Not bad This is Michael Jazzson

Igitt, wie modern! Mancher Jazz-Musiker hat etwas länger gebraucht, um das Potential von berühmten Pop-Perlen zu entdecken. Doch mittlerweile werden auch die Hits von Michael Jackson neu eingespielt. Meistens klingt das ziemlich gut. Aber nicht immer.

Musacchio & Ianniello/ ECM Records

Enrico Rava gehört zu Europas wichtigsten Jazzmusikern. Der 1939 in Triest geborene Trompeter wurde wie viele von Miles Davis beeinflusst. Seinen eigenen Ton fand der Italiener im Zusammenspiel mit Spitzenjazzern in Amerika und Europa. Auf Dutzenden von Alben spielte Rava überwiegend eigene Kompositionen, dazu kamen Stücke aus dem so genannten Great American Songbook, dem US-amerikanischen Kanon von Hits aus der Zeit vor Pop.

Das aktuelle Pop-Universum interessiert den Jazzstar erst seit 2009. Angeregt von seiner Frau hörte er CDs von Michael Jackson und schaute sich DVDs des King of Pop an. Dabei wurde auch dem inzwischen 70-Jährigen klar, dass er "einen der größten Musik- und Tanzprotagonisten des 20. Jahrhunderts jahrelang ignoriert hatte". Fortan faszinierte das Werk des 2009 verstorbenen Jackson den Jazzmusiker; und es entstand "Rava on the Dance Floor": Veteran Rava spielt "Thriller" und neun weitere Erfolgsnummern von Michael Jackson. Das Album gehört zu den interessantesten Neuerscheinungen des Spätsommers.

"Neverland" wird Jazz-Territorium

Viele anderen war schon ziemlich lange klar, was für ein Ausnahme-Musiker Michael Jackson war, und dass man erfolgreich Alben verkauft, wenn man Pop-Hits verjazzt. So brachten beispielsweise der Trompeter Joo Kraus und das Tales in Tones Trio des Pianisten Ralf Schmid "Songs From Neverland" heraus. Die CD verkaufte sich so gut, dass die Band "Painting Pop - More Songs From Neverland" nachlegte. Zu Jackson-Songs kamen Hits von Toto, Sade und Sting - und Joo Kraus gewann 2012 mit dem Album einen Echo-Preis. Jetzt stieß auch der Pianist Jacky Terrasson zu den in Pop-Gefilden wildernden Jazzern; auf seiner Anfang September erschienenen CD "Gouache" improvisiert der Franco-Amerikaner unter anderem über den Schmachtfetzen "Baby" des Teeniestars Justin Bieber.

Yaron Herman, der in Paris lebende Pianist aus Israel behauptet, dass die heutige Generation die Gershwin- und Rodgers-Songs aus dem Great American Songbook nicht mehr kenne. Die Standards der jungen Leute, so der 31-Jährige, seien Ohrwürmer der Pop-Rock-Ära. Deshalb ergebe es Sinn, wenn Jazzmusiker heute solche Stücke als Material für ihre Werke nutzen und nicht das Repertoire der dreißiger bis sechziger Jahre. Yaron selbst freilich bevorzugt eigene Kompositionen. Das sind 11 von 13 Stücken auf seinem am 28. September erscheinenden Album "Alter Ego", zu dem er sein Trio-Format um zwei Saxophonisten erweitert hat.

Freilich ist dem Piano-Aufsteiger auch klar, dass die Menschen gerne bekannte Stücke wiederhören. Deshalb enthält sein formidables Album auch "Hatikva", die Melodie eines alten Liedes aus Italien, die in Israels Nationalhymne wiederkehrt, den meisten Menschen aber als Leitmotiv aus Smetanas Tondichtung "Die Moldau" bekannt ist. Dennoch bedeutet, Hits zu interpretieren, nicht nur, dass man sich vom Erfolg anderer mitziehen lässt: Die Neugestaltung eines Songs ist auch eine anspruchsvolle Herausforderung.

Yarons Kollege Rava hat seine Michael-Jackson-Hommage mit dem Parco della Musica Jazz Lab, einer Bigband aus Rom, aufgenommen. "Klingt wie eine lässige Jazzgruppe, die eine Party feiert", schreibt der britische "Guardian". Der Kritiker der "Welt" mäkelt, dass Ravas Visionen etlicher Jackson-Hits "viel zu nah am Original" klebten und die Begleitband zuweilen an eine "Feuerwehrkapelle" erinnere. Dass der Jazzmeister über Popmusik improvisiert, ist, zum Glück, kein Anlass zur Kritik.


CDs:
Enrico Rava: Rava On The Dance Floor. ECM, 20,99 Euro.
Jacky Terrasson: "Gouache". Emarcy, 20,99 Euro.;
Yaron Herman: "Alter Ego". ACT, 17,99 Euro. Ab. 28.9.



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Martin1957 16.09.2012
1. Jazzson
Joo Kraus hat Jacksons zeitlose Musik hervorragend für den Jazz umgesetzt. In Ravas Interpretationen habe ich reingehört und ich muß ehrlich sagen,Kraus beeindruckt mich mehr. Wie man allerdings diesen fürchterlichen Song "Baby" von diesem Teeniestar Biber jazz mäßig umsetzen kann, ist mir ein unerklärliches Rätsel, der Song ist im Original nur unerträglich schlecht.
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