Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Wohin mit dem Hass? Die Nerven aus Schwaben liefern das Ventil fürs allgemeine Unbehagen, der britische Elektro-Avantgardist Actress erklärt Musik für tot, und Andrea Schroeder erhellt die Düsternis mit Fackeln. Bittersüß: Indie-It-Girl Dee Dee Penny und ihre Dum Dum Girls.


Die Nerven - "FUN"
(This Charming Man/Cargo Records, ab 7. Februar)

"FUN" ist 36 Minuten und sechs Sekunden lang und eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts. Bitte jetzt keinen blöden, entsprechenden Sticker auf die CD kleben, sondern weiterlesen: Du magst Sonic Youth, Pixies, frühe Surrogat, The Jesus Lizard, frühe Wipers, Kolossale Jugend, Shellac, Mutter und Joy Division sowie schabenden, zerrenden, quälenden, aber gleichzeitig euphorisierenden Noise Rock und Ich-habe-zwar-noch-Geld-aber-kein-Leben-mehr-Punk im Allgemeinen? Dein Alltag fühlt sich schal und faltig an, du willst einerseits noch mehr Sex und was zu essen, andererseits ist es dir egal, ob sie dich morgen oder Donnerstag tot vom Straßenrand fegen wie ein überfahrenes Tier? Du studierst aus Langeweile, aber hasst die Dummheit deiner Kommilitonen und willst, dass sie an Malaria oder am Dengue-Fieber verrecken? Du liebst Gaspar Noés "Menschenfeind", aber auch Alizée, deinen Hund und ein altes Stück Holz, das dir irgendeine Ex-Freundin zum sechsmonatigen Jubiläum schenkte, bevor sie dich verließ? Du hast die Blumfeld-Single "Ghettowelt", aber musst beim Zahnarzt weinen? "FUN", die genau genommen nicht erst zweite, sondern fünfte Platte von Die Nerven - auch bekannt durch das brillante DJ-Ötzi-Cover "Ein Stern ( ... der deinen Namen trägt)" - sind ab jetzt dein Schmerz, deine Last und dein Vertrauen!

"Was auch immer wir jetzt lernen, ist mit Sicherheit nicht wichtig/ Was auch immer wir jetzt lernen, ist mit Sicherheit egal", heißt es in einem Text. Oder: "Alles wie gehabt/ Nichts hat sich verändert." Und im erbarmungslosen "Hörst du mir zu?", dem entscheidenden Fixpunkt in einem See aus Unzumutbarkeiten: "Das ist immer noch dein Leben/ Auch wenn du selbst nichts mehr entscheidest." In "Und Ja", dem unglaublichsten Song dieser Höllenfahrt, retten Die Nerven sich selbst, indem sie absichtlich leicht zu vermeidende Fehler begehen, "Nie wieder scheitern" ist die Ruhe vor der Flatline, eine Utopie, ein leiser Wunsch, der alle Meere beruhigt: "Eine Welt aus Styropor/ Für alles andere war'n wir zu feige/ Nie wieder scheitern/ Eine Welt aus Cellophan." Und eine Existenz an der Schwelle des Bewusstseins. Die Nerven: nicht aus Berlin. Du weißt, was jetzt zu tun ist. (9.0) Jan Wigger

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Andrea Schroeder - "Where The Wild Oceans End"
(Glitterhouse/Indigo, ab 31. Januar)

