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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche

Von und Jan Wigger

Der Krieg ist verloren, was bleibt, sind die Drogen: So könnte man das brillant dahinlullende neue Album der US-Rockband The War On Drugs zusammenfassen. Warum das toll ist? Lesen Sie hier. Außerdem Neues von Micah P. Hinson, den Black Lips und Anna Aaron inklusive Prelistening.

The War On Drugs - "Lost In The Dream"
(Secretly Canadian/Cargo, seit 14. März)

Leiden, zumal das melancholische, ist ja selten mit dramatischen Gefühlsausbrüchen verbunden, sondern tobt zumeist im Inneren, zum Beispiel, kurioserweise, beim Betrachten einer schönen Landschaft, eines Sonnenuntergangs oder souverän ausschreitender, Glück und Zufriedenheit verströmender Passanten beim Parkspaziergang, die alles zu haben scheinen, was man selbst schmerzlich entbehrt. So sitzt man dann auf der noch winterfeuchten Bank, blinzelt in die ersten wärmenden Sonnenstrahlen - und simmert in seiner inneren Unruhe. Der US-Songwriter Adam Granduciel, Chef der Band The War On Drugs, hat für diese vordergründig phlegmatische Seelenpein nach drei Alben des Ausprobierens den passenden Sound gefunden, der sich nun nicht nur, aber vor allem im sechsminütigen, extrem zurückgelehnten, extrem angespannten "Suffering" offenbart. Über ein Jahr brachte Granduciel mit der Produktion von "Lost In The Dream" zu, bis jeder Ton saß, jeder Klang sich perfekt über dem anderen schichtete, und alle Songs, bei aller Komplexität, so klar und simpel schienen wie nie zuvor in der noch kurzen Historie dieser Rockband, die keine leere Vorsilbe wie Indie- oder Alternative- braucht.

Hall-Exzesse und psychedelische Spielereien, die noch das letzte Album "Slave Ambient" (2011) unnötig behinderten, verschwanden zugunsten eines transparenten, wiewohl lullenden, träumerisch-flächigen Mäanderns, dass sich zu gleichen Teilen aus dem Dreampop der Achtziger (vergleiche "Disappearing" mit frühen Tears For Fears) und dem oft verfemten Mainstream-Rock desselben Jahrzehnts speist. Drumcomputer- und Synthie-lastige Alben wie Springsteens "Tunnel of Love", Dylans "Infidels" und Jackson Brownes "Lawyers In Love" drängen sich als Referenzen auf, wenn nicht gar Bruce Hornsbys "The Way It Is" (vergleiche: "Eyes To The Wind"). Eigentlich also eher ein Fall für den AOR-Fan Wigger, diese Platte, die sich auf berührende Weise dem zwischen Tradition und elektronischer Moderne paralysierten Heartland-Rock der Reagan-Jahre verschrieben hat.

Unter der positivistisch schwungvoll wummernden Musik, die absichtlich immer wieder die Vier-Minuten-Grenze überschreitet, um Auszuufern und in einen wohligen Schwebezustand zu transzendieren, manifestieren sich in der ganz privaten Leidenslyrik Granduciels allgemeine, klassisch-kitschige Schwermutsbilder: die ausgeblichene rote Baseball-Kappe in der Gesäßtasche einer Jeans, ein zerrissenes Sternenbanner vor stillgelegten Stahlwerken, die Sehnsucht nach verlorener Größe, das Zurückträumen in ein verblassendes great wide open. Alles Zeichen, die aktuell, im westlichen Kanon, wieder Gültigkeit haben. "Lost In The Dream" umarmt die Betäubung, das passive Dulden, die helle, leuchtende Schönheit des Schmerzes. Das erinnert nicht von ungefähr an "Walkin' On A Pretty Daze", das jüngste Solo-Album von Kurt Vile, dem einstigen Partner von Granduciel bei The War On Drugs. Der Krieg ist verloren, was bleibt, sind die Drogen. (7.9) Andreas Borcholte

The War on Drugs - "In Reverse" (Live)

The War on Drugs - In Reverse (Live) on MUZU.TV
Black Lips - "Underneath The Rainbow"
(Rykodisc/Warner, seit 21. März)

