Abgehört - neue Musik Endstation "Shopping Queen"

Die Subversion verdaut sich selbst: Selbst die Kulturkritiker des britischen Labels PC Music landen im Mainstream. Justice sind dort längst angekommen. Außerdem: Hochzeitsmusik und Kirchenblues.

Von , Jens Balzer, und Oliver Polak


Various Artists - "PC Music, Vol. 2"
(PC Music, seit 18. November)

Ein gebrochenes Herz ist nur selten von Vorteil: Das hat auch dieses atemlos-juvenil singende Mädchen erfahren. Es dachte, es sei frei, doch ist die Lage nun misslich. Seine Tränen fühlen sich wie ein Regenguss an, und an Schlaf ist schon gar nicht zu denken: "Teardrops feel like showers/ I thought I was free/ Lying awake for hours/ With just your broken flowers".

Blumen für eine Exfreundin, "Broken Flowers", heißt dieses hervorragende Stück von Danny L Harle, in dem unbeirrt gegen den Kummer geträllert wird. Und dies mit einer Melodie, die sich sogleich so flott im Gehörgang verhakt, als käme sie aus einer schwedischen Hitparaden-Liederschmiede. Doch entpuppt sie sich schnell als winziger Schnipsel, der irritierend oft und stoisch wiederholt wird; und je öfter dieser melodische Loop sich dreht, desto artifizieller und gefühlsloser, desto weniger mädchenhaft wirkt die Stimme.

"Broken Flowers" findet sich auf der neuen Kompilation des Londoner Labels PC Music; es war 2013 eines der ersten Stücke, die dort erschienen, und gab die Blaupause für dessen Ästhetik. Wie Danny L Harle pflegen die PC-Music-Protagonisten kompetent komponierte Charts-Melodien beispielsweise durch lästige Loops, hyperbeschleunigt stolpernde Beats oder backenhörnchenhaft hochgeschraubte Stimmen zu ruinieren. Der PC-Music-Betreiber A.G. Cook nennt als seine wichtigsten künstlerischen Einflüsse koreanischen Pop, den Stadionrave-Bumsmusikmeister David Guetta und den marxistischen Soulsänger Green Gartside alias Scritti Politti.

So wie letzterer in den Achtzigerjahren perfekte Pop-Hymnen schrieb, um mit deren Hilfe seine antikapitalistischen Botschaften einem möglichst großen Publikum zu unterbreiten, so wollen die Künstler von PC Music die Mittel des aktuellen Mainstreampop gleichermaßen nutzen und dekonstruieren. Sie wollen catchy Melodien schreiben und - wie in der automatisierten Wiederholungsschleife in "Broken Flowers" - zugleich die kulturindustrielle Konfektion offenlegen, die hinter dieser catchyness steckt.

Sie wollen die Geschwindigkeit der Musik derart übersteigern, dass sie als Zerrspiegel unserer rasenden Turbomoderne erkennbar wird. Sie wollen die heteronormativen Klischees im Blockbuster-Pop durch grelle Überzeichnung entlarven oder durch irritierende Ambivalenz - wie die Sängerin und Multimediakünstlerin Hannah Diamond, die mit niedlichem Pferdeschwanz und Domina-Lackleder "erwachsene" und "pubertierende" Formen der sexuellen Selbstpräsentation in unbehaglicher Weise verschränkt. Auf der Kompilation ist unter anderem ihr Song "Hi" zu hören, in dem sie sich mit naiver Stimme nach einer sexuellen Erfahrung außerhalb des Internet sehnt, also: in der dreidimensionalen Welt.

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Andere Künstler auf "PC Music, Vol. 2" heißen etwa Easyfun oder Girlfriend Of The Year und formulieren die Stumpfsinnigkeit ihrer turbobeschleunigten Rhythmen derart aus, dass diese auch bei einem EDM-Stadion-Rave nicht mehr stören würden. Das unterscheidet diese Kompilation von ihrer Vorgängerin aus dem Jahr 2015: Des Öfteren ist der subversive Gedanke jetzt derart sublimiert, dass er in der Mainstream-Mimikry ganz verschwindet.

