Die Tuareg-Band Tamikrest Verfemter Wüstenrock 

In Malis Hauptstadt Bamako ist sie nicht mehr sicher, im Norden des Landes ist ihre Musik verboten: Die Tuareg-Band Tamikrest - derzeit in Deutschland auf Tour - kämpft mit Liedern aus dem Exil für die Emanzipation ihres Volkes.

Von

Thomas Dorn

Mit E-Gitarren, E-Bass und Keyboard verfügt Tamikrest über das klassische westliche Rock- bzw. Pop-Instrumentarium. Dazu kommen afrikanische Djembe- und Calabash-Trommeln. Exotisch klingt auch die Tuareg-Sprache Tamaschek, in der die Musiker singen.

Im neuen Album mit dem Titel "Chatma" (Schwestern), das Tamikrest auf Konzerten gerade vorab vorstellt, besingt die Band die mutigen Tuareg-Frauen, die "sowohl das Überleben ihrer Kinder, als auch den Bestand der Sitten ihrer Väter sicherstellen". Denn das Volk der Tuareg durchlebt eine schlimme Zeit: Vor einem Bürgerkrieg im Norden von Mali und vor ethnisch motivierten Unruhen im Süden flüchteten Tuareg in Massen in die Nachbarstaaten Niger, Algerien und Burkina Faso. Über 300.000 Menschen wurden dort nach Uno-Angaben in Lagern untergebracht.

Auslöser der Fluchtwelle war eine Revolte der Tuareg, die vor etwa zwei Jahren Mali erschütterte. Der westafrikanische Staat drohte zu zerfallen, denn Malis Armee war zu schwach, um sich gegen die aufständischen Tuareg zu behaupten. Erst Truppen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich konnten den Marsch der Rebellen auf die Hauptstadt Bamako stoppen.

Dabei galt Mali, das dreimal so groß ist wie Deutschland, aber nur 14 Millionen Einwohner hat, lange als Land mit Vorbildcharakter auf dem afrikanischen Kontinent. In der Musikwelt wurde es als die Heimat von Salif Keïta, Amadou & Mariam und Ali Farka Touré bekannt. "Als ich in Bamako aus dem Flugzeug stieg, fühlte ich mich, als sei ich nach Hause gekommen", schwärmte Dee Dee Bridgewater 2007. Die afroamerikanische Jazz-Diva nahm in Mali mit einheimischen Musikern ihr Erfolgsalbum "Red Earth" auf.

Tuareg-Folklore mit Reggae und Rock

Damals regierte ein demokratisch gewählter Präsident, es gab Oppositionsparteien und die Gegensätze zwischen Arm und Reich waren in Mali weniger krass als anderswo in Afrika. Fern der Hauptstadt herrschte allerdings schon Unruhe. Im Norden kämpfte die Befreiungsbewegung MNLA (Mouvement National de Libération de l'Azawad) für einen eigenen Staat der Tuareg. Denn ähnlich wie die Kurden im Nahen Osten lebt das stolze Nomadenvolk verstreut in etlichen Ländern. Deren Regierungen betrachteten die Tuareg oft als nicht integrierbare Staatsfeinde.

Der Musiker Ousmane Ag Mossa, der Gründer und Chef von Tamikrest, unterstützte die Emanzipationsbewegung seines Volkes - aber "nicht mit der Kalaschnikow, sondern mit der Gitarre". So trat seine Band 2007 bei einem Friedensforum auf. Denn in den vergangenen Jahrzehnten gab es neben Kämpfen auch immer wieder Verhandlungen zwischen der MNLA und der Regierung von Mali. Ag Mossa glaubte an eine friedliche Lösung. In seiner Musik fusionierte er Tuareg-Folklore mit Reggae- und Rock-Elementen. Der heute Anfang 30-Jährige hatte in seiner Jugend Kassetten mit Aufnahmen von Bob Marley und Jimi Hendrix gehört. Beim Festival Au Desert in der Nähe von Timbuktu jammte seine Band mit westlichen Musikern.

Tamikrests Debütalbum "Adagh", das 2009 in Bamako aufgenommen wurde und im darauffolgenden Jahr auch in Deutschland herauskam, machte die Tuareg-Band über Mali hinaus bekannt. Eine verheißungsvolle Zukunft lag vor ihr, bevor sich die Ereignisse in Mali überschlugen: Im Frühjahr 2012 putschte die Armee in Bamako; und im Norden riefen Aufständische den Tuareg-Staat Azawad aus. Dort übernahmen islamistische Fanatiker die Macht. Sie errichteten Scharia-Gerichte, zwangen Frauen, Schleier zu tragen, zerstörten afrikanisch-islamische Kultstätten in Timbuktu und verboten das Musizieren. Das populäre Musikfestival in der Wüste, über das die Deutsche Desiree von Trotha vor zwei Jahren noch den Dokumentarfilm "Woodstock in Timbuktu" gedreht hatte, durfte nicht mehr stattfinden.

Für die Bandmitglieder von Tamikrest ist die Lage fatal. In von Islamisten kontrollierten Gebieten in Nordmali ist ihre Musik tabu; in Bamako sind die Tuareg nicht mehr sicher. Ag Mossa und seine Leute mussten ins Exil nach Algerien. Ihr neues Album haben sie in der Tschechischen Republik aufgenommen und in Slowenien mixen lassen. Immerhin klingt in einem ihrer Songs Hoffnung: "Wie lange auch immer die Nacht dauert, ein Tag wird anbrechen. Alles, was in der Dunkelheit der Nacht versteckt ist, wird eines Tages entschleiert werden."


