Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

So redet man doch nicht mit Frauen, Brandon! Das neue Album der Killers hat trotzdem nicht nur Kitsch zu bieten. Schneider TM entdeckt den Groove des Berliner Baulärms, Andrea Schroeder wird melancholisch im Wedding - und John Cale liefert unlösbare Rechenaufgaben.

The Killers - "Battle Born"
(Island/Universal, bereits erschienen)

Dafür, dass ich "Battle Born" acht Tage lang bei jeder sich bietenden Gelegenheit aufgelegt habe, verdiene ich eigentlich ein Lob. Ja, es stimmt, dass ich ein bisschen in Brandon Flowers verknallt bin, dass seine Unbeholfenheit, seine klischierten Texte (Er weiß es nicht besser!) und nicht zuletzt sein stetiges Scheitern am überlebensgroßen Springsteen-Rock mich auf eine mir äußerst unangenehme Art und Weise rühren. Es stimmt auch, dass die Killers mit jeder einzelnen ihrer bisher veröffentlichten Platten immer noch schlechter wurden. Aber: Als Hipster-König Borcholte und seine Gefolgschaft auf Facebook wie auf Knopfdruck über die neue Killers-Single "Runaways" abkotzten, wusste ich, dass ich richtig hingehört hatte: Ein topguter Rocksong zwischen mittlerem Meat Loaf, "Escape"-Journey, Eddie Money, stark verschärften Asia und der Cutting Crew. Mit einem Wort: Geil! Richtig eklig dagegen der Refrain der Power-Ballade (und es gibt einige Power-Balladen auf "Battle Born", Freunde der Sonne) "Here With Me": "Don't want your picture on my cell phone/ I want you here with me/ Don't want your memory in my head, no/ I want you here with me." Sorry, Brandon, aber bei so viel Kitschaufwand hättest du dem Mädchen auch gleich schreiben können, dass du ein epic facial und zum Nachtisch Vanilleeis vorbereitet hast und sie sich gefälligst mal beeilen soll. Alter, so redet man doch nicht mit einer Frau! Die "There is a place/ Here in this house/ That you can stay"-Stelle in "Deadlines And Commitments" dagegen bewegt mich aus Gründen, die ich lieber nicht herausfinden möchte - und die Männerchöre in "A Matter Of Time" sind peinlich wie eh und je. Zwei, drei Songs erinnern entweder an Andrea Kiewel oder die uncoolen Karrierephasen von Bon Jovi (Ja, ja, ich weiß, wann waren Bon Jovi denn bitte schön jemals cool usw.usf.. Bitte Fresse halten und weiter Dredg hören!). Aber dass in den Strophen etwas zu sehr an Tom Petty & The Heartbreakers angelehnte Titelstück ist trotz der Maffay-Lyrics ("When they knock you down/ You're gonna get back on your feet") ein versöhnlicher Abschluss. Ich werde die Killers hassen bis an mein Lebensende. Doch Brandon Flowers werde ich verteidigen, bis zum letzten Atemzug. (5.6) Jan Wigger

Best Of "Abgehört"

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The Killers - "Runaways"
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Schneider TM - "Construction Sounds"
(Bureau B/Indigo, 28. September)