Auch Danny L Harle steht inzwischen bei einem großen Schallplattenkonzern unter Lizenz und hat von diesem den Teenie-Star Carly Rae Jepsen zur Seite gestellt bekommen. In seinem neuen Song "Super Natural" verweist nur noch das Klangdesign der verfitzelten Hintergrundstimmen auf die Sperrigkeit früherer Produktionen. Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass die raffiniertesten Kritiker der Kulturindustrie sich in deren erfolgreichste Profiteure verwandeln. (8.1) Jens Balzer

Jens Balzer ist Redakteur im Feuilleton der "Berliner Zeitung" und hat zuletzt das Buch "Pop. Ein Panorama der Gegenwart" (Rowohlt Berlin) veröffentlicht.


Justice - "Woman"
(Warner, seit 18. November)

You've come a long way, Baby: Wie sehr einst als underground oder gar avantgardistisch gepriesene Dance- oder Elektro-Musik in den Pop-Mainstream eingeflossen ist, muss ich immer dann denken, wenn ich sonnabends am Nachmittag die Wochenzusammenfassung von "Shopping Queen" auf Vox gucke. Nur zu gerne unterlegt die - durchaus pfiffige - Redaktion die Damen-Hatz auf das zum Motto passende Teil mit einem nervösen Chemical-Brothers-Track, vorzugsweise "Go" vom letzten Album. "Safe And Sound" vom aktuellen Justice-Album "Woman" würde in so einem Format auch nicht weiter stören: Könnte man zum Endspurt einsetzen, wenn sich die Kandidatin, mit allen Accessoires ausgestattet, für den Laufsteg fertig macht.

Was das über die Musik von dem französischen Elektro-Duo Justice aussagt? Erstmal nur so viel, dass ein solcher Bedudelungseinsatz im Hintergrund eines nichtigen TV-Getändels mit einem Track wie "Stress" vom ersten Album "Cross" (2007) nicht möglich wäre, jener hektischen, Rhythmen und Grooves zerhackenden Klang-Scheuerbürste, zu der im Video willkürlich prügelnde Jugendliche in der Pariser Banlieue zu sehen waren. Mit Justice hielt die Distortion Einzug in das, was heute in US-Großarenen und Las-Vegas-Casinos als EDM gefeiert wird. Ohne "Cross" und den vor allem in Amerika zündenden Über-Hit "D.A.N.C.E." kein Skrillex und kein Monster-Subbass.

Mit dem Punk war aber bereits vier Jahre später auf "Audio, Video, Disco" (2011) Schluss, als bereits das Cover-Artwork an "Who's Next" erinnerte und sich in den Elektro-Boogie immer öfter elegischer Progrock schlich ("New Lands", "Helix"). Betrachtet man die musikalische Reise von Gaspard Augé und Xavier de Rosnay als Trip durch alle Spielarten der Siebziger, so sind die beiden, die gerne als "Daft Punk in tight Jeans" bezeichnet werden, inzwischen bei jenen Disco-Derivaten angekommen, die das Pariser Konkurrenz-Duo bereits vor drei Jahren mit "Get Lucky" und dem zugehörigen Album "Random Access Memories" geltend gemacht haben. An den Prog-Exzess von einst erinnert jetzt nur noch das sakral orgelnde "Heavy Metal". Es pumpen und slappen die Bässe, es singen die Engelschöre, es sehnen die synthetischen Streicher, dass es nur so schmatzt und schnalzt.

Dazu stellen Justice, die ewigen Rockfans, immer wieder sanfte Yacht-Rock-Kulissen auf ("Pleasure") und beweisen mit "Fire" ihre Liebe zu Steve Winwoods "Night Train", wobei sie damit dann schon fast in den Achtzigern angekommen wären. "Chorus" ist die Elektro-Pop-Entsprechung einer Rockoper und ebenso überkandidelt eklig, "Randy" klingt, als hätte man Jean-Michel Jarres "Equinox" mit einem fröhlich-naiven Ariel-Pink-Song fusioniert - der Höhepunkt eines Albums, das mit seinen positivistischen Disco- und Captain-Future-Grooves so wohlklingend umarmend daherkommt, dass man sich beim Tanz dazu in ein wärmendes, fluffig-leichtes Thermojäckchen verpackt wähnt.

