Liebe Abgehört-Gemeinde,
Kollege Jan Wigger nimmt sich eine verdiente Auszeit. Seine Absenz überbrücken wir mit Gastbeiträgen bekannter Größen der Popkritik. Diese Woche: Arno Frank, Autor für "Die Zeit", "taz", "Musikexpress" und SPIEGEL ONLINE.
The Strokes - "Comedown Machine"
(RCA/Sony, seit 22. März)
Vielleicht ist es aber auch der Startpunkt einer experimentellen Phase, nachdem sich beim vergurkten letzten Album "Angles" große Ratlosigkeit breit gemacht hatte. Das geschmacklos bunte Grafik-Cover von "Angles" hätte eigentlich besser zu "Comedown Machine" gepasst als der schicke Demoband-Look, aber man wollte wohl unterstreichen, dass hier ein bisschen lustig herumgedödelt wird. Schade nur, dass die Achtziger-Pop-Einflüsse von "One Way Trigger" sich nicht durch das ganze Album ziehen. Die Unentschiedenheit, die einerseits charmant verspielt und offen nach allen Seiten wirkt, verhindert andererseits auch, dass "Comedown Machine" im Kanon der Strokes irgendwann einmal ein großes Album genannt werden wird. Allenfalls wird man es vielleicht als letztes Aufbäumen werten müssen, als Pendant zu "Some Girls", mit dem die Stones 1978 nach dem einfallslosen "Black And Blue" kurz und brillant auf den Disco-Zug aufsprangen. Nur folgten danach eben leider "Emotional Rescue" und "Tattoo You", bevor es endgültig bergab ging.
Aber genug geunkt: Vieles auf "Comedown Machine" ist gelungen, darunter der Opener "Tap out", der New-Order-Wavepop mit Yacht-Rock-Feeling verquickt, oder das über einem LCD-Soundsystem-Discobeat schunkelnde "Welcome To Japan", in dem sich Sänger Julian Casablancas am Falsett versucht und sich über die eigenen Star-Attribute amüsiert: "What kind of asshole drives a Lotus?" - "Miss You" im Strokes-Style, wenn man bei den Stones-Analogien bleibt. "80's Comedown Machine", auf geloopte Synthie-Streicher und dürre Achtziger-Konservendrums gebettet, ist so etwas wie eine Ballade im Radiohead-Stil. Und "Happy Ending", kurz vor Schluss, schiebt die New Yorker Spätpunks mit Gitarrenloop, euphorischem Gesang und schmucker Orgel noch mal auf den Dancefloor. Dazwischen finden sich mehr oder weniger inspirierte Strokes-Standards wie "All The Time", "50 50", "Partners In Crime" oder "Slow Animals", die im Radiofutter jeder beliebigen Indie-Station nicht weiter herausstechen würden. Hälfte gut und interessant, Hälfte mau bis belanglos, das ist kein schlechter Schnitt für das fünfte Album einer Band, von der man keine Überraschungen, geschweige denn Metamorphosen mehr erwartet hatte. Unvermeidliche Schlusspointe: Is this it? Vermutlich noch lange nicht. Von irgendwas müssen die Jungs ja leben. (6.9) Andreas Borcholte
DJ Koze - "Amygdala"
(Pampa/Rough Trade, seit 22. März)
Tatsächlich hat Kozalla einen denkbar weiten Weg genommen. Er war HipHop-Beatmeister von Fishmob, veröffentlichte als Adolf Noise die phänomenal verschrobene Hörspiel- und Sample-Orgie "Wunden, s. Beine offen" und war wie nebenbei jahrelang "DJ des Jahres" für Zeitschriften wie "Spex", "De:Bug" oder "Intro". Nebenbei reüssierte er mit dem Trio International Pony auch in England und Amerika. Dort nennt man ihn in einem Atemzug mit Aphex Twin und bezeichnet ihn respektvoll als "oddball producer", vor allem wegen seines experimentellen Techno-Sounds und den Remixen, die er unter erzdoofen Pseudonymen wie Kosi Anan, Monaco Schranze ("The Geklöppel Continues") oder Swahimi, der Unerleuchtete produzierte. Das Hütchenspiel mit den Identitäten ließ den Mann immer wieder verschwinden, kaum dass man ihn für sich entdeckt hatte. Auf "Amygdala" ist nun alles versammelt, alle Teile seines Werkes, rolled into one. Allein die Namen der Kollaborateure lesen sich wie die Playlist für eine verheißungsvolle Clubnacht: Es singen und sprechen der verrückte Dan Snaith von Caribou ("Track ID Anyone?"), ein verzerrter Matthew Dear ("Magical Boy"), der elegische Apparat ("Nices Wölkchen"), der noch viel elegischere Dirk von Lowtzow ("Das Wort") im Duett mit Marvin Gaye und, ebenfalls mit besten Grüßen aus der Unsterblichkeit, Hildegard Knef ("Ich schreib' dir ein Buch"). Dazu noch zwei Leute, die Kozalla angeblich beim Trampen aufgegabelt haben will. Allen Songs, denn es sind echte Chansons, hat DJ Koze ein digitales Gewand programmiert, das mal in opulenten Falten fällt, mal blutabschnürend eng anliegt - so minimal, dass es schon mnml ist. Stimmen werden ins Lächerliche hochgepitcht, ins Gespenstische verlangsamt. Manchmal, wie bei der Knef, fügt Kozalla nur ein kaum wahrnehmbares, aber zu Herzen gehendes Zittern hinzu. Es gibt neben zufrieden schmatzenden Beats und windschiefer Percussion aus dem Rechner auch Gamelan-Klänge und Maultrommel-Soli, soulige Bläsersätze, Spoken-Word-Sequenzen, rätselhafte Field Recordings aus dem echten Leben. Und immer wieder Augenblicke, da alles Elektronische sich ins Psychedelische verflüssigt und ins Ozeanische mündet.
