Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Jessie Ware geht mit Hauch und Hall ins zweite Album - hören Sie es hier komplett vorab! Unheiligen Halloween-Grusel verbreiten Scott Walker und Sunn O))) auf ihrem gemeinsamen Werk "Soused". Außerdem: Jackson Browne! Weezer!

Von und Jan Wigger


Jessie Ware - "Tough Love"
(Island/Universal, ab 17. Oktober)

"Wifey for lifey" stand auf kleinen weißen Zetteln, die sich Jessie Ware auf ihre Hochzeitsschuhe geklebt hatte, als sie Ende August auf der griechischen Insel Skopelos ihre Jugendliebe Sam Burrows heiratete. Wie süß. "Tough Love", so stand es in der britischen Boulevardpresse zu lesen, ist nicht nur der Titel ihres zweiten Albums, sondern auch die Inschrift in ihrem Ehering. Daraus lässt sich ableiten: Frau Ware gibt sich gerne mit Leib und Seele der Vermählung hin, ist sich aber bewusst, dass die Liebe auch nicht immer nur "sweet", sondern auch mal "tough" werden kann. Emanzipatorischere Statements sind von der bisher vor allem in England populären und erfolgreichen Sängerin aus London eher nicht zu erwarten. Macht ja nichts. Schon ihr Debüt "Devotion", das sich ungewöhnlich lange für ein Album in den Charts hielt, bestach eher durch klassische Schmacht-Posen und Liebt-er-mich-liebt-er-mich-nicht-Balladen, darunter das nett klimpernde "Wildest Moments" und die an Achtziger-Pophymnen angelehnte Single "Running".

Genau dort setzt auch "Tough Love" an, gewidmet (im Booklet) ihrem Sweetheart Sam. "Can't wait to marry you", steht da zu lesen. Sehr verwirrend: Das hätte man zur Album-Veröffentlichung durchaus noch mal updaten können, die Hochzeit ist ja nun schon ein paar Monate her. Im Titelsong, den Ware eine Oktave höher singt als sonst, also in einem Beinahe-Falsett, das an FKA Twigs oder frühere La-Roux-Singles erinnert, wird klar, was Jessie wirklich mit "Tough Love" meint, nämlich das schmerzliche Vermissen des Lovers: "In the middle of the night, all I think about is you". Die schöne Sade-Hommage "Sweetest Song" schwingt sich zum Refrain in einen Funk-Groove, zu dem Ware singt, sie könne den Song ihres Liebsten für immer hören und singen: "I could hear your song forever". Liebe als Ohrwurm, wenn das mal keine originelle Text-Idee ist!

Weniger elegant ist leider die aktuelle Single, die Ware gemeinsam mit Pop-Sänger Ed Sheeran schrieb, was dann auch entsprechend radiobieder klingt: "Say You Love Me", nicht zuletzt durch das Afrochor-"König der Löwen"-Finale, ist die perfekte Shopping-Mall-Hymne für die Weihnachtszeit, passt super zwischen "Do They Know It's Christmas" und Melanie Thorntons Coke-Klassiker "Wonderful Dream", brrrr. Ja, ist schon so: Indie, alternativ oder clubby ist Jessie Ware beim besten Willen nicht mehr zu nennen, auch wenn das Produzentenduo BenZel (Benny Blanco und Two Inch Punch) sich alle Mühe gibt, die Verknalltheiten ihrer Klientin mit möglichst viel kühlem und coolem Gebimmel und Geräusch auszustatten, so dass alles schön zeitgemäß klingt. Am Ende bleibt "Tough Love" doch nur ein modernes Pop-R&B-Album, das sich textlich dem Romantik-Mainstream und musikalisch den Plastik-Sounds und E-Drums der Achtziger hingibt. Das ist also weniger quirky Elektro à la Banks, sondern die in Hall und Hauch gelegte Ergänzung zu Adele und Emeli Sandé. Aber solange jeder einzelne Song von "Wifey" Ware (ja, am Ende auch die Sheeran-Koop) so zu berühren vermag, ist dagegen nichts, rein gar nichts einzuwenden. (7.5) Andreas Borcholte

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Scott Walker + Sunn O))) - "Soused"
(4AD/Beggars/Indigo, ab 17. Oktober)

Sagt jetzt natürlich jeder, dass Scott Walker und Sunn O))) (gesprochen einfach Sun, wie Sonne oder die gleichnamige Verstärker-Marke) a match made in heaven oder besser: hell sind. Aber von alleine ist der Mann, der zu seinem heulenden Apokalypsengesang nun den dräuenden Drone-Sound von Stephen O'Malley und Greg Anderson addierte, nicht darauf gekommen, dass hier zwei Arten von musikalischem Wahnsinn nur darauf warteten, fusioniert zu werden. Es waren Sunn O))), die Walker von fünf Jahren ansprachen, ob er zu ihrem Album "Monoliths & Dimensions" gesanglich beitragen wolle. Walker, wahrscheinlich mal wieder in mittelalterliche Schriften über Teufelsaustreibungen oder Daumenschrauben-Folter vertieft, meldete sich nicht. Bis er sich dann doch meldete - und die Drone-Meister seinerseits um Kooperation bat.

