Abgehört - neue Musik Göttlich und profan

Raus aus dem Gym, rein in die Kirche: Techno-Star Efdemin findet Klang-Utopien im Akustischen. Außerdem: Melancholie-Ekstase mit Jessica Pratt, Geschepper mit Xiu Xiu und Fetischkrieg mit Jadu.

Von , und Tobi Müller


Efdemin - "New Atlantis"
(Ostgut Ton, ab 15. Februar)

Techno, der den Namen verdient, ist immer utopische Musik. Entstanden in unterprivilegierten Vierteln US-amerikanischer Großstädte, feiert der Bummbumm-Groove das gute Leben unter unguten Umständen. Und dann gibt es viele Technoplatten, zumal wenn sie ein Ohr auf die House-Tradition richten, die eine Sehnsucht nach Kirche verraten. Phillip Sollmann macht unter dem Namen Efdemin beides: utopischen, quasi religiösen Techno. Noch nie hat Efdemin die beiden Stränge so innig miteinander verknüpft wie auf seinem vierten Album "New Atlantis".

Das Album eröffnet mit dem Tod. "Oh, Lovely Appearance of Death" zitiert einen Hymnus von 1780, gesungen von einer älteren Männerstimme über einem leichten Drone. Die Lobpreisung der Leiche als Ausdruck der Hoffnung auf ein schönes Nachleben: So sah es der Komponist Charles Wesley, Mitgründer der Methodistenkirche. Liebhaber*innen der Technokultur kommt die Nähe von Schönheit und Schrecken sicher bekannt vor; Engelsklänge rufen zu uns herüber, die Leinen loszumachen. Auf "Good Winds", der zweiten Nummer, beginnt die Überfahrt. Der Beat hat viel Tempo, aber wenig Höhen. Erst klingt der Synthesizer wie ein kleiner Holzbläsersatz, Woodwinds heißen die auf Englisch. Doch im Verlauf des Tracks gleitet der Klang unmerklich in Richtung Orgel.

Utopisch mutet Efdemins Versuch an, Techno mit akustischen Klangquellen anzureichern. Er hat sich in den letzten Jahren mit Klangkünstlern des 20. Jahrhunderts befasst, mit den auf Vierteltöne gestimmten Holzinstrumenten von Harry Partch oder mit den kaum kontrollierbaren Klangskulpturen von Harry Bertoia. Diese Erfahrungen sind auf "New Atlantis" angekommen. Auch elektrische Gitarren liefern Drones, singende Trommeln und die menschliche Stimme verändern oft Tonhöhe und Klang. So arbeitet Efdemin auch mit Synthesizern. Es klingt wie ein sanftes, beständiges Werden, und und nicht wie im Gym, wovon Techno sonst selten weit weg ist.

Die meisten Tracks haben einen hohen Puls, Duftkerzen wären also die falschen Accessoires für dieses bei aller Kontemplation dennoch treibende Album. Am Ende, mit "The Sound House", kommt es auf seinen Titel zurück, denn "New Atlantis" will inspiriert sein von Francis Bacons Romanfragment gleichen Namens. Bacon entwirft 1627 unter anderem die "Sound-Houses", als Universität verstanden, in der es fast alles gibt, was nicht nur Pop-Musik ausmacht: Verstärker, Mikrofone, Lautsprecher, sogar Autotune. Wie Bacon geht es auch Efdemin um Klang, der einen Körper hat und der auf eine Stimme verweist. "New Atlantis" ist Techno, der gleichzeitig fremd und durch die körperlichen Instrumente vertraut wirkt - göttlich und profan. (8.5) Tobi Müller

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Jessica Pratt - "Quiet Signs"
(City Slang, seit 8. Februar)

Neulich in der Tiki-Bar. Vom Strand wehen die sanften Klänge einer polynesischen Musikgruppe herüber, eine Sängerin trägt Blumen im Haar und wiegt sich im Takt der Gitarren. Keine unnötig exotisierende Ukelele, keine Steeldrum stört das Idyll. Man versteht nicht, in welcher Sprache die junge Frau singt, aber es ist egal: Man fühlt, was sie meint. Sie war traurig, oft ist sie es immer noch. Aber jetzt wird es besser, die dunklen Zeiten verblassen, die Farben kehren in den Alltag zurück und werden wie lang vermisste Freunde begrüßt. Man lehnt sich so sehnsüchtig in diesen Sound wie in einen süßen, warm umarmenden Cocktail - und gerät ein wenig ins Träumen, wehmütig, verstohlen, ganz leise seufzend.

