Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Ich bin ein Trickser, du bist ein Trickser, alle sind Trickser. Und Hans Unstern, ein Berliner Poet und Songwriter, ist der größte Trickser von allen. Außerdem: Joachim Witt knödelt. Ty Segall bleibt ganz bei sich in der Garage. Und Troy Von Balthazar? Plant die letzten Dinge.

Das Gesicht in den Händen: Cover von "The Great Hans Unstern Swindle" Zur Großansicht

Das Gesicht in den Händen: Cover von "The Great Hans Unstern Swindle"

Hans Unstern - The Great Hans Unstern Swindle
(Staatsakt/Rough Trade, 26. Oktober)

"Mein Unstern ist so ungeschickt und machtlos, dass ihm gar nichts glückt/ Er sollte mir zwar Unstern sein, fällt aber dauernd selber rein". Das ist nicht von Hans Unstern, sondern von Robert Gernhardt, und es passt irgendwie, aber ich habe keine Ahnung, ob Hans Unstern das Gedicht kennt. Mir fiel es nur ein, als ich seinen Namen erstmals hörte. Andere denken vielleicht an Liszt, ich denke an Gernhardt, er selbst wahrscheinlich an Böll, sagt er zumindest, wegen Hans Schnier, das ist der mit den Clowns und den Tränen. Und Clown, das passt dann schon wieder. Zu Gernhardt. Und zu Hans Unstern, der sich ja nicht nur gerne Songwriter nennt, sondern auch Trickser. Schon haben wir den Salat, denn was der Mann macht, ist wahrscheinlich so gut, dass keiner merkt, wie gut es eigentlich ist, weil alle denken, nö, der verarscht uns jetzt doch nur. Nee. Doch. Oder? Das hat sogar Staatsakt-Chef Maurice Summen, auf dessen Label dieser große Schwindel erscheint, zum emotionalen Wrack gemacht, schreibt er selbst, im Merkblatt zum Album. Aber wer Maurice kennt, ich habe das große Glück, der weiß, dass Maurice nicht einfach mal so zum emotionalen Wrack wird. Es geht hier also um etwas. Aber um was? Was sagt denn Unstern selbst dazu? Wie sieht der überhaupt aus? Bärtig. Bringt einen aber nicht weiter. Berliner halt. Unstern schreibt in einem Interview, dass er sich vorsichtshalber oder arroganterweise selbst gegeben hat, dass Worte nerven, dass er sich nicht erinnern kann, wann er zum letzten Mal ein interessantes Gespräch geführt hat. Dafür schreibt er aber ganz schön viele Wörter da hin, und in seinen Texten wimmelt es auch nur so davon. Was denn nun? Vor zwei Jahren erschien seine erste Platte, da wollte er noch den Mann aus sich rauskratzen, das hat er wohl geschafft, denn: "Mit einem Strauß Blattläuse stehe ich vor meiner eigenen Tür/ Nichts mehr wie es schien zwischen mir und mir/ Heute morgen erwachte ich als Wunsch". Das hab ich mir jetzt nicht ausgedacht, das singt Hans Unstern in seinem entschlossen unentschiedenen Lied "Entweder&Oder", das eigentlich ein Gedicht ist, das er vertont hat, so macht der das nämlich. Gibt auch ein Buch zur Platte. Trickser halt. Später dann: "Ich stell mir vor, ich bau mich zusammen", denn "Puzzlezeit ist Trümmerzeit/ Puzzlezeit verhackstückt". Verstehen Sie, wie das funktioniert? Immer noch nicht? Mensch! Gut, noch eins, das hat sogar eine wunderschöne Melodie, haben übrigens viele dieser neuen Lieder, obwohl sich die Texte immer dagegen borsten, das soll wohl so. "Ich seh Dich in die See pissen/ Mein Horizont im Hochwasser/ Beim Nachtreten/ Beim Hinterherkotzen/ Fische prügeln sich um Dein Erbrochenes/ Seh Dich ihnen einen Tränentrunk servieren/ Seh wie sie sich um Dich reißen". Ist das, es heißt "Ergiebig und erschwinglich", nicht das schönste Liebeslied, das Sie je gehört haben? Hier ist noch eine Hilfestellung, hat Unstern selbst gesagt: "Wenn du glaubst, du hast wirklich etwas über und gegen die Gesellschaft zu sagen, kannst du doch nicht dauernd in ihrer Sprache schreiben!" Mit Ausrufezeichen! Die sind selten bei Hans Unstern, das muss also wichtig sein. Ich bin doch auch nur so ein Trickser, sagen Sie? Ich lasse ja auch nur Worte durcheinander fallen, damit Sie nicht merken, dass ich keine Ahnung habe? Ha! Selbst, wenn Sie Recht haben, was ich nicht ausschließen kann, spricht da doch nur Angst aus diesem Angriff, Ihr hilfloses Hangeln nach dem Strohhalm, aus dem Sie dann das Bekannte saugen können. Damit Sie wieder wissen, wo Unten und Oben ist. Aber was nützt es denn, wenn ich Malcolm McLaren sage und Beatles-Melodien verorte - oder schön traurige Trompeten, die hat doch gerade jeder. Was bringt es, Captain Beefheart zu erwähnen. Und wenn, was hat der mit Hans Unstern zu tun? Und warum muss Oben denn Oben sein und darf nicht auch mal Unten sein? Armes Oben. Doofes Unten. Da denken Sie mal drüber nach. Führt aber alles zu nichts, das sage ich Ihnen. Denn Unstern ist nur so ein Mann im Strom, dem der Worte und der Musik. Der greift mal hier rein, mal da. Und manchmal passt eine Zeile, schwingt, dotzt, klingelt, surrt dort was, dann passiert, tja, was? Ein Gefühl. Ein Gedanke. Ein Grübeln. Eine Veränderung, vielleicht nur minimal. Dann hat der ganze Schwindel schon einen Sinn. Die Wertung für diese wundervolle Platte, die Sie unbedingt kaufen müssen, auch wenn Sie sie vielleicht nur einmal hören werden, ist völlig willkürlich. Wenn Sie sich an diese Zahlen halten, sind Sie verloren. Für Hans Unstern und überhaupt. Aber das wussten Sie natürlich schon, Sie Trickser. (8.2) Andreas Borcholte

