Abgehört - neue Musik In den Falten des Bewusstseins

Wohin mit Frust und Wut? Die Elektro-Musikerin Jlin bastelt auf ihrem Album ein Klangkunstwerk der "Black Consciousness"; Deutschrapper Audio88 findet Kraft im Unironischen. Und: das Debüt der She-Devils.

Von , und Ariana Zustra


Jlin - "Black Origami"
(Planet Mu Records, seit 19. Mai)

Die Musik von Jerrilynn Patton alias Jlin kommt, von wenigen Sprach-Loops oder Chor-Samples abgesehen, ohne Gesang und Texte aus. Was die afroamerikanische Musikerin aus Gary, Indiana produziert, stammt eigentlich aus Club-Zusammenhängen, das Genre, aus dem sie sich zu einer der aufregendsten Figuren der Elektronik-Avantgarde empor gearbeitet hat, nennt sich Footwork, Juke oder Ghettotech. Doch mit dem zappeligen, aus hunderten Samples zu Tanzmusik verdichtetem Stil hatte schon Jlins letztes Album nur noch wenig zu tun.

"Dark Energy" hieß es, ein nicht so sehr zum Tanzen, sondern zum Entdecken und Erfühlen animierendes Werk voller politischer Untertöne im Selbstermächtigungs- und Emanzipationskampf des schwarzen Amerikas. Bleibt man in den Bildern, die Patton mit ihren Song- und Album-Titeln zur Assoziation anbietet, dann fältelt, schichtet und verkantet "Black Origami" die rohe, dunkle Energie des streckenweise schroffen Vorgängers wie in der alten japanischen Papierkunst in faszinierende, ausdrucksstarke Klangstrukturen.

Andreas Borcholtes Playlist KW 21
SPIEGEL ONLINE

01 Jlin: Black Origami

02 Selena Gomez: Bad Liar

03 Dawn Richard feat. Trombone Shorty: L.A.

04 Hunney Pimp: Wundalond

05 Vince Staples: Big Fish

06 Lil Yachty feat. Migos: Peek-a-Boo

07 SXTN: Bongzimmer

08 Haim: Want You Back

09 Gothic Tropic: Stronger

10 Bananarama: Cruel Summer

Die Geräusche, aus denen Jlin ihre Loops, Sequenzen und Bausteine bastelt, die sie dann nur scheinbar willkürlich aneinander prallen und gegeneinander laufen lässt, stammen aus den kalten digitalen Abgründen von Drumcomputern und Beat-Generatoren, die in den Neunzigern vor allem im Techno verwendet wurden. Dennoch ist Jlins von den Füßen in de Kopf gewanderte Footwork-Evolution keineswegs abweisende oder unbehagliche Musik. Im Gegenteil: Die Reibung zwischen den pausenlos feuernden Klängen, Sounds, und Beats ist so stark (eindrucksvoll im Titelstück und in "Never Created, Never Destroyed"), dass "Black Origami" zur ziemlich hitzigen, antreibenden Angelegenheit wird.

Verstärkt wird dieser Effekt von Dringlichkeit durch eine wiederum wortlos spürbare politische Komponente. "Black Origami", das ist auch ein Bild für die über Jahrtausende gewundene, geschichtete und zerklüftete Geschichte des afrikanischen Volks. Atemlose, polyrhythmisch oder orientalisch angereicherte Tracks wie "Hatshepsut", "Nandi" oder "Nyakinyua Rise" zelebrieren nicht nur altägyptische Göttinnen, sondern auch die erhabene Weiblichkeit ostafrikanischer Urvölker oder jener Nyakinyua genannten Tänzerinnen, die einst dem lkenianischen Staatsgründer Jomo Kenyatte zur Seite standen - und aktuell bedroht sind, ihr Land zu verlieren.

