Abgehört - neue Musik Helmut im Hurt Locker

Was bleibt in den Trümmern der Liebe? Danach sucht behutsam das neue Album des Popkünstlers Helmut. Außerdem: Rap-Rotzgöre Lil Yachty, Folk-Fee Jane Weaver und Chef-Nostalgiker Dan Auerbach.

Von , und Ariana Zustra


Helmut - "Our Walls"
(Eigenvertrieb, seit 26. Mai)

"Hätten Radiohead, The Notwist und The xx gemeinsamen Nachwuchs, er müsste Helmut heißen", schrieb das Berliner Stadtmagazin "Zitty" vor drei Jahren über Helmuts Debütalbum "Polymono", eine der besten Pop-Platten des Jahres, die leider an dieser Stelle sträflich missachtet, dafür umso nachhaltiger gehört und geliebt wurde.

Helmut heißt aber gar nicht Helmut, sondern Adrian Schull und hat sich den Berliner Bezirk Neukölln schon zur Wahlheimat erkoren, bevor er zum Hipster-Hort wurde. In den lokalen Kneipen und Klubs tritt er - schlaksig, sympathisch schrullig - hin und wieder auf. Dabei zieht er das Publikum mit seiner an Gitarre und Loop-Station konstruierten Zeitlupenmusik in einen Bann, dem man sich am liebsten nie wieder entziehen möchte. Diese stille Magie führte zu gemeinsamen Tourneen und Auftritten mit Villagers, Joan As Policewoman und Beirut.

"Our Walls", von Schull zusammen mit dem Kölner Elektromusiker Marius Bubat (Coma) produziert, führt den zwischen Pop, Prog und Post-R&B umhertreibenden Sound des Vorgängers behutsam und konzentriert weiter. Die Kompositionen sind noch offener, lassen viel Raum für Töne, Schwingungen, einzelne Klänge. Helmuts Musik ist sensorisch im buchstäblichen Sinn, ein Tasten nach Details und Stimmungen, minimalen atmosphärischen Veränderungen, die beiläufig passieren, aber zwischen Geborgenheit und Einsamkeit, Zusammen oder Allein entscheiden. Schulls Antennen sind auf solche Situationen geeicht, er nimmt sie beim Berühren einer Schulter ("Brush") ebenso wahr wie beim Aufspüren der Schwachstellen im dicken Fell des anderen ("Fur").

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Die Poprefrains und Melodien von "Polymono", die "The Tribe" oder "Overcome" zu Hits machten, die leider kaum jemand kennt, sind hier genauso kostbar, aber schwerer zu finden. Schull hat sie in etwas Schwärzeres, Sinisteres versenkt. Er löst sie im lakonischen Sprechgesang des sechsminütigen "Choke" auf, versteckt sie zwischen kuriosen "Huärgh-huärgh"-Sprachsamples ("Pipedreams") oder zerdehnt sie in den ambienten Moog-Kaskaden von "Cleanse Me". Aufbau und Struktur scheinen wichtiger als die schnelle Hookline.

Doch je mehr man sich in die "brennende Luft zwischen den Worten" (Schull), in die Zweifel und Wunden einer scheiternden, aber noch nach Hoffnung gierenden Love Story verwickeln lässt, desto weniger Widerstand kann man gegen diese ganz unsentimental sinnliche Musik leisten. Man hängt jeder sacht angetippten Gitarrensaite, jedem ins Ewige träumenden Sequenzer-Sound nach, jedem leise klackerndem Beat, Zischen oder Rasseln.

Es geht natürlich um Mauern auf "Our Walls", um jene Wände und Bewehrungen, die man um sich stellt und für undurchdringlich hält, je erfahrener und vernarbter man wird. Bis sie doch wieder umgerissen werden, weggepustet, niedergestürmt - von diesem entwaffnendem Biest namens Liebe. Was in diesem hurt locker, in den Trümmern des offen geschossenen Herzens übrigbleibt, danach sucht Helmut mit seinem Emo-Echolot. (8.0) Andreas Borcholte

Jane Weaver - "Modern Kosmology"
(Fire Records, seit 19. Mai)

Es gibt derzeit den ein oder anderen Grund, warum man dieser Welt entfliehen möchte. Wer 43 Minuten und 47 Sekunden übrig hat, könnte es mit der neuen Platte von Jane Weaver versuchen.

