Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Halleluja! Leonard Cohen zeigt, dass religiöser Diskurs funky sein kann. Hören Sie "Popular Problems" hier komplett. Auch Jens Friebes neue Platte streamen wir vorab! Außerdem: Hipster-Murks von Alt-J und kristalliner Pop von Tops.

Von und Jan Wigger


Leonard Cohen - "Popular Problems"
(Columbia/Sony, ab 19. September)

"There's torture, and there's killing, and there's all my bad reviews… it's almost like the Blues", raunt Leonard Cohen heiser in "Almost Like The Blues", einem jener mokanten, nichts und alles ernst nehmenden Lied-Monumente, die er sich in langen Stunden abgerungen hat, in Ketten gelegt im Tower of Song, versteht sich. Bad reviews? Ein Witz, natürlich. Ein Methusalem wie Cohen ist längst über jede Kritik erhaben, hätte es sie denn überhaupt gegeben in den letzten 20 Jahren. Um rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag veröffentlichen zu können, hat der personifizierte Writer's Block sich richtig ins Zeug gelegt: Nur zwei Jahre sind seit seinem grandiosen letzten Album "Old Ideas" vergangen.

Aber wer vielleicht erwartet hat, dass in so kurzer Zeit kein Meisterwerk auf das vorherige folgen kann, der irrt: "Popular Problems" ist ein weiterer Triumph der Lakonie, des lustvollen Haderns mit theologischen wie amourösen Fragen, mit Himmel und Hölle.

Leonard Cohen - Album-Prelistening
Ein Narr indes, wer glaubt, dass Cohen linear arbeitet. Einige der Songs auf "Popular Problems" sind Jahrzehnte alt, "Born In Chains" zum Beispiel, der einzige auf dem Album, der nicht in Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Musical Director Patrick Leonard entstand - und gleichzeitig der einzige, mit dem Cohen, wie er dem "Guardian" sagte, immer noch nicht hundertprozentig zufrieden ist. Angeblich arbeitet er sich seit 40 Jahren an dem Song ab, schrieb ihn immer wieder um. Worum es darum geht? Um Cohens ewig von Zweifeln und Hiobscher Skepsis geplagtem Verhältnis zu Gott natürlich, und so richtig im Reinen ist er immer noch nicht. Das säkularere "A Street" entstand in erster Fassung bereits nach dem 11. September 2001 in New York. Es enthält die beklemmende wie tröstliche Coda: "The party's over/ But I've landed on my feet/ I'll be standing on this corner/ Where there used/ To be a street"

Das inhaltlich der Liebe gewidmete Doppel "Did I Ever Love You" und "My Oh My" ist fast zu schlagerhaft konventionell, um gegen die konzentrierte, zumeist auf Bass-Groove, Orgel oder Piano sowie Backgroundchor reduzierte Grundstimmung des Albums bestehen zu können, beide wären verzichtbar gewesen. Umso stärker, sinistrer, diabolischer gibt sich Cohen in dem mit orientalischem Gesang angerichteten Soulfunk von "Nevermind": "I live among you, well disguised", haucht er zum Schluss, als wäre er, der Exeget kabbalistischer Mystik, ein Sleeper-Agent, der immer noch darauf wartet, aktiviert zu werden, um erst Manhattan, dann Berlin zu erobern.

Ebenso fiebrig und seelenvoll sind das bereits erwähnte "Almost Like The Blues" und "Slow", eine mild ätzende Absage an alle, die den greisen Grandseigneur, bereits in Grabesnähe wähnen: "It's not because I'm old/ It's not what dying does/ I always liked it slow/ Slow is in my blood." Gott, wenn es ihn denn gibt, darf sich also mal wieder das Weißhaar raufen ob all der Probleme, die sein ergrautes Schäfchen Leonard hier wälzt, ein seit fast 50 Jahren andauernder Dialog mit sich selbst, dem Schicksal und dem Glauben. Möge er ihm, dem launigen Diskutanten, den Himmel noch lange verwehren. Und wenn er noch so laut "Halleluja" singt. (8.8) Andreas Borcholte

