Neuer "Lohengrin" in Bayreuth Wie man den Schwan rupft

Jede Menge Ratten und dazwischen ein herausragender Jonas Kaufmann als Titelheld: Star-Regisseur Hans Neuenfels servierte zum gelungenen Bayreuth-Auftakt eine ironische "Lohengrin"-Version - provokant, mit tollen Kostümen, aber auch ein wenig platt.

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Aus Bayreuth berichtet


Der Mensch: ein Laborversuch! Wir sind alle nur Ratten in der Falle einer höheren, anonymen Macht, die uns in Seuchenanzügen und mit Spritzen kontrolliert. Das Beste, worauf wir hoffen können, ist ein weißer Schwanen-Ritter, der das Heil bringt.

Alles wieder hübsch provokant in Bayreuth 2010, und der schillernde Buhmann heißt in diesem Jahr Hans Neuenfels, altgedienter Regie-Titan und lustvoller Zertrümmerer von vermeintlich verlässlichen Opernstoffen. Seine neue "Lohengrin"-Inszenierung bei den Wagner-Festspielen bringt eine Menge putziger Nagetiere auf die Bühne, die die menschliche Gesellschaft, aber auch den Umgang mit ersehnten Rettern karikieren. Leider sind Ratten als Symbole gefährlich wohlfeil und ihr Profil vielfach abgekaut, weshalb einiges an diesem Abend in die große "Nett gemeint"-Kiste der Regietheater-Plattitüden rutschte.

Allen voran hat Titelheld Jonas Kaufmann sein Päckchen zu tragen. Der Bayreuth-Debütant kann die Partie quasi im Schlaf singen und besitzt obendrein eine schauspielerische Bühnenpräsenz, die als einzigartig gelten kann. Wie er gleich zu Beginn mit einem rohen Kraftakt vorausdeutend und kräftig schiebend den Bühnenraum vertieft, das setzt ein sehr plakatives Zeichen.

Kaufmanns Lohengrin ist ein cooler Macher, der sich lässig und sicher bewegt, dessen physische Präsenz die halbe Miete darstellt - ein Retter, wie man ihn sich wünscht. Lohengrins Braut in spe, Elsa, die als Brudermörderin in ihrer Heimat Brabant fälschlich beschuldigt wird, hätte sich keinen effektvolleren Kavalier erträumen können.

Der Retter im Bräter

Doch Lohengrin muss mehr tun als nur Wände bewegen. Der Schwanenritter, den man nicht nach Namen und Herkunft befragen darf, kommt als Jungmanager mit Hemd und offener Krawatte daher, ein Sanierer für die Rattengesellschaft von Brabant. Die Nager haben sein nützliches Federvieh, das ihn nach Brabant bugsierte, in einen sargähnlichen Bräter gepackt und anschließend gerupft - das gute Tier schwebt als nackter Braten am Schluss des ersten Aufzugs über der Szenerie. Man ahnt es bereits: Der Mensch zerstört, was er liebt - die Gesellschaft rupft ihre Retter.

Die Ratten als wohl organisiertes soziales System sind der visuelle Kern von Neuenfels' Inszenierung, und der bildermächtige Regisseur dekliniert die ironische Tiermetapher fleißig durch die Handlung. Allzu menschlich und geradezu idyllisch, wenn die Rat-Society zur Feier der Lohengrin-Ankunft die Fell-Uniformen ablegt und sich bürgerlich fein macht - mit Anzug und Hut, aber die Rattenfinger und -füße bleiben. Man ist halt verrattet bis zum Kern. Die Uniformen werden wie weiland in den ruhrpöttischen Kohlengruben am Haken nach oben gezogen.

Neuenfels' Kostümbildner und Bühnenmeister Reinhard von der Thannen hat die ganzen hübschen Outfits gestaltet, ihr Witz und ihre Ironie sorgten immer wieder für Lacher im Publikum: Ob wunderbunte Fünziger-Jahre-Kostüme, grellgelbe Freizeitanzüge oder verspielte Jung-Ratten in Rosa - alles geriet herrlich burlesk, aber auch ein wenig platt.

Man trägt plötzlich "Schwan"

Lohengrins und Elsas Widersacher, Friedrich von Telramund und seine Gespielin Ortrud, geben in Neuenfels' Arrangement quasi die Szenen einer Ehe, wie sie in der Rattengesellschaft entsteht. Der im Prinzip eher gutmütige Telramund fühlt sich von ihr missbraucht - ist jedoch gleichzeitig fasziniert von der bissigen und temperamentvollen Karrierefrau. Evelyn Herlitzius singt und spielt die Oberböse von Brabant mit gutturaler Stimmgewalt, ihre physische Präsenz ist ein sehr sinnliches Gegengewicht zu Lohengrin. Wie sie Telramund - etwas trocken, aber zuverlässig von Hans-Joachim Ketelsen gegeben - in den Duell-Tod treibt, ist schlüssig und anrührend realisiert.

