Abgehört - neue Musik California Dröhning

Sleep machen aus Kifferhumor eine Schwermetall-Wissenschaft, Parquet Courts fegen mit allen verfügbaren Post-Punk-Besen durch den Zeitgeist, La Luz surfen schwermütig durch Kalifornien - und Plaiboi Carti spaltet den Hip-Hop.

Von , und Markus Schneider


Sleep - "The Sciences"
(Rykodisc/Warner, ab 25. Mai)

Die Versuchsanordnung des kalifornischen Trios Sleep kann man ganz gut auf dem Track "Giza Butler" von ihrem neuen Album "The Sciences" erkennen. Zum einen handelt es sich dabei (trotz der eigenwilligen Orthographie) natürlich um eine Hommage an den Ur-Bassisten von Black Sabbath. Die britischen Urmetaller stehen hörbar Pate für den machtvollen Sound der Doomrocker. Songzeilen wie "Marihuana is his light and his salvation" verdichten zudem den Stonermythos prägnant, und die metaphorischen Vorlieben des Metal-Genres bedienen Sleep zum Beispiel mit der Anrufung eines längst vergangenen Flugsauriers: "The Pterodactyl flies again", raunt drohend Bassist und Bandchef Al Cisneros.

Doch so tonnenschwer der Sound fällt, so minimal das düstere Riff hämmert, so sehr Gitarre und Bass alles mit ihren Effektpedalen zertreten - da der Pterodactlyus dann doch kein gewaltiger Flugdrache, sondern ein nur krähengroßes Tierchen war, beweist der ganze Lärm nur nachdrücklich die massiv vernebelte Wahrnehmung der Band. Und vermutlich ein bisschen Kifferhumor.

Sleep schufen zu Beginn der Neunzigerjahre mit "Sleep's Holy Mountain" ein kanonisches Werk des Stonerrock, retroorientiert, mit einer feedbackbrutzelnden, zähen Klangmotorik für Metalfans und Schwerkiffer gleichermaßen. Zur Legende wurden sie mit ihrem dritten Album "Dopesmoker". Das bestand aus einem einzigen, gewaltigen Track, den ihr damaliges Label London nicht veröffentlichen wollte, weshalb er bis vor ein paar Jahren nur in apokryphen Versionen kursierte (auch Jim Jarmusch nutzte ein paar Ausschnitte in "Broken Flowers"). Aus Frust löste sich die Band auf, Cisneros spielte seither mit Om, Gitarrist Matt Pike war mit High On Fire unterwegs. 2009 fanden sich die beiden mit Jason Roeder von Neurosis (der Cris Hakius an den Drums ersetzte) zu gelegentlichen, sehr irrwitzigen Sleep-Auftritten zusammen.

Live kündigte seither stets der eine oder andere Track das jetzt veröffentlichte Album an. "The Sciences" profitiert natürlich auch ein bisschen von der Aura aus Geschichte und zwanzigjähriger Studiopause. Und wie meistens in den extrabreiten Künsten geht sowieso nichts über das Bühnenerlebnis. Aber wie die "Marihuanauts" und "Sonic Titans" (so zwei Songtitel) durch das Album mulmen und brummen, wie sie mit stumpfer Gewalt und massigem Druck ihren Sound zu monochromer Dichte ballen - das ist schon große, schwermetallene Wissenschaft. (8.2) Markus Schneider

Parquet Courts - "Wide Awake!"
(Rough Trade Records/Beggars, seit 18. Mai)

"Dust is everywhere - sweep!", forderten die Parquet Courts vor zwei Jahren auf ihrem Album "Human Performance", und - nun ja - kräftig ausgefegt haben die New Yorker jetzt, wie es sich für eine Band gehört, die den pflegeintensiven Parkettboden im Namen trägt. Für "Wide Awake!" heuerten sie Brian "Danger Mouse" Burton als Produzenten an, der schon mit den Red Hot Chili Peppers und den Black Keys arbeitete, aber immer auch ein Bein im Hip-Hop-Groove und einen Arm in der Tomatensauce eines Spaghetti-Westerns hat.

Was glücklicherweise nicht passierte, ist, dass "Wide Awake!" nun wie ein Danger-Mouse-Album klingt, so geschah es dem talentierten Soulmusiker Michael Kiwanuka unlängst. Die Parquet Courts, Indie-Punks postmodernster Schule, erwiesen sich als widerständiger, profitierten aber von der Fähigkeit Burtons, einen Band-Sound klar herauszuarbeiten und so sauber zu polieren, dass bisher im Fusselkram verborgene Akzente zu funkeln beginnen. Bei den Parquet Courts, die immer noch wie eine modernere Fassung der Modern Lovers klingen, heißt das: Es wird auch mal eine Bass-Melodie zum Aufmerksamkeit bindenden Star eines Songs, der sich ansonsten viele Freiheiten nimmt. "Violence" ist so ein Track, in dem Sänger A. Savage gegen die Gleichgültigkeit gegenüber alltäglicher Gewalt shoutet wie einst Gil Scott-Heron in "The Revolution Will Not Be Televised". Die Band spielt dazu einen Orgel-Drums-Gitarren-Splitterregen, der an Eric Burdons War erinnert.

