/ Reading Smash Hits and Record Mirror, Paul Morley and the NME/ Dave McCulloch and Sounds/ Modern Eon and Modern English/ Mute, Why, Zoo, Factory/ Cutting them up, sucking them in, managing the story on our own." "Words And Music By Saint Etienne" ist ein sentimentaler, gemütvoller Rechenschaftsbericht, so traurig ("I Threw It All Away") und erhebend ("I've Got Your Music") wie ein schamhafter Zufallskuss von Kiko Mizuhara. Das Glück, es kommt immer aus den Wolken. (6.8) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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1. optional
ingwerspiegel 13.07.2012
Seit Jahren habe ich den Spiegel nicht mehr gelesen. Nachdem ich einige der Rubrik "Abgehört" gelesen haben, könnte ich zwar nicht glatt wieder damit anfangen, sondern staune: That's entertainment! Wunderbar.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Andreas Borcholtes Playlist KW 28
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Beak>: Wulfstan II (Album-Track)

    2. Can: Tago Mago

    3. Can: Flow Motion

    4. Savages: Flying To Berlin (Single)

    5. Toy: Motoring (Single)

    6. Twin Shadow: Five Seconds (Single)

    7. Annette Peacock: I'm The One

    8. Bush Tetras: Too Many Creeps (Single)

    9. Chain And The Gang: In Cool Blood

    10. Ty Segall: Slaughterhouse


Jan Wiggers Playlist KW 28
  • SPIEGEL ONLINE

    1. Jan G. Grünwald: Male Spaces: Bildinszenierungen archaicher Männlichkeiten im Black Metal

    2. Bix Beiderbecke: Alternative Takes 1924-1930

    3. Debbie Gibson: Out Of The Blue

    4. Angela Carter: Rewriting The Body: Desire, Gender & Power In Selected Novels By Angela Carter

    5. Alphaville: The Breathtaking Blue

    6. N.W.A.: Niggaz4Life

    7. George Chauncey: Gay New York: Gender, Urban Culture And The Making Of The Gay Male World 1890-1940

    8. KMFDM: Angst

    9. Anthony Stewart Head & George Sarah: Music For Elevators

    10. Memphis Minnie: The Blues: Queen Of The Blues: 1929-1941