Andreas Borcholtes Playlist KW 7
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 Jessica Pratt: As The World Turns

 2 Astrud Gilberto: Once I Loved

 3 Lafawndah: Daddy

 4 Ariana Grande: Bloodline

 5 Friedberg: Boom

 6 Angel-Ho: Like A Girl

 7 Hejira: Joyful Mind

 8 Yola: Faraway Look

 9 Michael Chapman: It's Too Late

10 Jungstötter: Wound Wrapped In Song

Erst nach und nach merkt man, dass die Frau in ihrer glockenhellen, aber trotzdem kehligen Stimme gar nicht Hawaiisch, Portugiesisch oder Japanisch singt, sondern Englisch, und dass der Strand derselbe graue Bürgersteig ist, der er immer war. Dass es kalt draußen ist und die Tiki-Bar nach Bier müffelt, statt nach Orchideen zu duften. Und dass der Barkeeper die CD gewechselt hat, weil die zu wenigen Gäste in ihren Gedanken verdösten, statt neue Drinks zu bestellen. Man zuckt mit den Schultern, was bleibt einem schon? Dieser ins Helle entführende Singsang der US-Musikerin Jessica Pratt auf ihrem dritten - und besten - Album "Quiet Signs" zum Beispiel, der bleibt noch lange bei einem. Eine knappe halbe Stunde süßeste, an Sixties-Folk und Tropicalía geschulte, suggestiv repetitive Pop-Magie, sanft gezupft, behutsam getupft. Diese Musik könnte auch 40 oder 50 Jahre alt sein, aber in jeder Dekade "As The World Turns", wie ein besonders schönes Stück dieses Albums heißt, würde sie dasselbe minimale, aber kostbare Glücksgefühl auslösen. (8.3) Andreas Borcholte

Xiu Xiu - "Girl with Basket of Fruit"
(Altin Village & Mine, seit 8. Februar)

Als erstes dringt diese wirklich singuläre Stimme ins Ohr. Jamie Stewart gelingt es, im selben Zug fragil und bedrohlich zu klingen, immer wieder kurz vorm Kippen und Übersteuern. Als einziges konstantes Bandmitglied hat Stewart mit Xiu Xiu eine eigenwillige, genreüberschreitende Musik geschaffen, mit der er sich an der eigenen Verletzbarkeit und der Brutalität der Welt abarbeitet. Mit irritierender Unablässigkeit geht es bei dieser Band um Sex und Gewalt, ohne die Angstlust auszuklammern, die damit hier offenbar verbunden ist. Eines der ersten Alben, "Fabulous Muscles", gab mit einer queeren Todesphantasie die Temperatur vor: "Cremate me after you cum on my lips/ Honey boy/ Place my ashes in a vase/ beneath your workout bench".

"Girl With Basket Of Fruit" bleibt, was die Drastik angeht, dem bisherigen Schaffen Jamie Stewarts treu. Einige Primärziele der Musik von Xiu Xiu: Auflösung von Distanz, Akzeptanz des Leidens an der eigenen Verkorkstheit, Negation von Scham. Die gelten auch für dieses Album. Davon abgesehen aber wirkt das Album wie die Antithese zum vergleichsweise eingängigen Elektropop, der den Vorgänger "Forget" von 2017 definiert hat. Gleich auf dem ersten Stück springt den Hörer verzerrtes Getrommel an, und die ebenfalls verfremdete Stimme assoziiert sexualisiert drauflos ("A flock of erect dicks on bat wings/ Pee-pees into her sleeping face/ And pointlessly tries to fuck a blue sky").

Von Songstrukturen haben sich Xiu Xiu auf ihrem 13. Album weitgehend verabschiedet - und stattdessen etwas fabriziert, die klingt, als würde jemand ritualistische Percussion, allerlei zermürbendes Geschepper, Spoken-Word-Fragmente, schabende Ambient-Sounds und irritierende Stimmeffekte durch den digitalen Fleischwolf drehen.

