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11. Februar 2014, 13:38 Uhr

Abgehört

Die wichtigste Musik der Woche

Von und Jan Wigger

Warum Judith Holofernes hören, wenn es Desiree Klaeukens gibt? Warum "Rubber Soul" auflegen, wenn es Temples gibt? Warum nicht mal ein Plädoyer für die Broilers? Warum nicht Maximo Park mögen, gerade weil es sie noch gibt? Ein paar Antworten lesen Sie hier.

Temples - "Sun Structures"
(Heavenly/PIAS, ab 14. Februar)

Und dann kam ich mit dem Krankenhubschrauber von einer Fernreise zurück, und am Zielflughafen gab es ein Internet-Café, sogar umsonst, doch als ich bereits ahnte, dass es vielleicht besser sei, auch für den Rest meines Lebens ohne "News" zu leben, war Philip Seymour Hoffman schon tot. Zu Hause schaute ich "Love Liza", "Before The Devil Knows You're Dead" und den schweren, gewaltigen, unfrohen "The Master". Dann nahm ich die Zeitschriften, die sich im Hausflur angesammelt hatten, und las. Schon folgte "Hit auf Hit", wurde "nach Herzenslust gepogt", bestanden die ersten Reihen aus "einem Meer aus Armen", das "dem charismatischen Frontmann willig aus der Hand fraß". Gut, dachte ich, es macht also auch weiterhin keinen Sinn mehr, über Musik zu schreiben. Und wenn ich die Temples-Platte einfach wegwerfe? Nein, dafür war sie zu gut, erinnerte sie doch an eine Zeit, da Musik noch etwas bedeutete, und ich sage euch: Nehmt "Kilimanjaro" (The Teardrop Explodes, 1980), "The Piper At The Gates Of Dawn" (1967), "Rubber Soul" (1965), "Disraeli Gears" (1967), "Fifth Dimension" (1967), dazu 13th Floor Elevators, Soft Machine, Traffic, The Zombies und The Pretty Things. Doch da das eh nichts bringt, sagen wir lieber: Die "Jungs" aus dem englischen Kettering sind neu, "frisch", sehen gut aus, werden von Noel Gallagher und Johnny Marr gemocht und klingen meinetwegen wie, sagen wir mal: Tame Impala. Die reiche, von Schatten, Nebel und miesen Trips durchwobene Instrumentierung ist eine Schau, und irgendwann singt jemand tatsächlich "A question isn't answered/ If an answer isn't questioned/ An answer has a meaning/ When new meaning has a truth." Die Droge, das Meer, der Strand, an dem die Kinder spielen. Artificial energy. (7.4) Jan Wigger

Broilers - "Noir"
(People Like You Records/Universal, seit 7. Februar)

Eine Band aus der Privatperspektive: 1. Ich steh auf die Broilers, ich komm vom Niederrhein. Mit einem meiner gerade mal dreieinhalb berühmten Freunde gab es vor etwa zwei Jahren folgende, wahnsinnig stumpfe E-Mail-Konversation: "Broilers sind doch geil, oder?" - "Ja, Broilers gehen klar, fick die Indie-Typen und ihre Kackmusik." - Genau!" - "Alter!" - "Geil!!". 2. Die vorletzte Broilers-Platte "Santa Muerte" wurde mir aus meinem DJ-Koffer gestohlen und ist jetzt weg. Unfassbar eigentlich, man denkt doch, dass die jungen Leute eher Alt-J, James Blake oder Mount Kimbie klauen. 3. Broilers-Sänger Sammy Amara stand nach dem Springsteen-Konzert in Mönchengladbach noch lange auf Höhe der 40. Reihe, war aber von Fans und Bekannten umringt und hat mich nicht erkannt. Wie auch? 4. Amara sagt: "Auf Alkohol kann man weder schreiben, noch arbeiten." Diese Aussage ist nicht haltbar. 5. Die erste Strophe von "Die Letzten (an der Bar)" erinnert textlich an das unbefriedigende Ende der TV-Serie "Dexter". 6. Produzent Vincent Sorg kennt man von den Toten Hosen. "Noir" ist deutlich besser als Campinos "Tage wie diese" auf dem Oktoberfest (2,8 Promille von 10). 7. "Die Nächte heller/ Dann, wenn du mit mir warst/ Hassten die gleichen Bands/ Wir liebten dieselben Bars/ Wir brauchten nur uns/ Ließen die Welt im Regen stehen/ Wir war'n uns sicher/ Irgendwann wird's auch der Rest verstehen." Keine Frage: "Wo bist du (du fehlst)?" ist die Broilers-Variante von "No Surrender". 8. Wenn Graf Unheilig kein neues Material am Start hat, geht "Noir" in Deutschland direkt auf Platz Eins. 9. Ich kann mich an meine Kindheit in Düsseldorf nicht mehr erinnern. Sie kann nicht gut gewesen sein. 10. Nach 22 Jahren Bandgeschichte schaufelt "Noir" den Weg in die Stadien frei. Allein dank der alten Zeile "Der Stock im Arsch wird nie zum Rückgrat" behalten die Broilers jederzeit ihren Legendenstatus. (7.0) Jan Wigger