In harten, energiereichen Mineralien und Elementen ("Kyanite", "Carbon 7") forscht Jlin, mal bohrend, mal mit der Spitzhacke, mal mit dem Laser oder dem Hämmerchen, nach den Bausteinen ihrer Heritage als schwarze Frau. Was sie zutage fördert aus den Nooks and crannies dieser reichhaltigen Geschichte, klingt zugleich archaisch und futuristisch. Es ist die Musik, die man sich für den fiktiven afrikanischen High-Tech-Staat Wakanda aus Ta-Nehisi Coates' "Black Panther"-Comics ausmalen könnte. (8.5) Andreas Borcholte

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Audio88 - "Sternzeichen Hass"
(Normale Musik, ab 26. Mai)

Eigentlich verdient Audio88 einen Preis für das gewiefteste Geschäftsmodell. Schließlich hält sich der ursprünglich aus Leverkusen via Cottbus stammende Wahlberliner nun schon seit über zehn Jahren als Berufs-Choleriker über Wasser. Das Konzept seiner zwei Alben, unzählige EPs, Mixtapes und Kollaborationen mit den Kollegen Yassin und Retrogott umfassenden Karriere ist dabei so simpel wie genial: Alles und jeder ist kacke, spinnt, kann nichts und macht nur Unsinn. Audio88 spuckt darüber verlässlich Gift und Galle. Was könnte zeitgeistiger sein?

Sein drittes Soloalbum treibt das Geschimpfe nun auf die Spitze. "Sternzeichen Hass" funktioniert auf nur 23 Minuten Länge wie ein klassischer Italo-Western: Es fängt in der Totalen die alles bestimmende Landschaft ein, die Revolver sitzen locker - und hinter der Saloontür gibt es verlässlich auf die Nuss. Die Bigotterie der deutschen Gesellschaft und Gleichmacherei? Fliegen schon im ersten Song über den Tresen. Andere Rapper? In "Trottel" landen sie in der Sitzgruppe. In "Selfies feat. Lakmann & Megaloh" folgt das Musikbusiness, und auch die Politik bekommt einen Satz warme Ohren.

Nur der finale Ritt in den Sonnenuntergang muss verschoben werden, dafür ist die Sache in Deutschland gerade viel zu ernst. Dass "Ab nach Hause" mit einer Hookline im Stile Xavier Naidoos endet, ist nämlich auch kein Zufall. Der Text: "Ich hoffe, du ersäufst da."

Neu ist das alles natürlich nicht. Auch musikalisch ist "Sternzeichen Hass" kein Innovationsmotor: Kernsanierte Boom-Bap-Beats treiben die acht Songs noch genauso an, wie sie es bei Audio88s Genre-Vorgängern schon Mitte der Neunziger taten. Jedoch löst sich der Rapper fast vollständig von einem Missverständnis, dem er und das Gros engagierter Kollegen seit Jahren auf den Leim gegangen sind: Dass sarkastisch vorgetragene Unsagbarkeiten, die man natürlich nicht so meint, etwas am Status Quo ändern könnten.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

"Sternzeichen Hass" versteckt sich nicht mehr hinter diesem vermeintlichen Kunstgriff, es meint fast ausnahmslos was es sagt. Dass fällt daher weitaus ernsthafter aus als die immer leicht infantil wirkende Kritik einer Antilopen Gang. Und pointierter als der lässige Individualismus eines Marteria. Man könnte auch sagen, es füllt eine Lücke im deutschen Hip-Hop. (7.6) Dennis Pohl

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She-Devils - "She-Devils"
(Secretly Canadian/Cargo, seit 19. Mai)

Die Musik der She-Devils ist wie das Knisterkaugummi aus der Kindheit: Das Tütchen ist außen grellbunt, innen zischt und hüpft es und schmeckt nach früher. Audrey Ann Boucher und Kyle Jukka lernten sich vor vier Jahren im hippen Montreal kennen, und weil sie eine Vision teilten, wurden sie Freunde. Boucher hatte zu dem Zeitpunkt noch nie gesungen - was lag da näher, als eine Band zu gründen? Als Inspiration nennt das Duo Madonna, Andy Warhol, Disneyfilme und noch vieles andere, was pink ist oder Punkte drauf hat.