Geht man heute durch die Immanuelkirchstraße in Berlin, käme man nicht im Traum auf die Idee, dass hier noch vor wenigen Jahren die Hölle los war: Kaffees, Physiotherapie-Einrichtungen, Obsthöker, eklektizistische Buchläden. Die Straße liegt im Herzen von Prenzlauer Berg, dem ehemals von Künstlern und anderen Kreativen bevölkerten Ost-Stadtteil, der in den vergangenen Jahren zum Sinnbild der Yuppie- und Gentrifizierung in der Hauptstadt geworden ist. Zwischen 2002 und 2009 lebte auch Dirk Dresselhaus in der Immanuelkirchstraße - und versuchte zu arbeiten. Doch dann wurde der Altbau, in der sich seine Wohnung befand, von Grund auf saniert, die Bauarbeiter waren teilweise Tag und Nacht zugange, und Dresselhaus, der seit 1997 unter seinem Künstlernamen Schneider TM die Grenzen elektronischer und experimenteller Musik auslotet, merkte, wie der ständige Baulärm an seinen Nerven zu zerren begann. Es sei ohnehin keine leichte Zeit in seinem Privatleben gewesen, sagte der gebürtige Bielefelder unlängst in einem Interview; das Hämmern, Klopfen, Schleifen und Sägen tat sein Übriges, um Dresselhaus an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Bis er merkte, dass sich die Musik, die er nebenbei komponierte, strukturell den "Construction Sounds" um ihn herum annäherte. Die Idee für ein erstaunliches Album war geboren: Dresselhaus machte field recordings der Bauarbeiten, saß manchmal sogar nachts mit Aufnahme-Equipment im Bett, um die Baugeräusche einzufangen. Und die, vermischt mit synthetischem Kling-Klang aus dem Computer, heißen nun "Pneumanisch", "Grinder In The Sky" oder schlicht "Container" wie ein besonders unheimliches Stück des Albums. Teils klingt diese erstaunliche Musik wie der Soundtrack zu einem Horrorfilm, teils erinnert sie enervierend an den peniblen Parkettschleifer aus dem dritten Stock. Je mehr man sich aber in sie versenkt, desto mehr erkennt man Zusammenhänge und Rhythmen, ja manchmal sogar Melodie in diesem Industrial-Sound, der eben nicht versucht, urbane Alltagsgeräusche mit Instrumenten nachzubilden, wie einst Kluster oder Einstürzende Neubauten, sondern sich gleich bei den Originalen bedient. Das Ergebnis ist eine faszinierende Dröhnung, eine Meditation über das stetige Leben und Bewegen im städtischen Raum, eine Reflexion der Urbanität schlechthin, die dem angestrengten Hör-mal-wer-da-hämmert, das wir alle von vermeintlich ruhigen Wochenendnachmittagen kennen, eine unerhörte Dimension der Entspannung gibt. Dirk Dresselhaus wohnt immer noch in Prenzlauer Berg, aber inzwischen ist hier fast alles saniert, was an Substanz vorhanden war. Seine "Construction Sounds" sind Echo einer aufregenderen Zeit. (7.9) Andreas Borcholte

Schneider TM - "Grinder in The Sky"
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Andrea Schroeder - "Blackbird"
(Glitterhouse/Indigo, 28. September)