Das Ergebnis ist angemessen höllisch, aber bei Weitem nicht so schwer verdaulich wie Walkers letztes Solo-Werk "Bish Bosch", dafür aber auch weniger unterhaltsam. Denn was durch den Austausch des Elektro-Instrumentariums oder Orchesters durch die statischen Gitarrenoszillationen Sunn O)))s geschieht, ist letztlich die Reduktion des Walker'schen Rezitierens obskurer Leidensverse auf etwas schon fast meditativ Sakrales. Das stete Dröhnen der Gitarren wird zum Orgelersatz, der Sound zum alles umarmenden Kokon, was die Suggestivkraft dieser irren Musik faszinierend verstärkt. Man ist buchstäblich versunken, umhüllt von "Soused", wie es der Titel ja auch verlangt: "Soused", das kann "übergossen" oder "durchtränkt" bedeuten, aber auch "eingelegt" wie Matjes.

Angeblich war es Walkers Anliegen und Auftrag an Sunn O))), möglichst wenig episch zu klingen, was dann gleich im ersten der fünf Stücke wieder einkassiert wird. Epischer als der Anfang von "Brando", das sich mit den vielen Schlägen, die Marlon Brando in seinen Filmen einstecken muss, beschäftigt, geht nämlich nicht. Eine Slash-würdige Gitarre untermalt ein huldvolles Anheben Walkers: "Ah, the wide Missouri" . Erst dann trudelt es hinab in ein von Peitschenschlägen gesäumtes Brodeln und Bruddern, das an einen frühen Carpenter-Soundtrack erinnert. Mit spitz nadelnden Gitarren-Attacken wie einst bei den frühen, guten Nine Inch Nails. Aber das sind, natürlich, nur hilflose Referenzen.

Seltsam zugänglich erscheinen die Themen Walkers ausnahmsweise: "Herod 2014" ist ein Horrorfilm-Update der Weihnachtsgeschichte, in der eine Frau ihre (oder auch fremde) Babys vor Häschern vesteckt: "She's hidden her babies away." Passend dazu klingt die musikalische Inszenierung wie aus den abgründigeren Momenten des - nachhaltig großartigen - "Jesus Christ Superstar"-Soundtracks entnommen. Und im Hintergrund bimmelt, gerade noch zu hören unter all dem Gedrommel, ein helles, sehr enervierendes Glöckchen.

Diesen Sublimierungstrick wendet Walker im letzten Stück, einer Hommage an den Renaissance-Komponisten William Byrd namens "Lullaby", gleich nochmal an: Ein außerweltliches klackerndes Ticken rattert durch das albtraumhafte, neunminütige Schlaflied, dazu singt Walker so schön schief wie sonst nur der Grinch: "Why don't minstrels go from house to house, howling songs the way they used to?" Tja, man fragt sich. Ein Meisterwerk, kein Zweifel. (9.0) Andreas Borcholte

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Jackson Browne - "Standing In The Breach"
(Rykodisc/Warner, seit 3. Oktober)

Oktober 2014 und es nimmt kein Ende mehr. Im Wochenrhythmus werden meine Alltime-Favourites durchgejagt: Stevie Nicks, ausführliche, handschriftlich verfasste Berichte von den Kate-Bush-Konzerten in London (so envious!), jetzt auch noch Jackson Browne (keuch), und das Tolle daran ist ja: Der gemeine Melt!-Festival-Gänger hat nicht die geringste Ahnung, worüber wir hier gerade reden. Deshalb heute auch keine Selbstgespräche über die unendliche Bedeutung von "Running On Empty", "Late For The Sky", "The Pretender" und "Jackson Browne" (#papawarstduauchmaljung?), stattdessen ein Zitat von Peter Handke: "Hätte ich nicht einmal den ganzen Tag im Haus bleiben sollen, nichts tun als wohnen? Das Glücken des Tags mit purem Wohnen? Wohnen: sitzen, lesen, aufschauen, in Nichtsnutzigkeit prangen. Was hast du heute getan? Ich habe gehört. Was hast du gehört? O, das Haus."

Denn es herrscht eine gewisse Leere in "Standing In The Breach": Das "I Am Legend"/"Die letzten Glühwürmchen"-mäßige Cover ist billig und verkitscht, "The Long Way Around" soll wohlig an "These Days" erinnern (weshalb es auch exakt so beginnt wie Nicos phantastische "Chelsea Girl"-Version von Jacksons Song), und zwischen der Strophe von "Here" (das man schon aus "Shrink" mit Kevin Spacey kennt) und der Strophe von Tori Amos' "Silent All These Years" gibt es nicht den geringsten Unterschied (Hommage? Totale Erinnerung? Diebstahl?). Andererseits ist das beinahe ein halbes Jahrhundert alte "The Birds Of St. Marks" enthalten, einer von Brownes allerschönsten Songs, dessen endgültige Fassung man auf "Solo Acoustic Vol.1" finden kann.