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Jens Friebe - "Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus"
(Staatsakt/Rough Trade, ab 19. September)

Es war die Nacht, in der Jens Friebe mich rettete. Der Tag war anstrengend, und die neue U2-Platte anscheinend umsonst auf irgendeiner i-Uhr erschienen, statt im Laden erhältlich zu sein. Zudem hatten Tokio Hotel, eine meiner Lieblingsbands, endlich "Run, Run, Run" online stellen lassen, ein erstes Lebenszeichen aus ihrem kommenden Kracher "Kings Of Suburbia". Der Song klingt so, wie ich mir die Musik von SOHN, Alt-J oder Perfume Genius vorstelle, und wüssten die sanften Undercut-Krieger nicht, dass es sich um TH (wie wir Altardiener sie nennen) handelt, könnte es ihnen sogar kurz gefallen, bevor sie nach der Auflösung ganz schnell doch noch ihr Gesicht verziehen. Und: Blumfeld in der Hamburger Markthalle, "wie Stagediving in der Oper", und ich denke: Jochen!, wunderbar, aber ohne Lorazepam und Alkohol überfordernd, überall Menschen. Nun gut, einen Versuch war es wert.

Um 2:14 Uhr morgens dann kam die Zeit für "Nackte Angst zieh dich an wir gehen aus" (ohne Komma): Einige Wochen lang hatte ich nur die chansonesken Balladen gehört, und nimmt man alle Friebe-Alben zusammen, gehören das verführerische Titelstück, "Schlaflied" und das traurige "Zahlen zusammen gehen getrennt" zu Friebes abendlichsten, schönsten, schwarzromantischsten Erzählungen seit "Wenn man euch die Geräte zeigt" oder "Was es will".

Jens Friebe - Album-Prelistening
Friebe geht dorthin, wo die anderen noch nicht waren, er hat den Giftbecher schon in der Hand, und wer daraus trinkt, weiß nicht so genau: Ist das noch Wodka Red Bull oder schon Blut? Die Pop- und Elektro-Tracks (die ein paar Orte verhandeln, an denen wir niemals sein wollten) sind gut, doch nicht so fulminant wie die unglaubliche Adaption der Momus-Moritat "What Will Death Be Like": "Der Tod wird nicht sein wie Fernsehen/ Wie Leben aus Zuschauersicht/ Der Tod wird nicht sein wie die Reise buddhistischer Motten ins leuchtende Nichts/ Der Tod wird nicht sein wie die schimmernde Stadt/ Aus einem Gramm Rauschgift gebaut/ Der Tod wird nicht sein wie das Schaufenster/ Aus dem der Sarg auf die Frau mit dem Trauerflor schaut." Friebe hören, und danach die Walker Brothers: After the lights go out/ What will I do? Nur die besten Menschen stellen auch die wichtigsten Fragen. (7.5) Jan Wigger

tape.tv - Jens Friebe - "Nackte Angst zieh Dich an, wir gehen aus"

Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus von Jens Friebe auf tape.tv.

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Alt-J - "This Is All Yours"
(Pias/Cooperative/Infectious/Rough Trade, ab 19. September)

Kollege Wigger hätte mir ja beinahe die Freundschaft gekündigt, als ich ihm sagte, dass ich das neue Album von Alt-J besprechen würde. Nicht, dass er stichhaltige Argumente hervorgebracht hätte, das ist ja nicht seine Art. Vielmehr schickte er mir auffällig viele Alternativvorschläge, welche zeitgleich erscheinenden Alben ich denn stattdessen besprechen könnte - macht er sonst nie, denn für ihn, den ausgefuchstesten aller Hipster, den Großmeister des sorgsam zelebrierten ennui, ist ja neue Musik generell "Hipsterkram", der nicht, wie beispielsweise Fleetwood Mac, für die Ewigkeit konzipiert ist. Ergo unwichtig.

