Jazz in Buchform Die Melodie der Autoren

Neue Bücher und DVDs über die verspielteste aller Musikrichtungen erscheinen. Da stellt sich die Frage: Wie erzählt man Jazz-Geschichte? Kompliziert wie ein Free-Jazz-Solo oder ohrschmeichlerisch wie ein Softjazzstück?

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Jazz ist natürlich in allererster Linie zum Hören da. Man kann ihn aber auch lesen, und da kann es dann so kompliziert werden wie bei einem komplexen Free-Jazz-Solo. Das gilt für den gerade erschienenen Suhrkamp-Band "Philosophie des Jazz" von Daniel Martin Feige. Der Autor ist als Geisteswissenschaftler und früherer Jazzprofi für das Thema prädestiniert. Rezensenten, die offenbar alle Philosophie studiert haben, preisen das Werk. Für Nicht-Geisteswissenschaftler wird es allerdings nicht so ganz einfach sein, der Melodie, also den Gedanken des Autors zu folgen, wenn ihnen die wissenschaftliche Terminologie fremd ist und Kenntnisse über Bezugspunkte fehlen.

Akademisch weniger fortgeschrittene Jazzfreunde aber haben Fragen: Klar, dass der jazzfeindliche Philosoph Theodor Adorno in dem Buch vorkommen muss. Aber wo bleibt Louis Armstrong; gehört der nicht auch in eine Überbau-Betrachtung über Jazz? Fazit: Feiges "Philosophie des Jazz" bedient die Hochgebildeten unter den Fans - und von denen gibt es sicher mehr im Jazz-Kosmos als im Schlager-Milieu.

Free Jazz in Deutschland - aggressiv wie ein Maschinengewehr

Gut verständlich für alle ist dagegen der Band des Amerikaners Kevin Whitehead "Warum Jazz?". Der als Kritiker und Radio-DJ bekannte Experte beschreibt den Jazz in fünf Kapiteln von den Ursprüngen bis zur postmodernen Periode. Weil er das nicht in der üblichen chronologischen Darstellungsweise tut, sondern zu allen Bereichen Fragen stellt, lesen sich die 207 Taschenbuchseiten sehr kurzweilig.

Anders als fast alle US-Autoren behandelt Whitehead auch Europas Beitrag zum Jazz. So fehlt zwar in seinem Buch Albert Mangelsdorff. Aber Whitehead würdigt Euro-Jazzer, wie die Briten Derek Bailey und Evan Parker, die Deutschen Peter Brötzmann und Peter Kowald, den Skandinavier Jan Garbarek und die Niederländer Misha Mengelberg und Han Bennink. "Für die Holländer war es verboten zu swingen", schreibt Whitehead über die Amsterdamer Free-Jazz-Rebellen, "der Vietnamkrieg hatte dazu geführt, dass es uncool war, amerikanisch zu klingen." Der Amerikaner kennt die niederländische Szene gut. Er lebte mehrere Jahre in Amsterdam. Den deutschen Free Jazz charakterisiert Whitehead als "aggressiv und kompakt" wie auf Brötzmanns berühmter Platte mit dem Titel "Machine Gun". Sein Buch enthält viele Hinweise auf wichtige Tonträger.

Ärgerlich ist bei "Warum Jazz?" nur der Untertitel "111 gute Gründe". Muss nach den 111 Gründen "zum Feiern", "Hunde zu lieben" und "Piraten zu wählen" auch der Jazz in diese geistlose Reihe gerückt werden? Im US-Orginal heißt der Untertitel "A Concise Guide" - ein knapper Führer. Das ist das Buch.

Miles Davis giftete gegen den Rivalen Lloyd

Sehenswert ist der Dokumentarfilm "Charles Lloyd - Arrows into Infinity", der jetzt als DVD zu haben ist. Der fast zwei Stunden lange Streifen erzählt die Lebensgeschichte des 1938 geborenen Saxofonisten - den Aufstieg, Absturz und die Rückkehr einer Jazzlegende. Lloyd erlebte als Junge in Memphis Gastspiele von Duke Ellington; als Teenager ging er mit dem Blues-Barden Howlin' Wolf auf Tour. Er spielte Cool Jazz in der Combo von Chico Hamilton und landete in den späten Sechzigerjahren mit seinem eigenen Quartett den Millionen-Hit "Forest Flower". Doch auf dem Höhepunkt seiner Karriere verschwand der zeitweilig vielleicht populärste Jazzmusiker seiner Zeit aus der Öffentlichkeit. In Wäldern an der kalifornischen Küste suchte Lloyd eine Alternative zum Leben mit Erfolgsdruck und Drogen. Als er nach fast 20 Jahren ins Jazzgeschäft zurückkehrte, war er ein anderer Mensch. Bis heute gehört Lloyd zu den gefragtesten Saxofonisten.