Das sechste Album der aus Liverpool stammenden Singer/Songwriterin ist ein Space-Rock-Trip: Krautrock der Siebziger und Elektro-Pop der Achtziger dienen als Kraftstoff, veredelt wird mit analogen Synths und Weavers ätherischer Stimme. Die kosmischen Texte dazu handeln natürlich von anderen Universen. Das klingt nach Vergangenheit und Zukunft zugleich, also hinreichend zeitlos.

Andreas Borcholtes Playlist KW 22
SPIEGEL ONLINE

01 Helmut: Brush

02 Anna VR: The Flesh Is Real

03 Aldous Harding: Horizon

04 Noga Erez: Off The Radar

05 SXTN: Er will Sex

06 Lil Yachty feat. Migos: Peek-a-Boo

07 London Grammar: Oh Woman Oh Man

08 Selena Gomez: Bad Liar

09 Halsey: Eyes Closed

10 Nite Jewel: 2 Good 2 Be True

Die Mittvierzigerin hat ihre Wurzeln im Folk, spielte in den Bands Kill Laura und Misty Dixon, bevor sie 2002 mit dem Mini-Album "Like An Aspen Leaf" ihre Solokarriere begann. In der Nische wird sie seit Langem gefeiert, darüber hinaus ist sie weniger bekannt, zumindest bisher.

Die Produktion des neuen Albums ist weniger sperrig als bei früheren Werke, aber Kunstsinnigkeit ist immer noch reichlich vorhanden: Der Opener "H>A>K" etwa ist der abstrakten Malerin Hilma af Klint gewidmet. Das Britpop-Riff von "Valley" oder den Jam in "Loops In Secret Society", der in Dauerschleife pulsiert, krönt sie mit Kapriolen à la Kate Bush.

Das Stück "Ravenspoint" ist wie eine Visitenkarte für Weavers Sound: Die halb hypnotisierende, halb einschläfernde Psychedelic-Trance wird mit Gitarrengeklimper angereichert und von sublimem Sirenengesang in Dream-Pop-Sphären erhoben. Kein Geringerer als Malcolm Mooney wiederholt das Mantra "We're on our way to dust…" und mahnt: "Open your eyes!" Der erste Sänger von Can - drunter macht sie's nicht.

"Slow Motion" bot sich wohl als erste Single an, weil der Elektropop-Song mit seinem pluckernden Refrain das eingängigste Stück der Platte ist. "Let's go outside when it doesn't feel right - we can disappear" verheißt sie dort. Ja, mit Jane Weaver kann man sich aus der Welt ausklinken. (7.7) Ariana Zustra

Lil Yachty - "Teenage Emotions"
(Capitol/Universal, seit 26. Mai)

Paradigmenwechsel erkennt man meistens daran, dass es Ärger gibt. Gemessen daran steckt Hip-Hop heute mitten in einer Revolution. Im Zentrum, bis auf Weiteres: Lil Yachty aus Atlanta. Rot gefärbte Haare, bunter Zahnersatz - der 19-Jährige wurde durch das Internet berühmt und macht laut eigener Aussage "Bubblegum-Trap". Das heißt: Bis zum Zuckerschock mit Auto-Tune gesüßter Rap mit einem Reimschema, das von einem Kind stammen könnte.

Für Rap-Puristen wäre das allein schon ein Freibrief, Yachty zu hassen. Der legt jedoch fleißig nach: Er hält die alten Genre-Helden für, nun ja, alt, bemüht sich kein Stück um die so wichtige realness und macht sich mit missglückten Texten lächerlich: "My new bitch yellow/ She blows dick like a cello", prahlt er in "Peek-A-Boo ft. Migos". Klar, Cellos bläst niemand. Das Internet beömmelte sich.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Yachty schadet das alles nicht, im Gegenteil. Kürzlich wurde er vom Wirtschaftsblatt "Forbes" unter die wichtigsten Musikleute unter 30 gewählt, nun folgt mit seinem Debütalbum "Teenage Emotions" die nächste Provokation. Das hält zunächst, was es verspricht: Jugendlicher könnten die 21 Songs nicht klingen. Die Beats wabern drogeninduziert, Yachtys Stimme gibt es nur im Paket mit Tonglättungs-Software - und das egozentrische Thema des Albums lässt sich in zwei Zitaten aus "All Around Me" (mit YG & Kamaiyah) zusammenfassen: "Fuck these haters/ I keep living in my own world" und "I got blinders on/ And see nothing but the money in my face".

