Abgehört Die wichtigste Musik der Woche

Sie kann auf den Fingern pfeifen und würde gerne hinter den Wolken leben: Die Elektro-Chanteuse Dillon veröffentlicht ihr zweites Album. Wie es klingt? Lesen Sie hier. Außerdem: Neues von Kreisky und Current 93, sowie SOHN im Prelistening.

Von und Jan Wigger


Dillon - "The Unknown"
(Bpitch Control/Rough Trade, seit 28. März)

Die Frage bleibt: Wo kann man noch hin, wenn alles um einen herum bereits zusammengefallen ist und jeder Schritt, jede Entscheidung automatisch in die falsche Richtung führt? Jesus-is-savior.com? Transzendentale Meditation? Codein? Rühreier? Um Martin Walser zu zitieren: "Ist es nicht besser, in einem Alter zu sterben, in dem man noch nicht damit rechnen muss?" Als bloß traurig wird Dominique Dillon de Byington ihr zweites Album "The Unknown" wohl sicher nicht verstanden wissen wollen (auch wenn ein Freund das minimalistische Flirren lapidar mit den Worten "Da ist Aufgeben Programm" kommentierte), scheint es doch auf "Evergreen", "Don't Go" oder "Currents Change" recht hell. In die Dunkelheit geht Dillon dann wieder im großartigen "A Matter Of Time", doch der Mut, sich vom Nichts verschlucken zu lassen und dabei Klavier zu spielen, ist stets größer als die Angst vor dem Verschwinden. "Temperatures rise/ Mountains peak, skies fall, floods tide/ It's only a matter of time/ With the waves/ Guiding me/ I give way/ Go astray/ Rain fills my eyes/ In the sea I lose my mind/ I'm only a matter of time."

Mit der auf eine seltsame Art ökonomischen, aufregenden Musik von Julia Holter ist "The Unknown" verwandt, zumal die einzelnen Stücke auch hier ineinandergreifen, ein Ganzes ergeben, sich selbst durchschauen, ohne das Geheimnis aufzulösen. Konnte man beim umhertastenden, irrlichternden Debüt "This Silence Kills" (2011) noch eine sehr entfernt korrekte Klingt-wie-Liste einreichen, bewohnt Dillon nun ihr eigenes Schloss, hellblau und dunkelgrau, erdacht von einer Frau, die sich ausschließlich langsam bewegt, auf den Fingern pfeifen kann und gern hinter den Wolken leben würde. Geholfen haben erneut Tamer Fahri Özgönenc (MIT) und Thies Mynther von der "Abgehört"-Hausband Phantom Ghost. Rettung durch Abstraktion. Wer hätte das noch für möglich gehalten? (7.5) Jan Wigger

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen bei
SOHN - "Tremors"
(4AD/Beggars/Indigo, ab 4. April)

"All this fuss over nothing/ Reinventing the wheel/ All this searching for something/ That's not real", singt Toph Taylor über kunstvoll zerhackten Vocal-Samples und allerlei gediegenem Klickerklacker in seiner Single "The Wheel". Das ist doch mal eine Ansage: Man muss ja nicht immer gleich das Rad neu erfinden! Eben. Macht Taylor, der Brite ist, in Wien lebt und sich wundersamerweise SOHN nennt, dann eben auch nicht. Sein Debüt-Album wurde in der Szene der an elektronischer Musik interessierten Menschen schon mit Spannung erwartet, nachdem SOHN aufstrebende Pop-Größen wie Banks und Rhye mit Remixen und Produktionsskills versorgte und damit nicht unerheblich zu deren Ruf als aufstrebende Pop-Größen beitrug.