Andrea Schroeders neue Platte "Where The Wild Oceans End" eignet sich nicht zum Waldfeen-Hype, wohl aber zur sofortigen Bereitstellung sämtlicher (und vorhersehbarerweise fast immer männlich geprägter) Klischees: die beschützenswerte Schmerzensfrau, die "schwarze Seele" (bitte jetzt das "Sonic Seducer"-Abo kündigen!), die "Nachtpoetin". Doch auch die Schroeder muss mittags und ohne Sonnenbrille mal Brot und Rauke einkaufen, denn die Marlene-Dietrich-Nummer läuft nicht mehr. Auf dem von Kollege Borcholte zu Recht hochgelobten Debüt "Blackbird" gab es genau einen Song in deutscher Sprache, hier auch, und zwar den Bowie/Eno-Track "Heroes", in dem Schroeder - interessant! - die male perspective beibehält: "Ich/ Ich bin dann König/ Und du/ Du Königin/ Obwohl sie unschlagbar scheinen/ Werden wir Helden für einen Tag." Aus jahrelanger Erfahrung weiß man, dass stets die Menschen, die noch nie ernsthafte, die eigene Existenz bedrohende Probleme hatten, zu fortgeschrittener Stunde mit Gegen-die-eigenen-Dämonen-Kämpfen-Gelaber und Geistergetue anfangen, doch Andrea Schroeder nimmt man ihre nächtlichen Reisen ans Ende der Hauptstadt ("Ghosts Of Berlin") sofort ab: "There're ghosts in Berlin/ Bodies buried in the ground/ They're walking in the streets/ Without a sound." Wie schon auf "Blackbird" fügt Walkabouts-Zeremonienmeister Chris Eckman den sumpfigen, schleppenden ("Where The Wild Oceans End"), von Ungemach kündenden ("Walk Into The Silence") Fackelliedern noch etwas mehr Schwarz hinzu. "Summer came to say goodbye/ The birds are flying high/ Summer came to say goodbye/ All the memories in the sky." David Eugene Edwards hat schon den Kurier mit einer Depesche losgeschickt. (7.5) Jan Wigger

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Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Actress - "Ghettoville"
(Werkdiscs/Ninja Tune/Rough Trade, seit 24. Januar)

Nein, das ist nicht der künftige Soundtrack zum Computerspiel "Left 4 Dead 3", sollte es denn jemals erscheinen. Obwohl… passen würde diese karge, ausgeblichene, rudimentäre, postindustrielle Bassmusik durchaus zu apokalyptischen Szenerien. Darren Cunningham, also Actress, hat sein viertes Album zudem aus einer Art Zombie-Perspektive geschrieben: "Ghettoville" sei "the bleached out and black tinted conclusion of the Actress image", schreibt er im Manifest zur Platte. "Four albums in and the notes and compositions no longer contain decipherable language (…) The world has returned to a flattened state." Schwere Depression oder Writer's-Block-Anstellerei? Man weiß es nicht. Man vergisst solche Überlegungen aber auch schnell, wenn einem der Bass von "Rims" aufdringlich ins Trommelfell boxt oder das Geräusch von etwas Nassem, Zerquetschten in "Towers" einen Eindruck davon vermittelt, wie es wäre, von Wolkenkratzer-Fassaden erschlagen zu werden. "Street Corp.", "Corner" oder "Skyline" heißen die Tracks, als wäre "Ghettoville" eine harte, desillusionierte Straßenerzählung wie "The Wire", wo karge Beats über Sozialbau-Brachen wehen. Tatsächlich sind Reste musikalischer Stile in den elektronisch erzeugten Loops und Sequenzen vorhanden: ein zerfetzter Swingbeat hier, ein zerstobener Groove hier, manchmal ein gehackter House-Beat wie in "Gaze". Das erinnert dann an "Hazyville", das energische Debüt von Actress aus dem Jahre 2008. "Ghettoville", sagt Cunningham, soll eine Art Komplementärstück dazu sein, allerdings makabrer. "Zero satisfaction, no teeth, artists running rampant, but the path continues", schreibt der Brite in seinen Anmerkungen, die seinen weitgehend textlosen Tracks Sprache verleihen. "A fix is no longer a release", der drogen- oder euphorieinduzierte "Haze" des Erstlings ist einer nüchternen Klarsicht gewichen. Vieles auf "Ghettoville" wirkt zwanghaft mechanisch, automatisiert, ein mal schnell voran ratterndes, mal mäanderndes Fließband der Fragmente, das an seinen Rändern den Staub der Ewigkeit aufwirbelt. Bleiche Geister schlagen ihre entmaterialisierten Häupter gegen geweißelte Wände. Aber dann scheint doch nicht alles verloren: Zu Beginn, in "Forgiven", weht das tröstliche Echo eines deepen Bluesgitarrenlicks herbei, und in "Rap", einer bis ins Dumpfe verlangsamten R&B-Ballade kann man sich an den letzten Rest Song-Struktur klammern. Inmitten dieser faszinierend sinnlosen Chaostheorie der Klänge greift man danach wie Cunningham nach dem letzten Rest seines Verstands. "R.I.P. Music 2014" ist sein letztes Wort. Und aus den Trümmern entstand ein Sound. (7.8) Andreas Borcholte

