Abgehört - neue Musik Schicksalsmelodie für den kommenden Aufstand

Der Pop-Widerstand gegen die allgemeine Beklemmung formiert sich: In New York mit dem Revolutions-Rap von Run The Jewels; in Berlin mit einer in die deutsche Gegenwart gespiegelten Cure-Hommage von Klez.e.

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Run The Jewels - "Run The Jewels 3"
(Run The Jewels Inc., seit 24. Dezember, nur digital)

Neue Alben im duseligen Vakuum der Weihnachtszeit zu veröffentlichen, ist immer ein Risiko: Während die Redaktionen schon an Rückblicken und Vorschauen schrauben, hetzt der Konsument letzten Geschenken nach und dann nach Hause. Da geht dann neue Musik gerne mal unter im Stress. Killer Mike und El-P alias Run The Jewels, das ethnisch gemischte Hip-Hop-Duo aus New York, entschieden sich dennoch dafür, ihr drittes gemeinsames Album drei Wochen vorzuziehen - und "droppten" es am Tag vor Weihnachten auf ihrer Website. Eigentlich sollte "Run The Jewels 3" - oder kurz: "RTJ3" - am 20. Januar erscheinen, dem Tag der Amtseinführung von US-Präsident Donald Trump.

Der Grund für die Eile erschließt sich sofort nach dem ersten Hören: War "RTJ2" vor knapp zwei Jahren noch der vorweggenommene Protest gegen die Verhältnisse, den prominentere Rapper wie Kendrick Lamar, Danny Brown und A Tribe Called Quest oder R&B-Sängerinnen wie Beyoncé und Solange dann in radikale, flammende Statements gossen, so ist "RTJ3" nun die dringliche Aufforderung zum Aufstand durch zwei ehemalige Wahlkampfhelfer von Links-Kandidat Bernie Sanders: "Kill Your Masters", fordern Run The Jewels mit agitativer Unterstützung von Rage-Against-the-Machine-Veteran Zach De La Rocha ganz am Ende ihres furiosen Albums. Die "Master", das sind die Bonzen und Milliardäre, die Lobbyisten und Bosse, die Ausbeuter der Armen und Marginalisierten, deren Stellvertreter nun ins Weiße Haus einziehen wird: "Choose the lesser of the evil people, and the devil still gon' win/ It could all be over tomorrow, kill our masters and start again", rappt Mike mit Bezug auf das berühmte Dog-House-Gleichnis von Malcolm X über die Vergeblichkeit von Wahlen.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Auch dessen pazifistischer Zeitgenosse Martin Luther King Jr. wird in "Thieves! (Screamed the Ghost)" zitiert: "A riot is the language of the unheard", doch anders als auf den wichtigen Platten des Genres aus dem vergangenen Jahr ist der Tenor hier nicht mehr versöhnlich oder gar auf die Solidarität der eigenen, afroamerikanischen Klientel gerichtet: "How long before the hate that we hold/ Lead us to another Holocaust?/ Are we so deep in it that we can't end it?/ Stop, hold, ever call it off", beschwören die beiden Rapper im dystopischen Ausblick "2100", kurz nach Trumps Wahlerfolg veröffentlicht, die Revolution. Ethnische Einschränkungen werden dabei nicht gemacht, zumal sich in Run The Jewels ohnehin Weiß und Schwarz vereint haben. Die "Masters" beuten ohnehin jeden aus, egal welche Hautfarbe.

So ist bereits das Cover von "RTJ3" eine Kampfansage der Unterdrückten. Das Bild ist dasselbe geblieben: Eine Hand formt sich zur vorgehaltenen Pistole, die andere streckt dem Räuber die goldenen Juwelen entgegen, nur minimal variierte sich diese Ansicht vom ersten zum zweiten Album. Doch nun sind die Klunker fort, beide Hände sind nun nicht mehr skelettiert und bandagiert wie zuvor, sondern ihrerseits aus Gold. Aber die zweite, die ohne Knarre, hat sich zur Faust geballt: Widerstand, aber auch Verhärtung der Fronten symbolisiert dieses Motiv.

Die Musik zu dieser Mobilmachung ist so crisp und Oldschool-klapperig wie schon auf den ersten beiden Alben, ein unbeugsamer, ratternder Flow ohne viele Mätzchen: Beats und Rhymes. Namensgeber LL Cool J steht hier ebenso Pate wie die Agitprop von Public Enemy und die Sophistication von Stetsasonic. El-P, der zugleich als Produzent agierte, gelingt es mit sparsam eingesetzten Akzenten, ein digitales Geräusch hier (Stay Gold"), ein nadelndes Gitarrenriff ("Hey Kids") oder ein Funk-Groove ("Oh Mama") dort, den Sound dennoch gegenwärtig wirken zu lassen, so reduziert aufs Wesentliche, wie es die Zeit wahrscheinlich verlangt.

