Villagers - "Awayland"
(Domino/Goodtogo, 11. Januar)
Stellen Sie sich einfach mal vor, "Quadrophenia", der Film, nicht das Album, würde anders enden, nämlich hoffnungsvoller. Jimmy kriegt das Girl, und die Sonne scheint über das Gras und die weißen Klippen, während die beiden auf dem Scooter nicht dem Abgrund entgegen rasen, sondern einer, wenn auch ungewissen, Zukunft. Und dazu läuft - unvorstellbar, ich weiß -
nicht "Love, Reign O'er Me", sondern das instrumentale Titelstück dieses erstaunlichen zweiten Albums von Villagers. "Awayland", sagt der irische Multi-Instrumentalist und Songwriter Conor O'Brien, sei der Versuch, Musik aus der Sicht eines Neu- oder Wiedergeborenen zu schreiben. Entsprechend wuchtig, euphorisch, vollgestopft mit Farben, Klängen und flirrenden Eindrücken klingen Album-Höhepunkte wie "The Grateful Song", "Earthly Pleasures" oder "The Bell". Es sind mehrteilige Kompositionen, deren Struktur O'Brien beim Progrock und den Rockopern der Siebziger entlieh und sie mit Kraut-Loops und elektronischem Gebimmsel zeitgemäß austattete. Mehr noch als auf seinem bereits von der Kritik gefeierten Debüt "Becoming A Jackal" (2009) erweist sich O'Brien, der sich eigentlich vorrangig als Musiker sieht, als lyrisch versierter Erzähler, der immer wieder verblüffende Narrative findet, die in ihrer komplexen, gewitzten Romanhaftigkeit an Stan Ridgway erinnern: "I waited for something, and something died/ So I waited for nothing, and nothing arrived", singt er in "Nothing Arrived", dem Pophit des Albums, falls jemand hier nach so etwas sucht. Es empfiehlt sich jedoch, sich auf die Gesamtheit dieser Platte einzulassen, die einen einzulullen vermag wie ein Nachmittag am Meer, wenn die Geräusche des Strandtreibens zusammen mit dem Auf und Ab der Wellen eine wohlige Trance induzieren, die alles in einem neuen, warmen Licht erscheinen lassen, so dass man völlig vergisst, dass Winter ist, die Sonne nicht scheint, man im nassen, kalten Sand bibbert und der Himmel aus grauen Wolken glotzt. So ein Album ist das nämlich. Damit fängt das neue Jahr gut an. But the world won't listen, Arne.
(7.3) Andreas Borcholte
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Yo La Tengo - "Fade"
(Matador/Beggars/Indigo, 11. Januar)
Wie jetzt? Wigger ist doch der Nostalgiker von den beiden Ahnungslosen, die bei SPON Platten rezensieren dürfen, der, der immer die ganzen Bands und Re-Issues aus den Siebzigern, Achtzigern und Neunzigern bespricht! Der andere Blödmann, der ist doch der für das Beste von Heute! Tja, lieber Leser, Gewissheiten, vermeintliche wie gefühlte, gibt es bei uns eben nicht. Aber zugegeben, ich habe mich nur darauf eingelassen, die neue Platte von Yo La Tengo zu besprechen, weil a) Wigger sagte, er hätte jetzt schon mindestens achtmal über die geschrieben und alles gesagt, b) Yo La Tengo ihre besten Alben eigentlich erst nach 2000 veröffentlicht haben und c) ich die Band schon so lange mag, dass sich jedes neue Album anfühlt wie ein verwaschenes, aus der Form geratenes Lieblings-T-Shirt. Sie wissen schon, das verblichene mit dem Riss am Kragen, das etwas spannt über dem Bauch und mal eine eindeutige Farbe hatte, das aber doch immer wieder herhalten muss als
safe suit an dunklen Tagen. Ach so, Sie wollen etwas über "Fade" erfahren? Für alle, die sich auskennen: Die Platte klingt so souverän schrammelnd-traumpoppig wie "I Can Hear The Heart Beating As One" (1997) und "And Then Nothing Turned Itself Inside Out" (2000), kommt also den Meisterwerken ziemlich nahe. Es geht, wie immer, um das süße Nichts, das Dämmern auf dem Bürgersteig, die "stupid things", um Liebende, die aneinander vorbeirauschen wie zwei Züge, oder einfach um Geborgenheit, das bloße Dasein. "I'll Be Around" heißt eine dieser behaglichen Folk-Nummern, die fast, aber nur fast, an Nick Drake erinnern. Zwischendrin gibt es mit "Paddle Forward" auch Zugeständnisse ans ironischerweise erfolgreiche Spätwerk "Popular Songs" oder amüsante Ausflüge ins Sesamstraße-Land wie "Well You Better" mit lustigem Bontempi-Einsatz. Hä? Ah, Sie kennen sich mit Yo La Tengo nicht aus. Macht ja nichts. Die Band kommt aus Hoboken, das ist ein Städtchen in New Jersey, gleich gegenüber von Manhattan, am Hudson. Von da guckt man rüber zum angesagten Meat Packing District und wünscht sich, man wäre auch so cool. Aber als Yo La Tengo anfingen, Musik zu machen, vor knapp 30 Jahren, war das In-Quartier noch ein sterbendes Arbeiterviertel mit Großschlachtereien und Blut auf der Straße. Ira Kaplan, Georgia Hubley und James McNew, das ist die aktuelle Besetzung, sind so was wie die anti-intellektuelle Version von Sonic Youth, oder, wie Robert Christgau mal sagte: "Folks who like to go out on Saturday night and make some noise - and then go home humming it." Bester Schlüssel zu dieser wirklich liebenswerten Band ist das 2007 erschienene Album "
Is Murdering The Classics" mit 30 Coverversionen, die Yo La Tengo für eine New Yorker Radioshow jeweils live auf Zuruf improvisiert haben. Wem bei den hingerumpelten, aber dennoch unfassbar professionell dargebotenen Interpretationen von "You May Be Right", "Downtown" oder "Sweet Dreams (Are Made Of This)" nicht das Herz aufgeht, der hat diesen Text leider umsonst gelesen und muss, nein,
darf "Fade" nicht hören. Das ist gewiss.