Maximo Park - "Too Much Informati on"
(Vertigo Berlin/Universal, seit 31. Januar)

Kuriosestes Bemusterungsexemplar der letzten Wochen: "Best of 2004 - 2014" von Hard-Fi. Von wem? Genau. Allenfalls Menschen, die sich obsessiv oder von Berufs wegen für Musik interessieren, erinnern sich noch an diese Band aus dem britischen Staines, die ein bisschen nach Clash klingen wollten und 2005 genau zwei Hits in den britischen Charts hatte: "Hard To Beat" und "Cash Maschine". Danach erschienen, von der Masse (und von mir) weitgehend ignoriert, noch zwei Studiowerke und ein Live-Album. Wer braucht also ein Best-of dieser Band? Niemand, richtig. 2004 und 2005 waren aber wichtige Jahre für die britische Rockmusik: Neben fast schon vergessenen One-Hit-Wondern wie Hard-Fi, den Dead 60s oder Razorlight etablierten sich auch Franz Ferdinand, Kasabian und Bloc Party in dieser Zeit - und sind, was ja nicht selbstverständlich ist, auch heute noch aktiv. So wie Maximo Park, denen man eine nachhaltige Karriere vielleicht am wenigsten zugetraut hätte. Aber, Respekt, Sänger Paul Smith und seine auch nach Solo-Ausflug noch treuen Kollegen aus Newcastle sind durch Höhen ("A Certain Trigger", "Our Earthly Pressures", Ebenen ("The National Health") und Tiefen ("Quicken The Heart") gegangen, um zu bleiben. Leider reicht mal wieder nichts auf "Too Much Information" an "Apply Some Pressure" oder "Books From Boxes" heran, dennoch gibt es Momente bestechender Pop-Brillianz: "Brain Cells", "Leave This Island" und das Smiths-infizierte "Lydia, The Ink Will Never Dry" sind auf Paul Smiths Songwriting zugeschnittene Kleinode, die sich dankenswerterweise wieder weniger am Stadion-Indierock orientieren. Smith singt durchaus rührend von gemischten Gefühlen auf dem Lotterbett ("Is It True") oder von schmerzlich vermissten Treffen in der Bar ("Drinking Martinis"), und lässt wie immer zu oft seine Belesenheit raushängen, indem er schwierig zu singende Wörter wie "Protagonist" in seine Schwermutslyrik einbaut, die dadurch natürlich noch ein wenig unverwechselbarer wird: Einen Maximo-Park-Song, linkisch, verbaut, labyrinthisch, verkopft und oberlippensteif, erkennt man immer. Ans Herz gewachsen (7.0) Andreas Borcholte

Desiree Klaeukens - "Wenn die Nacht den Tag verdeckt"
(Tapete Records/Indigo, seit 31. Januar)

Man bemerkt recht schnell, dass die Musik der bemützten ehemaligen Autoschrauberin Desiree Klaeukens etwas Besonderes ist. Genauere Gründe dafür ergeben sich erst später. Einer ist, dass selbst die Momente der Selbstermächtigung, die kurzen Minuten, in denen man als Künstler glaubt, ein Geheimwissen zu benutzen, niemals so schal und verlogen klingen wie bei den elendigen Glaub-an-dich-selbst-und-lass-dich-nie-verbiegen-Mutmachern, die ja auch die Gilde der Singer und Songwriter schon vor Jahren töricht unterwandert haben. Desiree Klaeukens sagt: "Und wer soll an dich glauben/ Wenn du's selbst nie tust?", "Und ich greif nach den Wolken/ Und ich schwimm für dich durchs Meer" und "Befrei mich und hol mich hier raus", doch man fühlt sich nicht komisch, nicht peinlich berührt, man denkt eher: Also wenn sie das sagt... Klaeukens' erste LP "Wenn die Nacht den Tag verdeckt" entstand - streng betrachtet - über einen sehr langen Zeitraum und mit der Unterstützung von Niels Frevert, auch so ein schwacher Atem und langsamer Poet, der eine sehr entscheidende Ahnung davon gehabt haben muss, wie sich diese stets auffällig angenehm instrumentierte Musik zusammenrechnen lässt, wo sie hin will, wem sie nachhängt. "Ich werde nichts mitnehmen, du kannst alles behalten/ Denn wer sich schwerer fühlt von uns beiden/ Dem wird es leichter fallen, zu bleiben." Tom Liwa wird das freuen, Menschen, die in Internet-Foren wohnen, werden es weiter "Pennäler-Lyrik" nennen. So ist es eben, wenn Menschen in aller Verborgenheit an der Abschaffung des Dunkels arbeiten. (7.3) Jan Wigger

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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