Eine der besten Folgen in der aktuellen vierten Staffel der zu Recht beliebten Zombie-Serie "The Walking Dead" war die Episode "Still", in der die bis dato unscheinbare Teenie-Blondine Beth, radikalerweise mit Armbrust-Biker Daryl gepaart, sich auf die Suche nach ihrem ersten Drink begibt. Die beiden landen schließlich in einem aufgelassenen Moonshiner-Schuppen und bechern Blindmacher-Schnaps aus Einmachgläsern. Herrlich. Ein passender Soundtrack dafür wäre "Boys In The Wood" (Pun intended) gewesen, die erste Single aus dem neuen Album der Black Lips aus Atlanta - einer für die Band ungewöhnlich langsam, wie dicke Gravy dahinkriechenden Southern-Rock-Hommage. Hätte sich auch gut in einer Episode der ebenso brillanten Southern-Gothic-Serie "True Detective" gemacht, so süßlich schwer ist die Luft, so klebrig und scharf der Whiskey, so allgegenwärtig der Redneck-Schweiß, so gemächlich die ins Ewige tutenden Bläser. Ja, die amerikanischen Südstaaten dienen gerade wieder mal als Spiegelfläche für allerlei zivilisatorische Dystopie. Die Black Lips aus Atlanta wittern nicht nur diesen Zeitgeist, sie entfernen sich für diesen einen, großartigen Song sogar von ihrem Nostalgie-Garagenrock à la Flamin' Groovies, den sie seit nunmehr 15 Jahren lässig scheppern lassen.

Unterschwellig psychopathischer als gewohnt sind auch Songs wie "Make You Mine" oder "Funny" ("Come suck some milk from my titties") und "Smiling", das schön pervers glorifzierend von einem Knastaufenthalt des Bassisten und Sängers Jared Swiley erzählt. Alle vier Songs wurden in New York zusammen mit Tom Brenneck produziert, Gitarrist der Budos Band, der schon beim letzten, ziemlich guten Album, "Arabia Mountain", mit der Band arbeitete. Die Brenneck-Stücke eint ein Hauch Anti-Haltung, eine Infusion mit Velvet-Underground-Gefährlichkeit und Voidoids-Punk. Der weitaus belanglosere Rest des Albums wurde wiederum von einem Szene-Promi produziert: Nachdem sich Mark Ronson an einem Großteil von "Arabia Mountain" versuchte und glücklicherweise nicht viel Unheil anrichtete, durfte diesmal Black-Keys-Drummer Pat Carney ran - dem leider nicht viel mehr einfiel als seinen eigenen, immer mehr zu Humpty-Dumpty mutierenden Fuzz-Sound zu implementieren, nachzuhören in "Dandelion Dust" oder "Waiting". Die Black Lips, inzwischen hervorragende Songwriter, sind zum Glück renitent genug, trotzdem immer noch nach sich selbst zu klingen, wie man am lüstern taumelnden "Do The Vibrate" merkt, dem Carney nicht viel anhaben konnte. Fragt sich nur, warum diese wirklich sehr gute Band immer noch glaubt, ein Star-Produzent würde ihnen zu einer besseren Platte verhelfen. (6.2) Andreas Borcholte

Black Lips – "Justice After All"

Mehr Videos von Black Lips gibt es hier auf tape.tv!

Best-of "Abgehört"

Unsere wöchentlich aktualisierte Playlist

Micah P. Hinson And The Nothing - "Micah P. Hinson And The Nothing"
(Talitres/Rough Trade, seit 14. März)

Die gute Nachricht für heute ist: Es wird niemals ein Editors-Cover von "God Only Knows" geben, "wir könnten ihn schlichtweg nicht spielen", so Tom Smith im "Musikexpress". No shit! Die schlechte Nachricht: Für das neue Edguy-Album "Space Police - Defenders Of The Crown" hat Tobias Sammet "Rock Me Amadeus" gecovert. Es ist die vermutlich schlechteste Musikaufnahme aller Zeiten. Und ganz woanders, in einer ganz anderen, eigenen Zeit, summt noch immer das Fieber im Kopf des Amerikaners Micah P. Hinson. Seit rund einem Jahrzehnt musiziert Hinson, der nach einem schweren Autounfall in Spanien lange mit dem Gedanken leben musste, seine Hände nie wieder richtig benutzen zu können, unter dem Radar.

