Neue Klassik-CDs Gänsehautmomente aus der Elphi-Orgel

Elbphilharmonie-Organistin Iveta Apkalna geht mit dem maßgeschneiderten Instrument des Hamburger Musik-Tempels auf Abenteuerreise. Pianist Vikingur Olafsson begeistert mit Bach-Perfektion.

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Design muss sein: In weite Ferne blickt der Künstler auf dem coolblauen Cover seiner CD, kaleidoskopartig gespiegelt, die Ruhe selbst. Dabei befand sich Vikingur Olafsson wohl zur Zeit der Aufnahme schon längst auf dem hohen Gipfel seines ganz persönlichen Bach-Gebirges. Dieses Zentralmassiv der Tastenkunst zu bezwingen, erfordert Kraft, Konzentration und Weitsicht. All das hat der isländische Pianist in seiner opulenten neuen Best-of-Bach-Kollektion (Deutsche Grammophon) bewundernswert vereinigt. Und noch einiges mehr.

Selbst Hardcore-Gould-Fans könnten staunen, wie Olafsson Inventionen und Sinfonien, Kostproben aus dem "Goldberg"-Werk sowie in Partiten und Fugen aus dem "Wohltemperierten Klavier" durchleuchtet und neu auffächert. Alles bestens bekannt? Sicher. Aber dennoch berauscht der bisher unbekannte Maestro aus dem Norden mit taufrischem Zugriff: Die Klarheit und lupenreine, aber nie kühle Ästhetik seiner Interpretationen ergreift den Zuhörer, denn sie stößt Emotionen an, allein schon Bewunderung für díe stellenweise fast aggressive Perfektion. Dazu kommt immer wieder ein Schuss meditatives Pathos, wie sie vor allem bei den Chorälen und Vorspielen gefragt sind. Wenn man so will, ist das der Brückenschlag zwischen Glenn Gould und Dinu Lipatti.

Verstörende Bravour

Denn "Nun komm der Heiden Heiland" erinnert an Lipattis Innigkeit, wie auch Olafssons eigene Sicht der Aria "Widerstehe doch der Sünde". Natürlich nimmt er auch virtuose Schaustücke wie Sergej Rachmaninows Version von Bachs Violinen-Partita Nr. 3 oder Alexander Silotis Bearbeitungen mit geradezu verstörender Bravour.

Sicher, da sind manche Läufe mit forscher Virtuosität girlandenhaft hingeworfen, aber die momentane Scherzhaftigkeit und kecke Freude an der Perfektion fängt Olafsson rasch wieder ein, mit scharfer Spannung zwischen den Themen und kraftvollem Zusammenspiel der linken und rechten Hand: Nichts geht verloren.

Víkingur Olafsson, 1984 in Reykjavik geboren, hat in seiner Heimat bereits alle erreichbaren Preise gewonnen, Klaviermusik von Philip Glass maßgeblich eingespielt und kann sich nun auf einen prestigeträchtigen Vertrag mit der Deutschen Grammophon stützen. Die PR-Maschinerie des Gelb-Etiketts rollte kräftig an, offenbar will man keine Zeit verlieren, das Weihnachtsgeschäft leuchtet schon von Ferne. So starke Promo-Pressure hat Olafsson aber eigentlich nicht nötig: Wer so suggestiv und profiliert scheinbar Bekanntes neu erhellt, dem ist alle Aufmerksamkeit gewiss.

Dass die Hamburger Elbphilharmonie unter einem Mangel an Publicity zu leiden hätte, glauben weder die Tourismusmanager der Hansestadt, noch Klassikfans weltweit. Dabei hat Intendant Christoph Lieben-Seutter noch ein As im Ärmel, das bisher fast zurückhaltend gespielt wurde. Iveta Apkalna heißt die hochberühmte Tasten-Künstlerin, und wie sie die hauseigene, maßgeschneiderte Orgel des Konzertpalastes mit über 4.700 Pfeifen handhabt, das erfreute das Publikum von Beginn an.

Die erste in Hamburg aufgenommene Solo-CD der lettischen Organistin hat also neben ihr selbst einen zweiten Star: das Instrument in der Elbphilharmonie. Iveta Apkalna verlässt sich hier keineswegs auf ein risikoloses Repertoire zwischen Bach-Barock und Romantik, sondern bietet Abenteuer: György Ligeti, Sofia Gubaidulia, Dmitri Schostakowitsch und Musik von Apkalnas französischem Organisten-Kollegen Thierry Escaich.

Aufgenommen über Nacht

Mystisch verhangene Klänge erforschen ungekannte Sphären des riesigen Elphi-Instruments, so dass Iveta Apkalkas Album wie eine lustvolle Expedition in den riesigen Orgelkosmos anmutet. "Light And Dark" heißt das Werk (Berlin Classics) treffend, und die titelgebende Komposition von Gubaidulina erzählt von diesen Schattenwürfen. Tatsächlich wurde die CD nach Auskunft der Organistin nächtens eingespielt. Trotzdem wird es immer schnell wieder hell, denn Kontraste prägen das Programm.

Wie aus dem Nichts bauen sich Schostakowitschs explosive Klangballungen in der Passacaglia aus seiner Oper "Lady Macbeth aus Mzensk" auf, bringen das Instrument fast zum Bersten, während György Ligetis stille Etüden "Harmonies" und "Coulée" meditative Ruhe verströmen. Licht und Dunkelheit, die Kraft der Gegensätze. Wer mal wieder keine Karten für eines der Elbphilharmonie-Konzerte ergattert hat: "Light And Dark" ist ein feiner Gänsehaut-Lieferant.

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