Die Singles "Artifice" und "Bloodflows" changierten zwischen schunkelnder R&B-Rhythmik mit Topfschlagen-Sound (erstere) und levitierender Dubstep-Verfrickelung. Dazu singt Taylor im verhallten, verzerrten, generell verschüchterten Falsett über die Dinge, die schief liegen, so seelisch. Man denke also: James Blake. Aber leider mit weniger lyrischer Kraft. Neben den bereits genannten Songs überzeugt in der deutlich schwächeren zweiten Hälfte des Albums vor allem das recht saftig zum Tanz auffordernde "Lights" sowie "Lessons", in dem sich Taylor einerseits echtes Jean-Michel-Jarre-Blubbern leistet (Respekt!) andererseits aber seine Stimme zum croonenden Michael-McDonald-Bariton runterdimmt (kurios!). Auf Album-Länge geht einem all die wohlproduzierte, musikalisch durchaus vielschichtige, emotional aber eher flächige Tranigkeit allerdings schnell auf die Nerven - und das im Titel annoncierte Erbeben wird zum Achselzucken. (7.0) Andreas Borcholte

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen bei
Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Kreisky - "Blick auf die Alpen"
(Buback/Indigo, seit 21. März)

Nein, ein Fehler war es nicht, die Echo-Verleihung 2014 aufzuzeichnen und später in der Nacht auf Drogen anzuschauen. Nun wusste man bereits von gewissen Medienpartnern, die in Berlin leben und also teils zur Teilnahme an der Gala gezwungen waren, dass das Gesamtniveau wie immer recht niedrig sein würde. Beim Heranrauschen der Nominierten dachte man dann auch ständig: Kenne ich nicht, wer ist das, ist das mies, nie gehört, haha, Santiano usw. usf. Nach einem auf sämtlichen Ebenen scheußlichen Lied von Jan Delay (Was? Das läuft in Deutschland unter Konsens? Seit 13 Jahren?!) schmiss ich die Kreisky-CD ein, eine völlig andere Welt, oder: "Selbe Stadt, anderer Planet", wie Kreisky sagen, die selbstverständlich aus Österreich kommen und orgeln, lärmen und ätzen, dass es eine Schau ist. "Wo Woman ist, da ist auch Cry" war damals einer ihrer schönsten Songs, jetzt sind sie das falsche Zielpublikum, das in "Wir Unterhaltenen" die Todesstrafe für die ganze Bagage fordert.

Kreisky hätten die Echo-Verleihung sprengen müssen, mit dem wehmütigen "Die Wildnis" oder den "Rinderhälften", ein Placebo für heruntergekommene Lebensentwürfe: "Und alle, die sich ins/ Nachmittagsfernsehen saufen/ Was suchen sie? Was suchen sie?/ Was finden sie?/ Rinderhälften zu Discounterpreisen/ das finden sie." Zum Schluss dann "Todesstern", ein ausnahmsweise eher humorloser Donnergruß an Dischord Records und die großen US-Gitarrenbands der achtziger und neunziger Jahre. "Die Erde ist ein Todesstern / Und bald werden wir auch sterben." Thank god we can't tell the future. We'd never get out of bed. (7.2) Jan Wigger

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen bei
Current 93 - "I Am The Last Of All The Field That Fell (A Channel)"
(The Spheres/Cargo, seit 7. März)

Irgendwann im letzten Sommer muss David Tibet, vielleicht angesäuselt von zuviel Met, den er aus Plastikbechern in Wikingerkopfform trank, in der Sonne eingeschlafen sein. Zwischen Rausch und Sonnenstich träumte er von bellenden Füchsen, pissenden Katzen, einer ganzen Singvogelschar, hinabregnenden Schweinswalen - und natürlich von all dem aus koptischem Frühchristentum, altjüdischer Mythologie, Gnostizismus, Buddhismus, Schamanentum und sonstigen Schauermärchen rekrutierten Apokalypsen-Personal. Das Ergebnis hätte wahrscheinlich "PickNickMagick" heißen sollen, aber das war Tibet dann wohl zu albern als Albumtitel, so dass er sich das salbungsvollere Versmaß "I Am The Last Of All The Field That Fell" ausdachte. Die Picknick-Magie ließ er dafür in einen Songtitel einfließen und streute sie mehrfach in die Texte des gefühlt 50. Albums seines losen Kollektivs Current 93.