Das Debüt-Album von Alt-J, vor zwei Jahren veröffentlicht, war seltsamerweise vielen Leuten sehr wichtig. Eine Tatsache, die auch ich bis heute nicht so richtig verstanden habe. Die US-Kritikerin Laura Snapes brachte meine instinktive, aber diffuse Ignoranz gegenüber "An Awesome Wave" damals ganz schön auf den Punkt: "Strip all extraneous sparkle and amplification away, and the songs are exposed for the draining, elongated MOR tunes they really are". Kurz: Streich das ganze pseudo-experimentelle Gebimmel und Geklöppel weg, und es bleiben längliche, anstrengende Sensibel-Popsongs übrig, wie sie auch von Radio-Darlings wie Milow oder Gotye stammen könnten. Sie trugen griffige Titel wie "Tesselate", "Fitzpleasure" oder "Breezeblocks" und wurden im Zuge des von England ausgehenden Alt-J-Hypes von Mumford & Sons und Miley Cyrus gecovert.

Alt-J: "Hunger Of The Pine"

Hunger Of The Pine von Alt-J auf tape.tv.

Letztere wird dann auch brav in der neuen Alt-J-Single "Hunger Of The Pine" mit ihrem Song "4x4" gesampelt, was zusammen mit dem allgemeinen Lehnen des Liedes an "Unfinished Sympathy" einen ganz angenehmen Massive-Attack-Effekt ergibt. Aber da ist man dann auch schon bei den zahlreichen Problemen des zweiten Alt-J-Albums: Zwar wurde die teils aufdringliche Pophaftigkeit des Debüts demonstrativ gedrosselt und mit flächigeren, ambienten Arrangements verbrämt, dennoch will sich partout kein originärer Sound ergeben: Kein Wunder, dass Alt-J, aus Leeds stammend, jetzt in der Uni-Stadt Cambridge residierend, mit Radiohead verglichen wurden; das heisere Heulen von Sänger Joe Newman erinnert ohnehin sehr an Thom Yorke, und wenn ein Pop-Song mal aus dem gewohnten Muster aus Strophe/Refrain ausbricht, sich in Tempi- und Tonart-Wechsel verstrickt und gleichzeitig viel Hippiezeugs und orientalisches Folklore-Gedöns enthält, dann sind Prog- und Kraut-Referenzen schnell zur Hand, also auch Radiohead, wenn nicht Pink Floyd. Und dann werden scheinbar orientierungslos in unausgereiften Ideen stochernde Bands wie Alt-J mit denen in einem Atemzug genannt.

Dabei ist ja nichts wirklich schlecht auf "This Is All Yours", es passt nur erschreckend wenig zusammen: Die lose Klammer "Arrival In Nara", "Nara" und "Leaving Nara", die offensichtlich touristisch-spirituelle Erfahrungen in der mythischen Tempelstadt im Süden Japans mit passend ätherischer Klang-Atmosphäre verarbeitet, kollidiert mit eher bräsigen tongue-in-cheek-Balzgesängen wie "Left Hand Free", "Pusher" und "Every Other Freckle" oder willkürlich gesetzten Interludien mit keltischem Geflöt wie "Garden Of England" oder bombastischen Dub-Hymnen wie "The Gospel Of John Hurt" - übrigens eine Würdigung der berühmten Brustsprengung des britischen Schauspielers in "Alien", was man aber musikalisch nicht nachvollziehen kann. Als Kitt und Mittel zur Sinnlichkeitserzeugung muss dann wieder viel zart gehauchtes "Hu-Hu" von Newman sowie das bereits bekannte fragile Gebimmel und verhallte Glocken-Geläut sowie im Hintergrund sehnende Stopf-Bläser herhalten. Mehr Ahnung davon, wer Alt-J eigentlich sind und was das alles soll, vermittelt das alles nicht. Dennoch reicht verkünsteltes Blendwerk wie dieses offenbar aus, um als innovativ, komplex und wahnsinnig deep bejubelt zu werden. Dabei ist es kaum mehr als Coldplay in clever. Und das, lieber Jan, das muss man den Leuten doch sagen! (5.5) Andreas Borcholte

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Tops - "Picture You Staring"
(Arbutus/Cargo, seit 5. September)