Mit seinen nervtötenden Sounds wirkt "Girl with Basket Of Fruit" wie ein Experiment, das am Ergebnis herzlich wenig interessiert zu sein scheint, eine Musik die sich, bei aller Expressivität, ganz in sich zurückgezogen hat. Das alles ist maximal anstrengend und leider mitunter erratisch geraten, hat aber doch eine schwer greifbare Schönheit. So kaputt die Welt ist, in die Xiu Xiu den Hörer ziehen wollen: Man kann dieses Album, je nachdem, was man an Wissen, Erfahrungen und Vorurteilen so mitbringt, abstoßend, faszinierend, berührend oder anziehend finden. Oder einfach alles im selben Moment. (6.0) Benjamin Moldenhauer

Jadu - "Nachricht vom Feind"
(Deserteur/Groove Attack, seit 8. Februar)

"Ich hab' Ausdauer, kann tagelang marschieren", singt Jadu in "Feldzug Berlin", dem orchestral dräuenden Eröffnungsstück ihres Debüt-Albums "Nachricht vom Feind". Drei Jahre soll die junge Frau aus dem Teutoburger Wald gebraucht haben, um ihr musikalisches Statement nach ihren Vorstellungen fertig zu kriegen, Plattenfirmen, so hört man, lehnten ab, daher gründete sie kurzerhand ein eigenes Label für ihren "Military Dream Pop", wie sie es nennt.

Und was steht nun am Ende dieses Ausdauer-Akts, der den Triumph ihres künstlerischen Willens symbolisiert? Stilisierte SS-Uniformen und allerlei Fetisch-Semiotik im provokanten Video-Clip zur Single "Uniform", eine düster-romantische Schauerballade namens "Sirenen & Wagner", die - wie skandalös! - aus der Perspektive Eva Brauns gehaucht wird. "Blitzkrieg" heißt ein Song über häusliche Gewalt; "Friedliche Armee" berichtet von der Öko-Front über das stumme Leid der Bäume, die dem Tagebau weichen müssen. Dann wiederum will Jadu sogleich "neuen Krieg entfachen", wo "Blumen aus Ruinen wachsen", wie sie im schroff soundgestalteten "Weltenbrand" singt.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Ja, bei dieser vielfach kulturell kodierten "Nachricht vom Feind" geht offenbar vieles Durcheinander: ein Faible für faschistische Ästhetik und Frakturschrift, ein Hang zur suizidal-depressiven Schwermuts-Lyrik, die Lust, möglichst viele Tabus mit beiden Händen zu greifen und sie in edler Optik an die Wand zu werfen. Wer oder was hier der "Feind" ist, bleibt oft unklar, im Zweifel ist es die Künstlerin selbst, die mehr mit ihren inneren und biografischen Dämonen beschäftigt zu sein scheint, als mit der Wirkung ihres Zeichenspiels in politisch verspannter Zeit. Applaus von falscher Seite muss Jadu dennoch nicht fürchten, als schwarze Frau sei sie von jeher "für die meisten eine finstere Gestalt", singt sie. Ihr Ehemann ist zudem der eher dem linken Milieu angehörige Rapper Marteria ("Rostocks Hauptmann ist mein erster Offizier"), was diesem Vanity-Projekt natürlich zusätzliche Aufmerksamkeit beschert.

