Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

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Sie wollen wissen, wie das neue Album von Justin Timberlake ist? Lesen Sie hier. Außerdem: Autre ne veuts abgründiges Gegenstück zu "The 20/20 Experience", die Exhumierung australischer Blues-Grufties und das Debüt eines Trios, das gerne The xx wäre.

Liebe Abgehört-Gemeinde,

Kollege Jan Wigger nimmt sich eine verdiente Auszeit. Seine Absenz überbrücken wir mit Gastbeiträgen bekannter Größen der Popkritik. Diese Woche: Popkultur- und TV-Experte Christian Buß, Redakteur bei SPIEGEL ONLINE.

Justin Timberlake - "The 20/20 Experience"
(RCA/Sony Music, seit 15. März)

Also meine Freundin würde mir was erzählen, wenn ich sie mit einem Erdbeerkaugummi vergleichen würde! Denken wir das mal zu Ende: Süß und lecker, klar. Aber dann irgendwann: Ausgekaut und weggespuckt. Justin Timberlake ist wahrscheinlich gerade der einzige Popstar, der solche vermeintlich niedlichen, tatsächlich aber zweifelhaften Komplimente in einem Song verarbeiten darf - weil er einen in diesen Zeiten erstaunlich ungebrochenen Sympathie-Bonus genießt. "Strawberry Bubblegum" ist ein Song auf seinem neuen Album "The 20/20 Experience". Er ist acht Minuten lang und besteht eigentlich aus einem langsam dahinpluckernden R&B-Groove im Laid-Back-Stil der Achtziger. Nach exakt fünf Minuten aber ändert er seinen Rhythmus, klappert auf einem Billig-Drumbeat und einem ulkig-krötigen Gitarrensample Calypso-artig plötzlich ins Uptempo. Und auch im Text ändert sich einiges: Schwärmte Timberlake zu Beginn noch bübisch erhitzt davon, wie es ihn angemacht habe, als das Girl (hier immer stellvertretend für seine neue Ehefrau Jessica Biel) eine rosa Blase ihres Kaugummis platzen ließ, geht es nun zotig zur Sache: "If you'll be my strawberry bubblegum, I'll be your blueberry lollipop/ And then I love you 'til I make you pop". Auch damit kommt wohl nur "JT" durch.

Eigentlich dachte man ja, der 32-jährige Ex-Boyband-Sänger würde die Finger von weiteren Musik-Abenteuern lassen, nachdem er in den vergangenen Jahren Erfolge als Schauspieler ("Alpha Dog", "The Social Network"), Gelegenheits-Komiker ("Saturday Night Live") und MySpace-Werbefigur feierte. Entsprechend groß war die Erwartungshaltung, als Timberlake einen Nachfolger seines in vielerlei Hinsicht grandiosen zweiten Albums "Futuresex/Lovesounds" ankündigte. Und jetzt, da "The 20/20 Experience" endlich zu hören ist, würde man gerne sagen: Das Warten hat sich gelohnt. Hat es auch. Aber gleichzeitig bleibt das Gefühl, dass niemand diese Platte gebraucht hätte.

Denn einerseits folgt Timberlake mit seinem diesmal nahezu exklusiven Produzenten Tim "Timbaland" Mosley dem sehr wohltuenden Trend, eher blauäugig alten Motown-Wurzeln zu huldigen ("Pusher Love Girl", "Suit & Tie", "That Girl", als grimmig neuesten Clubtrends hinterherzuhecheln (siehe Rihanna, etc.), andererseits ist ein Justin Timberlake, der glücklich verheiratet ist und in nahezu jedem Song Rosenblätter über seiner Holden auskübelt, nur halb so unterhaltsam wie der von Frust, Drogen und Stress heimgesuchte JT auf "Futuresex/Lovesounds". Und da außerdem die meisten neuen Songs so opulent strukturiert sind wie "Strawberry Bubblegum", sieben oder acht Minuten mit Stilwechsel oder Break gegen Ende, macht sich bei aller produktionstechnischer Brillanz und Finesse schnell Langeweile breit. Symptomatisch ist auch, dass zwei der besseren Stücke auf "The 20/20 Experience" die DNS früherer Timberlake-Hits in sich tragen: Der mit afro-orientalischen Beats global taugliche Dancefloor-Füller "Let The Groove Get in" basiert auf dem selben Groove wie "Rock Your Body"; und die zweite Single "Mirrors" klingt, als hätten sich die Schmonzrocker The Killers JTs Über-Hymne "What Goes Around Comes Around" vorgenommen. Wo sind bloß die Neptunes, wenn man sie so dringend braucht?