"No sun is here to see/ Through the deepest green/ We're sinking to the ground/ Into the mud of pain", singt Andrea Schroeder im Titelsong ihres Debüt-Albums - da wird einem so richtig schön herbstlich ums Gemüt. Schroeder wohnt nur ein paar Kilometer, vielleicht sogar nur wenige hundert Meter von Schneider TM entfernt, im Berliner Stadtteil Wedding, dem prognostiziert wird, alsbald ebenso gentrifiziert zu werden wie Prenzlauer Berg. Bis auf weiteres herrscht hier aber noch kein Bio- und Kinderladenidyll, sondern bisweilen rauhes, manche sagen auch graues Großstadtleben. Kann man verstehen, wenn die Seele dort trist wird und sich nach den tröstlichen Farben der Natur sehnt. Mit ihrem Raunen von Brombeersträuchern, "dark nightingales" und Amseln, die in stillen Nächten von blutroten Rosen trällern, ist Schroeders Album fast schon die Antithese zur Urbanität von "Construction Sounds". Ihre Musik nun aber als befindlich und sentimental zu bezeichnen, ginge komplett am Thema vorbei. Ihre mit dunkler, distanzierter Stimme vorgetragenen, von ihrem dänischen Kompagnon Jesper Lehmkuhl schön nordisch kühl instrumentierten Lieder lassen eher Vergleiche mit der bitter-hintersinnigen Lyrik Nick Caves zu. Ein einziger Song auf "Blackbird" ist auf Deutsch gesungen, und er bringt die winterliche, angespannt-depressive Stimmung schon im Titel auf den Punkt: "Kälte". "Wie sollst Du mich erreichen/ In diesem weißen Land/ Kristalle, Eis und Stille/ Und nur meine kalte Hand", singt Schroeder darin. "Blackberry Wine" ist der düstere Cousin von Lee Hazlewoods "Summer Wine" - und löst in gewisser Weise das Versprechen ein, das Lana del Rey gab und nicht halten konnte. In "Paint It Blue" gibt die Sängerin zu, dass sie das anheimelnde Rot und Gold des Herbstlaubs schnell wieder blau färben würde, so tief steckt sie in ihrer Melancholie: "The Wind is cold/ It hurts my eyes/ The shoes are worn/ And faith is gone" ("Wrap Me In Your Arms"). Produziert wurde das Album von Walkabouts-Chef Chris Eckman, der dem Ganzen noch eine Extraportion bleakness hinzufügte. Mit der für ihn typischen, schwarzmakabren Folkmusik amerikanischer Prägung hat "Blackbird" allerdings wenig zu tun. Diese Singdrossel macht ganz auf German gothic. (7.5) Andreas Borcholte

Andrea Schroeder - "Blackberry Wine"
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John Cale - "Shifty Adventures In Nookie Wood"
(Domino/Goodtogo, 28. September)

Selten trifft man auf Leute, die John Cale verehren. Falls doch, sind dies oft verlotterte, von Berufs wegen skeptische Gastwirte und Taxifahrer, niemals sind es junge Frauen. "Paris 1919" kennt jeder, es ist Cales hörbarste und beste Platte, der Rest ist vielen zu caustic, zu fordernd, zu befremdlich, zu missgelaunt oder was es sonst noch so für Entschuldigungen gibt, doch lieber zu Damien Rice zu kochen. Für mich glichen die besten Cale-Platten ("Vintage Violence", "Fear", "Music For A New Society", "Paris 1919") immer unlösbaren Rechenaufgaben oder Filmen von Peter Greenaway und Christopher Nolan: rätselhafte, verzwickte Geschichten über das Trügerische in uns allen, die ich nie verstand. Doch die Musik, die Farben und der Rausch gefielen mir. "Shifty Adventures In Nookie Wood" ist John Cales erste LP seit sieben Jahren, und mit dem Cover schafft seine Lordschaft es tatsächlich, die Abbildung auf Bob Dylans "Tempest" noch zu untertreffen. Auch über "Shifty Adventures In Nookie Wood" wird wieder geschrieben werden, dass Cale sich abermals "neu erfindet" und "am Puls der Zeit" musiziert, was insoweit zu kurz greift, als dass auch diese Platte nicht dezidiert moderner ist als "Hobo Sapiens" (2003): Cale hat zwischendurch mal Techno gehört ("December Rains"), benutzt jetzt leider auch den (zumindest bei mir) unbeliebten Autotune-Effekt ("Face To The Sky"), schreibt aber trotzdem noch beinahe zärtliche Stücke wie "Mary" oder dunkel Dräuendes ("Hemmingway", mit Doppel-M). Wer "Nookie Wood" und "Midnight Feast" in ihrem Wesen erfasst, weiß auch, wo ein anderer John (John Maus nämlich) sich inspirieren ließ. Wer den Kauf seiner ersten Cale-MP3 vor coolen V-Ausschnitt-T-Shirt-Freunden mit schütterem Bartwuchs rechtfertigen muss, darf beruhigt sein: Danger Mouse ist auch dabei. (7.4) Jan Wigger