Andreas Borcholtes Playlist KW 47
SPIEGEL ONLINE

1. Justice: Randy

2. The Weeknd: Party Monster

3. ADI feat. KDC: Dreamin'

4. TALA: Talk 2 Me

5. Hannah Diamond: Fade Away

6. Rayana Jay: Nothin' To Talk About

7. Sofi Tukker: Drinkee

8. The xx: On Hold

9. SOHN: Conrad

10. A Tribe Called Quest: We The People

Pophistorisch ist diese Rückbesinnung auf Tanzmusik-Tugenden und die funkelnden Edelpop-Sounds der Siebziger schwer einzuordnen, weil sich inzwischen mehrere Versionen eines seit Jahren andauernden Retro-Trends bereits gegenseitig verzehrt, verdaut und wieder ausgespuckt haben: Ist "Woman" mit seiner eklektizistischen Verschmelzung von Spaghetti-Western-Morricone, Bach-Oratorium, Giorgio Moroder, Quadrophenia und Flipper-Gedaddel (zu bewundern auf dem einzigen Nicht-Groove "Close Call") also ironisch-elegisches letztes Wort oder das erste Adult-Contemporary-Album einer älter werdenden Elektro-Szene? Die Musikredakteure bei RTL , Vox und ProSieben dürften in jedem Fall jubeln. (6.5) Andreas Borcholte


James Johnston - "The Starless Room"
(Clouds Hill, seit 18. November)

Der Blues, immer wieder der Blues: James Johnston hat ihn bereits in allen möglichen Überhöhungen und Abarten gespielt. Mit PJ Harvey imitierte der Engländer für deren letztes, von Krieg und Massenmord handelndem Album historische Erzählweisen über Blutbäder und Verwüstungen vergangener und doch ganz naher Zeiten. Er begleitete lange Zeit Nick Cave bei dessen kammermusikalischen Mitternachtslamenti, außerdem bot er mit der legendären Sexpriesterin Lydia Lunch bei dem Projekt Big Sexy Noise eine Feier von Perversionen aller Art dar.

Und, klar, Johnston stand über 25 Jahre dem furiosen Orchester Gallon Drunk vor, wo er den Blues Richtung Mambo-Billy, Noise-Boogie, No-Wave-Bop und Pulp-Jazz öffnete. Gallon-Drunk-Konzerte waren immer eine Mischung aus Mach-dich-dreckig und Gottesdienst. Mit in den Kniekehlen hängender Gitarre spielte Johnston überreizte Riffs, derweil irre Marimba-Wirbel und flirrende Saxofon-Kaskaden die Zuhörer in quasi-religiöse Ekstase trieben. Ein einziges Crescendo, eine Kathedrale aus Krach.

Best-of "Abgehört"

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Die Kathedrale hat Johnston jetzt abgerissen, die quasi-religiöse Verzückung aber ist geblieben. Für, "The Starless Room", sein erstes richtigen Solo-Album, weitet er den Blues in Richtung Gospel und Sakralgesang. Als Pubertierender will er nach eigener Aussage im Kirchenchor die Lieder des englischen Reformationskomponisten Thomas Tallis gesungen haben, bei Gallon Drunk hat er später dann wie vom Teufel besessen gefaucht und geschnalzt. Nun versucht Johnston nach Jahren des musikalischen Exzesses zum Purismus der Jugend zurückzukehren.

Der 50-Jährige, der die Stimme des 15-Jährigen sucht. Das ist ein wunderbar idealistisches, leider auch illusionistisches Unternehmen, das nicht glücken muss, um zu beglücken. Geholfen hat dem Musiker der Produzent und Labelbesitzer Johann Scheerer, der in seinem Hamburger Studio Clouds Hill auch Peter Dohertys jüngstes und sehr positives Solo-Album aufgenommen hat, das Anfang Dezember erscheint. Erweckung an der Elbe, das heißt im Falle von Johnston nun Ruhe, Reduktion, Fluss.

