Abgehört - neue Musik Lose Enden, ordentlich verknotet

Die Goldenen Zitronen arbeiten sich unermüdlich an den eigenen Widersprüchen ab. Den Ska-Veteranen The Specials gelingt nach 20 Jahren ein Album-Nachschlag - und Beirut verlieren sich im Reise-Einerlei.

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Die Goldenen Zitronen - "More Than A Feeling"
(Buback, ab 8. Februar)

Ein Geschenk, das einem politisch aufgewühlte Popmusik machen kann, ist das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. "Hass/ Ich spreng Bayer weg/ Das Geilste ist/ Ich bin im Recht", sangen zum Beispiel die Kettcar-Vorläufer ...but alive in den Neunzigern, ohne Ironie. Zu der Zeit waren die Goldenen Zitronen gerade dabei, sich mit der Platte "Das bisschen Totschlag" zu politisieren, ohne hart und parolenförmig oder allzu heimelig zu werden.

Von der Idee, Melodie und Rhythmus seien zuerst ein Transportmedium für den Text, hat die Hamburger Band sich damals gleich mitverabschiedet - um stattdessen Töne zu produzieren, die erkennen lassen, dass hier Menschen großen Spaß an Klang und Improvisation haben. Die Goldenen Zitronen arbeiten sich an der Gegenwart und an den eigenen Widersprüchen ab, unermüdlich. Der bessere Zustand ist als Versprechen in ihrer Musik stets enthalten.

"More Than A Feeling" schließt an die elektronischen Sounds von "Die Entstehung der Nacht" (2009) an und verbindet sie mit stoischer Repetitivität. In "Katakombe" zum Beispiel: ein untergründig-bedrohliches Bollern; Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun zitiert dazu aus einem imaginierten Dialog mit einem freidrehenden besorgten Bürger: "Die Leute würden jetzt verlangen, einen Zaun zu errichten, um sich zu schützen/ Das wollen eigentlich alle/ Eine glatte Lüge". Um das Volk und seinen vermeintlichen Wunsch nach Mauern geht es immer wieder auf diesem zwölften Zitronen-Album.

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Das Stück "Heimsuchung" sampelt den Arbeiterlieder-Sänger Ernst Busch ("Horch, sie ziehen ins Feld/ und schreien für Nation und Rasse/ Das ist der Krieg der Herrscher der Welt/ gegen die Arbeiterklasse"), um dann zwei Minuten analytischen Postpunk anzuschließen: "Ich Volk und Körper/ Ich gefühlter Staat/ Wehe mir wächst/ Der Wille zur Tat". Das Busch-Zitat ist eine Hommage und markiert zugleich eine Differenz: Der altväterlich linke Busch wusste die Massen hinter sich, Schorsch Kamerun hingegen spielt weiterhin den zeternden Jugendlichen, ein Unikat, das mehr weiß als die stumpf gewordenen Erwachsenen; unter anderem nämlich, dass es Autonomie nicht geben kann.

Die Jugend hat in diesem Fall recht, auch wenn sie seit über dreißig Jahren Musik macht. Diese Band erzählt immer direkt aus dem Gemenge, so dass ein Eindruck von Selbstgewissheit sich partout nicht einstellen will. (8.0) Benjamin Moldenhauer

The Specials - "Encore"
(Island/Universal, seit 1. Februar)

Oh je, bitte nicht! Das war so ungefähr die spontane Reaktion auf ein neues Album der britischen Ska-Revival-Band The Specials, dem ersten mit Studiomaterial seit 20 Jahren. Wiedervereint, zumindest in jenen Teilen, die sich nicht heillos zerstritten haben oder tragischerweise verstorben sind, waren die Specials bereits seit 2009, begnügten sich aber damit, live aufzutreten. Gut so! Denn in Wahrheit, zieht man mal alle nachträgliche Verklärung ab, waren auch die beiden einzig regulären Specials Alben von 1979 und 1980 inhaltlich eher wacklige Angelegenheiten, zusammengehalten von viel Chuzpe und 2-Tone-Groove. Dann wiederum: Wenn die Lage in Großbritannien von vielen Pop-Künstlern gerade wieder also so schlimm empfunden wird wie einst in den bleiernen Thatcher-Jahren, die Punk, Ska und das Mod-Revival provozierten, muss dann nicht erneut die Stunde der Specials schlagen?

Andreas Borcholtes Playlist KW 6
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 The Specials: Black Skin Blue Eyed Boys

 2 The Style Council: Internationalists

 3 Die Goldenen Zitronen: Nützliche Katastrophen

 4 Jadu: Todesstreifen

 5 Die Heiterkeit: Wie finden wir uns

 6 Karen O: Woman

 7 Boy Harsher: Face The Fire

 8 The Lemonheads: Unfamiliar

 9 Girlpool: Hire

10 Cherry Glazerr: That’s Not My Real Life

Nee, nichts muss, aber alles kann. Und wundersamerweise kann "Encore" so einiges. Zum Beispiel funky sein. Das beginnt gleich mit dem ersten Stück, eine auf Disco gedrehte Coverversion des Equals-Klassikers "Black Skin Blue Eyed Boys" von 1973, durch die ein Hauch von Style Councils Arbeiterklassen-Hymne "Internationalists" weht - wohl auch dank Paul Wellers Gitarrist Steve Craddock, der die Ur-Specials Terry Hall (Gesang), Lynval Golding (Gitarre) und Horace Panter (Bass) an mehreren Stellen unterstützt. Man seufzt erleichtert: Kein billig aufs Stammpublikum schielender Ska-Aufguss, sondern eine altersgemäße Fettanreicherung im Sound.