John Cale - "Face To The Sky"
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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Die wichtigste CD? - Eine Geschmacksfrage
winnie12345 25.09.2012
Zitat von sysopSo redet man doch nicht mit Frauen, Brandon! Das neue Album der Killers hat trotzdem nicht nur Kitsch zu bieten. Schneider TM entdeckt den Groove des Berliner Baulärms, Andrea Schroeder wird melancholisch im Wedding - und John Cale liefert unlösbare Rechenaufgaben. http://www.spiegel.de/kultur/musik/neue-cds-von-the-killers-andrea-schroeder-john-cale-schneider-tm-a-857803.html
Was sind eigentlich die Kriterien, nach denen eine CD zur wichtigsten CD der Woche erkoren wird? Es ist wohl auch eine Geschmacksfrage, was man daran erkennen kann, dass in dieser Rubrik die Auswahl auf ein bestimmtes Genre eingegrenzt wird. Leider wird dabei der Bereich Folk und Weltmusik völlig ausgeklammert. Deshalb hier Links zu CD-Rezensionen aus diesem Bereich: Folker (http://www.folker.de) > Rezis FolkWorld (http://www.FolkWorld.eu) > CDs
2. Alle Neuerscheinungen
spon-facebook-10000065046 25.09.2012
Alle vorgestellten CD´s ,verdienen es absolut nicht, vorgestellt zu werden!
3. Battle Born
maxmikrokosmos 25.09.2012
Wie Herr Wigger habe ich mich in den letzten Tagen mit Battle Born herumgeschlagen, habe die Scheibe bei bei längeren Läufen im Ohr gehabt und versucht dem Werk etwas Gutes abzugewinnen. Und ich war dabei wahrscheinlich nicht einmal so kritisch wie der Rezensent (Ich mochte seiner Zeit sogar "Human", was mich für einige Leser wohl disqualifiziert). Eigentlich hatte ich ein wenig die Hoffnung, dass es wieder ein wenig mehr die Killers der ersten beiden Werke werden würden. Leider weit gefehlt. Kitschig ist tatsächlich ein gutes Adjektiv für diese Platte. Ich habe mich dabei tatsächlich an den gleichen Textstellen wie Herr Wigger gestört. Die schnulzigen Texte und Musik im Country-Stil (From here on out) haben es schon schwer gemacht, immer mal wieder reinzuhören. Heart of a girl hat mich irgendwie berührt (wahrscheinlich weil Vater einer Tochter bin), obwohl es das Lied auf Deutsch wahrscheinlich nicht in mein CD-Regal geschafft hätte. Ansonsten ist der Rezension nichts hinzuzufügen!
4. @ winnie12345
jasonreed 25.09.2012
Hi winnie, witzig, wie du versuchst, mit konzertierter Kampagne die ganze Welt in Richtung Folk umzumodeln. "Wetten-dass" als Folkfestival bei won, "CDs der Woche" als Folkrezensionen bei spon, sonst noch Einfälle? Cool. Im Übrigen ist es nicht so, dass eine neue John-Cale-CD große mediale Aufmerksamkeit erzielt, daher vielen Dank für die kompetente Rezension hier.
5.
stukenbrok 25.09.2012
Zitat von winnie12345Was sind eigentlich die Kriterien, nach denen eine CD zur wichtigsten CD der Woche erkoren wird? Es ist wohl auch eine Geschmacksfrage, was man daran erkennen kann, dass in dieser Rubrik die Auswahl auf ein bestimmtes Genre eingegrenzt wird. Leider wird dabei der Bereich Folk und Weltmusik völlig ausgeklammert. Deshalb hier Links zu CD-Rezensionen aus diesem Bereich: Folker (http://www.folker.de) > Rezis FolkWorld (http://www.FolkWorld.eu) > CDs
Was ja schon mal Quark ist, zumindest sind mir die Besprechungen zu Mumford & Sons sowie Dan Mangan in Erinnerung.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
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Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Best Of "Abgehört"

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