Hier hat jemand seinen Glauben entdeckt, nicht an Gott, aber doch an die Welt. Und nun tastet er sich langsam vor, um für diesen Glauben eine Liturgie zu entwickeln. Die Erdung von Songs wie "Let It Fall" oder "When The Wolf Calls" ist weiterhin der Blues, aber sie streben in höhere Tonlagen. Es liegt etwas Fragiles in dieser Versuchsanordnung, es geht aus sternenlosen Räumen, aus schwarzen Fluten, aus dem kalten Morgengrauen ans Licht. Auf den kleinen, halb öffentlichen Konzerten, die Johnston zuletzt in Hamburg gegeben hat, konnte man dabei zuschauen, wie jemand selbst darüber staunt, dass er in Ton- und Stimmungslagen hineinfindet, die er selbst vielleicht gar nicht für möglich gehalten hat. Höhepunkt: der sich aufbäumende Gospelsong "Dark Water", eine Litanei, die keinen Gott braucht, um Erlösung zu bringen.

Der Winter ist da, und James Johnston hat schon mal die Kerzen angezündet, damit es nicht ganz so düster wird. (8.0) Christian Buß


Hochzeitskapelle - "The World Is Full of Songs"
(Gutfeeling Records, seit 11. November)

Endlich wieder eine Platte für die Ewigkeit, die dir Stetigkeit und Unterschlupf gewährt. Die bleibt, dich berührt, dich ins Warme bringt, an einen Ort den du schon lange Vergessen hattest. Dort, wo der Ursprung der Liebe sein soll... die Ehe?

"The World Is Full Of Songs" ist das Debüt von Hochzeitskapelle, einer Band, die 2012 anlässlich einer Eheschließung in Bayern gegründet wurde. Sie besteht aus den zersausten Königen, den Pionieren der Weilheimer Indie-Jazzmusik, den Notwist-Brüdern Markus und Micha Acher sowie weiteren bayrischen Musikern, oder wie ich vermute, Freunden.

Bratsche, Glockenspiel, Geigen, Bass, Tuba, Trompete, Banjo, Schlagzeug, Xylophon, Harmonium, ein Knartschen hier, ein Knartschen da, Gläserklirren, Rascheln Zirpen, alles da: Ich habe seit langem nichts Schöneres und Romantischeres gehört, so verzaubernd, intensiv, so vertraut, so nah. Hochzeitskapelle interpretieren, rein instrumental, Stücke von Sun Ra, Moondog, Françoise Hardy, Jackie Mittoo, Lee Perry, C.W. Stoneking, David Lowery, Chet Baker und vielen anderen. Zu den Höhepunkten zählt "Be Pet", ursprünglich von Lali Puna. Und natürlich der "Wedding Song".

Es sind Lieder, die dahinplätschern und gleichzeitig zusammenhalten, wie ein heiliges Band. Musikalisch zwischen der Aufgekratztheit von Prince Buster und der Ruhe von Bill Evans, nur ohne Klavier. Die Musik zieht endlose Schleifen, erzeugt zuversichtlich beruhigende Monotonie, wie eine Fahrt in der Hochzeitskutsche über Kopfsteinpflaster, rumpelnd, aber immer zart.

"The World Is Full Of Songs" ist eine Platte wie ein Kängurubeutel: warm, und gemütlich. Du fühlst dich aufgehoben zwischen Folk, Jazz, Elektro-Sound ohne Elektronik - und etwas geheimnisvoll Eigenem, was man auch in den anderen Nebenprojekten der Notwist-Brüder (u.a. Lali Puna, Tied & Tickled Trio, 13&God) immer wieder entdecken durfte.

Nur für diese Platte lohnt es sich, sich zu verlieben, zu lieben, zu heiraten - in der Hoffnung, dass diese "Hochzeitskapelle" auf deiner Hochzeit spielt und es schneit. (9.0) Oliver Polak

Oliver Polak ist Comedian und Schriftsteller. 2017 ist er mit einem neuen Solo-Programm auf Tournee. Aktuell ist er immer montags auf ProSieben mit seiner Late-Night-Talkshow "Applaus und raus" zu sehen.


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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