Im Disco-Funk-Rhythmus geht es weiter, wenn der aus Jamaica stammende Golding in "B.L.M." (Black Lives Matter) im Sprechgesang seine bitteren Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung in England ausbreitet. Ein sehr zeitgemäßes Update von "The Lunatics (Have Taken Over The Asylum)" von Halls Post-Specials-Band Fun Boy Three lockert die Stimmung etwas auf, bevor es mit "10 Commandments" wieder als Eingemachte geht: Die Band übergibt die (gesprochenen) Vocals hier an Saffiyah Khan, die junge Frau, die bei der Demo der English Defense League (EDL) medienwirksam gegen Nationalismus protestierte - und dabei ein Specials-T-Shirt trug. Sie führt eine furios-feministische Replik auf Prince Busters unrühmliche Ska-Hymne "The 10 Commandments of Man" (1965), die zum Synonym für Machismo und Misogynie in der Szene wurde.

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Ein paar Ausfälle und Nebensächlichkeiten gibt es in dieser nicht umsonst "Zugabe" genannten Streuladung eines Albums auch (zum Beispiel das gut gemeinte, aber textlich unstimmige "We Sell Hope") , aber wenn Terry Hall in "The Life And Times (Of A Man Called Depression)" mit demütig-selbstanalytischem Raunen Ska, Funk und Jazz transzendiert - und die Band irrwitzigerweise "Riders On The Storm" zitiert, ist man versöhnt mit diesem Comeback, das einige lose Ende sehr ordentlich verknotet. (7.5) Andreas Borcholte

Beirut - "Gallipoli"
(4AD/Beggars/Indigo, seit 1. Februar)

Nun also Gallipoli, eine Kleinstadt in Apulien: Sie ist der neue Sehnsuchtsort von Beirut-Mastermind Zach Condon, US-Amerikaner und Wahlberliner, der in seinen Liedern schon die halbe Welt besungen hat. Dort, im Absatz des italienischen Stiefels, soll ihm das Schlüsselerlebnis zum fünften Album der Band widerfahren sein: Nachdem er und seine Mitmusiker eine Art Prozessionszug beobachteten, begann Condon zu komponieren und verfiel in eine tranceartige Songwritingsession - so erzählt es der Frontmann. Dabei entstand nicht nur "Gallipoli", der Titeltrack, sondern auch die Idee für den Sound des Albums: Er lässt die Unvollkommenheit der Anfangsjahre wieder stärker zu, ja, fordert sie sogar heraus.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Die Band nutzte defekte Verstärker und Tape-Maschinen, löschte kein Amp-Knistern und keine verstimmte Note. Wie bei den ersten Alben spielte Condon die komplette Bläsersektion alleine ein. Tatsächlich rumpelt und knarzt es wieder mehr, wie einst auf "Gulag Orkestar" oder "The Flying Club Cup". Dennoch tragen die Trompeten und Condons Stimme den Hörer sanft durchs Album - von "Gallipoli" über die Bodenseeinsel Mainau ("On Island Mainau") bis nach "Corfu".

Was aber fehlt, sind Lieder, die hängenbleiben, Songs wie "Nantes", "Postcards from Italy" oder "No No No", die es auf den Vorgängern immer gab. Irgendwo auf der Reise ist diesmal das Gespür für Folk-Pop-Hits verloren gegangen. Darüber können auch die sich langsam steigernde Hymne "Varieties of Exile", die Single "Landslide" oder der Titelsong nicht hinwegtäuschen.

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Condon ging es darum, sein Inneres nach außen zu kehren und ihm eine Form zu geben, sagt er. Dabei verliert er sich jedoch zu sehr in wiederkehrenden Motiven und repetitiven Elementen. Zu viele Melodien und Rhythmen plätschern dahin. Das mehrstimmig vorgetragene "Gauze für Zah" klingt gar über zweieinhalb Minuten aus, nur leider ohne Gesang. Immerhin: Dank dem verträumten Gefühl von Fernweh, das der Musik von Beirut noch immer innewohnt, vermengen sich die Lieder zu einer angenehmen Hintergrundberieselung - aber zu einem herausragenden Album reicht es diesmal nicht. (7.0) Lenne Kaffka

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 1 Beitrag
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Neustädter_02 05.02.2019
1. Schwindel...
Ich habe mir nun etliche Artikel zu dieser Überschrift angesehen und teilweise auch die Musik angehört. Alles Pop-Sch... Wann kommt denn endlich mal etwas über NEUE MUSIK?
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