Andreas Borcholtes Playlist KW 21
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

1 Parquet Courts: Violence

2 La Luz: Loose Teeth

3 Sleep: Marijuanaut's Theme

4 Dylan Carlson: When The Horses Were Shorn Of Their Hooves

5 Locust Fudge: Oscillation

6 Swutscher: Im Westen

7 Get Well Soon: Martyrs

8 Andrra: Kalle Llamen

9 Disclosure: Ultimatum

10 Lykke Li: Utopia

Das Deklamatorische des Punks steht hier immer noch im Vordergrund, am deutlichsten im amerikanischen Sleaford-Mods-Rant "Almost Had To Start A Fight/In And Out of Patience", einer weiteren, mit energischer Lakonie vorgetragenen Slogan-Hymne gegen gesellschaftliche Lethargie. "I'm in the chaos dimension/ Trapped in a brutal invention", singt Savage darin verzweifelt. Dagegen, beschließt er, hilft nur "funky music playing in my head". Das erklärt dann auch die Groove-Lastigkeit gegenüber früheren Platten der Band. Die Kontraste auf diesem agitatorischen, Alles-an-die-Wand-Album könnten größer und charmanter nicht sein: "Mardi Gras Beads" und "Death Will Bring Change" lullen sich in Sixties-Psychedelik, "Freebird II" spielt mit Southern-Rock, "Normalization" ist treibender, weißer Funk-Punk, wie er einst von Bad Brains bis Consolidated gespielt wurde. "NYC Observation", einer dringlichen, rotzkurzen Nummer gegen Gentrifizierung, zitiert den Ur-Sound der Ramones.

Der atemlose Retro-Trip durch die Stile gipfelt schließlich im Titelstück, einer veritablen Salsoul-Disconummer mit allen Bongo-Beats, Klingeln und Trillerpfeifen, die dazu gehören. "I'm wide awake" grölt Savage zusammen mit einem Kneipenchor, der auf dem Album zwecks Emphase öfter zum Einsatz kommt: "Ich bin hellwach!" Mehr Genre-Pastiche geht gerade nicht im Indie-Rock, aber derart virtuos entfesselt wie hier, putzt er natürlich immer noch ganz schön was weg, der alte Post-Punk-Staubwedel. (8.0) Andreas Borcholte

Playboi Carti - "Die Lit"
(AWGE/Intersope, seit 11. Mai)

Im Falle einer Umfrage unter Rap-Fans zum Thema Playboi Carti sollten Sie beim Buchmacher auf Unentschieden tippen. Denn kaum jemand polarisiert so wie der Rapper aus Atlanta. Im Grunde kennt die Szene zu dem 21-Jährigen nur zwei Ansichten: "Der Typ ist der Sargnagel des Hip-Hop" oder "Der Typ ist die Zukunft."

Kein Wunder, schließlich bringt Jordan Terrell Carter, wie Carti bürgerlich heißt, ein nicht unerhebliches Handicap für einen Rapper mit: Er kann nicht sonderlich gut rappen. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, sich auf drei Mixtapes das passende Korsett ums eigene Unvermögen zu schneidern. Die Schlüsselbegriffe: viel Melodie, noch mehr Autotune und eine Konzentration auf griffige catchphrases, wie sie wohl nur waschechte Digital Natives umsetzen können. Cartis Musik ist daher mehr gekonnte Pose als intrinsisch motivierte Kunst und zielt auf die Übersetzung der Mechanismen viraler Memes in Songs. Oder anders gesagt: Carti ist die Post-Internet-Version der frühen Punks.

Das eigentliche Kunststück vollbringt der junge Rapper nun aber mit seinem kommerziellen Debüt "Die Lit". Darauf hat er von dem Briten Skepta, über Nicki Minaj bis hin zu Young Thug ein Champions-League-Team von Feature-Gästen an Bord - und nicht zuletzt mit dem A$AP-Mob-geführten AWGE und Universal zwei potente Labels hinter sich. Doch statt, wie so viele seiner Cloud- und Mumble-Rap-Kollegen, angesichts der neuen Möglichkeiten dem Wunsch zu erliegen, es allen recht machen zu wollen, macht Carti weiterhin nur, was er will.