Natürlich ist das keine schlechte, sondern sogar sehr gute, wohldurchdachte, zuweilen sogar berührende Musik. "The 20/20 Experience", der Titel bezieht sich übrigens auf einen amerikanischen Ausdruck für den totalen Durchblick, zitiert kompetent die epischen Pop-Gemälde Stevie Wonders, den süßen Soul der Jackson 5 und den besinnlicheren Funk von Prince (im textlich naiv-komischen "Spaceship Coupe"), aber die dunkle Seite fehlt: das Zittrige, Nervöse, schwitzig Sexuelle, das bisher immer ein wichtiger Charakterzug dieses Show-Clowns mit Unschuldsmiene war. Vielleicht kommt das ja noch: Gerüchteweise soll es im November ein zweites "20/20"-Album geben. Bis dahin stilisiert sich Timberlake auf dem Cover des Albums und im Video zu "Suit & Tie" wahlweise als James-Bond-Anwärter oder Las-Vegas-Crooner alter Schule. Der lustige Knopf im Hoodie ist zum Salonlöwen geworden. So einer brüllt zwar charmant, aber beißt eher selten. Hits wird das Album natürlich genug generieren, sie werden sich nach und nach herausschälen und das Radio der kommenden Monate dominieren. Und ein Sommer mit Justin Timberlake ist allemal angenehmer als ein weiteres Jahr mit David-Guetta-Beschallung. An allem anderen ist Jessica schuld, das olle Erdbeerkaugummi. (7.6) Andreas Borcholte

Justin Timberlake - Suit & Tie
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Autre ne veut - "Anxiety"
(Software Recording Co./Alive, seit 8. März)

Das zweite Album des in Brooklyn lebenden Arthur Ashin alias Aute ne veut ist ein abgründiges Gegenstück zum neuen All-out-Schaustück von Timberlake und Timbaland. Die Innovationen des R&B-Genres finden längst nicht mehr auf der großen Bühne statt, sie krümeln und kauzen im Untergrund herum, und ihre Protagonisten brauchen lange, um ihre Identität zu enthüllen. Als vor drei Jahren Autre ne veuts Debüt erschien, wusste niemand, wer sich hinter dem eigenartigen Gebräu aus Achtziger-Bombastpop, Indierock und R&B verbarg. Ähnlich verhielt es sich bei Abel Tesfaye, der sich ebenfalls erst spät als The Weeknd zu erkennen gab. Diese jungen Männer, in gewisser Weise gehören so gegensätzliche Typen wie George Lewis Jr. (Twin Shadow) und Jamie Lidell auch in ihre Reihe, haben den Pop/Rock/Funk-Crossover der Achtziger im Blut.

Über ihnen thront der genialische Alchemist Prince, und so erklärt sich die ganz natürliche Vermischung von sprirituellem Gesang, möglichst in jenem heiseren Falsett, dass auch Ashin beherrscht, aufgniedelnden Gitarren, kühlem Eurythmics-Soul und Belinda-Carlisle-Kitsch. Allein das Rampensäuische geht diesen Softies komplett ab, sie quälen sich im Schatten und lassen ihre Musik dazu jubilieren. Auf "Anxiety", der glänzend herausgeputzte ältere Bruder des Debüt-Albums, finden sich viele Stücke, die der innerlichen Verzweiflung ihrer Texte, so weit entschlüsselbar, musikalisch Hohn sprechen: "Play By Play" steigert sich vom entspannten, flächigem Synthie-Intro mit sehnenden "Baby, Baby"-Gesängen ohne Zugabe eines einzigen analogen Instruments zu purer, sich überschlagender Gospelchor-Hysterie. "Counting" zitiert den im vergangenen Jahrzehnt zum Mainstream gewordenen Timbaland-R&B und bricht ihn mit irren Saxophon-Attacken und störenden Knarrgeräuschen auseinander: Wohlfühl-Pop ist hier nicht erlaubt. Im zugehörigen Videoclip wird im leeren Bilderrahmen des Album-Covers Edvard Munchs Gemälde "Der Schrei" installiert.