Manchmal, man könnte auch sagen: meistens, braucht es nicht viel, um pure Glückseligkeit zu erzeugen. In "Sleeptalker", einem der besten Songs des Jahres, reicht dafür ein im Hintergrund sachte raschelnder Schlagzeug-Besen, ein leicht taumelndes, endlos repetiertes, jedoch nie gleich klingendes Gitarrenlick - und die verhallte, bittersüßliche Stimme Jane Pennys. Völlig egal, was sie da von Tagträumen erzählt, das Lied nimmt einen mit auf die Reise in einen dieser trägen Sonntagnachmittage im Spätsommer, wenn man den Staubpartikeln beim Tanzen im fahlen Sonnenstrahl zusieht - und die Zeit sich erbarmt, indem sie kurz, ganz kurz, nur für einen langen, seufzenden Atemzug, innehält.

Atmen, das kann man durch die wundersame Musik von Tops hindurch. Die Band aus Montreal macht eigentlich Punk und entstammt der kanadischen DIY-Szene. "Picture You Staring", das zweite Album, bewahrt den Underground-Spirit, zumal hier alles, bis hin zu orgiastisch wabernden Orgeln und Moogs, handgemacht und charmant verwackelt ist. Umso perfekterer Pop sind jedoch die Songs, die dem Sixties-Girlpop und dem Glitzerpop der Achtziger verhaftet sind. "Outside" klingt wie Berlins "Take My Breath Away" auf Prozac, "Easier Said" ist Steely Dans zerebraler Funk gekreuzt mit Sades Sweetness. "Blind Faze" ist einer dieser Replacements-Songs, auf die Paul Westerberg nie gekommen ist: perlend, jubilierend, stürmend und drängelnd, gesungen mit entrückter Melancholie: "searching for somebody to understand".

Tops - "Way To Be Loved"

Way To Be Loved von TOPS auf tape.tv.

All das, auch den vertrackten Basslauf von "Circle The Dark" und die Belle-&-Sebastian-Gitarren von "Superstition Future", hat man schon mal irgendwo gehört, im Zweifel von Green Gartside. Aber selten in so kunstvoller Reduktion. Hier geht es um mehr, als nur zeitgeistig den Pop der Achtziger zu zelebrieren, hier will jede Note, jedes Riff, jeder Sound einzeln ausgekostet und auf einem Altar dargeboten werden. Pure bliss. (7.7) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
MiniMoogMe 16.09.2014
1. @Sam_Dicamillo
Sie sollten sich schämen!
freddykruger, 16.09.2014
2. @MiniMoogMe
volle zustimmung zu deinen post.
ray05 16.09.2014
3.
In den Staub mit dir, Sam Schlumpf.
ichbinsdiesusi 16.09.2014
4. ...
Egal, was Kritiker sagen: Für mich macht die Aura eines Leonard Cohen eben das "Nicht-Singen" aus. Für mich ist er ein Poet, der genau das tut ...seine "Gedichte" vertonen - und das auf eine Art und Weise die sehr wohl hörbar ist. Ich mag es, wie er seine raue Stimme gekonnt einsetzt und sich auch optisch vom Mainstream abhebt. Der Mann hat Stil - etwas, das man heutzutage kaum noch findet. Während ich bei einem Mick Jagger ernsthaft überlege, ob ich nicht den nächsten Kübel aufsuchen soll, da er einfach zu alt ist, für das, was er tut, könnte ich Herrn Cohen über Stunden zuhören und zusehen - einfach weil mich dieses Unaufdringliche so fasziniert. Aber was soll's ... Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Nachtrag: Wunderbar auch die Cohen'sche Rezitation von Simon & Garfunkels "Sound of Silence"
kaiserfj 19.09.2014
5. Musikalisches Verständnis....
...wäre hier natürlich von Nöten um die Musik von der Größe einer Band wie Alt-J zu verstehen. Halt sich nach einiger Eingewöhnungszeit deren erstes Album "An Awsome Wave klammheimlich in meine Top 10 der All-Time-Favorites geschoben, so habe ich nach ihrem zweiten Album den Verdacht, dass es dort, sollte die Qualität der Band-Outputs so weiter gehen, sehr eng für andere Scheiben werden!
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