Dies darf nicht weiter verwundern, denn Hinson kann alles und stellt auch alles aus: Lärmenden Jeff-Mangum-Rock ("How Are You Just A Dream?"), Country in Sepiafarben ("The Same Old Shit"), verstaubte Piano-Balladen zauberischen Ursprungs ("Sons Of The USSR") und halb gejaulte, halb gekrähte Trauerberichte wie "God Is Good": "My one true love don't need me no more/ She found other arms and turned a whore/ The rivers they keep on looking/ The homeless, they keep on moving/ And my good book says, 'God Shall Be Good'". Ein paar Stücke greifen so fest ans Herz, dass man mittendrin Tom Waits' "Closing Time" auflegen muss. "12 Songs from Santander, Spain" steht auf der Rückseite des CD-Kartons, denn Micah komponierte diese Lieder bereits vor dem Unfall - Freunde und Wegbegleiter arbeiteten die Demofassungen später aus. "Love, wait for me/ I am coming home." Die Blender unter den "neuen Songwritern" haben ihr Auskommen (Gähn-Konzerte auf Holzschemeln, Modestrecken), während Jason Molina sich allein zu Tode trinkt. So funktioniert das Leben doch, oder? (8.1) Jan Wigger

Anna Aaron - "Neuro"
(Two Gentlemen/Rough Trade, seit 21. März)

"Ich stellte mir den Klang des Albums als ein von innen leuchtendes, goldenes Objekt in einer tiefen, dunklen Umgebung vor - wie ein Unterseeboot oder ein Raumschiff im Weltall", sagte Anna Aaron, die eigentlich Céline Meyer heißt, neulich der "Berner Zeitung". Schönes Bild, aber das Problem ist: Objekte tief unter dem Meer oder weit weg im All mögen noch so verführerisch luminieren, man kriegt sie einfach nicht zu fassen. Und das gilt leider auch für "Neuro". Anna Aaron gehört spätestens seit ihrem auch von uns bejubelten Album "Dogs In Spirit" zu den interessantesten jungen Sängerinnen und Pop-Komponistinnen des deutschsprachigen Raums, auch wenn die in England, Asien und Neuseeland aufgewachsene Baslerin auf Englisch singt - berechtigte Vergleiche mit Feist und ähnlichen Schmerzensfrauen gab es bereits reichlich.

Die Songs für "Neuro" nahm Aaron zusammen mit dem Briten David Kosten (Bat For Lashes) auf, der die sakralen Elemente der ehemaligen christlichen Freikirchenschülerin verstärkte und gleichzeitig dem Wunsch der Sängerin nach mehr Verfremdung und Elektrifizierung nachkam. Tragischerweise fehlt einem Großteil der neuen Songs nun aber ausgerechnet die ruppige, kantig-klaviergetriebene Erdigkeit von "Queen Of Sound" oder "King Of The Dogs", Höhepunkte des Vorgänger-Albums oder die Abgründe und Leerstellen der Debüt-EP "I'll Dry Your Tears Little Murderer". Einzig "Neurohunger" und "Heathen", die das unterschwellige Drängeln und Dräuen Aarons, ihre faszinierende Kehligkeit, in einen subtil aggressiven elektronischen Zusammenhang setzen, stechen aus dem Klangkleister heraus. Tolle Künstlerin, schwieriges Zwischenwerk. (5.5) Andreas Borcholte

Prelistening: Anna Aaron - "Neuro"

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche
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"Abgehört" und "Amtlich" live
Andreas Borcholtes Playlist KW 13
  • SPIEGEL ONLINE

    1. The War On Drugs: Lost In The Dream

    2. Kurt Vile: Walkin' On A Pretty Daze

    3. The James Gang: Yer' Album

    4. Caetano Veloso: Transa

    5. Son Lux feat. Lorde: Easy (Track)

    6. Banks: Brain (Track)

    7. Brody Dalle: Diploid Love

    8. Black Lips: Boys In The Wood (Track)

    9. Anna Aaron: Neurohunger (Track)

    10. Anna Aaron: Dogs In Spirit


Jan Wiggers Playlist KW 13
  • Jens Ressing

    1. Alice In Chains: Unplugged

    2. Mad Season: Above

    3. Reinhard Mey: Mein Apfelbäumchen

    4. Swans: To Be Kind

    5. Rammstein: Rosenrot

    6. Madonna: True Blue

    7. Kiss: Destroyer

    8. LL Cool J: Bigger And Deffer

    9. Daliah Lavi: Meine Art, Liebe zu zeigen

    10. Death: Spiritual Healing

Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.




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