Seine Musik sei wie eine Ansammlung von Rorschach-Tests, sagt Ashin, der mehrere Jahre wegen psychischer Probleme in Therapie verbrachte, in den Erläuterungen zum Album. Ziel sei es, die eigene Selbstsucht zu überwinden, um wahrhaftig mit anderen Menschen kommunizieren zu können. Dazu passt ein recht klassischer, mit auftürmenden Synthies und Gitarren aufgerüsteter Swingbeat wie "Ego Free Sex Free" - Liebe ist nur vom Körper und Id befreit zu genießen. Nun ja. "A Lie" ist Ashins Version einer Power-Ballade, in der er ständig versucht, sich selbst zu überschreien. Das erinnert an Jamie Lidells fiebrige Liebes-Exorzismen auf "Compass", nur noch um einiges manischer. Echter Schmerz ist auf diesem Album allerdings selbst in martialisch betitelten Songs wie "Gonna Die" oder "World War" nicht zu spüren, denn um eine Katharsis scheint es Ashin nicht zu gehen. Das Hereinsteigern in seine Angst-Verzückung ist ihm genug. Ein faszinierender, mit asphyktischer Wollust unter Kontrolle gehaltener Alarmzustand der Seele. (8.2) Andreas Borcholte

Autre Ne Veut - Play By Play
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Crime & The City Solution - "American Twilight"
(Mute/Goodtogo, ab 22. März)

Es wird wohl immer ein Geheimnis bleiben, welche Kräfte Ende der siebziger Jahre zwischen Perth und Melbourne genau zusammengewirkt haben. Fest steht, dass es zu einer Wiedergeburt des Blues aus dem Geiste der Industrial Music kam. Birthday Party, Scientists, Foetus - sie alle spielten den Blues mit einem sämigen Groove und einer sadomasochistischen Freude, die es nie wieder gab. Kunst kam hier nicht von Können, sondern von Wollen, Wollen, Wollen. So eine Art von Schmerz musste man sich im Surfer-und-glückliche-Säufer-Paradies Australien hart erarbeiten.

In dieser Ursuppe des australischen Blues schwappte auch der junge Sänger Simon Bonney herum. Schon 1977 tauchte der Name Crime & The City Solution das erste Mal auf, aber erst nach dem Umzug nach London 1983 kam Bonneys Ensemble in die Gänge. Auf der Bühne waren Crime & The City Solution ein paar Jahre die schwärzesten Romantiker der Rockmusik, damals dabei: Rowland S. Howard, inzwischen verstorben. Epic Soundtracks, inzwischen verstorben. Und als assoziiertes Mitglied: Nikki Sudden, inzwischen verstorben. 20 Jahre nach dem letzten Album haben sich Crime & The City Solution nun reformiert.

Nach dem Ableben so vieler Wegbegleiter griff Bonney auf die Besetzung aus Berliner Tagen zurück; in der Mauerstadt wirkte er wie so viele Vertreter des australischen Beton-Blues ab 1987 mit Musikern wie Chrislo Haas, inzwischen verstorben, und Alexander Hacke, noch am Leben und wieder dabei. Die Musik auf "American Twilight", dem Comeback-Album, möchte man dem Titel zum Trotz australischen Klassizismus nennen. Songs wie "Domina" tauchen ein weiteres Mal tief in die Themen Trieb, Trauer und Todessehnsucht ein.