Gäste und Features gibt es viele, geschuldet auch dem überraschenden Mainstream-Erfolg von "RTJ2", darunter Danny Brown, Tunde Adebimpe (TV On The Radio), Danger Mouse, Kamasi Washington, Südstaaten-Rapperin Trina und Produzent Boots. Aber sie alle ordnen sich dem Regiment der neuen Hip-Hop-Guerrilla Killer Mike und El-P unter. "Ain't no chillin' in the land of the villains", formulieren die beiden launig in "Everybody Stay Calm". Aber mit der Ruhe - und der Besinnlichkeit - ist es längst vorbei. (9.0) Andreas Borcholte

Andreas Borcholtes Playlist KW 1
SPIEGEL ONLINE

1. Klez.e: Mauern

2. Run The Jewels: Oh Mama

3. Irma Thomas: Some Things You Never Get Used To

4. London Grammar: Rooting For You

5. The xx: On Hold

6. Manic Street Preachers: If You Tolerate This Your Children Will Be Next

7. The Cure: Pictures Of You

8. Balbina: Die Regenwolke

9. Soft Error: Silberblick

10. David Arnold & Michael Price: Sherlock, Opening Titles

Klez.e - "Desintegration"
(Staatsakt/Caroline, ab 13. Januar)

Wir wissen bis heute nicht, ob es Jan Wigger war, der die Karriere der Berliner Band Klez.e mit einem vergifteten Lob in seiner Abgehört-Kritik zum Album "Vom Feuer der Gaben" ins Stocken brachte. "Ja, verdammt, es ist Studentenmusik", schrieb der Kollege damals und schob gnädig, aber wenig mildernd nach: "aber eben besonders gute". Wie immer überschätzen wir wahrscheinlich unseren Einfluss. Aber Klez.e hörten, aus welchen Gründen auch immer, erst einmal auf. Tobias Siebert, der Sänger von Klez.e, verdingte sich erfolgreich als Produzent (u.a. Marcus Wiebusch, Me And My Drummer) und veröffentlichte vor zwei Jahren ein hervorragendes Solo-Album unter dem Namen And the Golden Choir. Mit "Desintegration" kehrt das Trio nun nach fast acht Jahren Pause zurück.

Überraschend ist nicht nur das Comeback an sich, sondern auch die politische Haltung dieser vormals unpolitischen Band. "Desintegration" ist zunächst eine ästhetische Übung, eine mit hohl donnernden Toms und sehnsuchtsvoll einsam klimpernden Gitarren im Nebel der Pop-Vergangenheit forschenden Hommage an das fast gleichnamige Album von The Cure von 1989.

Für den Ostberliner Siebert stellte Robert Smiths ambitionierte Depressionsbewältigung eine besondere Prägung dar: Zum traurigen Gothrock der Briten sah er die utopischen Möglichkeiten der deutschen Wiedervereinigung in die bundesrepublikanische Kapitalismusmühle geraten. "Früher, da im Osten/Wollte ich in Wedding sein", singt er in "Mauern". Aber heute? Hm. Den damals wie heute auflodernden Deutschnationalismus entlarvt er als "Licht aus hohler Emotion": "Ich ließ mich von Euch blenden/ Es leuchtet tapfer die Union".

Im verhaltenen, aufregend verspannten Tempo wird, was langweiligste Retro-Rührseligkeit sein könnte, zum berührenden, aber eben nicht dumpf befindlichen Pop-Statement wider die Verhältnisse, gegen die drohende Desintegration der Gesellschaft. Siebert gelingen großartige Bilder während seiner Suche nach "etwas, das zündet" für ihn, schwankend zwischen Lethargie, Antidepressiva und betäubender Schwermuts-Trunkenheit: "Oh du fröhliches Reich/ Oh du seliges dünnes Eis", singsangt Siebert, und die "Nachtfahrt" durch Dunkeldeutschland mündet im La-la-lalala der "Schicksalsmelodie" aus "Love Story". "So haltet mir meine Stirn fest/ Ich kotze Fukushima-Lachs ins Netz", deriliert er in "Lobbyist", einem fiebrigen Rundumschlag gegen die Spins, die den Bürgern von Doktoren wie Drogen zur Ruhigstellung verabreicht werden.

"November" mit seinen Echos aus Nazi-Faschismus, Terrorkrieg und schicksalhaftem Flüchtlingsherbst 2015 ist ein mit sakraler Wut geladenes Stemmen gegen den "Sog" des aktuellen Zeitgeists, ein banges Festklammern an die Vernunft des Landes, das schon so oft böse Geschichte aus sich herausgesprengt hat: "Ich fühl mich hier falsch", singt Siebert, hoch und flehend. "Es ist spät", konstatiert er, "die Welt in Wehen."

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Hier und beim zweiten Höhepunkt des Albums, "Drohnen", klingen Klez.e dann weniger nach The Cure als nach dem Polit-Pathos der Manic Street Preachers gegen Ende der Neunziger. "If you tolerate this, your children will be next", sangen die Waliser damals. So ähnlich meinen Klez.e das auch. "Desintegration" ist eine Erinnerung daran, wie Popmusik Emotionen, poetische Botschaften und Ästhetik zu Relevanz verdichten kann. Sollten alle hören, nicht nur Studenten. (8.5) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
luisemarie_keck 03.01.2017
1.
Das Album von The Cure heißt noch immer Disintegration. Ansonsten sind die Anleihen aber in der Tat kaum zu überhören. - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Redaktion Forum
tcdk 04.01.2017
2. Innovation?
"Die Musik zu dieser Mobilmachung ist so crisp und Oldschool-klapperig wie schon auf den ersten beiden Alben, ein unbeugsamer, ratternder Flow ohne viele Mätzchen: Beats und Rhymes. Namensgeber LL Cool J steht hier ebenso Pate wie die Agitprop von Public Enemy und die Sophistication von Stetsasonic." Gut das, es sich hier um kein Rock - Album handelt - sonst hätte es nur eine 0,1 gegeben - denn da gelten hier ja dann andere Maßstäbe:-)
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