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Dum Dum Girls - "Too True"
(Sub Pop/Cargo, ab 31. Januar)

Dee Dee Penny oder Kristin Welchez ist binnen weniger Jahre so etwas wie das It-Girl der alternativen Rockszene geworden, und damit meine ich die coole Chloë-Sevigny-Variante, nicht Georgina Fleur. Mit dem dritten Dum-Dum-Girls-Album traut sie sich nun endlich aus den dichten Hall- und Fuzz-Vorhängen heraus, die ihre Musik bisher mit Garagen-Retroseligkeit umhüllten. Der Sixties-Pop-Spirit, also der Transport größtmöglicher Melancholie mit Hilfe naivster Melodien, ist indes geblieben, nur darf er jetzt perlen und schimmern. "Do you hear Suede? Siouxsie? Cold-wave Patti? Madonna? Cure? Velvet and Paisley Undergrounds? Stone Roses? Cuz I did", schreibt sie über ihre neuen Songs und liefert Referenzsystem und Gebrauchsanweisung praktischerweise gleich mit. Alles, was sie sagt, ist irgendwie auch drin, dazu noch ein paar nicht so offensichtliche Reminiszenzen an den nur vordergründig blauäugigen Pop der Achtziger: Pat Benatars "Love Is A Battlefield" geistert durch den Drumbeat von "Cult Of Love", durch "Lost Boys & Girls Club" wabert "How Soon Is Now" von den Smiths, "Too True To Be Good", "In The Wake of You" und "Are You Ok" erinnern wahlweise an Belinda Carlisle, Bangles oder Bananarama. In den Texten geht es um nichts als Poesie-Album-Probleme, aber das ist nicht der Punkt. Hier geht es erstmals um einen klaren, transparenten Sound und die Erweckung von Gefühlen durch bittersüßen Klang. Ein Album voll lieblich-verruchter Indie-Schlager also, das es sich manchmal etwas zu einfach macht, wie im allzu prätentiösen "Rimbaud Eyes" zum Beispiel. Da bricht sich etwas zu gefallsüchtig Pennys literarisches Faible Bahn. Die Popmuse, die mit Crocodiles-Sänger Brandon Welchez verheiratet ist, gibt an, von Baudelaire, Rilke, Verlaine und Sylvia Plath inspiriert zu sein. Was sie auf "Too True" etwas zu oft raushängen lässt, ohne wirklich poetische Tiefe zu erreichen. Macht aber gar nichts. Der neue Pop-Appeal reicht erst mal völlig aus. (6.9) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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kritilligenz 28.01.2014
1. Rubrik
Die Rubrik nennt sich jetzt also "Die wichtigste Musik der Woche". Das klingt - ehrlich gesagt - dämlich.
spon-facebook-10000523851 28.01.2014
2. Ach wie schoen.....
wir brauchen noch viel mehr traurige, gesellschaftsverachtende oder -kritische, Weltuntergangs, "es ist onehin schon alles zu spaet" Musik. Da kann man sich dann selbst bemitleiden, zu bemitleidende Fans finden und dafuer sorgen , dass der Alkohol- und Weednachschub gewaerleistet ist. Wir brauchen mal 'ne Neuauflage von Aennchen von Tharau.
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