Stücke wie "The Colonel" offenbaren noch immer dieses unerreichte Gespür der Australier für die Entgrenzung von Zeit und Raum; jedes Riff scheint hier ins weite Nichts zu taumeln, jedes Schmerzensgrunzen ins ferne Nirgendwo. Und wenn man denkt, es geht nicht mehr weiter, kommen Gesang, Bass, Gitarren und Violine aufs Neue zusammen. Jede Vereinigung eine lustvolle Pein, jedes Weiter ein Bekenntnis des Wollens. Es heißt, optimal ließen sich diese Songs am Andreaskreuz eines SM-Studios genießen. Aber auch so, ohne Eisenklemmen an Hand- und Fußgelenken, sitzt man gefesselt vor der Musik des Schmerzensmannes Simon Bonney.(8.0) Christian Buß

Crime & The City Solution - Goddess
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Daughter - "If You Leave"
(4AD/Beggars/Indigo, seit 15. März)

Sind das die neuen The xx? So will es zumindest die Plattenfirma in ihrem Presse-Beipackzettel wissen. Ganz schön clever. Die wissen, wie faule Schreiberlinge ticken. Gut, dass man uns alles Mögliche vorwerfen kann, nur keine Faulheit. Mit herbeiphantasierten Konnotationen wie dem xx-Vergleich sollte man vorsichtig sein, denn wenn die Referenz zu groß ist, wirkt sich der auf Griffigkeit zielende Vergleich unter Umständen eher negativ aus. Gegen The xx kann man eine ganze Menge haben, man muss ihnen jedoch zugestehen, dass es seit ihrem Auftauchen Ende 2009 noch niemand geschafft hat, mit moderner Popmusik eine ähnliche Intimität zu erzeugen.

Auch Daughter, ebenfalls ein Trio aus London, gelingt das nicht, da mag sich die heiser hauchende Sängerin Elena Tonra noch so redlich Mühe geben, verzagt und gebrochen zu klingen. In ihren Texten geht es hinlänglich trist zu: " If you're in love then you are the lucky one/ Because most of us are bitter over someone", heißt es in "Youth", und in "Smother", einem der besten Stücke, nennt sie sich selbst einen "suffocator", der alles Liebliche erstickt: "I sometimes wish I'd stayed inside my mother/ Never to come out". Das ist schockierend traurig und will unbedingt in das geheime Tagebuch unter die Bettdecke von Romy Madley Croft und Oliver Sim.

Tonra und ihre beiden männlichen Kollegen bleiben jedoch stets an der Schwelle zum Schlafzimmer stehen, laut rufend statt leise flüsternd. Vielleicht liegt es an der Musik, die nicht fragil genug ist, manchmal zu sehr in Pathosrock-Posen verfällt und bei Coldplay landet, wo Radiohead gemeint war ("Tomorrow", "Amsterdam"). Dennoch ist "If You Leave" ein solides Debüt einer interessanten Band, die im letzten Sommer gezeigt hat, dass sie ein Festival-Publikum mitreißen kann. Das zumindest haben sie The xx voraus. Aber in diesem neuen, ultraintimen Unter-die-Haut-Genre ist das kein Prädikat. (5.9) Andreas Borcholte

Daughter - Still
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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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1.
steppenrocker 19.03.2013
Bei der neuen Crime&the City Solution hätte man schon noch erwähnen können, dass außer Alex Hacke nach wie vor Bronwyn Adams (v, voc) dabei ist und dass Simon Bonney auch sonst überragende Musiker wie Dave Eugene Edwards (g), Jim White (dr), Matthew Smith (keyb) und Troy Gregory (b) um sich versammelt hat. Obendrauf gibt's noch die Videokünstlerin Danielle Di Picciotto.
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Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Andreas Borcholtes Playlist KW 12
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    1. Sinkane: Lovesick (Track)

    2. Phosphorescent: Muchacho

    3. Dizzee Rascal: Bassline Junkie (Track)

    4. Beyoncé: Bow Down/ I Been On (Track)

    5. Little Boots: Motorway (Track)

    6. John Grant: Pale Green Ghosts

    7. Bad Company: Desolation Angels

    8. Chris Ware: Jimmy Corrigan - The Smartest Kid On Earth

    9. Chris Ware: Building Stories

    10. Songs: Ohia: Impala