Hans Unstern - Ich schäme mich
Mehr Videos von Hans Unstern gibt es hier auf tape.tv!
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Joachim Witt - "Dom"
(Columbia/Sony, bereits erschienen)

Wie bei beinahe jedem wirklich interessanten Thema kommen die ersten Reaktionen von Leuten, die zwar keinen einzigen Ton von "Dom" gehört haben, aber ihre Vorurteile stolz wie eine Hostie vor sich hertragen: "Ja, dann besprich' das halt; ich will mit dem Müll nichts zu tun haben." Und so sammle ich als Müllmann der Herzlichkeit die Brosamen der Liebe ein und höre dabei "Tränen", "Licht im Ozean" und "Gloria". So mokant und ironisch wie im köstlichen "Kosmetik" ist Witt natürlich nicht mehr, doch hier rührt der Alte mich mit sprudelnden Streichern, gläsernen Tränen, kalten Herzen und geradezu staatsmännischem Pathos: "Ich bau ein Schiff nur für dich/ Ich weiß, du kennst mich nicht/ Die Hoffnung stirbt zuletzt/ Halt an der Liebe fest/ Ich werd' dich mit mir nehmen/ In eine Welt, die so schön ist wie du", singt eine Sirene im unsagbar elegischen, großartigen "Untergehen" - ein ernster Gruß aus dem Tal der Winde, in das der bärtige Kaplan heute nur noch selten reist. Ganz im Gegensatz zu Graf Unheilig (ein furchtbar netter Kerl, falls er nicht doch etwas zu verbergen hat!) betritt der ebenfalls sehr salbungsvolle Witt die heiligen Hallen der tackiness nur dann, wenn das Lied es verlangt: In "Mut eines Kriegers" knödelt er plötzlich wie ein Opernsänger, "Leichtsinn" und "Blut" sind für Frühstücksdirektoren der Hochkultur allzu harte Kost. Ein Leben zwischen Kunst und Kommerz, Schönheit und Schwachsinn, Abenteuer und Verkleidung, verschwommenen Träumen und schmelzenden Polen. Ein großer Träumer und Stilist, jetzt und ehedem. (5.9) Jan Wigger