Das heißt: "Die Lit" klingt eine knappe Stunde lang in etwa so als hätte man ein Kleinkind mit der goldenen Kreditkarte zum Einkaufen geschickt: bunt, zuckrig, wenig nahrhaft und letztendlich ohne viel Sinn und Verstand. Die Beats wummern basslastig, die Produktion klingt dabei aber, als hätte man sie für den Resonanzraum einer Konservendose konzipiert. Carti scheint, dazu passend, nur einen einzigen Rhythmus zu kennen und rappt grenzdebilen Nonsens: "I'm on 'em beans for real/ I'm on the lean for real", klärt er im Song "Lean 4 Real" (feat. Skepta) genau 42 Mal über seinen Drogenkonsum auf (Lean = Codein-haltiger Hustensaft). Die einzige Strophe des Tracks muss der Londoner Gastrapper besorgen.

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Es klingt paradox, aber genau diese Stumpfheit macht den Reiz dieses Album aus. "Die Lit" ist radikal gegenwärtiger Hedonismus, die Musik für den schnellen Rausch vor der Sintflut. Und damit ungewollt politisch: Denn was sucht man in den USA aktuell politisch wie gesellschaftlich oft vergeblich? Richtig, Sinn und Verstand. (7.0) Dennis Pohl

La Luz - "Floating Features"
(Hardly Art/Cargo, seit 11. Mai)

Mal angenommen, Quentin Tarantino hätte sich noch gar keine Gedanken gemacht, wie er seinen kommenden Film musikalisch illustrieren will. Sehr unwahrscheinlich, klar, aber man möchte ihm so dringend La Luz empfehlen, die jetzt schon auf ihrem dritten, hervorragenden Album jene Art California-Noir spielen, der perfekt ins Jahr 1969 passt, dem Jahr, in dem "Once Upon A Time In Hollywood" spielt. Damals wurde der einst so süße Hippie-Sirup schal und sauer, verbittert durch die Morde an Martin Luther King Jr. und Robert Kennedy, den Tag, an dem die Musik in Altamont starb und die Morde der Manson-Family. Dem Sommer der Liebe folgte eine "Season of the Witch".

Wissen Sie alles, schon klar. Aber heute, 50 Jahre später, ist die gesellschaftliche Stimmung erneut widersprüchlich und brüchig, wandeln Pop-Künstler auf dem Grat zwischen drogeninduzierter Eskapismus-Euphorie, zeitgeistschwerer Awareness und tiefer Melancholie. La Luz, eine Band aus Seattle, die nur aus Frauen besteht, bringt diese Gespaltenheit mit harmonisch beschwingten Jingle-Jangle-Gitarrenpop, Surf- und Tex-Mex-Flair auf den Punkt, den sanfte, aber nachhaltige Linien der Schwermut, Psychedelik und Abgründigkeit durchwirken, ein Desperado-Gefühl der Verlorenheit, eine ordnende Realität, die sich aufzulösen scheint, verschwimmende Gesichtszüge im Spiegel - floating features.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Nichts, was Pop-Acts von Jefferson Airplane über Calexico bis zu Ty Segall und Lana Del Rey nicht auch schon versucht hätten, doch nach "It's Alive" (2013) und "Weirdo Shrine" (2015) findet Gitarristin und Sängerin Shana Cleveland als Anführerin von La Luz nicht nur produktionstechnisch, sondern auch als Songschreiberin zu neuer Klarheit und Stärke. Das Titelstück eröffnet den musikalischen Road Trip durchs uncanny valley mit instrumentaler Stonerrock-Wucht, dann hibbeln und zirpen die "Cicadas" mit kristallinen Gitarren, bevor sich die Band in "Loose Teeth" in einem Traum verliert, der wenig später zum bedrohlichen "Mean Dream" wird. Endlich im Sehnsuchtsort Kalifornien angekommen ("California Finally") lauern dort seltsamste Gestalten und Phantasmagorien, "The Creature" zum Beispiel, und die "Greed Machine", aber auch der "Lonely Dozer" und der verloren geglaubte Lover, "The Golden One".

Nach näherer Überlegung: Hypno-Atmosphäre und suggestive Kraft dieses gemächlichen Schlange-Kaa-Sounds sind schon flirrender Film genug, da würde ein Macho-Berserker wie Tarantino nur stören. (7.9) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Derwatt 23.05.2018
1. Wie immer -
- schräges Zeugs dabei, das man sich nur schwer geben kann (Sleep), aber auch Bewährtes (Parquet Courts). Vor allem aber Neues: in diesem Fall La Luz - schön, darauf gestoßen worden zu sein; klasse Musik, die ich noch nicht kannte, so wie vor ein paar Wochen "Die besten Jahre" von International Music. Es ist die Mischung, die es macht, und wegen der "Abgehört" für mich jeden Dienstagabend eine Empfehlung ist.
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