Zauberhafte Zugaben Es darf gern ein bisschen mehr sein!

Solisten geben im Konzertsaal gerne etwas zu. Die "Zugabe" danach kann zum eigenen Kunstwerk werden. Von manchen jungen Künstlern wünscht man sich sofort mehr - hier zwei Beispiele von Pianisten.

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Der Schluss ist selten das Ende: Zum soliden Konzert oder Recital, vor allem bei Pianisten, gehört die Zugabe, gern auch mehrere davon. Erst die Pflicht, dann die Kür. Und immer diese Spannung: Was hat sie, was hat er noch für Pfeile im Köcher? Bekannte Renner, ausgefallene Fundstücke oder echte Überraschungen? Vladimir Horowitz grinste am Ende eines Klavierabends schon mal verschwörerisch ins Auditorium und intonierte seine Bearbeitung des Sousa-Marsches "Stars And Stripes Forever".

Andere Virtuosen kokettieren mit den scheinbar simplen Stücken, wobei Schumanns kleine/große "Träumerei" eine Zeit lang recht beliebt war. Igor Levit spielte bei seiner jüngsten Tournee nach Beethovens monumentalen "Diabelli-Variationen" doch glatt den Klavierstunden-Heuler "Für Elise". Aber wie, muss man hinzufügen. Der große Grigory Sokolov macht aus den After-Show-Darbietung gern eine eigene Party, sechs Zugaben zwischen Barock und Liszt sind keine Seltenheit. Und András Schiff? Der gibt auch mal im Brausebrand gleich eine ganze Beethoven-Sonate zu. Zugegeben: Das ist die Ausnahme.

Was nämlich András Schiff bei seinem Beethoven-Sonatenzyklus zwischen 2004 und 2006 in der Zürcher Tonhalle als Zugaben auswählte, hat er - quasi als Zugabe zu der CD-Edition - auf einem Album zusammengefasst. Und diese scheinbar nur bunte Kollektion an kurzen bis mittellangen Werken zeugt von einer eigenen Dramaturgie. Der Abgrund inmitten der Schönheit: Das passt zu Beethoven allemal, ganz besonders gut aber zu Schiffs Klassikersicht.

Natürlich beschäftigt sich András Schiff seit vielen Jahren mit den Beethoven-Sonaten, und er eroberte sich mit subtilsten Anschlagsvarianten und sicherem Gespür für die Architektur und Dramaturgie der 32 Reifeprüfungen der Piano-Noblesse eine Deutungshoheit, die ihresgleichen sucht. Wie entspannt, fast lustvoll dann nach so einer Recital-Gratwanderung der Auslauf mit purer Freude am gar nicht naiven Spiel mit der kleinen Form funkelt, das schafft eine eigene Kunstform.

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Encores after Beethoven:
András Schiff

ECM Records (Universal Music), 14,99 Euro

Wenn Lächeln Töne hätte

Franz Schuberts Kosmos an Impromptus, Moments musicaux und anderen kürzeren Stücken ist wegen der Tiefe auf kleinem Raum und den Anforderungen an Ausdruck und Technik sehr beliebt. András Schiff präsentiert als Opener der CD das Allegro aus den drei späten Stücken D.946, voller Schwung und dennoch geheimnisvoll: wie ein subtiles Dessert nach einem schweren Menü, keinesfalls fluffig-unverbindlich, sondern entschieden und für den Spannungsabbau bestens geeignet.

Dazu korrespondiert mit ganz anderem Schuberts ungarische Melodie D.817. Da schimmern sehr zurückhaltende, folkloristische Töne, sicher nicht die erste Zugabe nach einem der Beethoven-Abende. Da schließt sich Joseph Haydns g-moll-Sonate noch dichter als musikalischer Wurzelgrund der klassischen Klavierform an Beethovens breite Baumwipfel der machtvollen Sonatenfülle an.

Beinahe noch delikater klingen Schiffs Darstellungen von flotten kleinen Bach-Auszügen aus den Partiten und dem Wohltemperiertem Klavier: Höchste Eleganz in munterem Fluss, Lockerung aus allerbestem Niveau. Wenn Lächeln Töne hätte, so würden sie klingen.

Von Gershwin zu Schumann

Wer ganz am Anfang seiner Karriere steht, muss etwas wagen. So, wie der fabelhafte Hamburger Pianist Alexander Krichel sich in seinen Konzerten ohne Netz und doppelten Boden etwa in Mendelssohns "Variations sérieuses" stürzte, so brillant geht sein ebenso junger und wagemutiger Kollege Florian Glemser seinen "Schumann" (Ars Production) an. Glemser spielt seit seinem dritten Lebensjahr Klavier, erhielt an der Hochschule Würzburg Hochbegabtenförderung und liebt den Jazz. Sein Konzertdebüt gab er mit Gershwins "Rhapsody in Blue".

Jetzt Romantik: Vor der "Kreisleriana" op. 16 zeigt er keine Angst, findet mit überwältigendem Aufschwung die richtige romantische Grandezza, die diesem vertrackten Zyklus zukommt. Vladimir Horowitz beschäftigte sich fast sein ganzes Pianistenleben damit. Florian Glemser packt so virtuos zu, schlägt ein so rasantes Tempo an, dass dem Hörer fast schwindlig wird. Auch die diffizilen, tiefgründigen Zwischentöne meistert er zielsicher und mit hoher Anschlagskultur. In den "Waldszenen" op. 82 lässt er den "Jäger auf der Lauer" quirlig pirschen, die "Verrufene Stelle" intensiv aufblitzen und erzeugt mit großem Spannungsbogen die überzeugende Einheit des Zyklus. Das ist schon weit mehr als nur eine enorme Talentprobe, das ist eine eindrucksvolle künstlerische Visitenkarte. Da dürfen einige Zugaben folgen - bitte mehr davon!


"Schumann - Waldszenen u.a." (Florian Glemser/Klavier) CD Ars 38 225
Ab Februar bei Ars Produktion erhältlich



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
tobias97 22.01.2017
1.
Herrn Schiff hatte ich in Sachen Beethoven Sonaten noch gar nicht auf dem Schirm. Der Ausschnitt oben klingt auf jeden Fall sehr aufregend!
helisara 24.01.2017
2.
"Für Elise" als Zugabe? Mutig, und exzentrisch, eigentlich eines der abgedroschensten Werke der klassischen Musik, so als hätte Beethoven auch einmal etwas für Richard Clayderman komponieren wollen. Aber wenn es vorher die "Diabellivariationen" gibt, kann man so etwas auch über sich ergehen lassen, als "Rausschmeißer" sozusagen.
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