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Trotzdem ist "Teenage Emotions" ein außergewöhnliches Rap-Album, denn es bricht mit dem tradierten Narrativ des Genres. Es gibt hier keine schwellbrüstige Bewältigungslyrik, auch kein Gangsta-Gehabe, keinen einzigen Diss in immerhin mehr als einer Stunde Musik. Stattdessen: schamlosen, hedonistischen, bisweilen materialistischen Optimismus.

Das kann man mit Verweis auf die schwierigen politischen Zeiten kritisieren. Die meisten Anfeindungen gegen Lil Yachty sind jedoch Wachstumsschmerzen einer in die Jahre gekommenen Szene. "Teenage Emotion" ist daher ein wichtiges Element in der Emanzipation des Hip-Hop - auch wenn noch nicht jeder Track sitzt. Denn mal ehrlich: Wann und wo gab es zuletzt eine solche Flamboyanz, so viel Unverschämtheit und eine so konsequente Ablehnung sämtlicher Rap-Traditionen? Ob es einem passt oder nicht: Yachty ist der neue Punk. (7.8) Dennis Pohl

Dan Auerbach - "Waiting On A Song"
(Nonesuch/Warner, ab 2. Juni)

Dan Auerbach gibt es zweimal. Der eine Dan gehört zu den aktuell gefragtesten Rock-Produzenten (u.a. Lana Del Rey). In dieser Funktion sorgte er zusammen mit Mark Ronson und dem Rapper Action Bronson für eines der wenigen guten Dinge, die man über das breitwandig missglückte Superheldenspektakel "Suicide Squad" sagen könnte: Seine für den Soundtrack aufgenommene, in eine clevere Hip-Hop und Sixties-Plüsch-Fusion übersetzte Version von Oran "Juice" Jones' "Standing In The Rain" war retro, aber auch state of the art.

Der andere Dan ist ein Vollblutmucker, der sich keinen Deut um Innovation im seit Jahren eher ideenlosen Rock-Genre schert. Im Gegenteil: Sein zweites Solo-Album (nach dem experimentellen Lo-Fi-Exkurs "Keep It Hid von 2009) schwelgt so rückwärtsgewandt in Wohlklang und Nostalgie, dass man vor lauter Langeweile ein bisschen käsig werden könnte.

"Waiting on a Song", die Milchshake-leichte Buddy-Holly-Gedächtnisnummer, die dem Album als Single vorauseilte, ist Koketterie vom sehr hohen Niveau eines Profi-Songwriters: Mit süßer Verzweiflung sitzt der Protagonist des Songs da und sucht - in seiner Hosentasche, unter der Laterne, im Äther - nach Inspiration, wartet, dass ihn die Muse küsst. Im zugehörigen Videoclip erleben ein paar Siebzigerjahre-Teens die süße Unbeschwertheit zwischen High-School und College - den letzten Sommer vor dem Ernst des Lebens.

Na ja, und so selig, wie man als Mann über Vierzig manchmal in diese unbeschwerte Zeit zurückblinzelt, klingen auch die Songs von Auerbach, der sich hier zusammen mit einem ganzen Studio voller Nashville-Größen einen Traum erfüllt hat - aber welchen? Endlich so fingerschnippend naiv zu klingen wie Fifties-Fanatiker Jeff Lynne (ELO, Traveling Wilburys etc.)?

Man weiß es nicht. "Shine on Me" jedenfalls, mit original Mark-Knopfler-Gitarrenriff, wirkt wie ein schamloses Update von Lynnes für George Harrison produziertes "Got My Mind Set On You" - und wirkt bei aller musikalischen Perfektion genauso eklig onkelnd.

Im hinteren Teil des Albums wird es etwas interessanter, mit der schönen Bläser-Ballade "Never in My Wildest Dreams", der wie üblicherweise nur bei Beck dahinstotternden "Cherrybomb" mit Trillerpfeifen und Twang - und dem saftig-satten Soul von "Undertow".

Die Songs sind da, keine Frage. Aber die Blues-Innovation der Black Keys oder gar die Auspropierlust von Auerbachs anderer Band The Arcs? Ausgeblendet. Nichts gegen's Älterwerden und den Wunsch nach Gediegenheit. Aber der andere, der aus der Traditionsliebe auch mal nach vorne blickende Dan, wird gerade dringender gebraucht. (5.0) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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