Von Werner Theurich
Hübsch hilft! Natürlich sieht die Sopranistin Olga Peretyatko nett aus, erinnert an Anna Netrebko und singt auch noch in ähnlicher Stimmlage. Alles richtig, aber sekundär: Frau Peretyatko strengt sich klugerweise frühzeitig an, ein eigenes Profil zu finden. Und ihr gelingt dies auf ihrer jüngsten CD "La bellezza del canto" nicht nur mit Koloratur-Drahtseilakten, sondern auch mit Kostproben von Charakter-Porträts. Wenn man ihre Interpretation des "Liedes an den Mond" aus Antonín Dvoráks Oper "Rusalka" hört, leuchtet nicht nur die technische Reife, es pulsiert darin auch alle Dramatik und Melancholie der Rolle.
Keine Angst, neben der künstlerischen Pflicht gibt es auch reichlich zirzensische Kür auf dem Album: Die perlenden Koloraturen in "Je marche" aus Massenets "Manon" schießt Olga Peretyatko mit Selbstbewusstsein ab, sie scheint dabei förmlich zu lächeln. "Ist ja alles halb so wild!", das tönt aus jeder Note. Die Puppenarie aus Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" schnurrt sie witzig und fast tänzerisch herunter - so leicht muss das klingen. Passendes von Rossini aus "Il Turco in Italia" und "Otello" gesellt sich zum Donizetti-Paket ("Don Pasquale", "Liebestrank" und "Lucia di Lammermoor"), alles perfekt und sachdienlich federnd unterstützt vom fabelhaften Münchner Rundfunkorchester unter dem routinierten und stilsicheren Miguel Gómez-Martinez.
Sinnigerweise versagt Peretyatkos Cleverness gerade beim scheinbar leichtgewichtigen Johann Strauß: Die Interpretation des "Mein Herr Marquis" aus der "Fledermaus" klingt bei ihr beinahe trocken und bar jeder frechen Koketterie. Macht aber nichts, frau muss (noch) nicht alles beherrschen - und was Olga Peretyatko kann, reicht jetzt schon für eine Weltkarriere.
Mit Mozarts "Zauberflöte" zum Erfolg
1980 geboren in St. Petersburg, studierte Olga Peretyatko in Berlin an der Hanns-Eisler-Hochschule Gesang, bevor sie sich 2005-2007 ihre ersten Sporen am Hamburger Opernstudio verdiente. Engagements in Berlin und München schlossen sich an, dann folgten Stationen in Europa, und sie arbeitete mit Daniel Barenboim, Lorin Maazel und Zubin Metha arbeitete. Viel Zeit hat Olga Peretyatko nicht verloren, aber im schlanken Koloraturfach spielt sie schon jetzt in der ersten Liga.
Auf ähnlichem Sprung steht der deutsche Tenor Daniel Behle, der in René Jacobs' viel gelobter "Zauberflöte"-Einspielung von 2010 einen Tamino hinlegte, der mal wieder alle Fritz-Wunderlich-Glocken läuten ließ. Ist er mit Verspätung endlich da, der perfekte Nachfolger des früh verstorbenen Wunder-Tenors? Er kann's, das hat er bewiesen, und als Dritter im Bunde des deutschen Tenor-Trios im Verein mit Jonas Kaufmann und Florian Vogt steht er wohl als Idealbesetzung für entsprechende Mozart-Herausforderungen da. Auch Behle muss sich diese Vergleiche mit seinen international inzwischen etablierten Kollegen aus der Heimat gefallen lassen, aber wie Peretyatko feilte er von Beginn seiner Karriere klug an Repertoire und Stil.
Die Prise Jazz zum Schubert
Geistliche Musik und vor allem Lieder gehörten dazu. Fast noch überzeugender als auf der Opernbühne brilliert der gebürtige Hamburger bei Schubert und Schumann. Seine jüngste CD "Dichterliebe" beinhaltet natürlich den Titelgebenden Zyklus von Robert Schumann (1810-1856), aber auch acht Gesangsstücke von Franz Schubert (1797-1828), die Altbekanntes mit Originellem verbinden. Natürlich muss die "Forelle" gefangen und das "Heideröslein" gebrochen werden, doch schon die "Nachthelle op. 134" schlägt ganz andere Töne an. Gemeinsam mit vier Mitgliedern des Berliner RIAS-Kammerchores betört Daniel Behle durch ebenso teamgeistliches wie pointiertes Können - ein berührender Höhepunkt eines Albums, das durch seine Homogenität besticht.
Mit balsamischer Eleganz verzaubert Behle, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Ganz wie Peretyatko geling ihm eine klare Tongebung, mit der er dank seiner technisch perfekt geführten Stimme stets den Nerv der Komposition trifft. Alles forcieren ist ihm fremd. Zusätzliche Akzente setzt der Klarinettist Andy Miles, der sowohl auf der internationalen Konzertszene zu Hause ist, aber auch mit Jazzkollegen wie Rolf Kühn und Paquito d'Rivera spielte. In Miles' federndem, elegantem Klang schwingt diese Jazz-Erfahrung mit, und sie färbt Schuberts über zehn Minuten langes "Der Hirt auf dem Felsen" op. 129 pastellen ein, was sich bestens mit Sveinung Bjellands Piano ergänzt. Bjelland seinerseits verfügt über ein untrügliches Gespür, mit dem stets den Wendungen von Behles Interpretation folgt. So gelingt auch Robert Schumanns "Dichterliebe" schlank, schön und poetisch präzise, Heinrich Heines Zwischentöne schimmern jederzeit hervor.
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