So charmant es auch ist, wenn sich eine Künstlerin ihrer Vision ohne Rücksicht auf Geschmacksbedenken und andere Reibungsverluste ermächtigt, so sehr wünschte man sich doch mehr Konsistenz im Inhaltlichen - und mehr Varianz im Musikalischen: Der aus Marilyn-Manson-Bombast und Trip-Hop gebastelte Sound erschöpft sich schnell im träge über Schlachtfelder und "Todesstreifen" ziehenden Spezialeffekte-Gewitter. Weder Tiefe oder wenigstens Gefährlichkeit dieses schwer spätpubertär wirkenden Raunens und Säbelrasselns wollen sich erschließen. Man möchte nicht so weit gehen, das alles "unsympathisch" zu nennen, wie Jadu im Song gleichen Namens, aber man sieht sich zu Abwehrreflexen genötigt. (3.5) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Sedenya 12.02.2019
1. Techno mag vieles sein...
... aber sicher nicht die Musik der urbanen Unterprivilegierten. Im Gegenteil: Die Stil und vielleicht auch Genre bildenden May, Atkins und Saunderson waren im amerikanischen Verständnis Mittelklasse, was durchaus ein Grund war, für die eher stiefmütterliche Beachtung, die Techno lange Jahre in den USA erfahren hat. House ist ein anderes Thema, aber darum ging es ja auch nicht.
relative_wahrheiten 12.02.2019
2. schön zu wissen,
das man sogar bei spon vernünftige Elektronische Musik vorgestellt bekommt...
Tobi Mueller 13.02.2019
3. Detroit
Sehr geehrter Sedenya, das ist eine richtige, aber auch alte und etwas ungelöste Diskussion, die Sie hier ansprechen. Genau deshalb habe ich mich auch vorsichtig ausgedrückt und geschrieben: "entstanden in unterprivilegierten Vierteln". Kurz: es geht um die Viertel, nicht zwingend um den Background der Innovatoren. Ich lebte damals vor den Toren Detroits und glauben Sie mir, "unterprivilegiert" ist ein fast zu softes Wort für die Verhältnisse, wie sie damals in der Inner City herrschten. Die Belleville Three, die Sie nennen (Atkins, Saunderson, May) waren eine krasse Minderheit in einem weißen Vorort, Belleville eben, sind dann aber nach der High School sofort (im Fall von Atkins: zurück) nach Detroit gezogen. Diese Fragen behandle ich übrigens etwas ausführlicher in einem einstündigen Radiofeature für den Bayerischen Rundfunk, das ab de 12.2. 20.05 online verfügbar sein wird. Ich wünsche einen schönen Tag und danke für die Aufmerksamkeit!
sekundo 13.02.2019
4. Verehrter Herr Müller,
Zitat von Tobi MuellerSehr geehrter Sedenya, das ist eine richtige, aber auch alte und etwas ungelöste Diskussion, die Sie hier ansprechen. Genau deshalb habe ich mich auch vorsichtig ausgedrückt und geschrieben: "entstanden in unterprivilegierten Vierteln". Kurz: es geht um die Viertel, nicht zwingend um den Background der Innovatoren. Ich lebte damals vor den Toren Detroits und glauben Sie mir, "unterprivilegiert" ist ein fast zu softes Wort für die Verhältnisse, wie sie damals in der Inner City herrschten. Die Belleville Three, die Sie nennen (Atkins, Saunderson, May) waren eine krasse Minderheit in einem weißen Vorort, Belleville eben, sind dann aber nach der High School sofort (im Fall von Atkins: zurück) nach Detroit gezogen. Diese Fragen behandle ich übrigens etwas ausführlicher in einem einstündigen Radiofeature für den Bayerischen Rundfunk, das ab de 12.2. 20.05 online verfügbar sein wird. Ich wünsche einen schönen Tag und danke für die Aufmerksamkeit!
Verzeihung Mueller! Sie als Denglish- und Detroit-Experte meinen mit "Inner City" sicher den Begriff "downtown", oder?!? Ich hoffe das war "soft" genug formuliert!
Papazaca 13.02.2019
5. Ein Vorschlag zu "Abgehört - neue Musik
Neue Musik vorzustellen ist sicher eine gute Idee. Obwohl ich oft schon das Gefühl habe: 10 Schuss ein Treffer, bzw. habe ich oft das Gefühl, das wir von manchen dieser Interpreten nie wieder was hören wird . Ich habe jetzt bewußt das Wort obskur nicht benutzt. Jetzt ein Vorschlag, der nicht neu ist, aber bewährt. Warum können nicht, Arbeitstitel "ALTES UND NEUES" Klassiker der Rock-und Popgeschichte vorgestellt werden und dazu zwei Neuerscheinungen? Also beides, aktuelle Reviews und Reissues. Das kommt auch den Musikfreunden entgegen, die Cash, die Rolling Stones, Bob Dylan, die Beatles, Elvis Costello, Pink Floyd oder Neil Young hören wollen. Das schließt natürlich neueres wie Arcade Fire, Jay Z mit ein. Ich fände diesen Kompromiss für viele Leser und Hörer interessanter. Bin gespannt, ob es Euch von SPON eine ernsthafte Überlegung wert ist. Ihr denkt doch auch an den Leser/Hörer und wollt doch nicht an zu starren Konzepten festhalten, oder?
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