Hätte DJ Koze es bei der badewannenwasserwarmen Melancholie belassen, würde sich trotz aller tränenziehenden Schönheit irgendwann Langeweile eingestellt haben. Es ist sein bizarrer Witz, der "Amygdala" immer wieder über die Schwelle zum Genialischen trägt - er allein hält diese Musik im Innersten zusammen - und beim Hörer eine Erregung aufrecht, die süchtig und glücklich machen kann. Hier webt und wirkt allerorten ein Humor, der nicht mit "feiner Ironie", "Wortwitz" oder dem berüchtigten "Augenzwinkern" verwechselt werden darf. Die Komik ist komplett in den Klang transzendiert, die Beats selbst sind komisch und damit menschlich. Man höre und bestaune nur, wie bei "Marilyn Whirlwind" der gebieterisch wuchtbrummende Bass plötzlich einzunicken scheint und immer langsamer wird wie ein sich drehendes Rad, bei dem plötzlich die einzelnen Speichen sichtbar werden, und wie er sich dann besinnt, beschleunigt und wie wild geworden durch den Track irrlichtert, als wolle er seinen narkoleptischen Anfall gut machen. Das kann nur DJ Koze, das macht ihm in diesem Leben keiner mehr nach. "Amygdala" ist, um sich da mal aus dem Fenster zu lehnen, das rosarote "Dark Side Of The Moon" der elektronischen Musik. Auf Lachgas. (9.2) Arno Frank
Billy Bragg - "Tooth & Nail"
(Cooking Vinyl/Indigo, seit 22. März)
Low - "The Invisible Way"
(Sub Pop/Cargo, seit 22. März)
Das könnte man übrigens auch über die neue Platte von Low sagen, denn die Band aus Duluth, Minnesota, spielt seit nunmehr 20 Jahren ihren extrem verlangsamten Postrock, auch Slowcore genannt: Traurige Lieder über Einsamkeit, Vergeblichkeit und sonstige Melancholien, die von Alan Sparhawk mit getragener, von Mimi Parker mit klagender Stimme vorgetragen werden. "The Invisible Way" wurde von Wilco-Boss Jeff Tweedy im Loft-Studio von Chicago produziert, der dem ohnehin schon über weiten Ebenen verhallenden Sound der Band zusätzliche Durchsichtigkeit verlieh: Das Punk-Kratzen, das noch die schon ähnlich ausgereiften Songs auf "C'mon" (2011) charakterisierte, ist einer klaren, glücklicherweise aber nicht polierten Eleganz gewichen. Gleichzeitig stärkte Americana-Spezi Tweedy das Gospel-Element, das bei Low immer schon vorhanden war, aber stets klein gehalten wurde, zugunsten eines sich ins selige Nirgendwo weitenden Deliriums.
Hier nun, in Songs wie "So Blue", "Waiting" oder "On Your Knees" bekommt das dürre, durstige Sehnen nach Erlösung eine determinierte , beinahe spirituelle Heiligkeit, während Tweedy in Stücken wie "Holy Ghost" oder "Mother" auch traditionelles Country-Songwriting betonte - man stelle sich Crosby, Stills & Nash ohne Zucker vor. "Just Make It Stop", einer der besten Songs des Albums, gehört zu den schnellsten Nummern, die das Trio sich je zugetraut hat - von mangelndem Elan kann also auch nach zwei Dekaden noch keine Rede sein. "You hide so deep/ In the amethyst mine" singt Sparhawk in "Amethyst". Unoriginell hin oder her: Lieber ein versteckter, hell funkelnder Edelstein als eine stumpfe Kartoffel, die mit Make-up und Megawatt zum Strahlen gebracht werden muss. (7.0) Andreas Borcholte
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Musik | RSS |
| alles zum Thema Abgehört | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH