Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Das neue Album von Mutter klingt lieblich und getupft, berührt aber mit Beiläufigkeiten. Für Interpol muss Kritiker Jan Wigger das Betrachten von "Schwiegertochter gesucht" unterbrechen. Und Lary ist klug, originell - und auch noch cool.

Von und Jan Wigger


Mutter - "Text und Musik"
(Clouds Hill/Rough Trade, ab 12. September)

Manchmal, wenn ich mich wieder mal fühle wie Frederick aus Woody Allens "Hannah And Her Sisters" oder wie Udo Lindenbergs Seemann, der nicht mehr fährt, erscheint eine neue Mutter-Platte, und Max Müller, der so klar, nahbar und direkt textet und Manierismen wie Metaphern meidet, flüstert mir ganz leise etwas zu: "Ein ständiges Schwanken/ Ein Rudern mit Armen/ Angst vorm Ertrinken/ Ich nehme sie dir/ Kostet es Nerven/ Wahrhaftig und klar/ Das auszusprechen/ Was die Furcht auslöst/ Ist kein Verbrechen/ Du wirst nicht bestraft." Das Lied heißt "So viel Platz", und es fließt so gleichmütig und verlockend vor sich hin - erst ganz zum Schluss gibt es ein bisschen Gitarren-Feedback und Entgrenzung: "Ich wachse ständig/ Du läufst ein/ Zu einer Form, die zu mir passen will."

Ohnehin gibt es auch die lärmende, ätzende Band Mutter (hier bei "Fehler" oder "Ich will nicht mehr als das") nach wie vor, doch große Teile von "Text und Musik" klingen so lieblich, getupft und "hörbar" (sage nicht ich, sagt meine Nachbarin) wie wenig nach "Hauptsache Musik". Und ist das nicht schon 20 Jahre her? Noch viel weiter zurück geht es mit dem neuen Material: Ja, kann sein, dass man in "Am Abend" die mittleren Kante oder die späten Blumfeld zu entdecken glaubt und "Wer hat schon Lust so zu leben" (ein bestechender Abriss über die Lebensbedingungen von Sinti und Roma und das Desinteresse, die Abneigung, mit denen man ihnen begegnet) exakt so beginnt wie Interpol, aber das ist Faulheit: Der Soft-Rock von Al Stewart und der amerikanische Radio-Pop der späten Siebziger ist ebenso zu nennen.

In diesem Zusammenhang das absolute Glanzstück von "Text und Musik": "Ihr kleines Herz". Vielleicht hat mich seit "Boeckhstr. 26" kein Mutter-Song mehr so tief berührt, vor allem die Beiläufigkeiten, elf Wörter nur: "Zehn vor sechs/ Was für ein Glück/ Dass er sie braucht." Und wie furchtbar wäre es, bräuchte er sie nicht? Der große Tex Rubinowitz hat es im Juni dieses Jahres mustergültig formuliert: "Keine neue Platte von Mutter ist vorhersehbar. Ihre Wucht ist schleichend, ihre Wirkung aber direkt. Ist die Platte aus, hat man Angst, sich an sie zu erinnern." Denken Sie darüber nach. Denn wenn Sie gehen, sind Sie erledigt. (8.5) Jan Wigger

Best-of "Abgehört"

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Interpol - "El Pintor"
(Soft Limit//Pias/Cooperative/Rough Trade, seit 5. September)

Es war eine der schönsten, ja schwungvollsten "Schwiegertochter gesucht"-Folgen der letzten Jahre: Man war bewegt, staunte und lernte - wie immer - neue Wörter kennen: "Ich hatte den Eindruck eines lebensfrohen Menschen, das hat mich auch sehr inspiziert." "Sie ist hier schon voll intrigiert." "Na, jetzt aber noch den Drink aufschürfen, ne?" Es nahm kein Ende mehr, doch dann meldete sich mein Freund, Mäzen und Förderer per Telefon. Borcholte: "Interpol und ich haben uns nichts zu sagen." Das hatte ich bereits geahnt, hatte ich über die ersten vier Interpol-Alben doch stets selbst schreiben müssen, wie langweilig das für die Leser gewesen sein muss, ständig dieses kriecherische Abkulten, um am Ende doch wieder einzuschränken: "Selbstredend nicht mehr so brillant wie 'Turn On The Bright Lights' und 'Antics'!"

Dabei finde ich "Antics" gar nicht so genial (trotz "Take You On A Cruise" und "Not Even Jail"), das Ding war mir immer etwas zu "hittig" und kompakt, und den Zenit als Band erreichten Interpol ja erst mit "Pioneer To The Falls", auf "Our Love To Admire" also, unterschätzt bis heute, trotz der vielen Tiere auf dem Cover und im Booklet.

Nun erscheint "El Pintor", und selbst ich muss Borcholte recht geben: Wer will ein weiteres Mal darüber lesen, dass die neue Interpol "erstaunlich druckvoll", "homogen" und "atmosphärisch", ja gleichsam "im Breitwandformat" durch die Boxen "tönt", wer schon wieder erfahren, dass Carlos D., mit dem Sam Fogarino seit fünf Jahren kein Wort mehr gesprochen haben will, "von seiner Präsenz her" (Axel Kruse) so wichtig war wie Ángel Di María für Real Madrid? Dass Paul Banks eine Schreibblockade hatte, den Bass jetzt selbst spielt, privat immer noch total viel HipHop hört und unbewusst total von seinen beiden Solo-LPs beeinflusst wurde? Also ich nicht. "El Pintor" klingt in jeder Sekunde nach Interpol, nutzt sich nur sehr langsam ab, und mit "Tidal Wave" gibt es auch wieder den beliebten Übersong. Wir zitieren J.B.O.: "Eine gute CD zum Kaufen!" (7.6) Jan Wigger

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Lary - "FutureDeutscheWelle"
(Chimperator/Sony, ab 12. September)

"Wenn Du nur online mit mir reden kannst, Alter, dann lies meinen Blog", motzte Lary Poppins vor einiger Zeit ganz allein in ihrem Bett liegend in ihrem Song "Bedtime Blues". Das klang ein bisschen wie eine nochmal extra erotisierte, musikalisch elektrifizierte Version von Alannah Myles' altem Lustschlager "Black Velvet" und begeisterte sogar Jan Delay. Der postete Larys Song auf Twitter und meinte: Aus der wird mal was. Nachdem die Düsseldorferin, jetzt Wahlberlinerin am vergangenen Wochenende den Nachwuchspreis des Berlin Festivals gewonnen hat, steht dieses Waswerden anscheinend kurz bevor. Dann müsste sich die 28-Jährige, die eigentlich Larissa Sirah Herden heißt, nicht mehr mit Modeln durchschlagen, sondern könnte ihre Brötchen endlich mit Musik verdienen. Sorry, kleiner Witz.

Ums Geld soll es ja aber in der Kunst auch nicht vorrangig gehen, und tatsächlich ist die Frage, wie kommerziell erfolgreich Lary mit ihrer selbstbewusst als FutureDeutscheWelle betitelten Musik sein kann, die trotz des blöden Namens ziemlich cool ist. Lary und ihr musikalischer Partner, ein Australier namens Will Russell mischen nämlich lasziv-hedonistische R&B-Texte mit Elektronikbeats, Dubstep und allerlei Klickerklacker, wie es zurzeit eigentlich nur in England und den USA gemacht wird, da heißt das dann Post-R&B, Protagonistinnen nennen sich zum Beispiel FKA Twigs oder Banks, über die hier bereits berichtet wurde. Zur nationalen Angelegenheit wird Lary, die lange in New York lebte, weil sie konsequenterweise auf Deutsch singt. Und das, mal ganz abgesehen von forsch blubbernden Neo-House-Tracks wie "Propeller" oder "System", die an die frühen, viel besseren GusGus erinnern, macht ihr Debüt-Album letztlich zu einer der interessanteren deutschen Pop-Veröffentlichungen des Jahres.

Larys Themen sind die typischen, pseudo-existenziellen Fragen der fast Dreißigjährigen, aber sie stellt sie auf eine kluge und originelle Art: "Wer liebt uns, wenn wir nicht mehr jung und schön sind?", heißt es in "Jung und schön", das frech die Tanz-auf-dem-Vulkan-Stimmung ihrer Generation entlarvt. Manchmal schrammt sie auch mal hart an der Peinlichkeit vorbei, vor allem, wenn Ryan Gosling erwähnt wird, der ja nie zurückruft, oder Zeilen wie diese vorkommen: "Ich will ein bisschen kaputt sein, stech' alle Piercings nochmal neu" ("Sturm und Drang"). Manchmal wird's auch einfach ein bisschen zu schlagerhaft und unelegant ("Lieder über Liebe", "Kryptonit"), aber vor allem die erste Hälfte des Albums ist ein für hiesigen Pop durchgängig unerhörter Sound. Cool und erfolgreich - das geht in Deutschland leider eher selten zusammen. Vielleicht, hoffentlich, bildet Lary, die ihre Heimat beim PR-starken Cro-Label Chimperator gefunden hat, eine Ausnahme. (7.0) Andreas Borcholte

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