Auf ihrem Debüt-Album pluckern die E-Gitarren von Jukka zu kruden Pop-Spielereien zwischen Yé-Yé und Alternative Country und, Überraschung!, noch zahlreichen anderen Referenzen. "You Don't Know" erinnert an The Smiths, während "The World Laughs" mit geloopten Surf-Rock-Samples aus den Sechzigern vor sich hin bollert. im Hintergrund ein Tiergeschnatter, das auch von einer Benjamin-Blümchen-Kassette stammen könnte.

Dazu singt Boucher wie eine Manga-Version von Nancy Sinatra. Man könnte es süß nennen, aber dem widerstrebt das stets leicht Hingerotzte ihres Vortrags. Außerdem schnurrt sie in "Make You Pay" Zeilen wie "I got a gun in my pocket and I am ready to fire" - und hat, dem Wahn in ihren Augen auf Bildern und in Videos nach zu urteilen, vermutlich Pfefferspray in ihrer Vintage-Strumpfhose. Bei den insgesamt aber unbedarften Texten ist der Grat schmal zwischen keck und kacke, aber wer etwa die Single "Come" so verlockend mit den Worten: "Hey baby, can I get a little closer" eröffnet, kann sich einige Unverschämtheiten erlauben. Kurzum: Viel Zitat, viel Ironie - und genügend Innovationskraft. In der bunten Tüte ist neben Brausepulver noch einiges mehr drin. (6.7) Ariana Zustra

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
lutschbommler 23.05.2017
1.
Sonst maule ich hier eher ein bisschen rum (wenn auch selten), aber heute wurde mein Interesse an Jin geweckt.
popeypope 23.05.2017
2. Ghettotech != Ghettohouse
Ghettotech ist mehr dem MiamiBass verwandt, sozusagen eine schnell gedrehte Variante mit DrumnBass-Bezügen, während Ghettohouse, Juke und Footwork mehr Überschneidungen haben. Nachdem ich nicht nur in die obigen Beispiele reingehört habe: Sowas läßt sich mit moderner Software auf dem Rechner relativ schnell herstellen, entsprechende Sample-Library vorausgesetzt. Das Schwierige daran ist, auch zwingende Grooves daraus machen zu können.. aber die höre ich hier nicht. Das wirkt eher so, als hätte ein Zufallsgenerator das alles zusammengestoppelt. Die bereits vor knapp 4 Jahren erschienene "My Life As A Ghost In The Bush" von Nangungu Pacific wirkt auf mich überzeugender: Nicht nur afrikanisch, sondern auch futuristisch, und dann mindestens 20 Minuten dauernde Stücke; und das Mastering ist nicht so aufgedonnert-spitz, sondern gemächlich 80er abgehangen, was die Hörerfahrung verbessert - es sei denn, man leidet an Einschränkungen in den Frequenz-Spitzen. Nur: Sowas wird nicht wahrgenommen, weil es eben nicht über mehr oder weniger arrivierte Labels oder Vertriebe in die Journaille gepumpt wird.
germ 25.05.2017
3. Geht mir genauso
Zitat von lutschbommlerSonst maule ich hier eher ein bisschen rum (wenn auch selten), aber heute wurde mein Interesse an Jin geweckt.
Geht mir genauso. Seltsamerweise kann ich mit Jlin was anfangen, obwohl das eigentlich gar nicht meine Musik ist - weil klipp und klar erklärt wird, bei diesen Tönen geht es um Kunst, und nicht um den nächsten Super-Hit. Das verstehe ich, das kann ich nachvollziehen Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, war Rap nie meine Musik. Deshalb kann ich auch mit "Audio88" gar nichts anfangen, denn wer braucht noch eine "Rap-Scheibe"? Rap hat sich totgelaufen. Tut mir leid, liebe Rapper, ihr müsst jetzt wohl oder übel singen lernen! ;-)
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