Musikalisch ist "Standing In The Breach" über jeden Zweifel erhaben, Lap Steel, Pedal Steel ("Leaving Winslow"!), die harmony vocals (mit Jonathan Wilson) und der Mann am Klavier. Doch drei, vier Stücke sind zu lang geraten, obgleich Browne den Platz für die Weltanklagen, die Beschreibungen des Elends auch braucht: "They've got subsidies for billionaires/ There's a bailout for the banks/ A monopoly on medicine/ And a sale on armored tanks". Eine etwas zu routinierte Jackson-Browne-Platte? Vielleicht. Aber die Alternativen kennen Sie ja. (6.7) Jan Wigger

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Weezer - "Everything Will Be Alright In The End"
(Republic/Universal, seit 3. Oktober)

"My lonely girl/ So baby come on/ I know how to dance/ And I am the only one who ever takes a chance/ Give it a try/ You're not gonna die/ Unless you refuse to live and hide away tonight/ I'm lonely/ So homely/ Can't you relate?/ Open your arms/ And let me come in/ I'd never hurt you girl cuz that would be a sin." Ja, das wäre allerdings eine Sünde, Biebs, denn she's so fine und immerhin mögt ihr beide dieselben ... wait a second! Diese deepen Lyrics sind gar nicht von Justin Bieber, sondern von Rivers Cuomo?!

Tja Leute, ihr habt euch vertan, schon wieder kein neues "Pinkerton", aber was habt ihr auch erwartet, Kaká hat doch nach Milan auch nie wieder was gebracht, dann lieber schnell verglühen, bevor man irgendwann zu Kraftklub wird, die schon vor dem Release ihrer zweiten (!) CD Konsolidierungs-Statements zum Gruseln herausgaben: Der Stil "darf auch bloß nicht so sehr verändert sein. Das erwarten die Fans von uns". (Stellen Sie sich jetzt vor, Steve Reich, Arvo Pärt oder Glenn Branca hätten das gesagt!).

Gleichwohl bin ich nicht bereit, in die Jammerarien um "Everything Will Be Alright In The End" (glaubt Rivers auch an die Zahnfee?) einzustimmen: Für eine Band, die schon so lange auf Autopilot fährt, fallen doch immer wieder ein paar nette Melodien ab, hier "Eulogy For A Rock Band", "The British Are Coming" und "Go Away". Die "Think of how destroyed he feels"-Stelle in "Foolish Father" ist natürlich "Feel Good Inc." (Gorillaz), und die dreiteilige Suite "The Futurescope Trilogy" schrecklich, aber ich komme gegen meine eigene Geschichte mit dieser Band einfach nicht an. Deshalb lobe ich Rivers Cuomo vor allem für zwei Dinge: Er dankt in den credits all seinen Ärzten, namentlich. Und er hört Cheap Trick, Ratt, Def Leppard, Van Halen, Poison und Mötley Crüe wirklich, thank God! Also auch in Zukunft keine doofe "heartbreaking, bare-boned folk ballad version" von "Stargazer" oder "The Trooper". Seht es ein: Weezer sind wie wir (mit 19). Akzeptieren und den Swag aufdrehen. (5.9) Jan Wigger

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
grandelfe 14.10.2014
1.
Row, Action Bronson auf der 1! Scheint ja so, als ob Hip Hop und R&B endlich bei euch angekommen sind. Also, kurz vor der Rente doch noch groovy. Wenn jetzt noch Schelllack-Helden wie Jackson B.& Co. rausfliegen, dürft Ihr auch mal an das Mischpult;-)
sucramotto 14.10.2014
2. Jackson Browne
Das neue Album von Jackson Browne ist einfach wunderbar. Es hat etwas gedauert, bis ich mich reingehört habe, aber seit dem ist es umso schöner. Die alten Haudegen zeigen es den jungen halt immer mal wieder, wie Singer/Songwriter-Musik zu klingen hat. Anfang des Jahres Springsteen, dann Tom Petty, zuletzt das großartige neue Album von John Mellencamp und jetzt eben JB. Mal sehen, ob auch Bob Seger mit seinem neuen Album, das heute erscheint, da mithalten kann.
fraumüller 15.10.2014
3. Wann
... werden es die ach so gebildeten Herren Plattenkritiker endlich kapieren, dass weezer so geschrieben wird? Also mit kleinem w am Anfang. Das hat auch Rivers Cuomo schon vor gefühlten 30 Jahren so gesagt und es sollte vor allem für Mitglieder der schreibenden Zunft doch kein Problem sein, sich an die Konvention zu halten. Echt jetzt mal.
tony.cooke.1042 21.10.2014
4.
get up and do it agaijn
nicola.bardola 01.11.2014
5. Jackson Browne & Tori Amos
Stimmt schon, im Intro perlt Jacksons „Here“ ähnlich wie bei Toris „Silent all these years“. Danke für den Hinweis. Aber danach weicht es schon weit davon ab. Und „Here“ meint bei Jackson wirklich „hier“. Tori hört: „Yeah, I can hear“. Die Lyrics haben nichts miteinander zu tun. Und normalerweise bedienen sich ja die anderen bei Jackson (Kate-Bush-Klon Tori sowieso). Ich frage Jackson am Mittwoch in Berlin, wie das mit Tori war.
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