Stimmt alles gar nicht? Und überhaupt hatte Tibet schon albernere Albumtitel wie "Birth Canal Blues" oder "Horsey"? Kann sein, aber wie langweilig ist es, sich vorzustellen, Tibet säße ohne Met bei Kerzenlicht im Kämmerlein und kritzele seine Visionen vom Ur-Fight des Aleph gegen den allmächtigen Vernichter Baal gar bierernst in eine geweihte Pergamentkladde - in Englisch wie in Aramäisch, Akkadisch und anderen versunkenen Sprachen, versteht sich. Wer Tibet-Texte lesen will, muss Altgriechisch können - oder sich einfach von seinem bildhaften Flow davontragen lassen. Als lauschte man einem Druiden, der beim Kräutermixen das wahrscheinlich phänomenal knallende "Black Crack" (aus "Spring Sand Dreamt Larks") braut und dabei fiebrig-heiser einen vom Untergang der Menschheit erzählt.

Zentrale Figur, das Ende zu verhindern, ist wie üblich Aleph, also Adam, der erste Mensch, der, so Tibet, in uns allen weiterlebt. Dessen archaische Prägung lässt er auf die Herausforderungen der Moderne prallen, oft verschwurbelt und verklausuliert, manchmal aber auch ganz plakativ: "If I have some advice for the teens/ Spell 'fuck prophecy' and through the codes doze on", deklamiert er in "And Onto PickNickMagick": Scheiß drauf, weiterdösen, man muss nicht immer alles entziffern, und wer weiß, ob man ins Delirium der animalischen Säfte und dunklen Kräfte wirklich so tief eintauchen will.

Musikalisch löst sich Tibet ein wenig von den Naturfolk- und Noise-Elementen, die das Aleph-Triptychon "Black Ships Ate the Sky", "Aleph at Hallucinatory Mountain" und "Baalstorm, Sing Omega" illustrierten, dafür darf der niederländische Extrempianist Reinier Van Houdt mal perlende, mal trudelnde Klavierfiguren unter die gesprochene Lyrik klöppeln, James Blackshaw kontert mit tief zielenden Bass-Figuren, während Avantgarde-Jazzer John Zorn das Saxophon mit ungewohnter Melodieseligkeit bedient, manchmal aber auch mit schroffen Attacken im Hintergrund irrlichtert.

Antony Hegarty, dessen erstes Solo-Album Tibet 1998 auf seinem eigenen Label veröffentlichte, darf ebenso singen (die schöne Trauerballade "Mourned Winter Then") wie Langzeit-Kumpel Nick Cave, der dem metaphysischen Schlussstück "I Could Not Shift The Shadow" eine Gravität verleiht, die Tibets Beschwörergospel leider oft fehlt - zumal sich der Universalgelehrte des Industrial-Noise-Avantgarde-Rocks auf "Field" diesmal allzu oft vom beherzten Muckertum seiner Mitstreiter treiben lässt, statt sein Ensemble zu dirigieren. Das hinterlässt einen unguten Kunsthandwerksmief, ein Gefühl von Audimax statt Kathedrale, was einem das in seinem sympathischen Wahnsinn eigentlich hervorragende Album ein wenig verleidet. Wer das alles trotzdem mal live erfahren will, kann dies Ende des Monats unter anderem in Berlin an der Volksbühne (21. April) oder in Hamburg auf Kampnagel (22. April). (7.3) Andreas Borcholte

ANZEIGE MP3 kaufen | CD kaufen bei
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Mehr zum Thema
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
JasminWerner 04.04.2014
1. Ganz ehrlich?
Wenn man soviel Alben gehört wie ihr beiden, das verändert doch völlig sämtliche Rezeptoren und Synapsen. :D Wie kann man da noch was auf das geben, was euch gefällt? Ihr habt doch schon längst einen anderen musikalischen Horizont, als eure Leser.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.