Lohengrins Sieg, die Umgestaltung der Rattengesellschaft, vollzieht sich leise und schrittweise. Erst im dritten Aufzug, als er und Elsa heiraten und damit ihre Rehabilitation besiegeln wollen, wird das ganze Ausmaß seines Wirkens sichtbar: Keine Rattenkostüme mehr, sondern todschicke, auf Köpermaß geschneiderte Kutten beherrschen die Szene, das Schwanen-Logo ist zum hippen Symbol auf aller Kleidung geworden. Man trägt plötzlich "Schwan" auf den Klamotten, die zu Fan-Artikeln aus Lohengrins Sinnstifter-Shop mutiert sind. Alles nur eine Frage des Message-Marketings und der beharrlichen Strategie.

Schade, dass Elsa mit ihrer Namensfrage das Lohengrin-Verbot brach und damit die Zukunft verbaute: Lohengrin muss weiterziehen. Schon ist "Schwan" wieder out. Lohengrin, der gerupfte Retter, hinterlässt getreu der Wagner-Vorlage das neue Herrscherkind: kein Gott aus der Maschine, sondern ein hässliches Alien-Baby aus einem Schwanen-Ei. Ein Kind, das der Rattengesellschaft mit seinen Händen und Füßen schon wieder sehr ähnlich sieht.

Überwältigende "Gralserzählung"

Annette Dasch, Sopranstar und ebenso wie Jonas Kaufmann Bayreuth-Debütantin, sang ihre Elsa zunächst verhalten, steigerte sich dann aber zu filigraner Größe. Sie passt stimmlich glänzend zu Kaufmanns eher italienisch gefärbtem Lohengrin, bei dem Eleganz vor breiter Heldenkraft geht; doch satt und sicher schmettern konnte Kaufmann an diesem Abend zu jeder Zeit. Überwältigend gelang ihm die finale Gralserzählung ("In fernem Land"); sie wurde ein Wunder an Nuancen und Zwischentönen. Spätestens jetzt war klar, dass Bayreuth zum Triumph für Jonas Kaufmann geworden war.

Auch der junge, viel gelobte, lettische Dirigent Andris Nelsons trat zum ersten Mal auf dem Grünen Hügel an, und auch durch ihn wurde die Gralserzählung zum Wunder an Harmonie und luftig-leichter Orchesterführung. Zuvor hatte er nicht immer die ideale Disposition gefunden, doch über weite Strecken setzten sein flottes Tempo und seine differenzierte Gestaltung wichtige Akzente.

Wie alle Akteure steigerte sich auch Nelsons im Laufe der Aufführung. Sein brillant brausendes Vorspiel zum dritten Aufzug kontrastierte wirkungsvoll zu der subtilen Abtönung der Gesangsparts. Auch für Nelsons gab es, wie für alle Gesangsparts inklusive der mächtigen Chöre (Leitung: Eberhard Friedrich) frenetischen Schlussapplaus.

Klar, Hans Neunfels holte sich seine Buhs ab, zuckte aber ironisch lächelnd mit den Schultern. "Dafür bin ich ja da!", schien er zu sagen. Und die andere Hälfte des Publikums klatschte begeistert - immer hübsch kontrovers auf dem Hügel, auch 2010.

Mit dieser Mischung könnte sogar die Runderneuerung von Bayreuth gelingen. Die Wagner-Schwestern Katharina und Eva bekamen bei ihrem Bühnenauftritt am Schluss des Premierenabends jedenfalls einen Monster-Applaus. Der Festspielstart in diesem Jahr kann als Erfolg verbucht werden.



insgesamt 2 Beiträge
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helmers 26.07.2010
1. Eine Glanzleistung des Intendanten, mit dem Rattenzug
Jedes Jahr das Gesudel von Wichtigmachern und sog. Promis auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Die Aufführung des Rattenzuges bei Lohengrin stellt vermutlich eine Persiflage des Publikums dar.
lorn order 26.07.2010
2. nur noch konzertant aufführen!
Man sollte Opern wie diese nur noch konzertant aufführen. Offensichtlich ist Wagners Story um Lohengrin und Elsa heutzutage derartig uninteressant, dass ein Regisseur, der etwas auf sich hält, auf der Bühne etwas anderes darstellen lässt als das Libretto beschreibt. Das trifft im übrigen auf jede andere modernisierte Operninszenierung auch zu. Interessanterweise wird immer nur an der szenischen Darstellung herumgewurstelt und diese bis zur Unkenntlichkeit verändert. Bei der Musik traut sich das keiner. Wie wärs denn mit "Treulich geführt" als Punk oder Reggae? Da offensichtlich also die Musik wesentlich wichtiger als das Libretto, das keinen Menschen interessiert, sollte man Opern am besten nur noch konzertant aufführen.
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