Joachim Witt - Gloria
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Ty Segall - "Twins"
(Drag City/Rough Trade, bereits erschienen)

Es gibt anscheinend Momente im Leben eines Rockmusikers, in denen einfach alles auf einmal da ist, alles auf einmal raus muss, raus, raus, raus. Ty Segall, Abkömmling der streng dem Garagenrock verhafteten Bay-Area-Szene, erlebt gerade das, was Ryan Adams 2005 wiederfuhr: Ein Gefühl der Unhaltbarkeit, der wahnwitzigen Kreativität, das in den Zwang mündet, Album um Album zu veröffentlichen. Adams, der in einem komplett anderen Genre agiert, brachte damals innerhalb von 18 Monaten zwei Solo-Alben und zwei Alben mit seiner Band The Cardinals heraus. Nebenbei orientierte er sich bereits in Richtung seiner beiden Metal-Projekte Orion und Werewolph. Segall, seit 2008 aktiv, erntete 2011 viel Kritikerlob für sein Album "Goodbye Bread" und feuert seitdem aus allen Rohren: Einer hervorragenden Psych-Rock/Hippie-Platte mit den Kollegen von White Fence ("Hair") folgte vor nur wenigen Wochen die Veröffentlichung eines brachialen Garagenpunk-Albums mit der Ty Segall Band ("Slaughterhouse") - und nun erscheint mit "Twins" das zweite Solo-Album binnen Jahresfrist. Das Erstaunliche: It's all good! Damn good sogar. Anders als bei Ryan Adams, dessen Cardinals-und Solo-Songs in der heißen Phase auch gerne mal durchhingen, ist bei Segall von Ermüdung nichts zu spüren. Getrieben von seinem zum Markenzeichen gewordenen, kratzigen "Fuzz"-Gitarrensound, suhlt er sich durch schmutzige Psychedelic-Beatles-Derivate ("Thank Go For Sinners", "Handglams", "There Is No Tomorrow"), freche Pixies-Zitate ("Would You Be My Love"), delirierende Psycho-Garagen-Hommagen ("Inside Your Heart", "Love Fuzz") und puren Berserkerschweiß ("You're The Doctor", "Who Are You"). Macht Spaß, klingt originell und so frisch, wie es nun mal klingt, wenn man es kurz nach dem Aufstehen schnell mal runterspielt. Schön auch die Ballade "Gold On The Shore" am Ende, die ganz offensichtlich eine Verbeugung vor Altmeister Neil Young ist, dem auch in den Liner Notes (neben seinen Buddys Sic Alps und The Oh Sees sowie Heimatstadt San Francisco) gedankt wird. Als nächstes, hört man, möchte der Multi-Instrumentalist und Songwriter endlich sein "evil space rock"-Album machen, eine Mischung aus Stooges und Hawkwind. Fragt sich nur, wie lange die All-out-Phase noch währt. Aber it's better to burn out than to fade away, nicht wahr? (7.3) Andreas Borcholte

Best Of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Troy Von Balthazar - "...Is With The Demon"
(Vicious Circle/Cargo, bereits erschienen)