(6.9) Andreas Borcholte
Yo La Tengo - "Before We Run" (emily animation video)
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Bad Religion - "True North"
(Epitaph/Indigo, 11. Januar)
Ja, ja, so ist das: Man wird älter und fühlt sich eines Tages den Dingen, die man vor zwölf Jahren innig liebte, entwachsen, ja gewissermaßen sogar dem eigenen Selbst von damals (das einem neuerdings manchmal sogar ein bisschen peinlich ist) und gibt anderen, die diese Entwicklung nicht mit- oder auch bloß in eine andere Richtung vollzogen haben, die Schuld daran - statt dieses Gefühl des Entwachsenseins als Erkenntnisfortschritt, als Beginn eines neuen, womöglich interessanteren, erfüllenderen Lebensabschnitts einfach für sich zu feiern und die, die noch immer Panini-Bilder sammeln/Smashing Pumpkins hören/für Musik bezahlen/der viertletzten Beziehung nachtrauern, in Ruhe zu lassen. Gutes Beispiel: Die mal lediglich dümmlichen, mal schulmeisterlichen, mal ausdrücklich gehässigen Leserbrief- und Facebook-Einlassungen zum neuen Meisterwerk von Tocotronic (beliebtes
killer argument: "Ich muss das Album nicht hören, um es scheiße zu finden") - oder die Rockgruppe Bad Religion. Eine Erwähnung dieser muffig-reaktionären JUZ-Kapelle mit Beatles-Komplex, Dozent am Mikro und einigen
echten Anliegen bei Abgehört? Nicht mit uns! Seltsamerweise kann sich ein Großteil meines Freundeskreises auf Bad Religion einigen - und zwar nicht nur auf die offensichtlichen Klassiker "Suffer", "No Control" und "Against The Grain", nein, wir finden bis einschließlich "The Gray Race" prinzipiell
alles geil, und werden nun auch "True North" kaufen müssen: Die beste Bad-Religion-Platte seit dem überragenden "Recipe For Hate" aus dem Jahr 1993. Davon abgesehen ist zu den 16 überwiegend kurzen, präzise gesetzten Stücken, in denen geholzt und gejodelt wird bis die Kühe nach Hause kommen, nicht viel zu sagen. Entspannen Sie mit Bad Religion - zwischen zwei Burial-Alben oder auf dem Weg zum nächsten Krankenhaus.
(7.0) Jan Wigger
Best Of "Abgehört"
Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist
Claudia Brücken - "The Lost Are Found"
(There(there)/Al!ve, 11. Januar)
Bereits an anderer Stelle schrieb ich, dass sich mir der Sinn und Zweck von Coverversionen (siehe auch: Remixe) in den meisten Fällen nicht erschließt. Bei Claudia Brücken, die ich 1985 nach dem Sehen des "Duel"-Videos von Propaganda kennen und lieben lernte, ist das etwas anderes: Auf "The Lost Are Found", einer LP voller Coversongs zum Thema Verlust, verheiratet Brücken das Warme, das Frostige und das Ätherische und singt so klar und gefasst, als hätte man ihr gerade die Hauptrolle in einer Neuverfilmung von "Das kalte Herz" angeboten (keine Sorge, sie hat abgelehnt - keine Zeit). Weil Eigeninterpretationen von OMD oder Depeche Mode zu naheliegend gewesen wären, hat Brücken sich auf dieser ausgezeichneten Platte dankenswerterweise für weniger offensichtliches Material entschieden: David Bowies "Everyone Says 'Hi'" und die Electric-Light-Orchestra-B-Seite "One Summer Dream" gelingen ebenso wie gleich zwei Umdeutungen der leichengleichen Schwedin Stina Nordenstam, wobei mich hier eine Auslegung von "Dynamite" fast noch mehr interessiert hätte als die Bearbeitungen der wunderbaren "Memories Of A Color" und "Crime". An absolutem Weltklasse-Material wie "King's Cross" (Pet Shop Boys), "And The Sun Will Shine" (Bee Gees) und dem im Original vollendeten Stück "Whispering Pines" von The Band musste sie scheitern, doch sie scheitert jederzeit mit Ernsthaftigkeit und Würde
. (7.3) Jan Wigger
P.S: Hallo Claudia, der Pet-Shop-Boys-Song "King's Cross"wird definitiv mit Apostroph geschrieben! Aber das nur nebenbei, denn nun ist es ja sowieso zu spät, um das auf Deiner Plattenhülle noch zu ändern. Liebe Grüße, ein Verehrer
Claudia Brücken - "Whisperin Pines"
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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)