Konzerte der Band Tamikrest:
7.8. Hamburg, Kampnagel;
10.8. Taucha bei Leipzig, Ancient Trance Festival;
Tournee:
9.10. Freiburg, Jazzhaus;
31.10. Frankfurt/Main, Das Bett

CD:
Tamikrest: Chatma. Indigo. Erscheint am 13.9.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
kanyamazane 03.08.2013
1. Danke!
Danke, SPON, dass ihr auch über so etwas berichtet. Dafür liebe ich den Spiegel! Eine Touareg-Band aus Mali, die um ihr Land und ihre Rechte fürchten und gerade durch Deutschland tourt. Das sind mal interessante Dinge fernab von Euro-Krise, Steinbrück, FDP und sonst allem Drögen. Mal sehen, ob ich es auf einer ihrer Konzerte schaffe.
kanikombolé 03.08.2013
2. Zuviel Verkürzungen
Es ist zwar lobenswert, dass hier mal auf so eine Band aufmerksam gemacht wird, aber dieser Artikel verkürzt so stark, dass er automatisch verfälscht. Dieser Abschnitt z.B. ist total widersprüchlich und unverständlich und kann eigentlich nur von Unwissen her rühren: - "Auslöser der Fluchtwelle war eine Revolte der Tuareg, die vor etwa zwei Jahren Mali erschütterte. Der westafrikanische Staat drohte zu zerfallen, denn Malis Armee war zu schwach, um sich gegen die aufständischen Tuareg zu behaupten. Erst Truppen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich konnten den Marsch der Rebellen auf die Hauptstadt Bamako stoppen." - (Rebellen oder radikal-islamistische Gruppen?) Ebenso - "Im Frühjahr 2012 putschte die Armee in Bamako; und im Norden riefen Aufständische den Tuareg-Staat Azawad aus. Dort übernahmen islamistische Fanatiker die Macht." - Wieso das denn auf einmal? - Die Situation in Mali ist eben weitaus komplexer als "die armen Tuaregs gegen den Rest der Welt" (egal ob malische Regierung, die Al-qaida Maghreb oder wer auch immer). Dass nun ein Jahr nach dem Militärputsch, nachdem immerhin häufig und ausführlich über die Malikrise berichtet wurde, hier nicht verständlicher und differnzierter geschrieben werden kann, ist schon sehr traurig. Genauso wie die Tatsache, dass mit keinem Wort die vor nicht nicht mal EINER WOCHE stattgefundenen Präsidentschaftswahlen in Mali erwähnt werden. (Oder ist dieser Artikel gar nicht aktuell geschrieben worden?) Stattdessen hätte man den Verweis auf diesen unsäglichen von Trotha-Film sparen können, der vor Naivität und Tuareg-Ethno-Romantik nur so trieft. Mit dieser ständigen Viktimisierung der Tuareg tut man auch einer so beeindruckenden Gruppe wie Tamikrest letzten Endes keinen Gefallen.
kanikombolé 03.08.2013
3. Nachtrag
Gerne hätte ich ausserdem noch gewusst, wie der Autor auf diesen absurden Satz gekommen ist: "die Gegensätze zwischen Arm und Reich waren in Mali weniger krass als anderswo in Afrika". Im Vergleich zu welchem Land denn bitte?
nocheinforist 03.08.2013
4. @kanikombolé
Danke, Sie haben genau auf die Dinge hingewiesen, die ich bei der Lektüre des Artikels ebenfalls befremdend fand. Zu Ihrem Nachtrag: Die Behauptung mit den Gegensätzen ist so pauschal formuliert, dass sie tatsächlich zutrifft, wenn man nur lang genug sucht. In Angola sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich wirklich noch größer als in Mali. Aber Angola ist weit weg und deshalb nicht unbedingt ein guter Vergleichswert ...
Armistead21 03.08.2013
5. Die Wahrheit über die Tuareg
Mir geht es ähnlich, wie einigen Foren-Teilnehmern hier. Dass die Krise in Mali ihren Anfang in "Tuareg-Aufständen" nahm, ist eine fahrlässige Verkürzung der Geschichte. Die Musiker von Tamikrest, aber auch andere, wie z. Bsp. Bombino kämpfen im Exil gerade gegen eine solche Fehlberichterstattung. Einen ziemlich guten Überblick über den Widerstand der malischen Musiker bei den Tuareg bietet eine fabelhafte Musikdokumentation aus Deutschland, die auch schon mehrere Preise erhielt und dort noch in vielen Kinos läuft: "Woodstock in Timbuktu" heißt sie und darin kommen die Musiker selbst zu Wort. Ich sah sie in den USA. Die Regisseurin des Films, Désirée von Trotha, ist eine Kennerin der politischen und kulturellen Materie- sie lebt als Deutsche seit 2 Jahrzehnten in Nordafrika und schrieb mehrere Bücher über die Kultur der Tuareg ("Enkel der Echse"). Da zeigt uns eine Insiderin, dass sich die Welt der Sahara-Bewohner nicht so einfach mit unseren Maßstäben messen lässt, aber sie übersetzt wenigstens und zeigt den erbitterten Kampf eines Volkes. Wer das liest, dem stößt diese Rezension mit der poltischen Fehl-Info (also Anti-Tuareg) umso mehr auf.
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