Im Charles-Lloyd-Film finden sich Aufzeichnungen von Konzerten, Interviews mit dem Protagonisten und Aussagen von Weggefährten. Herbie Hancock, Ornette Coleman, Jack DeJonette, Jason Moran und viele andere sprechen über Lloyd und den Jazz. Tatsächlich erzählt "Arrows Into Infinity" weitgehend auch die Jazzgeschichte seit 1960; und da fällt auf, dass Miles Davis in dem Film keine Rolle spielt. Die Erklärung könnte sein, dass Davis den Rivalen Lloyd nicht mochte.

So schrieb der Trompeter in seiner Autobiografie über das Jahr 1968: "Zu den musikalischen Neuheiten gehörte Charles Lloyd. In seiner besten Zeit hatte er (den Drummer - d. Red.) Jack DeJonette und den jungen Pianisten Keith Jarrett in der Band, und obwohl Charles Lloyd der Leader war, brachten Keith und Jack den Schwung rein." Aus Davis' Sicht war Lloyd "nie ein besonders guter Musiker, aber er hatte einen leichten und fließenden Sound auf dem Saxofon"; in "seiner heißen Zeit" habe er "viel Geld gemacht". Der geniale Miles konnte ganz schön giften.


Bücher:
Daniel Martin Feige: Philosophie des Jazz. Suhrkamp, Berlin; 142 Seiten; 14 Euro.
Kevin Whithead: Warum Jazz? 111 gute Gründe. Reclam, Stuttgart; 209 Seiten; 9,95 Euro.

DVD / Blu ray:
Dorothy Darr / Jeffrey Morse: Charles Lloyd - Arrows Into Infinity. ECM; Länge 113 Minuten; 16,99 Euro.



insgesamt 3 Beiträge
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lutschbommler 17.08.2014
1.
Es freut mich sehr, die Namen Derek Bailey, Peter Brötzmann, Han Bennink, Peter Kowald etc. (Schlippenbach?) hin und wieder in "mainstream"-Publikationen lesen zu können. Sie stehen für eine zumeist extreme Musik, aber kommen doch scheinbar so langsam im allgemeinen kulturellen Bewusstsein vieler Menschen an - nach rund 50 Jahren (vielleicht schafft das langfristig mehr Akzeptanz für neuere Strömungen dieser Musik?) Auch: Einige der Gründerväter des europäischen Free Jazz sind scheinbar drüben in den Staaten in den entsprechenden Kreisen schwer angesagt. Schön.
W. Robert 17.08.2014
2. Äpfel und Birnen
Garbarek und Lloyd stehen ja für „Relax Jazz“, während Miles immer ein Hitzkopf war. Diese aggressive „revolutionäre“ Attitüde gingen auch Dizzy und Bird völlig ab. Brötzmann und Bennink machen zwar einen gehörigen Radau, aber immer mit einem Augenzwinkern, ich habe das Duo jedenfalls oft und gern live gesehen. In den USA gelten sie in der Tat inzwischen als „schwer angesagt“. Satchmo ist wieder ein anderes Thema, seine Berührungsängste mit Pop für den Massengeschmack waren nie sehr ausgeprägt. Das gilt wohl auch für Garbarek mit seinem New Age Konzept. Lloyd hat oft bei den Beach Boys mitgespielt, das führt bei den Jazz-Snobs natürlich zu Naserümpfen. Die „Linke“ und der Jazz haben vielleicht ab den späten 50er Jahren ein Jahrzehnt miteinander geflirtet, aber letztlich ist der Jazz zu individualistisch und elitär für Kollektivisten. Adorno hat das ganz gut erfasst, ein Planwirtschaftler mag nun mal keine kollektive gleichberechtigte Improvisation mit anarchischen Ausflügen.
ambulans 17.08.2014
3. leutchen,
viel besser als über jazz zu schreiben ist es allemal - ihn zu hören. und da vor allem unter freiem himmel, wie z.b. im südwestfranzösischen marciac, jazz baltica, auch moers (muss ja nicht immer montreux sein), etc. (wer mehr weiß, bitte hinzufügen). und ich hör mir jetzt was richtig schönes an ...
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