Jede Woche, die der Herr werden lässt, zwinge ich mich selbst aufs Neue, die den CD-Sendungen beigelegten Infoschreiben ("Der W geht dahin, wo es weh tut") ungelesen wegzuwerfen, statt mich darüber aufzuregen. Weil ich wissen wollte, ob Troy Bruno Balthazar inzwischen wieder einen festen Wohnsitz hat, las ich diesen Begleitzettel aber doch und dachte: Was ist das bloß für eine verzerrte, verkitschte Sicht, die der sogenannte "gesunde" Mensch auf einen eher schwermütig-melancholischen (meinetwegen auch: depressiven) Charakter hat? "In einer Welt, aus der er sich verstoßen fühlt...", ""Troy dealt mit seinen alten Dämonen", "Manchmal trauriger Clown, manchmal Poet", "bestürzte Stimme", "säht (sic!) die Samen der Poetrie" (Poetrie?) usw. usf.. Mein Vorschlag zur Güte: Dem Chokebore-Jodler geht es manchmal gut und manchmal schlecht, er geht durch die Welt und reflektiert, und manchmal sagen ihm seine Erfahrungswerte, dass selbst die Menschen, die er für gut und verlässlich hielt, in Wirklichkeit gefühlsarme Arschlöcher sind. Troy Bruno ist Travis Bickle aus "Taxi Driver" und Charlie Fineman aus Mike Binders "Reign Over Me", mehr braucht man nicht, um "...Is With The Demon" zu verstehen. Zu warmen, schwachen, bruchanfälligen Tönen stellt Balthazar die Pärchenlüge in Frage ("You holding on out of fear / Me just holding on, my dear") wünscht dem Gegenspieler eine gute Reise ("Kiss your boyfriend goodbye / I'll dig a ditch for him") und plant in "Tropical" die letzten Dinge: "I want to be tropical and find all my powers/ Move to Hawaii and die in the flowers." Berühmtes Zitat zum Album? "Ich töte mich, weil ihr mich nicht geliebt habt, und weil ich euch nicht geliebt habe." Viel Spaß beim Googeln! (7.0) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Joachim Witt
Ienz 23.10.2012
Joachim Witts "Gloria " - welch ein Dreck von Song und Video. Weder unterhaltsam noch sonst irgendwie interessant bzw. geistigen Mehrwert stiftend. Aber schön für ihn, dass er bei SPON eine Bühne hat.
2. Wigger mg Witt
tokker 23.10.2012
Zur Witt-besprechung: War doch klar, dass Wigger immer das Gegenteil macht von dem, was die anderen machen! Deshalb findet er nun auch Bon Jovi gut. Alles genau durchkalkuliert und auf Wirkung bedacht, glaubt wirklich einer, dem geht's um die Musik?
3. richtig vorhergesehen....
felix_bach 23.10.2012
Zitat von IenzJoachim Witts "Gloria " - welch ein Dreck von Song und Video. Weder unterhaltsam noch sonst irgendwie interessant bzw. geistigen Mehrwert stiftend. Aber schön für ihn, dass er bei SPON eine Bühne hat.
Wie hat der Autor so schoen geschrieben: Wie bei beinahe jedem wirklich interessanten Thema kommen die ersten Reaktionen von Leuten, die zwar keinen einzigen Ton von "Dom" gehört haben, aber ihre Vorurteile stolz wie eine Hostie vor sich hertragen: "Ja, dann besprich' das halt; ich will mit dem Müll nichts zu tun haben."
4. Der Wigger...
-murof- 23.10.2012
ist halt nen Landei. Einmal Dorf, immer Dorf.
5. Borcholte....
sambronx 23.10.2012
....lobt die Unstern-Scheibe, weil ihn das Cover an Lena erinnert.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 43
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    1. The Rutles - The Rutles

    2. Emptyset - Demiurge

    3. aTelecine - The Falcon And The Pod

    4. Terry Moore - Strangers In Paradise Vol. 3

    5. Ty Segall - Twins

    6. Factory Floor - A Wooden Box EP

    7. Brooke Candy - Das Me (Track)

    8. Sky Ferreira - Dynamite State (Track)

    9 Kreayshawn - Something 'Bout Kreay

    10. Metz - Metz


Jan Wiggers Playlist KW 43
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    1. Scott Walker - Bish Bosch

    2. Alphaville - Afternoons In Utopia

    3. Electric Light Orchestra - Zoom

    4. Napalm Death - Scum

    5. Todd Rundgren - The Ever Popular Tortured Artist Effect

    6. Bikini Kill - Pussy Whipped

    7. George Gershwin Rhapsody In Blue / An American In Paris

    8. Rajeshwari S. Vallury - Surfacing The Politics Of Desire: Literature, Feminism + Myth

    9. Public Enemy - Yo! Bum Rush The Show

    10. Kazuki Tomokawa - Oreno Uchide Nariyamanai Mono

Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.